Widerstand - Vernunft ((S. Neiman)) - Kultur-Punkt.ch

Susan Neiman: "Widerstand der Vernunft – Ein Manifest in postfaktischen Zeiten"

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Widerstand der Vernunft (S. Neiman)
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Online-Publikation: September 2017 im Internet-Journal <<kultur-punkt.ch>>
Ereignis-, Ausstellungs-, AV- und Buchbesprechung
<< Susan Neiman: "Widerstand der Vernunft – Ein Manifest in postfaktischen Zeiten" >>
77 Seiten, ISBN 978-3-7110-0154-2,  8,00 Euro (eBook 3,99 Euro)
Ecowin Verlag , A-5020 Salzburg; https://www.buchundmehr.de/verlag/ecowin-verlag-salzburg/

Inhaltsfolge zu Susan Neiman Tätigkeitsfelder in Folge:
I   Zum Widerstand der Vernunft
II  Zum Erwachsenwerden
III Zur Moral und Zukunft Europa

*
I
]"Widerstand der Vernunft – Ein Manifest in postfaktischen Zeiten",
Inhalt
als Rezension vom Humanistischen Pressedienst /hpd
Susan Neiman zeigt in ihrem jüngst erschienen Buch, dass es neue politische Ideen braucht, um Populismus und konservativen Nationalismus aufzuhalten. Wenn heute den Fakten, der Vernunft und dem politischen Mitdenken nicht der Raum gegeben wird, den es bracht, werden die Lügen der "postfaktischen" Populisten Konsequenzen haben. Die Philosophin ruft dazu auf, für Wahrheit und Moral öffentlich einzutreten, Alternativen zu denken und zu leben und den bedenklichen politischen Entwicklungen in den USA und Europa so die Stirn zu bieten.
"Die Welt wird sich ändern, wenn jene Politik, die Trump zum Präsidenten machte, zur Normalität erklärt wird" (S. 69). Klare Worte auf wenigen Seiten zu den Wörtern des Jahres 2016 – "post-truth" und postfaktisch – und ihren Protagonisten, wie auch zu deren Methoden, wie z.B. "gaslighting" (permanente Verbreitung offensichtlicher Lügen, um Gegner zu verwirren) mit vorgetäuschter Authentizität, die bei wenig informierten Menschen Glaubwürdigkeit erzeugt, obwohl die behaupteten Tatsachen frei erfunden sind. Donald Trump, dem es nach Ansicht der Autorin völlig an Schamgefühl fehlt, wird anhand seiner Aussagen und Handlungen in der Vergangenheit, wie auch Gegenwart, als ignoranter, geldgieriger, verlogener Narzisst (S. 16) charakterisiert; einige seiner Mitstreiter, wie Steve Bannon, sowie unterstützende Medien, wie Breitbart News, werden durch zahlreiche Hintergrundinformationen bloßgestellt und die sich aus dieser Konstellation ergebenden politischen, wirtschaftlichen sowie allgemeinen Gefahren für Amerika und die ganze Welt aufgezeigt
Die Philosophin Susan Neiman, geboren in den USA, renommierte Professorin an der Yale University und der Universität Tel Aviv, derzeit Direktorin des Einstein Forums in Potsdam, beschränkt sich allerdings nicht darauf, die derzeitige Situation in den USA und Europa zu analysieren, sondern erklärt auch die geschichtlichen Hintergründe der gegenwärtigen Fehlentwicklungen und wie ihnen zu begegnen ist. Allgemeine Geschichtsvergessenheit (besonders seit Reagan), Rassismus, der nicht trotz, sondern sogar wegen Obama gestiegen ist, hemmungsloser Populismus z.B. der Tea Party und tief verankerter Urfaschismus, der sich in Irrationalismus manifestiert, führten - gepaart mit Armut und Ängsten vor Arbeitsplatzverlust durch Globalisierung und Automatisierung – zu Entwicklungen, die die Wahl von Trump ermöglichten. Die Autorin erläutert auch eindringlich die Gefahren, wie auch die bereits eingetretenen negativen Auswirkungen eines hemmungslosen Neoliberalismus, der den Begriff Fortschritt für sich okkupiert und dabei die Idee verbreitet, dass echte Werte nur Marktwerte sind (S. 51). "
Was ist zu tun? Susan Neiman appelliert an ihre Landsleute, aber auch an Europa, die eigenen Ideale wieder zu entdecken: "Wird Trump Europa dazu bringen, seine eigenen Tugenden neu schätzen zu lernen, und viele Europäer dazu bewegen, sich zivilgesellschaftlich dafür zu engagieren?" (S 74). Dem leninistischen Prinzip, wonach alles erstmals zum Schlimmsten kommen muss, bevor es besser wird, muss rechtzeitig und sehr entschieden begegnet werden, Aufklärung und Fortschritt liegt in Menschenhänden. Es gilt, grassierendem Pessimismus zu begegnen und auf die "Nacktheit des Kaisers" hinzuweisen. Dazu kommen aus Amerika hoffnungsvolle Zeichen; der Widerstand gegen den Rechtsnationalismus hat bereits begonnen (S. 77) und das Buch schließt dementsprechend mit der Frage (als versteckte Aufforderung): "Welche Europäer möchten sich anschließen"?
Ein an Seiten kleines, an Inhalt großes Buch, das an Klarheit der Analysen und Aussagen nichts zu wünschen übrig lässt und gerade "in Zeiten wie diesen" eine breite Leserschaft finden sollte.
https://hpd.de/artikel/widerstand-vernunft-14531

Fazit

Ihr Manifest in postfaktischen Zeiten (1) nennt die weltzugewandte Philosophin Susan Neiman ihre Streitschrift "Widerstand der Vernunft". Darin geht es ihr um das Entbergen von 'glatter Lüge', Armut, Rassismus und dagegen um ein 'gerechtes Geschichtsbild, und ein stets fragiles Glückerleben'. 
So sieht sie in den steckengebliebenen Sophisten und den ideologisch fixierten Marxisten alltagsferne Blickweisen 'ohne wirkliche Basis'. Aktueller denn je sieht sie in der Bewegung der Schwarzen Black Lives Matter (2) eine berechtigte Gegenwehr.
Noch ist nicht klar wer die Oberhand (u.v,a. Trump..) gewinnt, aber, so Neimann, die Angst vor Peinlichkeit zu überwinden, auf die Nacktheit des Kaisers öffentlich hinzuweisen'. Und sie ruft - wie wir mit ihr - die Europäer auf  die BLM und alle anderen Widerständigen global-medial gegen den Rechts-Nationalismus aufzubegehren. Das ist der Weg zum Glück! m+w.p17-9

1)
Als postfaktische Zeit & Politik wird schlagwortartig ein politisches Denken und Handeln bezeichnet, bei dem Fakten nicht im Mittelpunkt stehen. Die Wahrheit einer Aussage tritt dabei hinter den emotionalen Effekt der Aussage vor allem auf die eigene Interessengruppe zurück.
Das Kommunikationsideal der Aufklärung fordert nach dem Philosophen und Soziologen Habermas für einen sachlichen und ethischen Ansprüchen genügenden Diskurs Argumente, darunter vor allem auch belegbare Fakten: Validierungsfähigkeit als Teil der Diskursivität
2)
Black Lives Matter (BLM) (Deutsch „Schwarze Leben zählen.“) ist eine internationale Bewegung, die innerhalb der afroamerikanischen Gemeinschaft in den USA entstanden ist und sich gegen Gewalt gegen Schwarze einsetzt. BLM organisiert regelmäßig Proteste gegen die Tötung Schwarzer durch Gesetzeshüter und zu breiteren Problemen wie Racial Profiling, Polizeigewalt und Rassenungleichheit

**
II
Zum Erwachsenwerden von Susan Neiman
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SWR2 Wissen  Aula - Susan Neiman: Mut zum Erwachsenwerden . Ein philosophisches Plädoyer

SWR2 / http://www.swr.de/swr2/programm/
Sendung: Sonntag, 12. Juli 2015, 8.30 Uhr
Redaktion: Ralf Caspary
Produktion: SWR 2015
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Service:

AUTORIN
Susan Neiman ist Direktorin des Einstein Forums in Berlin. Sie wurde in Atlanta, Giorgia, geboren, und studierte Philosophie in Harvard und an der Freien Universität Berlin, bevor sie eine Professur für Philosophie an der Yale University und der Tel Aviv University innehatte. Im Jahr 2000 übernahm sie die Leitung des Einstein Forums.
http://www.susan-neiman.de


ÜBERBLICK
Wenn es stimmen sollte, dass wir in einer infantilen Gesellschaft leben, dann gilt das Erwachsensein eher als Makel. Wenn es richtig sein sollte, dass unsere beste Zeit die zwischen dem 16. und dem 20. Lebensjahr ist, dann wird es für einen 40-Jährigen schwer, neue Lebensmuster zu erobern. Deshalb benötigen wir eine Ermutigung zum Erwachsenwerden, sagt die Philosophin und Direktorin des Einstein-Forums in Berlin, Professorin Susan Neiman.

MANUSKRIPT
Ansage:
Mit dem Thema "Mit zum Erwachsenwerden – Ein philosophisches Plädoyer".
Wenn es stimmen sollte, dass wir in einer infantilen Gesellschaft leben, dann gilt das Erwachsensein eher als Makel. Wenn es richtig sein sollte, dass unsere beste Zeit die zwischen dem 16. und dem 20. Lebensjahr ist, dann wird es für einen 40-Jährigen schwer, neue Lebensmuster zu erobern. Deshalb benötigen wir eine Ermutigung zum Erwachsenwerden, sagt die Philosophin und Direktorin des Einstein-Forums in Berlin, Professorin Susan Neiman.
Susan Neiman:
Seit gut zwei Jahren beschäftigt mich die Frage: Was heißt es, erwachsen zu sein? Da wurde mir erst klar, wie widersprüchlich unsere Beziehung zum Erwachsen-werden ist. Wir erwarten von gesunden Menschen, dass sie erwachsen werden sollen; Psychologen stellen ja Kriterien auf, die erwachsene Menschen erfüllen müssen, ob Trennung vom Elternhaus, Ausübung eines Berufes oder die Fähigkeit zu intimen Beziehungen. Jemand, der nach einem bestimmten Alter die Kriterien nicht erfüllt, wird pathologisiert. Gleichzeitig ist das schönste Kompliment, das wir uns vorstellen können: Du siehst aber viel jünger aus! Menschen, die im höheren Alter weltoffen und lebensfroh sind, werden als „junggeblieben“ oder „jung im Herzen“ gelobt; ganze Therapien werden entwickelt, um „das innere Kind“ zu pflegen. Das klingt alles harmlos, beinahe banal, aber damit wird eine heimtückische Botschaft transportiert: Die schönste Zeit des Lebens findet vor dem 30. Geburtstag statt, und in der Zeit danach sollen wir versuchen, das Jugendliche möglichst aufzubewahren, wenn wir lebendig bleiben wollen.
Nun kenne ich aber keinen Menschen, der die Zeit zwischen 18 und 28 wiederholen möchte. Wer ehrlich ist, wird sich an die Ängste und Zerrissenheit erinnern, und wer Gedächtnisstütze braucht, kann sich vieler empirischer Studien bedienen, die allesamt beweisen, dass das Glück gewöhnlicherweise mit dem Alter steigt. Das Jahrzehnt, das wir idealisieren, ist meist tatsächlich das schwierigste. Weil es das erste Mal ist, das wir selbstbestimmte Entscheidungen treffen, erscheint jede Entscheidung schicksalhaft. Später werden wir lernen, dass falsche Entscheidungen, selbst richtige Fehler auch möglich sind, ohne den Rest des Lebens zu verderben; vorerst schwanken wir, voller Angst. Wenn wir jungen Menschen wohlwollend raten, die besten Jahre ihres Lebens zu genießen, machen wir diese Jahre noch schwieriger für diejenigen, die sie durchmachen. Weil sie sich ihrer Unsicherheiten bewusst sind, auch wenn wir sie vergessen haben, können sie sich nur fragen: Wenn ich mich jetzt zerrissen und unsicher fühle, was kann ich von einer Zeit erwarten, die mir alle versichern, nicht die beste sein wird? Ich glaube, das ist tatsächlich der Punkt. Wenn wir das Leben als Verfallsprozess darstellen, bereiten wir junge Menschen darauf vor, wenig davon zu erwarten und noch weniger zu verlangen.
Eine Aufgabe der Philosophie ist zu fragen: Kann ein Mensch sich vom Elternhaus lösen, einen Beruf ausüben, ja selbst solide Freundschaften und Liebesbeziehungen führen, und dennoch nicht erwachsen sein? Wenn Sie nur eine Zeile von Kant im Kopf haben, ist es wohl der erste Satz aus „Was ist Aufklärung“: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Der Aufsatz ist lesbarer als seine gelehrten Schriften, was es umso rätselhafter macht, dass sich wenige die Mühe geben, mehr als die ersten paar Sätze zu lesen oder sie jedenfalls im Gedächtnis zu behalten.
Zugegeben: Es sind brillante Sätze. Unsere Unmündigkeit sei selbst verschuldet, aus
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mangelndem Mut: Nicht Unwissenheit oder Dummheit, sondern Faulheit und Feigheit halten uns vom Selbstdenken ab. Es ist so bequem, andere für sich entscheiden zu lassen! Kant hat Recht, es ist in der Tat oft unser eigenes Versagen: Wir sind nicht bereit, die Energie aufzubringen oder die Risiken einzugehen – sei es auch nur das Risiko der Peinlichkeit, die Selbstdenken von uns forderten. Es ist kein Rätsel, warum ein Lehrer eben diese Botschaft übermitteln möchte, wenn er den Aufsatz im Gymnasium behandelt. Schließlich sollten junge Menschen nicht auf die Idee kommen, dass es Probleme in der Gesellschaft gibt, deren Lösung mehr fordert, als ein wenig Mühe und Anstrengung ihrerseits. Die Botschaft von „Was ist Aufklärung?“ ist daher zu einem neoliberalen Mantra geworden, das nur die bestehenden Ordnungen stärkt: Es ist also Ihre Schuld, wenn Sie mit der Welt nicht zufrieden sind. Sie müssten bloß Ihre Faulheit und Feigheit überwinden, und schon wären Sie aufgeklärt, erwachsen und frei. Kein Wunder, dass Deutsche bestimmter Altersgruppen nur stöhnen, sobald das Wort „selbstverschuldete Unmündigkeit“ fällt.
Aber stöhnen Sie noch nicht! Es ist nicht allein Ihr Fehler. Sie mögen, wie ich auch, zu Faulheit und Feigheit neigen, aber diese Neigungen werden, wie Kant sagt, missbraucht. Die darin liegende politische Botschaft ist ebenso radikal wie kräftig. Unsere Unmündigkeit ist nicht, oder nicht ausschließlich, unser Versagen. Die gesellschaftlichen Strukturen, in denen wir leben, sind so beschaffen, dass sie uns infantilisieren. Um uns am Denken zu hindern, kultiviert der Staat unsere übelsten Neigungen. Mit einer Kenntnis, die bei einem kinderlosen Mann erstaunt, beschreibt Kant, wie wir laufen lernen. Ohne Hinfallen geht es nicht, aber Kinder am Gängelband zu halten, um sie vor Schrammen zu bewahren, macht sie ewig infantil. Hier denkt Kant natürlich nicht an überbetuliche Mütter, sondern an autoritäre Staaten, für die erwachsene Bürger nur Ärger bringen. Das Streben des Staates nach Kontrolle und unser Streben nach Bequemlichkeit schaffen zusammen Gesellschaften, in denen es weniger Konflikte gibt, nur sind es keine Gesellschaften für Erwachsene.
An welche Vormünder dachte Kant? Er lebte im Absolutismus, als selbst aufgeklärte Herrscher paternalistisch waren, und „paternalistisch“ noch kein Schimpfwort war. Wie sie ihre Untertanen damals auf Kinderniveau hielt, ist leicht zu verstehen, doch haben westliche Demokratien damit nicht aufgeräumt? Naja. Es kann kein Zufall sein, dass Europas mächtigste Politikerin regelmäßig „Mutti“ genannt wird, ebenso wenig wie es ein Zufall sein kann, dass Merkels wichtigste Botschaft vor allem beschwichtigend ist: Macht Ihr nur so weiter, Mutti kümmert sich schon um alles, und hält Euch Alpträume wie griechische Schulden und spanische Arbeitslosigkeit vom Leibe.
Aber nennen wir das Metapher: nicht unwichtige Metapher, aber keine wirkliche Beschreibung dessen, wie westlichen Demokratien funktionieren. Wie gelingt es einer modernen demokratischen Gesellschaft dann, uns infantil zu halten?
Ein Baby, das gerade gelernt hat, wie es auf die Welt einwirken kann, indem es durch das Zusammenspiel von Händen und Augen, einen Gegenstand ergreift, streckt die Hand vielleicht nach den falschen Sachen aus: der Brille seines Vaters, den Ohrringen seiner Mutter, dem Messer, das man versehentlich auf dem Boden hat liegen lassen. Doch wie leicht lässt es sich ablenken. Man braucht ihm nur etwas anderes hinzuhalten – ein Schlüsselbund reicht meistens aus – und schon hat es das Ziel seiner Begierde vergessen. Wenn es größer wird, fällt das Ablenken schwerer, das Prinzip aber bleibt das gleiche. Autoritäre Eltern scheuen sich nicht, ein Kind zu ohrfeigen, das unbedingt etwas haben möchte, was sie ihm nicht geben wollen. Alle anderen müssen verschiedene Formen der Ablenkung bereit haben.
Ältere Menschen von einem Gegenstand der Begierde abzulenken, kann komplizierter sein, aber die Sachen, mit denen wir abzulenken sind, sind nahezu grenzenlos – seit der Erfindung des Cyberspace vermutlich buchstäblich grenzenlos. Letzen November nahmen sich weitaus mehr Millionen von Leuten die Zeit, Kim Kardashians Hinterteil zu betrachten, als bei den amerikanischen Midterm-Wahlen eine Woche zuvor an die Urnen zu gehen.
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Doch Europäer durften nicht allzu selbstzufrieden sein: Aus den Webseiten geht hervor, dass erschreckend viele von Euch ebenfalls Kim Kardashian betrachtet haben, während Ihr stattdessen zum Beispiel Thomas Piketty hättet lesen könntet.
Meine Tochter meint, Erwachsene wie ich könnten wohl gar nicht verstehen, wie entsetzlich unsere Kultur ist, weil wir Social Media nicht benutzen. Vermutlich hat sie Recht. Nun kenne ich viele Erwachsene, die zu den Milliarden von Facebook-Mitgliedern gehören, und andere, die mich von des haiku-artigen Twitterns überzeugen möchten. Ich werde mich nicht anschließen, auch nicht um den neunten Kreis der Hölle des 21. Jahrhunderts zu verstehen. Es gab nämlich noch andere Dinge, die mich letzte Woche abgelenkt haben. Mein Computer hat die letzten Monate ziemlich rumgestottert – er ist ja auch darauf programmiert, das kurz nach Ablauf der Garantie zu tun – also habe ich schließlich einen neuen bestellt. Nun hat dieser aber neue Funktionen, die angeblich Verbesserungen darstellen, so dass ich alle mir angeeigneten Routinen jetzt wieder verlernen muss. Würde man all die Stunden zusammenrechnen, die wir mit den so munter bezeichneten Upgrades verplempert haben – wie stelle ich jetzt den neuen Wecker ein, grille ich mit dem neuen Backofen, archiviere die Nachrichten auf dem neuen Smartphone, speichere die Bilder auf der neuen Kamera, entsichere ich die neue Autozündung? –, wären das nicht genug Stunden, um Nahrungsmittel für alle hungrigen Kinder der Welt zu produzieren oder wenigstens ein Heilmittel für Krebs?
Die autoritären Mechanismen, zu denen der Absolutismus griff, um seine Untertanen unmündig zu halten, sind weitaus subtileren, aber auch machtvolleren gewichen. Zu den heutigen Mechanismen gehören nicht nur die zunehmenden Bemühungen, uns alle unter elektronische Überwachung zu stellen, sondern noch mehr das Geschick der Industrie, uns durch eine überwältigende Vielfalt von Wahlmöglichkeiten zwischen Automodellen oder Müslisorten zu blenden – während die wichtigen Entscheidungen von Erwachsenen getroffen werden. Die Unmündigkeit braucht nicht durch Gewalt oder List herbeigeführt zu werden, wir spielen ja freiwillig mit. Totalitäre Regime sind selten nötig und oft kontraproduktiv, denn wenn die Repressionsmechanismen klar erkennbar sind, werden sich immer mutige Geister finden, die dagegen aufbegehren. Einfacher und subtiler sind die Infantilisierungsprozesse nichttotalitärer Gesellschaften. Sie bestärken uns in unserer natürlichen Faulheit, indem sie unser Leben durch Spielzeuge bequemer machen. Natürlich werden weder Smartphones noch Autos als Spielzeug bezeichnet; man stellt sie vielmehr als Werkzeuge dar, ohne die ein Erwachsenenleben kaum noch zu bewältigen wäre. Vorstellungen einer gerechteren Welt werden hingegen als kindische, utopische Träume abgetan, die man zugunsten einer ernsthaften Tätigkeit aufgeben sollte, nämlich Spielzeug zu kaufen, und das heißt, einen ordentlichen Job zu finden, der uns einen Platz in der Konsumökonomie sichert – eine perfide Verkehrung, die uns dauerhaft den Kopf verwirrt. Kein Wunder, dass Kant den Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit als die wichtigste Revolution bezeichnet, die im Innern des Menschen stattfinden kann.
Wie schwierig diese Revolution sein muss, wusste Kant schon aus Rousseaus brillanter Schrift, die Abhandlung über die Wissenschaften und Künste. Darin hinterfragt Rousseau die grundlegendste Annahme der Aufklärung, dass nämlich nur Kultur und Wissenschaft den Weg zum Fortschritt und zur Freiheit ebnen. Nach Rousseau führten sie uns aber gar nicht zum Fortschritt, im Gegenteil, sie würden uns sogar versklaven. Die Werkzeuge, die sie für befreiend hielten, seien in Wahrheit Blumengirlanden, die unsere Ketten verzieren – und damit verbergen. Die Kultur ist zwar weniger despotisch, aber letztlich mächtiger als der Staat, weil sie uns unsere Versklavung lieben lässt, indem sie uns den Gedanken einflößt, genau das sei Zivilisation. Nun war Rousseau kein Asket. Weder gutes Essen, noch guter Wein, noch das jüngste Hightech-Spielzeug sind an sich ein Übel. Das Problem ist, dass sie falsche Bedürfnisse erzeugen, die uns abhängig machen. Das Vergnügen beim Kauf des neuesten Smartphones ist flüchtiger als die Unruhe, wenn man es aufzuladen vergisst: Plötzlich sind wir hilflos. Die Herrschenden fördern unsere Abhängigkeit, denn so werden wir davon abgehalten, über die realen Bedingungen nachzudenken, die unser Leben
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bestimmen. Wir können aus einer schwindelerregenden Vielfalt an Smartphones wählen. Aber wie steht es mit der Regierung, die uns vertritt, mit der Verwendung der Steuern, die sie verlangt, mit den Gesetzen, die wir einhalten?
Abgesehen vom Smartphone findet sich all das schon in Rousseaus erster Abhandlung, die 1750 in Paris Furore macht. Seine Argumente haben nichts von ihrer Kraft eingebüßt. Vielleicht glauben Sie, sie träfen zwar auf Steve Jobs oder auf die Vogue-Chefredakteurin Anna Wintour zu, nicht aber auf die Schöpfer höherer Kulturformen. Was ist mit uns Schriftstellern und Kritikern, Künstlern und Philosophen, deren Aufgabe es ja ist, sich mit den wirklich wichtigen Dingen auseinanderzusetzen? Für Rousseau sind wir meist die schlimmsten von allen. Erstens sind wir nicht weniger anfällig für die Versuchungen des Luxus als alle anderen, und etwas mehr für die Versuchungen der Eitelkeit. Deshalb schmücken wir die Ketten, die uns alle binden, mit Girlanden aus Rationalisierungen. Rousseau ist der erste gewesen, der den Begriff der falschen Bedürfnisse entdeckt. Er zeigt uns, wie die Herrschaftssysteme, in denen wir leben, uns vom Erwachsensein abhalten. Sollen wir doch ruhig unsere Zeit mit trivialen Entscheidungen verplempern, dann vergessen wir, dass andere die wichtigen Entscheidungen treffen. Diese Ideen sind noch heute subversiv. Nur ist noch alles schlimmer gekommen, als selbst die weitsichtigsten Denker des 18. Jahrhunderts sich haben vorstellen können.
Der Schriftsteller Ingo Schulze hat diejenigen, die derartige Gedanken hegen, mit dem Kind in Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ verglichen. Niemand wagt zu sagen, dass der Kaiser nackt ist – und nicht aus Angst vor Folter, Kerker oder Tod. Wir fürchten uns vor nichts schlimmer, als kindisch, naiv oder dumm genannt zu werden. Wir denken, vielleicht bin ich die einzige, die die angeblich unabdingbare Komplexität der Finanzmärkte oder des griechischen Schuldenbergs nicht durchschaut? Schulze war verblüfft, als die Finanzkrise Winkelzüge enthüllte, die weitaus schlimmer waren als alles, was man ihn in der Schule über den Kapitalismus gelehrt hatte – in den 1970er-Jahren in Dresden. Und es ist sicher kein Zufall, dass der religiöse Fundamentalismus genau zu dem Zeitpunkt ins Kraut schoss, als der Marktfundamentalismus zur führenden globalen Ideologie wurde, aber es ist eine Tragödie, dass der religiöse Fundamentalismus zur populärsten Kritik am Marktfundamentalismus geworden ist.
Die Weigerung, erwachsen zu werden, sieht daher wie eine Revolte aus – immerhin und endlich eine erwachsene Reaktion. Zwei gute Freunde – die ich auf eine erfreuliche Weise für erwachsen halte – waren entsetzt zu hören, ich schreibe an einem Buch über erwachsen werden. Die herrschende Vorstellung vom Erwachsensein ist so sauertöpfisch, dass selbst sehr kluge Leute ein Zeichen von Freiheit sehen in der Weigerung, erwachsen zu werden. Beide Freunde waren über meinen Thema konsterniert und einer sogar davon abgestoßen. Der andere bekannte freimütig: „Mein Held war immer Peter Pan“. Würden Sie ihn kennen, wären Sie nie darauf gekommen.
Diejenigen, die ein Interesse daran haben, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, mögen diese trostlose Ansicht der Mündigkeit nie ausdrücklich beabsichtigt haben, aber ihren Interessen ist dadurch bestens gedient. Wie könnte man die Menschen besser in ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit halten als dadurch, dass man ihnen eine Ansicht der Mündigkeit präsentiert, nach der kein vernünftiger Mensch streben würde? Nach der verbreiteten Auffassung heißt erwachsen sein, auf die eigenen Hoffnungen und Träume zu verzichten, die Grenzen, die uns die Realität setzt, zu akzeptieren und sich mit einem Leben abzufinden, das weniger aufregend und bedeutsam ist, als man anfangs angenommen hat. Weil es uns nicht gelungen ist, Gesellschaften zu schaffen, in die unsere Jugend gerne hineinwachsen möchte, idealisieren wir die Phasen der Kindheit und Jugend.
Finden wir bei Kant eine andere Ansicht vom Erwachsensein? Sein Ausspruch über die selbstverschuldete Unmündigkeit wird sehr oft angeführt – für meinen Geschmack zu oft – während seine Bemerkungen über die Mündigkeit kaum beachtet werden. Wenden wir uns
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kurz dem Schluss der Kritik der reinen Vernunft zu. Kant spricht hier selbstverständlich vom Erwachsenwerden der reinen Vernunft, nicht von dem der Individuen, dennoch ist sein Modell des Erwachsenwerdens so überzeugend, dass es sich ohne weiteres übertragen lässt. Die Kindheit der Vernunft ist dogmatisch. Kleine Kinder neigen dazu, alles, was man ihnen sagt, für bare Münze zu nehmen. Von welchem Standpunkt aus könnten sie denn auch etwas in Frage stellen? Mit etwas Glück scheint jeder Schritt, den das Kind macht, die eigenen Fähigkeiten und die Erkennbarkeit einer Welt zu bestätigen, die anfangs geheimnisvoll erschien. Das Kind lernt, dass Löffel stets nach unten und nicht nach oben fallen, wenn es sie loslässt; dass Bälle (und Spielautos und Kätzchen) sich nicht auflösen, wenn sie hinter einem Vorhang verschwunden sind. Mit der Zunahme der eigenen Fähigkeiten wird die Welt immer verständlicher. Warum sollte das Kind nicht annehmen, dass beidem keine Grenze gesetzt ist? Mit jedem Tag versteht es ein wenig mehr, enthüllt sich ihm ein weiteres Geheimnis seiner Welt. Einem Kleinkind wird die dogmatische Metaphysik des überzeugten Optimisten Leibniz selbstverständlich erscheinen: Hätten wir nur Welt und Zeit genug, wären wir in der Lage, alles zu wissen – und zu begreifen, dass diese Welt die beste aller möglichen Welten ist. Wäre alles andere nicht sinnlos?
Die nächste Stufe der Vernunft ist der Skeptizismus, und obwohl der Ausdruck „Adoleszenz“ zu Kants Zeiten noch nicht geprägt war, beschreibt dieser doch all deren Symptome: Die seltsame Mischung aus Enttäuschung und Hochgefühl, die die Entdeckung des Teenagers begleitet, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte. Sogar die allerbesten Eltern und Lehrer sind schwach. Sie wissen weniger, als wir glaubten, und können weniger Probleme lösen, als wir hofften. Selbst wenn sie uns nicht belügen, haben sie nicht alles gesagt, was sie hätten sagen können. Sie wollen uns auf die falsche Weise behüten und schaffen es nicht, uns auf die richtige Weise zu schützen. Sie nerven uns mit Gewohnheiten und Überzeugungen, die sie in früheren Zeiten erworben haben. Weshalb sollten wir da nicht denken, dass alle Wahrheiten und Regeln, die sie uns beigebracht haben, fehlgeleitet sind; ja dass schon allein die Vorstellung von Wahrheit und Regel beerdigt werden sollte? Weshalb sollten wir nicht von grenzenlosem Vertrauen in die Welt zu grenzenlosem Misstrauen wechseln?
Kant sagt, diese Stufe sei reifer als die großäugige Leichtgläubigkeit aus den Kindertagen und daher notwendig und wertvoll. (Allerdings hat er niemals einen Heranwachsenden erziehen müssen.) Doch der ungestüme Wechsel von grenzenlosem Vertrauen zu grenzenlosem Misstrauen bedeutet noch nicht, dass wir nun mündig geworden sind. Mündigkeit ist, wie niemanden überraschen dürfte, Kants Metapher für seine eigene Philosophie, die uns die Weisheit verleihen soll, einen Mittelweg zu finden zwischen den beiden Möglichkeiten: Alles, was man uns sagt, gedankenlos zu akzeptieren oder ungeprüft zu verwerfen. Erwachsen werden heißt, die Ungewissheiten anzuerkennen, die unser Leben durchziehen, und – schlimmer noch – ohne Gewissheit zu leben, aber einzusehen, dass wir nicht aufhören können, nach ihr zu suchen. Solch ein Standpunkt ist leichter zu beschreiben als durchzuhalten. Aber wer hat schon behauptet, erwachsen zu werden sei einfach?
Wenn uns das auf den ersten Blick nicht gefällt, dann nicht darum, weil es schwer, sondern weil es öde und langweilig ist. Ja schlimmer noch als öde, es klingt nach purer Resignation. Ist an diesem Standpunkt mehr dran, als das, was Ihr harmloser, wohlmeinender Onkel mit dem behaglichen Bauchansatz Ihnen mit auf den Weg gibt, wenn er sagt, das Leben werde weder so wunderbar sein, wie Sie als Kind dachten, noch so qualvoll, wie Sie als Jugendlicher meinten, und dass es an der Zeit ist, sich zusammenzunehmen und das Beste daraus zu machen? So banal diese Feststellung sein mag, so wahr ist sie auch. Aber ist es deshalb erstrebenswert? Warum nicht auf Kant pfeifen und lieber auf die Rolling Stones hören? If you try sometimes, you just might find you get what you need. Und da wir gerade von harmlosen Onkeln sprechen: Kants Leben kann kaum als Vorbild für ein erstrebenswertes Erwachsenendasein dienen. Heinrich Heine spöttelte gar, Kants Lebensgeschichte sei schnell beschrieben, da er weder ein Leben noch eine Geschichte gehabt habe. Derselbe Heine aber beschreibt Kant als einen Rebellen, der den Himmel
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erstürmte und den französischen Revolutionär Robespierre spießbürgerlich erscheinen ließ.
Um das zu verstehen, sollten wir noch einmal Kants These betrachten, Erwachsenwerden sei eher eine Frage des Mutes als des Wissens: Es braucht Mut, um mit dem Riss zu leben, der unser Leben, mag es auch noch so gut sein, durchziehen wird. Ideale der Vernunft sagen uns, wie die Welt sein sollte; die Erfahrung sagt uns, dass sie selten so ist. Erwachsenwerden verlangt, sich der Kluft zwischen beidem zu stellen, ohne eines davon aufzugeben.
Wer ist schon nicht versucht, eine der beiden Seiten aufzugeben? Während es zahlreiche Beispiele von Menschen gibt, die an den Dogmen der Kindheit festhalten – manche Prediger oder Politiker fallen da ein –, trifft man heute eher auf Menschen, die im Sumpf ihrer Adoleszenz steckengeblieben sind. Die Welt entspricht nicht den Idealen, die sie darin verwirklicht sehen wollen? Umso schlimmer für die Ideale. An Idealen festzuhalten, für die es anscheinend in der Welt keine Verwendung gibt, wird zu einer Quelle der Enttäuschung, sogar der Scham. Da erscheint es doch besser, sie gleich ganz aufzugeben, als unter der Erinnerung an eine enttäuschte Hoffnung zu leiden, und weitaus mutiger, der ungeheuren Verkommenheit der Wirklichkeit ins Auge zu blicken, als an etwas festzuhalten, das doch nur eine Illusion war.
Aber es ist keine Illusion. Die Vernunft veranlasst uns zu der Auffassung, dass die Welt Sinn haben sollte. Nicht dass sie wirklich einen Sinn hat – in diesen Irrtum verfallen Kinder, Leibniz, Hegel und andere dogmatische Philosophen. Die Vernunft treibt uns dazu an, die Welt als eine sinnvolle zu gestalten, indem sie uns die Frage aufdrängt, warum die Dinge so sind, wie sie sind. Im Bereich der theoretischen Vernunft führt diese Suche zur Wissenschaft, im Bereich der praktischen Vernunft ist das Ergebnis eine gerechtere Welt.
Für den Stoiker ist die Weigerung, die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist, eine Frage menschlicher Schwäche, die kurierbar ist, wenn wir nur unsere Gefühle verändern. Spätere Autoren wie Freud meinten, unsere Unfähigkeit, die Realität zu akzeptieren, entstammte infantilen Wünsche, die wir hinter uns lassen sollten. In Kants Augen dagegen entstammen sie der Stimme der kritischen Vernunft, auf die wir immer hören sollten.
So gesehen ist die Philosophie selbst ein entscheidender Teil des Erwachsenwerdens. Es ist zwar kein Wunder, dass viele Philosophen so denken, aber sie tun es auf unterschiedliche Weise. Hegel zum Beispiel meinte: „Die Philosophie will […] die verschmähte Wirklichkeit rechtfertigen.“ Heine nannte ihn deshalb den deutschen Pangloss, und so gesehen könnte Hegels Philosophie als Wiegenlied gelten.
Für Kant übernimmt die Philosophie genau die entgegengesetzte Aufgabe. Sie soll uns weder trösten noch beruhigen; sie ist praktisch dazu garantiert, uns das Leben schwieriger zu machen. Denn die Wirklichkeit ist nicht vernünftig, und die Vernunft hat dafür zu sorgen, dass wir das niemals vergessen. Indem die Philosophie uns durch die Dialektik von Dogmatismus und Skeptizismus führt, drängt sie uns, sowohl das Staunen als auch die Empörung zu akzeptieren, die beiden innewohnen.
Mut vor Regimen, die ihre Gegner töten und foltern, ist oft leichter aufzubringen als der Mut, den vielfältigen Formen des Spotts standzuhalten, mit denen demokratischere Kulturen ihre Kritiker zu schwächen versuchen. Es ist eine peinliche Tatsache, dass wir uns vor Peinlichkeit oft mehr fürchten als vor anderen Unannehmlichkeiten, aber die Tatsache ist deshalb nicht weniger wahr. Wie oft haben Sie es schon unterlassen, Hoffnung oder Empörung zu äußern, aus Angst, als kindisch abgetan zu werden? Seltsamerweise ist dies eine Furcht von Jugendlichen. Sie entsteht in einer Zeit, in der weniges so schlimm erschien wie die Erfahrung, als nicht so erwachsen wie die Gleichaltrigen zu gelten. Kant kann hier eine Hilfe sein, nicht indem er uns tröstet, wohl aber indem er uns versichert, dass es nicht unser Fehler ist, wenn wir außerstande sind, in der einen oder anderen Version des
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Stoizismus Trost zu finden. Unser Zorn ist durchaus berechtigt – und soll uns anspornen, das Sein und das Sollen in unserer Umgebung ein bisschen näher zu bringen.

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III
Zur Moral und Zukunft Europas von Susan Neiman

ÜBERBLICK
Welche Rolle spielt Moral künftig in EuropaImmer wenn man sich auf die gute alte Tradition der Aufklärung als sinnstiftendes Element beruft, wird man schnell in die Ecke des konservativen Idealisten geschoben, der auf Werte setzt, die längst keine Rolle mehr spielen. Dabei sind Moral, Humanität, Vernunft essentiell für das Zusammenleben und die Menschlichkeit, sie sind erst recht wichtig, wenn es um ein stetig wachsendes und zusammenwachsendes Europa geht. Professorin Susan Neiman, Philosophin und Direktorin des Einstein-Forums in Potsdam, zeigt, warum Europa ein neues Zeitalter der Aufklärung braucht.

* Zur Autorin:
Susan Neiman wurde in Atlanta, Georgia (USA) geboren. Sie studierte Philosophie in Harvard und an der Freien Universität in Berlin. Danach lehrte sie Philosophie in Yale und an der Universität in Tel Aviv. Seit 2000 ist sie die Direktorin des Einstein Forums in Potsdam.
Bücher (Auswahl):
- Moralische Klarheit – Leitfaden für erwachsene Idealisten. Verlag Hamburger Edition. 2010.
- Das Böse denken – Eine andere Geschichte der Philosophie. Suhrkamp Taschenbuch. 2006.

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INHALT
Ansage:
Mit dem Thema: „Die Zukunft Europas, Teil 2. Moralische Stärke – ein neues Zeitalter der Aufklärung“.
Im zweiten Teil unserer insgesamt sechsteiligen Europa-Reihe geht es heute um eine Tradition, die für viele längst erledigt zu sein scheint: um die europäische Aufklärung. Wenn man sich auf sie beruft, wenn man die Ethik von Immanuel Kant zitiert, wird man schnall als konservativer Idealist etikettiert. Dabei ist die Aufklärung ein ganz wichtiges Element für ein neues zukünftiges Europa.
Das sagt im folgenden Vortrag Susan Neiman, US-amerikanische Philosophin und Leiterin des Einstein Forums in Berlin. Ihr Text wird von Anja Brockert gelesen.
Susan Neiman:
Wenn es ein Wort gibt, das ein gebildetes europäisches Publikum noch stärker die Augen verdrehen lässt als „Aufklärung“, dann ist das vermutlich das Wort „Europa“. In diesen Tagen die Trommel für beide zu schlagen, könnte selbst einen optimistisch veranlagten Menschen einschüchtern. Tatsächlich gehören beide, die Verteidigung der Aufklärung und das Festhalten an einer Vision von Europa, eng zusammen: Die Aufklärung ist Europas beste Erfindung, und obwohl es gerade den Europäern am wenigsten klar zu sein scheint, hat kein Ort der Welt die Ideale der Aufklärung in einem solchen Maße verwirklicht wie das Europa von heute.
Natürlich war das nicht immer der Fall. Mitte des 18. Jahrhunderts sah es so aus, als wären die Pläne europäischer Philosophen zum Scheitern verurteilt. Zwar umschmeichelte Friedrich der Große Voltaire, doch dann vertrieb er ihn aus Potsdam; Katherina die Große forderte Diderot auf, das russische Bildungswesen zu gestalten, schlug aber alle seine Vorschläge in den Wind. Weder die Polen noch die Korsen hatten Interesse an den Verfassungen, die Rousseau für sie entworfen hatte. Europa schien so stark in ein Geflecht von Hierarchie und Bürokratie verstrickt – Brüssel hat wahrlich kein Monopol darauf –, dass neue Ideen nicht zur Blüte gelangten. Mag Europa die Aufklärung erfunden haben, Amerika war imstande, sie zu verwirklichen. Seit ihren Anfängen galten die Vereinigten Staaten als die fleischgewordene Aufklärung. Europäische Denker spekulierten darüber, ob alle Menschen gleich geschaffen waren, amerikanische Denker schrieben es ins Gesetz.
Was zur Veränderung dieser Beziehungen geführt hat, ist eine lange Geschichte, die ich heute nicht erzählen kann. Denn heutzutage spiegeln europäische Institutionen die Bestrebungen der Aufklärung in einem viel höheren Maß als amerikanische. An harten Fakten gemessen, leben Europäer in Strukturen, die so kantisch sind, wie sie je in der Welt erdacht worden sind. Auch die konservativste europäische Regierung wird an dem sozialdemokratischen Rahmen nichts ändern, der die Kluft zwischen Reich und Arm in Grenzen hält. In Europa gelten Obdach, Gesundheitsfürsorge und Bildung nicht als Vergünstigungen – „benefits“, wie es in Amerika heißt – sondern als Rechte. Wer mehr als einer Arbeit nachgehen muss, um die Grundbedürfnisse seiner Familie zu sichern, wer zwei Wochen Urlaub als erfreuliche Belohnung für jahrelange Aufopferung im Dienst an der Firma erhält,
wird kaum Zeit oder Energie haben, sich über die politischen Einrichtungen seiner Gesellschaft Gedanken zu machen. Durch ihre Kulturförderung und die Bereitstellung der für ihren Genuss nötigen Zeit unterstützen europäische Regierungen nicht bloß Unterhaltungsbedürfnisse und Vergnügungen, sie legen damit vor allem das Fundament für Demokratie.
Auf der anderen Seite des Atlantiks lassen schlechte Ernährung, Obdachlosigkeit, Kinder mit Waffen und ohne Krankenversicherung, steigende Kriminalität und sinkender Lebensstandard große Teile der USA wie den voraufgeklärten Naturzustand von Thomas Hobbes aussehen.
Doch obwohl die institutionellen Strukturen der beiden Kontinente seit dem zweiten Weltkrieg immer mehr auseinanderdriften, sind sich die treibenden Ideen dahinter ziemlich gleich geblieben. Amerikaner glauben an die Träume der Aufklärung und an ihre Fähigkeit, sie umzusetzen, obwohl die Träume in Amerika in immer weitere Ferne rücken; trotz ihrer Leistungen glauben Europäer stets an die grimmigen Kalküle der Realpolitik. Amerikaner mögen dabei sein, einen hobbes’schen Dschungel zu schaffen, aber sie sehen sich selbst im Dienst der Gerechtigkeit. Europäer mögen einen kantischen Garten angelegt haben, sind aber stolz darauf, ihre eigene Leistung herabzusetzen. Sollen wir daraus schließen, dass es beiden Kontinenten einfach an Selbsterkenntnis fehlt?
Was wichtig ist: Seit ihren Anfängen war die Aufklärung eine internationale Bewegung. Vor allem die Vorstellung, dass ein richtiges Urteil aus einer Menge von Perspektiven heraus zu fällen ist, hat die Aufklärung sehr früh inspiriert. Montesquieus Lettres persanes und Voltaires L’ingénu bedienten sich fiktiver Perser und Huronen, um in gespielter Naivität europäische Sitten zu kritisieren. Zwar war Europa die Heimat der Aufklärung, doch viele ihrer Impulse stammten ganz und gar aus Weltgegenden außerhalb Europas. Insbesondere westliche Chinareisende brachten Nachrichten mit nach Hause, die die abendländische Kultur bis ins Mark erschütterten. Mehr als tausend Jahre war Europa von der Vorstellung beherrscht worden, das Christentum sei notwendig für die Moral: Kirche und Staat lehrten, die Gesellschaft versänke in einem endlosen Wirrwarr von Verbrechen und Krieg, wenn da nicht die christlichen Vorstellungen von Sünde und Erlösung, Himmel und Hölle wären. Die Begegnung mit einer Kultur, die sehr viel älter und fortgeschrittener war als die eigene, und die dabei von nichts geleitet wurde, was auch nur annähernd dem Christentum glich, stellte für europäische Regierungen eine Bedrohung dar; für europäische Denker war sie eine Chance. Der Philosoph Christian Wolff erklärte, die chinesischen Sitten ließen sich eher von der Natur als von der Religion leiten und seien den europäischen überlegen. Was bald den Befehl König Friedrich Wilhelms I. nach sich zog, Wolff müsse die Universität Halle und überhaupt preußisches Territorium binnen 48 Stunden verlassen oder er werde gehängt. Der Philosoph verließ Preußen, wurde aber vom Sohn des Königs, Friedrich dem Großen, zurückgerufen, kurz nachdem dieser den Thron bestiegen hatte. Wolffs Ansichten und die Gleichgesinnter breiteten sich dennoch in Europa aus. Voltaire hatte sogar ein Bild des Konfuzius über seinem Schreibtisch hängen.
Für die Aufklärung waren weder Europa noch das Christentum allen anderen überlegen: die Aufklärung war die erste paneuropäische Bewegung, die ernsthaft
daran interessiert war, von anderen Kulturen zu lernen und sie zu verteidigen – oft zu einem nicht geringen Preis, wie Christian Wolffs Erfahrung zeigt. Später wurde diese Haltung als bloß rhetorisch abgetan, indem man darauf verwies, dass aufklärerisches Sendungsbewusstsein zu oft in Kolonialismus und Imperialismus endete. Obwohl die Aufklärung nichts zu tun hatte mit den Soldaten und Seeleuten des 19. Jahrhunderts, die von sich behaupteten, unwissenden Weltgegenden die abendländischen Werte zu bringen, während sie eben diese Werte in der Praxis mit Füßen traten.
Das sind die Einstellungen, die es der politischen Linken zugeneigten Europäern schwer machen, sich hinter die Aufklärung zu stellen, die das stolzeste Erbe des Kontinents sein sollte. In den letzten Jahren ist jedoch noch ein weiteres Phänomen sichtbar geworden. Bis tief in die 80er Jahre war die Linke in Europa und Amerika eine Befürworterin des Universalismus, wohingegen die Rechte gern von Kultur und Tradition sprach. Zum Teil ist es einer fatalen Hinwendung zur Gruppenpolitik seitens der Linken geschuldet, die, um dem Vorwurf des Eurozentrismus zu entgehen, Kultur und Tradition anderer Gruppen hochhielt. Das führte dazu, dass die Sprache des Universalismus, ja selbst der Aufklärung, mittlerweile zu einer Domäne der Rechten geworden ist. Der Zeitpunkt war äußerst verdächtig: Just in dem Moment, als die Türkei sich anschickte, in die EU aufgenommen zu werden, bekannten sich plötzlich christdemokratische Politiker in ganz Europa zu den Ideen der Französischen Revolution, die von ihren Vorvätern verabscheut wurden. Und so wie die Christdemokraten noch rechtzeitig den Feminismus für sich entdeckten, um Muslime aus der EU herauszuhalten, verbreitete sich die Sprache der Aufklärung gerade dann in Amerika, als deutlich wurde, dass keine Ideale hinter dem Krieg im Irak standen, sondern ein groteskes Interessengemenge: Vorherrschaft in der Region, Öl, und vor allem der Versuch, die Aufmerksamkeit von einer Präsidentschaft abzulenken, die sich schon vor dem Krieg als katastrophalste in der Geschichte der USA abgezeichnet hatte. Die demokratische Rhetorik wurde erst dann als Rechtfertigung für den Irakkrieg benutzt, als alle anderen Rechtfertigungsgründe – Massenvernichtungswaffen, Verbindungen zu Al Qaida – als fadenscheinig entlarvt worden waren.
Kein Wunder, dass selbst die Sprache der Aufklärung auf ihrem Heimatkontinent verlorengegangen ist. Sogar die Wörter klingen abgegriffen. Was genau eigentlich Demokratie in einer globalisierten, aus großen Staaten bestehenden Welt bedeutet, das ist eine ernste, immer noch ungelöste Frage. Wir werden sie erst beantworten können, wenn wir uns klarmachen, dass das Wort als Schimpfwort galt, bis Rousseau das griechische Wort Mitte des 18. Jahrhunderts wiederbelebte – was damals ebenso kühn wie gefährlich war. Aus Freiheit wurde Selbstbestimmung, aus Gleichheit wurde Chancengleichheit – Wörter, die so bürokratisch klingen, dass sie uns unweigerlich gähnen lassen. Von Brüderlichkeit wird höchstens noch in der Kirche gesprochen; andernorts würde man das Wort schnell als Kitsch abtun.
Wer heute die Aufklärung verteidigt, wird schnell belehrt, dass Adorno und Horkheimer sie längst erledigt hätten. Übrigens meinte nicht einmal Horkheimer, die Aufklärung sei erledigt, doch es kursieren bis heute mehrere Vorwürfe gegen die Aufklärung. Die wichtigsten lauten:
1) Die Aufklärung glaubt, die Menschheit sei von Natur aus gut und grenzenlos verbesserbar.
2) Die Aufklärung glaubt, jedes Problem mit Hilfe der Vernunft lösen zu können, und lässt keinen Platz für Gefühle.
3) Die Aufklärung hält nichts für heilig und profaniert alles.
4) Wenn sie irgendetwas verehrt, dann die Technik. Doch statt uns den unvermeidlichen Fortschritt zu bescheren, führte die Technik uns geradewegs nach Auschwitz.
Diese Thesen stützen sich auf nicht mehr als ein paar historische Belege, die zudem aus dem Zusammenhang gerissen sind. Es geht hier nicht um Nuancen: Die Aufklärung ist nicht nur komplexer als die Karikaturen, die heute von ihr in Umlauf sind, sie ist ihnen zumeist diametral entgegengesetzt. Wir brauchen nicht einmal Gelehrte, um die Karikaturen in Frage zu stellen: Eine Taschenbuchausgabe von Candide genügt, um zu sehen, dass die wichtigsten Einwände gegen die Aufklärung aus dem Herzen der Aufklärung selbst stammen. Hier wird jedem Leser klar, dass die Aufklärung gegen die Klischees angeht: Sie hielt weder die menschliche Natur für vollkommen noch den Fortschritt für zwangsläufig, weder die Vernunft für unbegrenzt, noch die Wissenschaft für unfehlbar; und sie sah in der Technik nicht die Lösung für alle zukünftigen Probleme. Warum man trotzdem auf den Karikaturen beharrt, ist eine wichtige Frage, auf die ich nicht eingehen kann. Ich möchte vielmehr fragen: Wenn die Aufklärung nicht derart schwache Grundsätze aufstellt, woran liegt ihr dann?
Die Aufklärung verteidigen heißt die Moderne verteidigen – samt ihren Möglichkeiten zur Selbstkritik und Veränderung. Solche Möglichkeiten bieten uns weder ein Rückfall in die vormoderne Nostalgie noch das Achselzucken der Verfechter der Postmoderne. Der Vormoderne nachtrauern, die Postmoderne gähnend begrüßen, die Moderne fortführen: Mir ist keine vierte Möglichkeit bekannt.
Kant war mit Abstand der größte Denker der Aufklärung. Vieles spricht dafür, sein Werk als Quelle fortschrittlicher Politik zu betrachten. Er vermittelt uns einen Vorgeschmack auf internationales Recht, auf die Vereinten Nationen wie auch auf die Sozialdemokratie. Doch keine dieser Ideen ist so bedeutend wie seine Idee von der Idee selbst, denn ohne diese grundlegende Metaphysik lässt sich jede Forderung nach Veränderung als utopische Fantasie abtun. Schon 1793 spießte Kant dieses Klischee auf, nämlich in dem Aufsatz: „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für den Praxis.“ Damit stellt er die Behauptungen der Empiristen auf den Kopf. Er schreibt: Natürlich widerstreiten Vernunftideen den Behauptungen der Erfahrung. Dazu sind Ideen ja da.
Das bedeutet: Ideale sind nicht daran messbar, ob sie der Realität entsprechen; die Realität wird danach beurteilt, inwieweit sie den Idealen gerecht wird. Aufgabe der Vernunft ist es sicherzustellen, dass die Erfahrung nicht das letzte Wort hat – und sie soll uns dazu antreiben, den Horizont unserer Erfahrung zu erweitern, indem sie uns Ideen liefert, denen die Erfahrung gehorchen soll. Wenn viele von uns es tun, wird es auch so sein. Dieser Idealismus verlangt, dass wir unsere Zerrissenheit erkennen: Die Kluft zwischen dem, wie die Dinge sind, und dem, wie sie sein sollen, wird nie ganz verschwinden. Im Gegensatz zu schlichteren Formen
des Idealismus – sei es Kommunismus oder Islamismus – ist Kants Idealismus so erwachsen wie modern.
Inzwischen gibt es etliche Studien über Dschihadisten, die alle in eine Richtung weisen: Die erbittertsten Gegner der westlichen Zivilisation sind selten die Leute, die von den Früchten genau dieser Zivilisation ausgeschlossen wurden. Im Gegenteil, sie sind gebildeter und wohlhabender als die Durchschnittsbürger ihrer Heimatländer. Sie weisen keine Anzeichen psychischer Störungen auf und haben sich auch nicht von religiösen Zaubermärchen verführen lassen. Solche Studien stellen nicht nur die nihilistische Erklärung des Terrorismus in Frage, sondern auch jede materialistische Erklärung, die mit falschem Bewusstsein argumentiert. Wenn nicht purer Nihilismus oder falsches Bewusstsein, was treibt die Dschihadisten dann an? Einen Grund müssen wir bei uns selber suchen: die Unfähigkeit unserer Gesellschaft, die eigenen Werte zu definieren und zu verteidigen. Das ist eine Aufgabe, die heutzutage selbst von den Konservativen nur zögerlich übernommen wird. Eine Gesellschaft, die nicht in der Lage ist, Menschen das Gefühl zu vermitteln, ihr Leben habe mehr Sinn als nur Spielzeug anzuhäufen, wird letztlich scheitern. Es geht hier um Würde. Wir wollen die Welt bestimmen und nicht nur von ihr bestimmt werden; wir wollen über den Dingen stehen, die wir manchmal zu konsumieren wünschen. Wir werden als Teil der Natur geboren und sterben auch so, am lebendigsten fühlen wir uns, wenn wir über sie hinausgehen.
Was sind denn die Werte der Aufklärung? Toleranz wird meist an erster Stelle genannt, ein schwerwiegender Fehler. Es ist ein Begriff der Resignation, höchstens dazu imstande, bestimmte Fehlentwicklungen in Grenzen zu halten, doch viel zu fade, um irgendetwas zu beflügeln. Man toleriert, was man nicht begrüßt, viel schlimmer noch: das, wogegen man nichts tun kann. Zweifellos ist es besser, den Nachbar zu tolerieren als ihn auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. In einer zunehmend globalen Welt ist Toleranz jedoch ein viel zu schwacher Begriff, um damit unser Leben zu ordnen. An die Stelle der Toleranz würde ich gern den Wert des Internationalismus setzen – einen Wert, der im Zeitalter der Globalisierung auf Resonanz stoßen könnte. Denn gerade der Internationalismus wurzelt, wie schon gesagt, in der Aufklärung. Wenn wir wirklich den Mut haben, zum Internationalismus zu stehen, könnten wir auch den Mut finden, eine Liebe zur eigenen Kultur zu entdecken.
Beide stehen nicht im Widerspruch zueinander, sondern könnten sich ergänzen. Wenn ich für die Kultur des Anderen nicht nur Toleranz, sondern Interesse, ja Begeisterung empfinde, was spricht dagegen, dass ich meine eigene auch schätze? Diese Möglichkeit scheint nicht nur hierzulande gerade für die Linken ausgeschlossen. Meine Kollegen in Holland sind sehr besorgt über den wachsenden populistischen Nationalismus, wie Geert Wilders ihn verkörpert, aber sie wissen gleichzeitig nicht so recht, wie man dem entgegentreten soll. Als ich neulich vorschlug, sie könnten doch Wege finden, den Stolz auf ihre eigenen Traditionen zu fördern, stieß ich auf eine gewisse Befremdung. Dabei haben die Niederländer eine reiche Tradition, die ihnen Selbstbewusstsein verschaffen könnte: angefangen von den frühesten Texten der Aufklärung bis zur Erfindung einer Malerei, die demokratische Tugenden beinhaltet, indem sie das Gewöhnliche mit der Würde und Aura umgibt, die bis dahin aristokratischen Helden vorbehalten war.
Natürlich haben die Niederländer nicht nur Spinoza und Vermeer hervorgebracht, sondern auch Kriege, Kolonialismus und die Art von banalem Krämergeist, für den sich die viele Niederländer heute noch schämen. Erwachsen werden ist jedoch für Nationen ebenso wie für Individuen ein Prozess, in dem es heißt, die Teile des Erbes zu wählen, welche man zurückweisen will und die, welche man sich zu eigen machen möchte. Wenn fortschrittliche Leute sich dem verweigern, wird das Thema Leitkultur völlig von den Rechten gepachtet. Sie haben bekanntlich damit Erfolg.
Wer die Aufklärung verteidigen will, muss robuste Werte aufzeigen. Neben dem Internationalismus konzentriere ich mich auf vier: Glück, Vernunft, Ehrfurcht und Hoffnung. Die Aufklärung forderte ein Recht auf Glück – was nur solange banal erscheint, bis man sich überlegt, wie es vor der Aufklärung um das Glück bestellt war. Vor der Aufklärung war das Glück in der Vergangenheit zu suchen – in einem Urzustand des Paradieses – oder in der Zukunft – in dem fernen Himmel. Leiden war das Tagesgeschäft der Gegenwart. Krankheit und Armut waren Folgen von Sünden und deshalb Teile eines Weltgerichts, in das man sich nicht einzumischen hatte. Aufklärer sein heißt, Ungerechtigkeiten nicht als Strafe zu deuten, sondern als Missstände, die möglichst von Menschenhand bekämpft werden sollen. Wer dagegen glaubt, das Leben sei ein Jammertal, wird sich vermutlich mit Jammern begnügen.
Glück als Recht und nicht als Gnade. Deshalb stellt die Vorstellung, es gebe ein Recht auf Glück, eine Reihe von Forderungen an die Gegenwart. Wer seinen Glücksanspruch daraus bezieht, dass er die Ansprüche anderer ignoriert – sei es der Marquis de Sade oder der Vorstandsvorsitzende von Goldman Sachs – ist ausgeschlossen.
Die Vernunft der Aufklärung ist so aktiv wie das Glück. Der mechanistisch instrumentelle Vernunftbegriff der Rationalisten wurde entschieden abgelehnt; nicht nur, weil er nicht imstande ist, die Welt zu erklären, sondern vielmehr weil er weder frei ist noch Freiheit fördern kann. Denn das ist ihre Aufgabe: Die Vernunft stellt sich nicht, wie die Romantiker klagten, gegen die Natur, sondern gegen die Obrigkeit, die ihre Macht verteidigt, indem sie das Recht auf Denken einer kleinen Elite vorbehält. Die Aufklärer waren sich allemal bewusst, dass die Vernunft auch Grenzen hat; sie waren nur nicht bereit, der Obrigkeit die Festlegung dieser Grenzen zu überlassen. So wird jeder zum Selbstdenken aufgefordert: Jeder Bauer kann es tun, jeder Professor dabei scheitern. Kern der Vernunft ist das Prinzip des zureichenden Grundes, nicht als Feststellung, sondern als Forderung: Die Fähigkeit, Gründe für das Gegebene zu suchen, ist die Grundlage aller wissenschaftlichen Forschung und sozialen Gerechtigkeit. So verstanden wird die Vernunft weder auf Technik beschränkt noch gegen die Leidenschaft ausgespielt. Die Verkörperung des aufgeklärten Vernunftbegriffes ist nicht der regelbesessene Technokrat, sondern Mozarts selbstbewusster Figaro, der sich seines eigenen Verstand gegen die Aristokratie bedient – gerade um seine Leidenschaft zu verwirklichen.
Ehrfurcht gehört auch zu den Werten der Aufklärung, doch warum darauf bestehen, vor allem in Zeiten, wo so viele aufgeklärte Menschen sich von der
Religion abgekehrt haben? Das Unbehagen, dass die modernen westlichen Gesellschaften etwas verleugnen, was wir anerkennen sollten, macht sich nicht nur bei Konservativen breit; subkutan spielt es auch eine Rolle bei manchen, die mit der Partei der Grünen sympathisieren. Die Umwelt hat nicht nur einen Gebrauchswert. Es ist sicherlich der Fall, dass die Klimaveränderung uns große Kosten verursachen wird. Doch wer nur instrumentell argumentiert, verkennt die tieferen Gründe, warum wir die Umwelt schützen sollten. Ehrfurcht umfasst Bewunderung, aber vor allem Dankbarkeit: für das Sein selbst und für die Tatsache, dass man lebt, um es zu erfahren. Man hat Ehrfurcht vor Gott oder der Natur, aber auch vor Idealen der Gerechtigkeit, der Schönheit oder der Wahrheit – alles Bereiche, die unser eigenes Streben letztendlich übersteigen. Ehrfurcht ist ein Wert, der uns im Gleichgewicht hält. Wie Kant es erklärt: der bestirnte Himmel über mir zeigt mir meine Grenzen, so wie das moralische Gesetz in mir meine Macht zeigt.
Der fünfte zentrale Wert der Aufklärung ist die Hoffnung – nicht zu verwechseln mit dem Optimismus, der so deutlich im Candide verworfen wurde. Optimismus ist eine Verkennung der Tatsachen; Hoffnung zielt darauf, Tatsachen zu ändern. Belege dafür, dass uns die Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden, angeboren ist, liefern inzwischen Disziplinen wie die Primatenforschung, aber auch die Kinderpsychologie und die Neurowissenschaften. Wir haben das Zeug dazu, uns anständig zu verhalten. Dass wir auch Unheil anrichten können, steht in jeder Zeitung. Unsere Vorstellungen vom Naturzustand der Menschen sind nicht naturwissenschaftliche Theorien, sondern Werkzeuge, mit denen wir die Zukunft gestalten. An welcher Zukunft wollen wir arbeiten?
Wenn die Fähigkeit zum Guten so deutlich ist wie die Fähigkeit zum Bösen, warum zieht uns dann letztere mehr an? Pessimismus ist Mode. Heute sind auch Menschen, die zum sogenannten fortschrittlichen politischen Lager gehören, kaum bereit, das Wort Fortschritt in den Mund zu nehmen – jedenfalls nicht ohne Gänsefüßchen. Kurioserweise ist der Begriff von Fortschritt, der in vielen Köpfen herumspukt, von den Neoliberalen übernommen. Für die ist Fortschritt uneingeschränktes ökonomisches und technologisches Wachstum. Doch der Aufklärung ging es um moralischen Fortschritt. Wirtschaftliches und technisches Wachstum können als Mittel zu Bekämpfung von Armut und Krankheit dazu beitragen, galten aber nie als Ziele an sich. Dass angeblicher Fortschritt nicht immer echten Fortschritt brachte, ist unbestreitbar, aber kein Argument dafür, dass Fortschritt unmöglich ist. Die moralischen Fortschritte, die die Aufklärung brachte, sind offensichtlich: von der Abschaffung der Folter und der Sklaverei bis hin zur Einführung der Ideen von Bürger- und Menschenrechten. Und die Tatsache, dass es heute möglich ist, Menschenrechte zu verletzen und die Folter wieder einzuführen, beweist nur eins: Fortschritt ist nicht unvermeidlich, sondern liegt in Menschenhänden. Warum wehren wir uns dagegen?
Erstaunlicherweise halten viele der überzeugten Atheisten am übelsten Merkmal des Christentums fest: an der Lehre von der Erbsünde. Die Lehre von der Erbsünde liefert uns einen Grund für alles Böse, das uns widerfährt; so ergibt es wenigstens Sinn. Unsere Neigung, das Schlimmste von der menschlichen Natur anzunehmen, wurzelt also nicht in der Wissenschaft, sondern im Glauben. Ohne Zweifel ist das eine Art von Selbstschutz: Idealisten werden ihr Leben lang
enttäuscht werden, Pessimisten dagegen nur erfreulich überrascht. Idealisten wird Bequemlichkeit und Schönfärberei vorgeworfen, in Wahrheit ist die Haltung alles andere als leicht. Die Trägheit der selbsternannten Realisten lässt den Verdacht aufkommen, dass sie es eigentlich sind, die auf Bequemlichkeit abzielen.
Ich neige selber nicht zum Pessimismus, stelle aber immer wieder zwei schlechte Charakterzüge an uns fest: Wir sind verdammt undankbar und wir haben kein Gedächtnis. Historisch gesehen ist die Europäische Union ein Wunder, wurde aber kaum als Wunder gefeiert. Zu den Feierlichkeiten anlässlich des 50. Jahrestages der Römischen Verträge fand sich in der offiziellen Pressemitteilung ein Informationsangebot, das anscheinend versuchte, Begeisterung für die EU zu wecken mit Fragen wie: „Was bedeutet Europa für meinen Arbeitsplatz?“, „Welche Vorteile bringt mir die EU?“. Dann wurde ein Katalog aufgeführt, der zeigt, welche Vorteile die EU den Bürgern bringen soll. Offensichtlich sehen unsere Politiker das ähnlich, denn sie schicken die Kollegen, die sie loswerden wollen, nach Brüssel. – Aber mal im Ernst: Solche Fragen führen uns nirgendwo hin. Wenn man etwas für sein Land oder seinen Kontinent tun möchte, dann muss man natürlich glauben, dass es oder er für mehr steht als für eine Ansammlung von Interessen, beispielsweise für eine Errungenschaft, die auf bestimmten Idealen basiert. Auf das Wunder von Europa zu verweisen heißt eben nicht, zufrieden zu sein mit der faden Bürokratie in Brüssel, es heißt, darauf aufmerksam zu machen, was aus der Idee Europa in Zukunft werden könnte.
In der Tat zweifeln die meisten Europäer daran, dass Europa wirklich existiert, denn für sie ist dieses Europa nichts weiter als eine reichlich unbestimmte (!) geographische Einheit und eine Reihe von Wirtschaftsabkommen. Doch fragen Sie mal einen Afrikaner, Asiaten oder Amerikaner, ob Europa existiert, und Sie werden schallendes Gelächter hören. Nun weiß ich sehr wohl, dass Europa nicht Amerika ist – und nicht Kanada, Indien oder die Türkei, das alles sind Vielvölkerstaaten, die erfolgreich Wege gefunden haben, mit der eigenen Vielfalt zu leben. Während Europa eifrig debattiert, ob es als ein Ganzes existiert oder nicht, befindet sich die übrige Welt auf der Suche nach Vorbildern – die Europa schon bieten könnte, wenn es sich endlich von Trägheit und Selbstzweifeln befreit, wenn es sich auf die Werte der Aufklärung beruft.
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