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SWR2 Glauben - Detlev Kühn: Aller Anfang . Die Schöpfung in den Mythen der Völker

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Mythen der Völker
SWR2 Glauben - Detlev Kühn: Aller Anfang . Die Schöpfung in den Mythen der Völker .


SENDUNG 21.08.2016 / 12.05 UHR . Redaktion Religion, Kirche und Gesellschaft
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Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten
Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung
bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR

Autor
Detlev Küng
 (* 16. November 1936 in Potsdam) ist ein deutscher Publizist, ehemaliger Politiker, Rundfunkdirektor und Genealoge.
Er publiziert u.a. in der Wochenzeitung Junge Freiheit. [2][3] 2010 war er einer der Prominenten, die auf der Frankfurter Buchmesse von der Jungen Freiheit präsentiert wurden. [4] Als Familienforscher beschäftigte sich Kühn viele Jahrzehnte hauptsächlich mit baltischer Genealogie
https://de.wikipedia.org/wiki/Detlef_K%C3%BChn


INHALT
2-15
Am Anfang war die Welt ein großer schlammiger Morast.
Heißt es in einem japanischen Schöpfungsmythos.
In Mesopotamien hingegen glaubte man früher:
Den Anfang der Welt bildeten zwei Prinzipien,
das eine Licht, das andere Finsternis.
Für die Römer stand fest:
Ehe die Erde, das Meer und der Himmel waren,
bot die Natur eine Gestalt, die man Chaos nannte:
nichts als schlecht verbundene Dinge.
Die Algonkin-Indianer, die im heutigen Kanada lebten, waren überzeugt:
Alles war Wasser, ehe die Erde geschaffen wurde.
Anders sahen es die Luiseno-Indianer,
deren Stammesgebiet m heutigen Kalifornien lag:
Am Urbeginn gab es überhaupt nichts.
Es gab keinen Himmel, keine Erde, kein Wasser.
Nur leeren Raum.
In Guatemala jedoch, bei den Quicheè-Mayas, gab es am Anfang der Welt
schon sehr viel mehr als das Nichts.
Ein friedliches Meer und der weite Raum des Himmels waren da.
Und auf dem Wasser schwebten - wie heller werdendes Licht -
sechs Götter, unter ihnen der Schöpfer - und Federschlange,
der Gott der Harmonie zwischen Himmel und Erde.
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Eine Erde wie die unsere gibt es vielleicht nur ein einziges Mal im Universum. Aber darüber, wie sie entstand, gibt es mehr als eine Theorie. Es gibt eine ganze Reihe Erklärungen. Einige naturwissenschaftliche, aus jüngster Zeit. Und noch sehr viel mehr aus älterer Zeit. Viele Jahrhunderte und Jahrtausende alte Erzählungen, gekleidet in das Gewand geheimnisvoller vorgeschichtlicher
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Wahrheiten: Mythen vom Ursprung der Welt und der Entstehung der Menschen.
In einem sind sich diese Mythen einig: Die Welt war nicht einfach da. Sie musste geschaffen werden. Aber wie und von wem? In einigen Kulturen gab es überraschende Antworten. Der Schöpfer der Welt, so erfahren wir, war ein Rabe, ein Hase oder eine Bachstelze. Immerhin handelten die tierischen Schöpfer nicht alle auf eigene Faust, sondern häufig in göttlichem Auftrag.
Doch in den meisten Mythen sind Welt und Menschheit, wie es sich gehört,
allein göttlichen Ursprungs. Wobei es häufig gleich mehrere Götter sind, die
an der Schöpfung mitwirken. Und gelegentlich wird auch versucht, die Frage zu beantworten, woher denn der Schöpfergott gekommen ist.
Wie kann er entstanden sein?
In der am Nil liegenden Stadt Theben, heute bekannt durch den Tempel
von Ramses III., durch die Königsgräber im Tal der Könige und östlich des Nils durch die Stadt Luxor mit ihrem Tempel zu Ehren des Gottes Amun,
hier in Theben gaben die Ägypter, vor rund 4.000 Jahren, diese Antwort:
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Zitat 2
Zuerst, am Anbeginn, entstand Amun,
dessen Gestalt man nicht kennt.
Kein Gott entstand vor ihm.
Seine Mutter gab es nicht, nicht seinen Vater.
Geheim an Geburt, Schöpfer seiner Schönheit.
Göttlicher Gott, der von selbst entstand.
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In Theben nannte man den ersten Gott Amun. In der noch älteren ägyptischen Metropole Heliopolis hieß er Atum. Und soll sich, nur durch seinen Willen, selbst geschaffen haben und dann aus dem Ur-Wasser, dem Nun, aufgetaucht sein. Woraufhin an dieser Stelle auch ein erster Hügel aus dem
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Wasser ragte. Auf ihm begann Atum mit der Schöpfung. In Theben hingegen sagte man später über den dortigen ersten Gott, Amun, er habe sich selbst geschaffen, indem er masturbierte.
3.000 Jahre währte die Herrschaft der ägyptischen Pharaonen. Die Schöpfungsmythen dieser Zeit beginnen nicht mit dem Nichts oder mit dem Chaos. Sie beginnen mit dem Nun. Von manchen Ägyptologen wird der Nun als Ur-Meer beschrieben. Aber man kann ihn auch als eine Ur-Materie begreifen. Im Nun gibt es weder Dinge noch Leben – aber unendliche Möglichkeiten, Dinge und Leben entstehen zu lassen. Man kann den Nun als eine jenseitige Welt verstehen, die schon immer existierte und weiter - neben der uns bekannten Welt - existieren wird.
Aus der Materie und den Kräften des Nun materialisierte sich der erste Gott.
Er hatte keine Eltern. Wohl aber Kinder. Da ihm eine Partnerin fehlte, schuf er
die Kinder ganz allein. In Heliopolis hieß es, Atum habe seinen Sohn ausgespuckt und seine Tochter erbrochen. In Theben sagte man, Amun habe auch seine Kinder durch Masturbation geschaffen, indem er sich danach mit seinem eigenen Samen befruchtete und die Kinder gebar:
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Zitat 3
Er nahm seinen Phallus in die Faust,
damit er sich vergnügte mit ihm.
Und geboren wurden zwei Kinder verschiedenen Geschlechts,
Schu und Tefnut.
Amun sprach nachdem er seine Kinder geboren hatte:
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Zitat 4
Dies ist meine lebendige Tochter Tefnut,
sie wird bei ihrem Bruder Schu sein.
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Leben ist sein Name,
Wahrheit ist ihr Name.
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In den ägyptischen Mythen ist das Leben von Anfang an begleitet von der Wahrheit. Doch das Bild der Schöpfung, das in tausenden von Jahren in unterschiedlichen Mythen gezeichnet wird, ist kompliziert. Der Name des Schöpfergottes wechselt von Atum und Amun zu Ptah und zu Re, der uns als ägyptischer Sonnengott bekannt ist. Mal heißt es, einer dieser Götter habe den Menschen und alles Leben geschaffen, dann ist es Schu, der Sohn des allerersten Gottes: Schu, dessen Name Leben bedeutet und der, mittels spezieller Stützen, auch den Himmel von der Erde trennte. Schu sagt:
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Zitat 5
Ich führe die Geschöpfe,
ich erhalte sie am Leben durch meinen Mund.
Ich bin das Leben.
Ich führe meinen Atem in ihre Kehlen.
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In den ältesten ägyptischen Mythen scheinen sich der erste Gott und die
von ihm abstammenden Götter nicht viele Gedanken über die Menschen zu machen. Die Menschen erscheinen nicht als Ziel und Zweck der Schöpfung.
Das ändert sich im Laufe der Jahrtausende.
Der Schöpfergott Re, der im Gegensatz zu Atum und Amun eine Mutter hat,
scheint für die Menschen Mitgefühl zu empfinden:
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Zitat 6
Er weinte, als er seine Mutter nicht mehr sah,
und die Menschen kamen ins Dasein aus den Tränen seines Auges.
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6
Nach und nach bekamen die Ägypter einen fürsorglichen Gott.
Über den Schöpfergott Atum heißt es schließlich, dass er mit Hilfe des Lebens,
mit Hilfe seines Sohnes Schu, der die Schöpfung vorangetrieben hat,
für die Menschen sorgt.
Der Schöpfer will, dass Recht herrscht und Gerechtigkeit.
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Zitat 7
Ich wiederhole für euch die guten Taten,
die mein eigener Wille für euch vollbracht hat,
um das Unrecht zum Schweigen zu bringen.
Ich habe die vier Winde geschaffen,
damit jedermann atmen kann - in seinem Lebensraum.
Ich habe die große Flut geschaffen,
damit der Reiche wie der Arme sich ihrer bemächtige.
Ich habe jedermann wie seinesgleichen geschaffen
Und nicht befohlen, dass sie Unrecht tun.
Es ist nur ihr Wille, ihr Herz, das meinem Wort zuwider handelt.
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in einem Papyrus mit dem Namen „Lehre für den König Meri-ka-Re“ wird schließlich von einem namenlosen Sonnengott erzählt, der die Welt - ganz ähnlich wie der Schöpfergott der Bibel - um des Menschen willen geschaffen hat:
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Zitat 8
Wohlversorgt sind die Menschen, das Vieh Gottes.
Um ihretwillen hat er Himmel und Erde geschaffen
Und für sie die Gier des Wassers gezügelt.
Er hat die Luft geschaffen, damit ihre Nasen atmen können.
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Seine Abbilder sind sie, aus seinem Leib gekommen.
Um ihretwillen geht er am Himmel auf.
Für sie hat er die Pflanzen geschaffen,
Vieh, Vögel und Fische, um sie zu ernähren.
Und wenn sie nun weinen, so hört er sie.
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Der Schöpfergott ist zu einem fürsorglichen Gott geworden.
Ein auf Papyrus geschriebener Lobgesang betont,
dass sich Amun auch um die allerkleinsten Lebewesen kümmert:
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Zitat 9
Er hat geschaffen, wovon die Mücken leben,
die Würmer und die Flöhe.
Er ernährt in ihren Löchern die Mäuse.
Und hält die Vögel am Leben in jeglichem Baum.
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Das Bild vom fürsorglichen Gott entspringt einem tiefen Verlangen
der Menschen nach Schutz. Und wo der nicht da ist, zweifeln sie
an der göttlichen Güte und an Gott.
Mit Amuns Tochter Tefnut kam die Wahrheit in die Welt und die göttliche Ordnung. Eine Wahrheit, die den Ägyptern später unter dem Namen Maat
als göttliche Richtschnur für das irdische Leben diente.
Aber das Versprechen des Schöpfergottes, das Unrecht und das Böse
„zum Schweigen zu bringen“, schien er nicht einhalten zu können. Und so wurde bei den Ägyptern nicht nur das Loblied Gottes gesungen, sondern
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auch Beschwerde geführt gegen ihn, ähnlich der Klage Hiobs im Alten Testament. Das „Klagelied des Ipuwer“ äußert Zweifel am fürsorglichen Gott:
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Zitat 10
Schläft er etwa? Man sieht ja seine Macht nicht.
Ist denn ein Hirte, wer das Sterben liebt?
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Die ägyptischen Götter kennzeichnet eine übermenschliche Großartigkeit - .
genau wie den allein herrschenden, allmächtigen Gott des Alten Testaments.
Und auch die mächtigen Götter der Griechen, Inder oder Germanen.
Selbst wenn Götter untereinander verfeindet waren und sich gegenseitig
ihrer Macht zu berauben versuchten, so waren sie doch für die Menschen
noch immer mächtig genug, um verherrlicht zu werden - oder gefürchtet.
Im Vergleich dazu erscheinen viele Mythen primitiver Urvölker fast kindlich naiv. Hier schwingen sich zu Weltenschöpfern auf nicht nur Rabe, Hase
und Bachstelze. Sondern auch noch, wie sich die Achomawi-Indianer in Nordamerika erzählen, Silberfuchs und Coyote. Doch sollte man den schönen Fuchs und seinen hässlichen Gefährten nicht unterschätzen. Auch ihnen gelang es, wie dem ersten ägyptischen Gott, sich selbst aus der Urmaterie zu erzeugen.
Und sie schufen die Welt, wie der Gott des Alten Testaments, allein durch das Wort.
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Zitat 11
Am Anfang war alles Wasser.
Der Himmel war klar und rein,
aber doch bildete sich an ihm eine Wolke.
Sie ballte sich zusammen und wandelte sich in Coyote.
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Dann stieg aus dem Wasser ein Nebel auf,
ballte sich zusammen und wurde Silberfuchs.
Die beiden dachten. Sie dachten sich ein Boot.
Viele Jahre trieben sie darin umher.
Da sagte Silberfuchs zu Coyote:
„Leg dich nieder und schlafe.“
Coyote schlief sehr lange Zeit.
Silberfuchs kämmte ihn immer wieder.
Die herausgekämmten Haare sammelte Silberfuchs,
rollte das Haar schließlich in seinen Händen, streckte es und klopfte es flach.
Dann legte er es auf das Wasser und breitete es aus.
Dann dachte er:
„Da soll ein Baum sein!“, und augenblicklich war ein Baum da.
Auf diese Weise machte er die Welt
und das Boot trieb sacht an ihren Rand.
Coyote erwachte und schaute auf.
Über seinem Haupt hingen Kirschen und Pflaumen.
Er aß sofort davon und fragte:
„Wo sind wir?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete Silberfuchs.
Er wollte Coyote nicht verraten,
dass er die Welt geschaffen hatte.
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Coyote ist in vielen indianischen Mythen der Mitschöpfer. Meist allerdings bringt er - aus Bosheit oder aus Unfähigkeit - das Unvollkommene, Schlechte und Böse hervor. Wie in dem Mythos der Achomavi-Indianer: Nachdem Silberfuchs und Coyote aus Holzstöcken andere Tiere und auch Menschen geschaffen haben, bringt Coyote die Sterblichkeit in die Welt. Silberfuchs
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erschlägt Coyote, aber der wird nach drei Tagen wieder lebendig. Coyote ist unsterblich und der Tod nicht zu besiegen.
Der Schöpfer hat in vielen Kulturen einen Gefährten oder Gegner, der für die Schaffung des Bösen zuständig ist. Der Schöpfer und sein Widerpart sind oft Zwillinge oder Geschwister. Gutes wie Böses müssen gemeinsam in die Welt gekommen sein und scheinen untrennbar miteinander verbunden.
In der Regel entsteht zunächst das Gute, bevor auch das Böse Einzug hält
in die Schöpfung. Bei den Germanen jedoch gab es zunächst das Böse – in Gestalt des Riesen Ymir. Er wurde geschaffen aus einer kalten Welt von Wasser und Eis, aus der auch die Menschen hervorgingen. Das wissen wir aus zwei isländischen Texten. Beide tragen den Namen Edda. Den jüngeren Text, ein Lehrbuch für Dichter, schrieb um 1.200 nach Christus der Gelehrte und Politiker Snorri Sturluson. Als Grundlage seiner Erzählung über die Welt der germanischen Götter diente Snorri eine Sammlung älterer Lieder, genannt Lieder-Edda.
Sturluson berichtet von König Gylfi, der im Gebiet des heutigen Schwedens regierte. Er besaß Zauberkräfte, verwandelte sich in einen alten Wanderer namens Gangleri und reiste nach Asgard, zu den aus Asien stammenden Asen, von denen es hieß, sie seien mit den Göttern verwandt. In einer prunkvollen Halle mit goldenem Dach begehrt König Gylfi in Gestalt Gangleris Antwort auf seine Fragen nach dem Ursprung aller Dinge.
Es antworten ihm drei weise Männer, die königlich auf Hochsitzen thronen – womöglich die germanischen Schöpfergötter selbst – Odin und seine beiden Brüder.
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Zitat 12
Gangleri fragte: Wie entstand die Welt und was war zuvor?
Die drei Weisen antworteten:
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Einst war die Zeit, da Alles nicht war,
Nicht Sand noch See, noch salzige Wellen,
Weder Erde noch Himmel, nur gähnender Abgrund.
Aber schon lange Zeit vor der Erde Schöpfung war Niflheim entstanden,
Nebelheim, die kalte Welt der Toten,
und noch früher entstand im Süden eine Welt - Muspelheim:
die ist hell und heiß, so dass sie flammt und brennt
und allen unzugänglich ist, die da nicht heimisch sind.
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Nach der Vorstellung der Germanen entstand unsere Welt aus den Fluten
eines Urwassers, das auch Gift und Eiter enthielt und zu Eis gefror.
Die Hitze Muspelheims begann das Eis an einer Seite zu schmelzen.
Aus den Tropfen des Tauwassers entstand Leben. Zunächst ein böser Riese namens Ymir, der – wie der erste ägyptische Gott - seine Nachkommen
selbst schuf und Begründer eines Volkes von Riesen wurde.
Mit Ymir entstand eine Kuh. Die befreite später einen Mann aus dem Eis.
Dessen Sohn, Bör, zeugte mit der Tochter eines Riesen drei Söhne, darunter Odin. Odin und seine Brüder, so erfährt König Gylfi in der Gestalt Gangleris von den drei Weisen, beherrschten Himmel und Erde - und töteten den bösen Riesen Ymir. Aus seinem Leichnam schufen sie Himmel und Erde.
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Zitat 13
Sie schufen aus seinem Blut Meer und Wasser,
aus seinem Fleisch die Erde, aus seinen Knochen die Berge.
Sein Gehirn warfen sie in die Luft und machten die Wolken daraus.
Aus seinem Schädel formten sie den Himmel.
Dann nahmen sie die Feuerfunken, die von Muspelheim umherzogen,
und setzten sie an den Himmel, um Himmel und Erde zu erhellen.
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Gangleri sprach: Aber woher kamen die Menschen?
Die drei Weisen antworteten:
Als die drei Söhne Börs an einem Strand entlang gingen,
fanden sie zwei Bäume. Aus denen schufen sie Menschen.
Der Erste gab Geist und Leben, der andere Verstand und Bewegung,
der dritte Antlitz, Sprache, Gehör und Gesicht.
Sie gaben ihnen auch Kleider und Namen:
den Mann nannten sie Ask und die Frau Embla,
und von ihnen kommt das Menschengeschlecht.
Darnach bauten sich die Söhne Börs mitten in der Welt eine Burg
und nannten sie Asgard. Da wohnen die Götter.
Und wenn Odin sich dort auf seinen Hochsitz setzt,
so überblickt er alle Welten und aller Menschen Tun
und weiß alle Dinge, die da geschehen.
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Der von dem isländischen Gelehrten Snorri Sturluson nacherzählte Schöpfungsmythos stammt aus vorchristlicher Zeit. Er berichtet von Zwergen,
die den Himmel stützen müssen, und von Göttern, die wie Odin von Riesen abstammen. Aber Sturluson, der auch Theologie studiert hatte, gab Odin,
dem höchsten Gott, auch christliche Züge.
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Zitat 14
Gangleri wollte wissen:
Wer ist der vornehmste und älteste aller Götter?
Die drei Weisen antworteten:
Er heißt Allvater.
Er lebt für alle Zeiten, waltet über sein Reich
und bewirkt alle Dinge, die großen wie die kleinen.
Er schuf Himmel, Erde und Luft sowie alles, was dazu gehört.
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Das Wichtigste ist aber, dass er den Menschen erschuf.
Und ihm eine Seele gab, die leben wird und niemals stirbt.
Alle Menschen, die rechten Glaubens sind,
werden leben und mit ihm selbst an dem Ort sein, der Gimle heißt.
Aber die Bösen fahren zu Hel, der Göttin der Unterwelt,
und dann nach Niflhel, in die Nebelhölle der Toten.
Das ist unten in der neunten Welt.
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Die Wahrheiten der Mythen vertragen sich nicht mit der Logik, nicht mit Wahrscheinlichkeiten, nicht mit den nüchternen Berechnungen der Physiker.
Die können den Ur-Knall, den explosiven Anfang der Welt, inzwischen auf irgendeinen Montagvormittag ansetzen - vor ziemlich genau 13,8 Milliarden Jahren. 0:20
Die gefühlvollen Wahrheiten der Mythen stammen aus einer Zeit, in der
die Menschen gezwungen waren, mit ungenaueren Antworten vorlieb zu nehmen. Nach dem Motto: Besser irgendeine Erklärung als keine. Es waren in Bilder und Geschichten gekleidete Antworten, in die das damalige Wissen einfloss. Antworten, an die man glauben konnte. Die Bedeutung des Wasser und der Sonne für das Leben, war den Menschen bewusst. Und die Notwendigkeit bewohnbaren Landes inmitten von Meeren. Irgendjemand musste die Welt geschaffen haben, irgendjemand, der über allergrößte Kräfte verfügte, der es als geschickter Handwerker verstand, ein Himmelsgewölbe
zu errichten oder Menschen aus Holz zu schnitzen oder aus Lehm zu formen.
Oder einfacher noch - bei dem allein ein Wort genügte, um eine Welt zu schaffen.
Die Menschen kannten den Tod, wussten daher aus schmerzlicher Erfahrung
um das Sein und das Nichtsein. Sie kannten Überschwemmungen
und das Chaos einer Naturkatastrophe, in der alles aus den Fugen gerät.
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Sie wussten, dass für ihr Zusammenleben eine verbindliche Ordnung notwendig war. Was konnte verbindlicher sein, als eine Ordnung, die von den Göttern stammte, die mitgeschaffen war von Anfang an?
Naiv klingen die Mythen der Naturvölker, in denen ein Rabe oder Hase die Welt erschafft. Oder, wie in einem japanischen Mythos, eine Bachstelze.
Gott schickt sie zur Erde, die bislang nur ein furchtbarer, lebensfeindlicher Morast ist. Aber der winzige Vogel schlägt unermüdlich mit seinen Flügeln, trippelt eine halbe Ewigkeit über den Morast, bis er Erde und Wasser voneinander getrennt hat, bis Ozeane entstanden sind und bewohnbares Land. Naiv klingen diese Tier-Geschichten und doch spricht aus ihnen große Weisheit. Und Ehrfurcht vor dem Leben: Die Natur wird zu ihrem eigenen Schöpfer. Und damit zugleich zu etwas Heiligem. Jedes Leben bekommt einen Wert.
Ob in Ägypten, Island, Nordamerika oder Japan, ob Tiere die Welt erschaffen
oder ein Gott, ob dieser Gott männlich ist oder wie in gar nicht so wenigen Schöpfungsmythen eine göttliche Mutter: Aller Anfang war schwer und geheimnisvoll. In allen Kulturen wird der Anfang der Welt als Wunder beschrieben, voller Staunen und Ehrfurcht.
Dass der Anfang der Welt, genau wie unser Platz in ihr, unser Leben und sein Sinn, letztlich ein Geheimnis bleibt, ein wunderbares Rätsel, schwingt in allen diesen Mythen mit. Und wird gelegentlich sogar offen ausgesprochen.
So wie in Indien in dem hinduistischen Rigveda, einem heiligen Buch:
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Zitat 15
Er, der die Schöpfung hat hervorgebracht,
der auf sie schaut im höchsten Himmelslicht,
der sie gemacht hat – oder nicht gemacht?,
der weiß es! – oder weiß auch er es nicht?
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