Friderisiko - Friedrich der Grosse - Kultur-Punkt.ch

Friderisiko - Friedrich der Grosse

 

Wir würdigen
Friderisiko - Friedrich der Grosse

Fazit
Friderisko: Die Ausstellung
Eingangs werden die Besucher  in einen "Blütezeit"raum -dem Neuen Palais- geführt zwischen Barockpalais und rokoko-ornamentierten Innenräumen  und einer unbekümmerten beinahe englischem Parklandschaft. Und plötzlich - theatralisch gekonnt beleuchtet - stehen sie vor Friedrichs Konterfei. Im  Blick nach Draussen zeigen sich "verlorenen Architekturen" und Sichtweisen, wie es im Text heisst. Friedrichs anvisierte Planungabsicht in Sanssouci  mit den Fest- und Theatersälen und Gartenräumen mit Nutzgärten gemixt (? Villandry! *) als "Architektur-Dilletant (Hagemann)" zeigt eine sehr klare und bodenhaftende Symmetrie mit geringer Überstrappazierung in Grösse und Proportion.
Für die Dynastie gibt es Haupt-Gästewohnungen für Besuche, Verheiratung , Aussen-, Entwicklungspolitik und Philosophie..
Dabei spielen die Thematikbereiche  Aufklärung, Toleranz und Wissenschaft als Corporate Image zuweilen auch als Identitätsstiftung hervorragende Rollen.
Auf "Friedrichs Bühne" wird Europa und die Welt (voran das Osmanische Reich) vor- und aufgeführt. Er verpasst Polen als errweiternde Grösse (Bis heute ist die deutsch-polnische Kooperationsbereitschaft im Zweifel mit sich und dem jeweils Anderen ).
Interessierte Besucher  wenden sich in Neuen Palais den vielen Hinweisen und kostbaren Materialien zur Gedankenwelt und deren Aussagekraft hin und können das leicht überhöhte und zur Schau getragene Selbstverständnis von Friedrich (und "seinen Lehrern" Caesar undCicero)  näher kennen lernen. Ebenso wird auch der rhetorische Gestus der Kunst des 18. Jahrhunderts sichtbar: Die Empfindung (J.K.Sulzer 1792, Sachse, Throta) als Impetus mit erzieherischer Ausrichtung auf das Individuum.
Die Besucher können darüber hinaus Zitate, Kopien, edle Gesteine, Porzellan, Gold und Silber, Bergkristall und Glas, und die "Königsbilder" betrachten (Friedrich selbst lehnt Modellsitzen zeitlebens ab), dennoch steuert er hintergründig die Darstellung seiner Person, er macht sie marketing-rar wird so zur Edelmarke zum Label. Friedrichs Körper und Seele sind nur annähernd zu fassen, sind mitunter - aufgrund seiner Vater-Sohn-Problematik als traumatisch zu deuten. 1742  verfasst er die Komödie "Modeaffe" wobei die Eitelkeiten eines Höflings aus Korn nimmt, womit die Ambivalenz zu seiner inneren Verfasstheit dramaturgisch zutage tritt.
Den umwerfenden Höhepunkt  der Ausstellung bildet die Bühnen- und Kostümgestalterin, die belgischen Künstlerin Isabelle de Borchgrave mit ihren Skulpturen: aus im Barockstil einmalig sensitiv-bemalten und geformten Papier-Kleidungsteilen, raumkörperlich geformt, wobei Gesicht und Hände mit weissem Draht das Kopf- Charakter der Figur luftig "durchschaubar" porträtieren.
Quintessenz: Friderisko, warum ? Der eindringliche Titel passt sowohl aktuell in unsere auf Effekt und unsere fremdbestimmte, aussengelenkte Verfasstheit und zugleich charakterisiert er die hervorstechende riskante Haltung Friedrich des Grossen zu "Risiko und Ruhm", der stets mit Krieg, Verlusten und Teilsiegen unlösbar
verkettet ist. So ist diese Friederisiko-Schau ein eindringliches Mahn-Mal auch für unseren aktuellen Krieg der Waren und fragmentierten Burnout-Seelenkörper** dank unseren neoliberalen Managern / Zuhältern / Lobbyisten / gefügigen Politiksembles der Reichen/Oligarchen/Machthaber. m+w.p12-5
*)http://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Villandry
**)Burnout-Seelenkörper** Stigmatypen/Fragmentierung
http://archiv.kultur-punkt.ch/akademie4/diskurs/wfdampfboot12-5hepp-prekarisierung-flexibilisierung.htm
http://archiv.kultur-punkt.ch/akademie4/masken10-11fragmentierung-gradation.htm
http://archiv.kultur-punkt.ch/galerie/gradierung-torsi10-8.htm

Friderisko: Die Essays
Friedrich der Grosse, der König schuf  ein "Label / Etikett" eines "roi philosophe" in zweierlei Ausprägungen: als Erzieher und Phantast
Er selbst nannte sich einen Studiosus der Philosophie und Voltaire als seinen Lehrer, ja als Lehrer der Fürsten allgemein
Die zum Teil ambivalente und diametrale Gestaltungs-Intention von Friedrich zeigt seine Risiko-Bewegtheit - nicht nur im Kriegerischen - sondern auch in seinen Inszenierungen mit dem Mix von Rokoko, Palladianismus und Neugotik, sowie seine Positon zwischen  Schein-Aufklärertum und rückgewandter Monarchen-Romantik:
1
Rokoko
ist für Friedrich ein lebensbegleitendes Stil-Ambiente in der europäischen Kunstbewegung (von etwa 1730 bis 1770/1780) und entwickelte sich aus dem Spätbarock (ca. 1700–1720). Ausgangspunkt ist Frankreich. Der Name stammt von dem französischen Wort Rocaille ('Grotten- und Muschelwerk') nach einem immer wieder auftretendem Ornamentmotiv, das sich durch seine Asymmetrie und seiner Auflösung fester Vorbilder aus dem Barock unterscheidet.[1]
http://de.wikipedia.org/wiki/Rokoko
2
Palladianismus und Neugotik
als anti-palladianische Ausrichtung mit romantisch intendierter Rückwendung zum Mittelalter und Germanenbild,
der bei Friedrich eine weitere Ausprägung in seinem gestalterischen Ambitionen hat.
Der Palladianismus bezeichnet einen klassizistisch geprägten Baustil, der sich am Werk des Architekten Andrea Palladio und seiner Nachfolger wie Vincenzo Scamozzi orientiert. Palladio entwarf und baute um die Mitte des 16. Jahrhunderts Paläste und Villen in Venetien sowie Kirchen in der Stadt Venedig selbst. Großen Einfluss auf die Nachwelt übte er zudem mit dem architekturtheoretischen Werk „I quattro libri dell'architettura“ aus, das 1570 in Venedig erstmals erschien.
http://de.wikipedia.org/wiki/Palladianismus
3
Zur Inszenierung
von Grösse mit Höfischer Konjunktur und Zeremoniell, Schlossbauten und Ausstattung
diente beispielsweise im besonderen Masse, in der Blauen Kammer im Neuen Palais Potsdam 1768 auch,  die Hängeplanung zum Schmuck und Verzierung "Ornement".
Erst 240 Jahre danach - mit Ausnahme des von Josef II, 1790 geformten "Josefinismus - der in den USA bei den Shakern und Amish bis heute sichtbar ist - endete diese Art von Inszenierung 1908 erstmals geistig manifest in die Ornamentlosigkeit : "sie ist ein zeichen geistiger kraft. Der moderne mensch verwendet die ornamente früherer und fremder kulturen nach seinem gutdünken. Seine eigene erfindung konzentriert er auf andere dinge." Was allerdings für die Architekturgestaltung im folgenden 20. Jahrhundert zur entscheidenden Verarmung/Kastrierung und Fragmentierung führte.

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