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Detlef Berentzen,u.a.: Intervention bei sozial schwer gestörten Jugendlichen

Gesundheit Kinder - Jugendliche
Multisystemische Therapie
-gk-swr2-15-4multisystemische-therapie
Literaturhinweis:

"Störung des Sozialverhaltens bei Jugendlichen",
von Eigenheer/Rhiner/Schmid/Schramm, Hogrefe-Verlag, Göttingen 2015  http://www.hogrefe.de

SWR2 Wissen
Sendung: Samstag, 18.04.3015, 08.30 – 09.00 Uhr,
Redaktion: Christoph König
Regie: Autorenproduktion
Produktion: SWR 2015 http://www.swr.de/swr2/programm/
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Service:

ÜBERBLICK
Massiv gestörte, zum Teil straffällig gewordene Jugendliche brauchen intensive und nachhaltige Hilfe. Die aus den USA importierte "Multisystemische Therapie" (MST) verspricht genau das. In der Schweiz gibt es bereits Erfahrungen mit MST, für die Region Mainz wird aktuell das Deutschlandweit erste Projekt vorbereitet: Psychologen, Sozialarbeiter, Pädagogen sollen für die Jugendlichen rund um die Uhr im Team zusammenarbeiten und vor Ort alle relevanten "Systeme" einbeziehen: Eltern, Freunde, Lehrer, Schüler und Gemeinde. Die bislang dokumentierten Erfolge sind vielversprechend - von sinkenden Verhaftungsquoten, der Verringerung des Drogenmissbrauchs bis hin zu einer abnehmenden Zahl der Heimeinweisungen wird berichtet. Ist MST eine Alternative zur konventionellen Erziehungshilfe?

INHALT
MANUSKRIPT
Musik: (Zoufal) „Richtung Schubert“…blenden
Take 01 (0’18): (Mutter CH)...
Ich war lange allein erziehend mit meiner Tochter, ich habe sehr viel gearbeitet. Sie ist größtenteils bei meinen Eltern aufgewachsen. Und ja, ich hatte das Gefühl so vor zwei Jahren, dass sie mir entgleitet…..
Musik: (Zoufal) „Richtung Schubert“…blenden
Take 02 (0’22):(Mutter CH)
… Meine Probleme waren, dass ich ihr alles gekauft habe, und ich wollte sie glücklich machen und die ganze Situation ist eskaliert, auch in der Schule. Sie hatte falsche Freunde, sie kam mit der Polizei in Konflikt. Ich denke, ich habe genug früh die Handbremse gezogen und mit MST gearbeitet.
Sprecherin:
Multisystemische Therapie - Intervention bei sozial schwer gestörten Jugendlichen. Eine Sendung von Detlef Berentzen.
Musik: (Zoufal) „Get it on”….(blenden)
Atmo: (Seminarraum Kirchheimbolanden)…Stimmen, Schritte (blenden)
Autor:
Ein Seminarraum in Kirchheimbolanden. Im Südosten von Rheinland-Pfalz. Sitz des „Heilpädagogiums Schillerhain“, einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe, getragen von der „Evangelischen Heimstiftung Pfalz“. Hier werden, wie es in der Selbstdarstellung heißt; „Kinder mit erhöhtem Förderbedarf und Entwicklungskrisen“ betreut. Zudem wird betont:
Sprecherin:
Als großer diakonischer Träger sind wir in der Lage, auf neue Herausforderungen flexibel und zeitnah mit innovativen Konzepten zu reagieren.
Autor:
Kinder und Jugendliche, die man gemeinhin als „schwierig“ bezeichnet, die aus dem Rahmen fallen, die besonders auffällig werden, sie sind die zitierte „Herausforderung“, um die es auch bei der heutigen Tagung geht. Karl Züfle, langjähriger Leiter des Heilpädagogiums, will „zeitnah“ ein Konzept realisieren, das im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe schon lange fehlt und endlich dabei helfen soll, noch vor der sogen. „Platzierung“ der Kinder und Jugendlichen in Heimen und Wohngruppen erfolgreich zu intervenieren - Stichwort: MST! – eine mobile und aufsuchende Therapie für sozial schwer gestörte Jugendliche und deren Umfeld.
Take 5 (0’38): (Züfle)
Multisystemische Therapie wurde in den USA entwickelt, an der „University of South Carolina“, von einem Scott Henggeler, der hat damals aus der Kinder- und
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Jugendpsychatrie, in der er als junger Arzt gearbeitet hat, die Erfahrung gemacht, dass diese stationären Ansätze nicht weit genug führen und hat mit den Familien der Kinder und Jugendlichen, die dort stationär untergebracht waren, Kontakt aufgenommen und hat gesehen: es muss in den Familien etwas passieren, eben nicht, dass man nicht immer nur an den Kindern und Jugendlichen und ihren Schwierigkeiten herumdoktert. Das hat er dann natürlich mit viel Energie betrieben und mittlerweile wird das Ganze in den USA in der überwiegenden Zahl der Bundesstaaten entsprechend angewendet,..in Australien, Skandinavien, in europäischen Ländern….(blenden)
Atmo: Motor wird angelassen, Wagen fährt an…(blenden)
Musik: Gimme Bass (blenden/unterlegen)
Atmo: (innen) Therapeut Mathias Baumann auf schwyzerdütsch, parliert mit Mutter und Tochter - Hallo zusammen…respektvoller Umgang, wie läuft das grad?...Ja, recht gut… (blenden)
Take 19 (0’29): (Frau G.)
Ich hatte erhebliche Probleme mit meiner Tochter. Und ich habe das mit meiner Freundin besprochen, die ich schon sehr lange kenne, und sie hat mir dann gesagt, ja, hey, ruf mal da an bei MST. Keine Ahnung, ich habe das noch nie gehört vorher, bin dann im Internet googeln gegangen als erstes. Ja und dann habe ich da mal angerufen, so ganz unverbindlich und hatte Herrn Eigenheer am Telefon und er hat mir dann alles erklärt, was MST alles macht und hat mir gesagt, wir sollten zu einem Erstgespräch kommen. Ja, so ist das entstanden.
Autor:
Wir befinden uns in der Schweiz. Im Kanton Aargau. Dort wo, im Gegensatz zu Deutschland, die Multisystemische Therapie längst zum Einsatz kommt. Die Daten meiner Gesprächspartnerinnen bleiben anonym. Aber beide wollen im Beisein ihres ehemaligen Therapeuten Mathias Baumann über ihre Erfahrungen sprechen: Die Mutter, alleinerziehend, und ihre fünfzehnjährige Tochter, eine Schülerin.
Take 20 (0’39): (Tochter)
Wir haben immer rumgeschreit, wir haben die Lehrer fertiggemacht so, ja, wir brauchen Sie nicht, Sie können uns nicht helfen. Und ja, hatten mit Sachen rumgeschmissen, hatten andere Kinder geschlagen, also einfach so genervt und provoziert und hatten auch viele ausgeschlossen, gemobbt.
(Berentzen) Wie war die familiäre Situation?
(Tochter) Also ich hatte immer, wenn ich Zuhause bin, hatte ich immer noch mehr Stress und noch mehr diesen Druck, weil, ich konnte nicht gut mit ihr reden, ich wollte ihr die Sachen nicht erzählen, weil sie mich dann immer heftig bestraft hatte. Und dann bin ich ziemlich oft dann ausgerastet Zuhause. (Kreuzblende)
Take 21: (Mutter)...
Ich hatte ständig Telefonate mit den Lehrern, dass sie sich so daneben benimmt. Und auch von Müttern, die mir gesagt haben es tut mir leid, ich kann mein Kind nicht mehr mit ihrem Kind raus lassen, weil sie so einen schlechten Ruf hat und ich habe
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sie dann vor die Wahl gestellt, entweder kommst du mit mir mit und strengst dich an oder wir müssen eine andere Lösung finden. (Kreuzblende)
Take 22 (0’17): (Tochter)
Also ich war sehr enttäuscht von ihr, dass sie mir sozusagen einen Psycholog antreiben möchte und...ich habe gesagt, dass ich dort nicht mitmachen will und habe sie ziemlich zusammengeschissen. Und ja, war einfach ziemlich enttäuscht und habe gesagt, ich will es nicht machen.
Autor:
Mutter und Tochter haben es dann doch „gemacht“: Multisystemisch. Mit Mathias Baumann und seinem Team. Pläne wurden gemacht. Regeln aufgestellt. Hilfen geordert.
Take 23 (0’21): (Mutter)
Ich hatte immer mal eine SMS geschrieben und er hat mir sofort geantwortet. Und meine Tochter hat ihn auch mal angerufen, zuerst geschrieben und konnte dann sofort mit ihm telefonieren. Also es waren eigentlich wenige Notsituationen, aber wenn wir eine hatten, war er sofort präsent und konnte entweder per SMS oder sofort persönlich uns Tipps geben.
Autor:
„Multisystemische Therapie“: Seit dem Jahre 2007 auch eine Option in der Schweiz. Vor allem in den Thurgau, Aargau, auch in Basel-Land. Nach Jahrzehnten der Entwicklung und Evaluierung in den USA ist aus MST ein regelrechtes Markenprodukt daraus geworden, ein extrem mobiles, verbindliches und intervenierendes Verfahren, das in den meisten Bundesstaaten der USA mit großem Erfolg bei sozial schwer gestörten, auch bei delinquenten Kindern und Jugendlichen im Alter von 12-17 Jahren zum Einsatz kommt. Weltweit sind es inzwischen ungefähr 500 lizenzierte Therapeutenteams, die intensivst mit jährlich 23.000 Jugendlichen, aber auch – und gerade das ist besonders – aber auch mit jenen „Systemen“ arbeiten, die den Alltag der Kids bestimmen: Familie, Schule, Freunde, Peer Group, Nachbarn und Gemeinde. Programmgemäß ist nach 4-6 Monaten Schluss mit MST. Kein Therapeut mehr. Kein Helfer. Keine Interventionen.
Take 24 (0’30): (Tochter)
Es war am Anfang ein bisschen komisch… auch für mich, weil, ich konnte mich irgendwie nicht mehr bei jemandem melden, wenn ich ein Problem hatte. Aber wir sind dann schon zusammengesessen und haben gesagt, dass wir so weiter machen möchten, auch mit dem Plan, mit den Ausgangszeiten, dass wir nicht streiten und das hat bis jetzt eigentlich super funktioniert.
(Berentzen) Wie war das in der Schule?
(Tochter) In der Schule... also ich bin dann in die Real gekommen, habe eine neue Klasse bekommen, einen neuen Lehrer und so konnte ich mit dem abschließen und habe gesagt ja, ich fange jetzt mit dieser Klasse, mit diesem Lehrer neu an.
Sprecherin:
(„MST in der Praxis“) Die Multisystemische Therapie integriert kognitiv-verhaltenstherapeutische und systemisch-familientherapeutische Grundprinzipien in einem sorgfältig erstellten Behandlungsmodell.
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Autor:
Zitat aus dem Vorwort zu dem Buch „Störung des Sozialverhaltens bei Jugendlichen“ - aktuell erschienen im Hogrefe-Verlag. Sein Untertitel verweist auf den eigentlichen Inhalt: „Die Multisystemische Therapie in der Praxis“. Wobei diese Praxis immer in enger Zusammenarbeit mit den US-Lizenzgebern, den „MST-Services“ in Charlston, North Carolina stattfindet.
Sprecherin:
Die Rolle von MST-Services beinhaltet im Wesentlichen eine sorgfältige Prüfung der jeweiligen Anbieterorganisation und die Vergabe von Lizenzen wie auch die aktive Unterstützung der lokalen Teams durch einen von MST-Services ausgebildeten MST-Experten. Hinzu kommt die vierteljährliche Fortbildung der Therapeuten und Supervisoren.
Autor:
Die Praxis der Multisystemischen Therapie ist also eine weltweit erprobte und streng verbindliche. Mit geringen Rückfallquoten nach Therapieende. Bruno Rhiner und Rudolf Eigenheer gehören zu den Autoren, die in dem genannten Buch engagiert Aufklärung über die neue Therapieform leisten. Beide sind Schweizer. Sie haben letztendlich ob ihres Engagements im Thurgau und im Aaargau dafür gesorgt, dass MST auch im deutschsprachigen Raum zum Begriff wurde. Und damit zu einer Herausforderung, die Karl Züfle, wie er in seinem Vortrag betont, ganz praktisch annehmen möchte.
Atmo: (Seminarraum Kirchheimbolanden)…Stimmen, Schritte (blenden)
Take 6 (0’30): (Züfle)
Eigentlich haben wir die Entscheidung bei unserer Stiftung getroffen, dass wir das Programm einkaufen wollen. Lizenzen kaufen, das ist ein relativ komplexer Prozess, bis man alles eingerichtet hat, aber es ist ja tatsächlich für die Kinder- und Jugendhilfe ein innovativer, ein weiter entwickelter Ansatz, von dem wir denken, dass wir eine bestimmte Zielgruppe gut erreichen können, die bisher eigentlich nicht so gut bedient werden konnte, das sind die so ein bissel das Label haben: „Die besonders Schwierigen“….wobei natürlich vorausgesetzt ist, dass hintendran eine Familie ist, die man aktivieren kann, die dann auch wieder Verantwortung übernehmen kann.
Autor:
Wenn die pfälzische Heimstiftung es schafft, das MST- Programm, wie geplant, in Mainz und Südhessen in die Praxis umzusetzen, wäre das für Deutschland eine Premiere. Entscheidungshilfe für den von Züfle geplanten Einstieg in die „Multisystemische Therapie“ haben vor allem, wie angedeutet, die profunden und evaluierten Erfahrungen aus der Schweiz geliefert. Und die Schweizer werden auch in Zukunft Kooperationspartner sein.
Atmo: (Bahnfahrt Schweiz)…Fahrgeräusche, Stimmen…(blenden/unterlegen)
Musik: (Zoufal) „Get it on”….(blenden)
Take 7 (0’31): (Rudolf Eigenheer)
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Was wir hier drauf haben, ist einerseits die kleinen Fähnchen, da stehen die Namen drauf von den Jugendlichen, die bei uns angemeldet wurden, also die sind sozusagen in der Pipeline, in der Warteschlaufe für ein Vorgespräch, damit ich von der Teamleitung her etwa weiß, wie viele Anmeldungen sind unterwegs, haben wir genug Kapazität? Aber auch geografisch weiß ich dann, wenn ich zum Beispiel diesen Fall einem Therapeuten gebe, der schon andere Fälle hat in der Nähe, dann ist's geografisch auch ein bisschen sinnvoller.
Autor:
Rudolf Eigenheer ist in der Stadt Baden Teamleiter-MST für den Kanton Aargau-Ost. Er ist verantwortlich für seine Therapeuten, deren Supervision, den Kontakt mit den erwähnten US-Lizenzgebern, genauer: zu deren Filiale „MST-Services Europe“ und er regelt auch die Aufnahme neuer Klienten. Wie Eigenheer da so hochmotiviert im Büro vor der fahnenbestückten Karte seiner Region steht, wirkt er wie der Einsatzleiter einer regelrechten „Taskforce“. Und das ist er auch.
Atmo: Titelmusik Serie „Taskforce“
Autor:
Gerade heute ist auch der bereits zitierte Buchautor Bruno Rhiner anwesend. Seine Profession: Kinder- und Jugendpsychiater. Rhiner ist noch immer begeistert. Viel zu lange wurde die jugendliche Zielgruppe von MST „wie eine heiße Kartoffel“ von Institution zu Institution weitergereicht. Die Diagnose „Störung des Sozialverhaltens“ war weithin unbeliebt, weil schwer zu behandeln. Für die Symptome, die Rhiner aufzählt, gab es einfach kein adäquates therapeutisches Setting.
Take 8 (0’30): (Rhiner)
Hohe Impulsivität, Aufmerksamkeitsstörung, schlechte Schulleistungen. Es gibt Faktoren von den Eltern: Ungenügendes Monitoring des Jugendlichen, Uneinigkeit zwischen den Eltern, schlechte emotionale Beziehung zu dem Jugendlichen, Eltern, die mit dem Umfeld schlecht verknüpft sind. Dann gibt es Faktoren von der Schule und am Ausbildungsplatz, dass die innerhalb der Schule inkonsistente Regeln haben, sich uneinig sind.
Autor:
Um Heim- und Knastkarrieren desorientierter und extrem aggressiver Jugendlicher erfolgreich zu verhindern, sind neben Jugendamt, Beratungsterminen, Streetwork und Heimplatzierung umfassendere, integrierende Maßnahmen nötig. Man muss sie sich nur erarbeiten.
Take 8a (0’38): (Rhiner)
Der stärkste Faktor für die Störung bei Jugendlichen: die Peers, die Gleichaltrigen, die haben großen Einfluss, mit welchen Jugendlichen bewegt sich der Jugendliche, konsumieren die auch Drogen, machen die auch Delikte, gehen die auch nicht zur Schule, usw.? Wenn man all das zusammennimmt und noch schaut, wo lebt die Familie und eine Therapie aufbauen will, dann kann man schlecht den Jugendlichen alleine behandeln, sondern man kommt automatisch darauf, man muss das ganze System behandeln, man muss die Eltern, die Schule, die Peers und den Jugendliche und die Community mit integrieren in das Modell.
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Autor:
MST sieht folgerichtig vor, dass Teams von jeweils 4 Psychotherapeuten neben Gesprächen, Planung und Beratungen vor Ort, auch rund um die Uhr an sieben Tagen der Woche interventionsbereit sind.
Take 9 (0’08): (Berentzen)
Wo fahren wir jetzt hin?
(Baumann) Wir fahren jetzt zu einer Familie, die mal in den Genuss der MST-Behandlung kam….
Musik: Gimme Bass (blenden/unterlegen)
Autor:
Wieder unterwegs mit Mathias Baumann, dem mobilen MST-Teamer im Schweizer Ostaargau. Er hat in Mannheim studiert, ist mit einer Schweizer Lehrerin verheiratet und noch gar nicht solange im Job. Und fühlt sich dennoch aufgehoben. Einerseits durch den Zusammenhalt des jungen Badener Teams, aber auch durch das bis ins kleinste Detail durchdachte MST-Konzept.
Take 10 (0'39): (Baumann)
Es hat mich fasziniert, einfach als Berufsanfänger oder als Therapieanfänger hatte man dort wirklich durch das Manual und durch dieses Konzept immer so eine Art Anker, man wusste eigentlich genau, was man machen muss. Und was eben auch wirklich hilfreich ist für junge Therapeuten im MST, ist diese intensive Supervision - also einerseits mit dem Herrn Eigenheer, mit dem Teamleiter, dann mit dem Herrn Rhiner und dann eben auch mit dem MST-Experten, mit dem Consultant der...
(Berentzen) Da sind Sie auch am skypen, oder?
(Baumann) Ja, genau, das ist ja immer einmal die Woche... da machen wir diese „Team-Consultation“ nennt sich das dann - es sind eben sehr viele Amerikanismen wie Sie merken, weil das Konzept natürlich aus Amerika stammt, wo wir dann mit Skype mit ihm alle Fälle besprechen und da ist dann der Herr Eigenheer anwesend und manchmal auch der Herr Rhiner, ja.
Atmo: Fahrgeräusche innen…kurzer Talk (blenden)
Take 11 (0’34): (Baumann)
Also wir haben im MST immer so eine drei- bis vierwöchige Abklärungsphase, wo wir versuchen das Problem aus systemischer Perspektive zu verstehen und da kann es passieren, dass wir merken, die ursprüngliche Indikation einer Störung vom Sozialverhalten zeigt sich wenig, dass dann vielleicht wirklich noch eine andere Krankheit im Raum steht, wo wir sagen, da sind wir nicht das geeignete Programm. Also zum Beispiel eine schwere Depression bei einem Jugendlichen. Oder akute Suizidalität oder Psychosen, das sind alles Ausschlusskriterien. Und manchmal stellt sich das natürlich erst im Verlauf dieser Abklärungsphase heraus, dass das dann so ist. Und dann wird natürlich was anderes gesucht, ja.
Atmo: Begrüßung an der Tür/Gang ins Haus – Guten Tag….....Baumann fragt die Mutter auf schwyzerdütsch nach dem Stand der Dinge….(blenden/unterlegen)
Autor:
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Ein blitzblankes Einfamilienhaus mitten im Kanton Aargau. Hier ist Mathias Baumann im letzten Jahr häufig genug vor Ort gewesen. Die alleinerziehende Mutter, deren Namen wir wunschgemäß nicht nennen, diese Mutter war mit dem Drogenkonsum ihrer 17jährigen Tochter zunehmend überfordert. Als es ihr gar zu viel wurde, rief die Mutter den „kinder- und jugendpsychatrischen Notdienst“ an, der ihr nicht etwa die Öffnungszeiten der jugendpsychatrischen Ambulanz durchgab, sondern sie umgehend an die Task-Force der multisystemischen Therapeuten in Baden vermittelte. Die wiederum schickte, nach einem intensiven Vorgespräch mit Mutter und Tochter, ihr Teammitglied Mathias Baumann.
Take 12 (0’45):(Mutter1)
Ich finde, er war sehr kompetent, also er hat auch immer super erklärt. Aber auch wenn ich Probleme hatte, konnte ich anrufen, er half mir überall, wo es ging. Also nein, ich fand mich super aufgehoben.
(Berentzen) Die Umgebung Ihrer Tochter, wer wurde so einbezogen?
(Mutter1) Also die Freunde von ihr und vor allem die Schule. Weil, eigentlich hatten wir ja das Problem mit dem Aufstehen, dass sie keine Lust hatte und ja, das wurde vor allem mit einbezogen, Freunde und Schule eigentlich. Auch meinen Ex-Mann haben wir noch mit einbezogen und auch er fand das eine tolle Sache.
Musik: Gimme Bass (blenden)
Take 12a (1’00): (Berentzen)
Hat es Drogentests gegeben? Hat sie sich denen unterzogen?
(Mutter1) Mmh, da musste sie jede Woche so einen Test machen und dann hatten wir eine Abmachung: wenn sie sechs Wochen keine Drogen im Blut hat, dann gibt's einen Sonderbonus. Also wir haben dann gesagt, in dem Alter machen wir was mit Geld. Und dann war sie sechs Wochen drogenfrei. Ich glaube, einmal gab's so ein bisschen... wo sie keine Lust mehr hatte, aber eigentlich, sie wollte wirklich, dass ihr geholfen wird. Also ich kann's wirklich jedem empfehlen. Weil, es ist ja meistens so,... man ist ja hilflos als Eltern und da ist doch jemand da, der einem hilft oder auch berät, mache ich das jetzt richtig, ist das falsch? Das gibt Sicherheit. Also ich kann's wirklich jedem empfehlen. Und das sage ich auch so weiter.
Atmo: Abschied….“Herr Baumann herzlichen Dank….Gute Zeit….“
Atmo: Motor springt an, Fahrgeräusch (blenden/unterlegen)
Take 13 (0’25): (Baumann)
Was wir machen, sind ebenso systemische Verhaltensanalysen und da werden die Eltern gecoacht, dass sie das auch selbst machen können. Und da geht's eben drum, dass man Probleme nicht einseitig analysiert, sondern eben systemisch anschaut. Und jetzt, in unserem Fall, war es auch so, dass ich eigentlich persönlich im Kollegensystem gar nicht viel machen musste, weil man da viel im Familiensystem schon handeln konnte und die Mutter so coachen, dass sie das übernehmen konnte, diese Rolle dann auch.
Atmo: Fahrgeräusch (blenden)
Musik: (Zoufal) Get it on (blenden)
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Take 14 (0’38):(Rhiner):
In der Intensität entspricht so eine Therapie durchaus einer stationären Therapie. Was die Familien an therapeutischem Angebot bekommen, das ist sehr intensiv – ein Therapeut hat maximal 4-6 Familien - also einhundert Prozent Therapeut. Die Behandlungsdauer ist dann allerdings beschränkt, das sind 3-5 Monate maximal. In dieser Zeit wird hochintensiv gearbeitet, die Familien haben drei bis viermal wöchentlich den Therapeuten bei sich zuhause oder im Umfeld mit Telefonkontakten usw. - das über die 3 bis 5 Monate hinweg, da gelingt eine massive Änderung der bisherigen Verhältnisse.
Autor:
Wieder am „Kreuzliberg“. Im Badener MST-Büro. Fragt man nach, kann Bruno Rhiner die soeben behauptete „massive Veränderung der Verhältnisse“ in den MST-Familien auch belegen. Nicht nur 30 Jahre Forschung in den USA registrieren hohe Erfolgsquoten in der multisystemischen Praxis. Gleiches gilt auch für die Evaluation der Praxis in der Schweiz.
Take 15 (0’26): (Rhiner)
Wir haben bei uns jetzt die Zahlen für ungefähr 300/400 Jugendliche, die wir bis jetzt behandelt haben. Seit 2007 haben wir überprüft: 6, 12 und 18 Monate nach der Entlassung die drei Kill-Kriterien: Lebt der Jugendliche weiter in seiner Familie? Ist er integriert in Schule und Ausbildung? Hat es neue Delikte gegeben? Bei allen drei Kriterien liegen unsere Jugendlichen über der 80 %-Grenze.
Autor:
Noch einmal: 80 % der Kinder und Jugendlichen aus den Schweizer MST-Programmen gehen wieder regelmäßig zur Schule, leben zu Hause und werden nicht wieder straffällig. Teamchef Rudolf Eigenheer schmunzelt ein wenig.
Take 16 (0’30): (Eigenheer)
Sind wir wirklich so gut? Ich denke ein Teil der Antwort ist: ja wir sind gut, es funktioniert, das ist wissenschaftlich auch gut beforscht. Ein anderer Teil ist aber auch der: Das sind Jugendliche, die kommen zu uns, und die sind an der Grenze zur Platzierung, an der Grenze zur Ausschulung und zum Teil auch schon im delinquenten Bereich drin - die MST ist keine Therapie, die es schafft, den Jugendlichen, wie soll ich sagen, gänzlich zu heilen oder zu einem Heiligen zu machen, sondern es geht darum, die Symptome genug zu reduzieren, dass sie nicht mehr so an der Grenze sind.
Musik: (Zoufal) Get it on (blenden)
Atmo: (Seminarraum Kirchheimbolanden)…Stimmen, Schritte (blenden)
Take 17 (0’45): (Züfle) ….
Das zweite zentrale Argument ist ein Kostenargument. Wenn es tatsächlich gelingt, mit so einer Familie einen guten Weg zu finden, die Kinder und Jugendlichen entsprechend zu fördern, dass die sich sozial besser integrieren können, dann ist einmal die Maßnahme im Verhältnis zu einer langfristigen Hilfe zur Erziehung eher sehr günstig und wenn man dann noch die Nachfolgekosten einer nicht erfolgten,
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verschleppten oder nicht erfolgreichen Hilfe dazu rechnet, wie weitere Sozialsysteme belastet werden, dann spricht eigentlich alles für diesen MST-Ansatz.
Atmo: (Seminarraum Kirchheimbolanden)…Stimmen, Schritte (blenden)
Autor:
Wie sagte es eben noch der Schweizer Teamleiter Rudolf Eigenheer in Bezug auf MST: „Ja, wir sind gut!“ Wenn man Karl Züfles Vortrag in Kirchheimbolanden hört, spürt man sehr genau: Züfle glaubt seinem Kollegen. Und zwar folgenreich.
Take 18 (0’24): (Züfle)
Wir haben jetzt jemanden eingestellt, eine junge Psychologin, die direkt die Projektleitung übernehmen wird und dadurch erhoffen wir uns natürlich, dass das einen richtigen Schub gibt, und dann werden wir alle diese Punkte, die wir ja jetzt wirklich auch schon kennen, also Personalgewinnung, die Absprachen mit den Jugendämtern usw., ich denke, das wird dann eine sehr klare Form kriegen und deswegen würden wir das dann Schritt für Schritt dann auch verwirklichen.
Atmo: (Seminarraum Kirchheimbolanden)…Stimmen, Schritte (blenden)
Autor:
Die „Evangelische Heimstiftung“ aus der Pfalz geht also deutschlandweit voran auf dem Weg zur multisystemischen Praxis. Wovon Karl Züfle bis vor Kurzem allerdings nichts wusste, das ist die Anforderung der MST-Services, dass es mindestens zwei Teams in einer Region braucht, bevor Lizenz und Unterstützung aus den USA kommen. Macht aber nix, Züfle musste nicht lange nach einem, wie er sagt, „starken Partner“ suchen: Siegfried Gruhler, Vorstand der Diakonischen Jugendhilfe Heilbronn, ist ein Engagierter. Einer, der schon immer ein offenes Ohr für Reform und Innovation hatte.
Take 18a (0’40): (Gruhler)
Wir kennen uns einfach schon lange und es ist einfach so, dass der Karl Züfle diesen Ansatz ausgegraben hat und dann hat man eben geprüft, inwieweit das bei uns notwendig ist. Ich halte das derzeit für eine der Lösungen für die derzeitigen Herausforderungen, die uns begegnen. Wir haben hier die Kinder- und Jugendpsychiatrie als Partner, die sind begeistert. Wir haben hier auch Schulen, die wir mit ansprechen, da sind jetzt mehrere, da sind nicht alle begeistert, aber alle hören zu und ein Teil ist begeistert. Und wir haben zumindest Jugendämter oder Sitze von Jugendämtern, wo ich Personen habe, die begeistert sind und auch die Voraussetzungen zu beginnen. Und von daher, mit ausreichend Vorbereitung ist es so, dass wir uns interessieren hier mitzumachen, wenn die nächste Gelegenheit da ist - das heißt entweder zum Ende des Jahres oder nächstes Jahr.
Atmo: (Seminarraum Kirchheimbolanden)…Stimmen, Schritte (blenden)
Musik: Gimme Bass (blenden/unterlegen)
Autor:
Trotz allem eine Chance bekommen, auch Respekt. Verantwortung übernehmen. Für sich. Und für andere. Kinder, Jugendliche, die im Rahmen der „Multisystemischen
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Therapie“ monatelang im Zentrum vielfältiger Aufmerksamkeit stehen, die plötzlich wichtig werden, gefordert werden, diese Jugendlichen, deren Eltern Hilfe und Beistand zugelassen haben, die geben sich nicht mehr ganz so schnell verloren. Der in den Sonntagsreden zur Jugendhilfe gerade in Deutschland so oft beschworene Slogan „Wir geben keines unserer sozial schwierigen Kinder verloren“, bekommt so per MST endlich glaubhafte Realität. Ein Anfang nur, aber immerhin, ….meint der der Schweizer Teamleiter Rudolf Eigenheer.
Take 25 (0’33): (Eigenheer)
Da gehen ganz sicher Jugendliche verloren. Die Aussage: Keinen verloren geben!, die ist nur so gut wie die Angebote, die da sind um alle aufzufangen. Und ich denke mit der multisystemischen Therapie ist ein Bindeglied zwischen ambulant und stationär, also da ist ein Auffangnetz, das überbrückt zwischen Therapie im Büro und der Therapie im stationären Bereich. Und ich denke, da hat MST einen wichtigen Beitrag, eine Gruppe von Jugendlichen aufzufangen, die ansonsten nicht zur Behandlung kommen oder dann erst halt im stationären Rahmen, manchmal unter Zwang auch.
Musik: (Zoufal) „Richtung Schubert“…blenden
Atmo: (Seminarraum Kirchheimbolanden)…Stimmen, Schritte (blenden/unterlegen)
Take 26 (0’22): (Siegfried Gruhler)
Ich soll drauf antworten, was mich angesprochen hat?!. …Es ist einer der Ansätze, die ich erkenne, der die derzeitige Verkrustung der Jugendhilfe überwindet, aufbricht oder ähnliches macht. Und das allein ist Anreiz genug, das zu machen.
Autor:
Siegfried Gruhler von der Diakonischen Jugendhilfe in Heilbronn. Genau wie Karl Züfle und seine Kollegen in Kirchheimbolanden, wird er bei den Jugendämtern und anderen öffentlichen Institutionen in Sachen „Multisystemische Therapie“ Überzeugungs- und Fortbildungsarbeit leisten müssen. Nicht alle warten auf Neues, gehen Risiken ein. Allzu sehr steht die Jugendhilfe in Deutschland, trotz ihrer fundamentalen Bedeutung, im Schatten öffentlicher Wahrnehmung. Mit der Einführung von MST sollte sich das ändern. Nicht zuletzt auch mit der Hilfe der Avantgarde der Schweizer Kollegen, die sogar bereits ein deutschsprachiges MST-Netzwerk planen.
Take 27 (0’20): (Züfle)
Wenn es uns gelingt, hier erfolgreich zu sein, dann wird auch wieder ein Innovationsschub in die anderen ambulanten Bereiche erfolgen, weil doch erkennbar wird, dass mit bestimmten Haltungen und mit bestimmten Inhalten Ziele erreicht werden können,... wo man vorher skeptisch war.
Musik: (Zoufal) „Richtung Schubert“…(auf Ende)
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