Benjamin Dober: Ethik des Trostes . Hans Blumenbergs Kritik des Unbegrifflichen

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Ethik - Trost . B. Dober
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Online-Publikation: November 2019 im Internet-Journal <<kultur-punkt.ch>>
Ereignis-, Ausstellungs-, AV- und Buchbesprechung
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320 Seiten; 22.2 x 14 cm; Broschur; ISBN 9783958321946; 39,90 €
Dieser Titel ist auch im Verlag Humanities Online als E-Book erhältlich:
Velbrück Wissenschaft, D-53919 Weilerswist-Metternich; http://www.velbrueck-wissenschaft.de

Charakteristika
> Der Mensch ist ein Wesen, das in besonderer Weise auf Trost angewiesen ist.

Inhalt
Mythos und Theologie, Literatur und Philosophie, Psychoanalyse und Medizin – kulturgeschichtlich treten unterschiedliche Formen der Welt- und Selbstdeutung auf, die sich auf ihre Trostfunktion hin beschreiben lassen. So verschieden solche Tröstungen sind, haben sie doch allesamt metaphorische und narrative Anteile. Eben diese Bilder und Geschichten, wie sie in unterschiedlichen Bereichen auftreten, hat Hans Blumenberg als unbegriffliche Formen untersucht. Dabei ging es ihm auch darum, Trostangebote und Trostprogramme einer Kritik zu unterziehen. Diese Kritik beruht auf einer Anthropologie, wie sie Blumenberg über viele Schriften hinweg erarbeitet hat.
Die vorliegende Untersuchung eignet sich auch als Einführung in die Anthropologie des Philosophen. Blumenberg beschreibt den Menschen als das trostbedürftige Wesen, das in seinem Streben nach Vollendung und Unsterblichkeit, nach Wahrheit und Glück fragmentarisch und enttäuschungsanfällig bleibt. Um mit der Endlichkeit umzugehen, muss der Mensch stets zu einem menschlichen Maß finden. Hierbei kommt dem Trost eine ganz entscheidende Bedeutung zu. Doch was genau ist Trost? Und wie gehen wir damit um, dass nicht alles, was tröstet, gut ist? Die Unterscheidung zwischen menschlichem und unmenschlichem Trost führt den Autor auf drei Haltungen, die Blumenbergs Philosophie auszeichnen: auf den tröstlichen Humor, auf die tröstliche Erinnerung als eine Verpflichtung gegenüber den anderen und auf die vorsichtige Skepsis der Nachdenklichkeit.
Die Studie zeigt, wie Blumenberg von seiner Beschreibung des Menschen aus zu einer Ethik des Trostes gelangen konnte. So wird auf die Frage nach der Stellung der Ethik in Blumenbergs Denken erstmals umfänglich geantwortet. Blumenbergs Philosophie kann Orientierung geben, um zu einem humanen Umgang damit zu finden, dass wir auf allen Gebieten der Trostsuche wie des Trostspendens stets ins Unbegriffliche unserer Bilder und Geschichten verstrickt bleiben.

Der Protagonist
Hans Blumenberg (* 13. Juli 1920 in Lübeck; † 28. März 1996 in Altenberge bei Münster) war ein deutscher Philosoph.
Die frühe Schrift Paradigmen zu einer Metaphorologie verfolgt anhand ausgewählter Beispiele aus der Geistes- und Philosophiegeschichte den Gedanken, dass bestimmte Metaphern (wie etwa die der „‚nackten‘ Wahrheit“) als „Grundbestände der philosophischen Sprache“ anzusehen sind, die sich nicht durch Begriffe ersetzen und so „ins Eigentliche, in die Logizität zurückholen lassen“. Solche „absoluten Metaphern“ konstituieren nach Blumenberg eine in ihrer Anschaulichkeit und ihrem Sinngehalt begrifflich nie vollständig einholbare Vorstellung von Wirklichkeit als einem Ganzen, an der sich menschliches Denken und Handeln orientieren kann und muss.
In späteren Studien
(Arbeit am Mythos, 1979; Höhlenausgänge) profiliert Blumenberg zunehmend den anthropologischen Hintergrund seines Denkens. Dabei ist die an Arnold Gehlen angelehnte Annahme leitend, dass der Mensch als endliches und hinfälliges Mängelwesen bestimmter Hilfsmittel bedarf, um sich angesichts des „Absolutismus der Wirklichkeit“ behaupten zu können. Unter diesem Aspekt interpretiert Blumenberg nun Metaphern und Mythen – auf Grund ihrer die Wirklichkeit distanzierenden, in ihr orientierenden und den Menschen so entlastenden Leistungen – als ein funktionales Äquivalent zu Institutionen im Sinne Gehlens.
https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Blumenberg

Autor
Benjamin Dober ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich der Philosophischen Anthropologie an der Universität Freiburg und arbeitet zusammen mit Magnus Striet an einem Projekt zu Hans Blumenberg innerhalb des SFB »Helden, Heroisierungen, Heroismen«.

Fazit
Der philosophische Anthropologe Benjamin Dober unterucht in seinem Diskursbuch "Die Ethik des Trostes" Hans Blumenbergs Kritik des Unbegrifflichen.
Im ersten Teil analysiert der die naturalistische Auffassung des 'Mängelwesen -Modells' von Blumenberg, wobei der Prometheus-Mythos als Paradigma kulturphilosophischen Transformationen und Trost als eine anthropologische Kategorie definiert.
Im zweiten Teil werden Trost rhetorisch wie metaphorisch (1) nach symbolischer Erkenntnis ausgearbeitet, wobei die 'tröstliche Vieldeutigkeit‘ zum Ausdruck kommt, bei Freud, Cassierer und Gehlen.
Im dritten Teil werden schliesslich die Modi einer Ethik des Trostes dargestellt. Es wird dabei Trost 'humorvoll' (ironisch, auch resignierend) und 'erinnernd' (eschatologisch) ins Visier genommen. Die Untersuchung endet mit dem Topos  Nachdenklichkeit, wie dieser von Blumenberg gesehen wird: 'Der nachdenkliche Mensch neigt dazu, in bewundernswerter Ausdauer Dinge zu verrichte, auch Texte herzustellen, die er niemals zureichend versteht. Vielleicht liegt gerade im unzureichenden Selbst-Verständnis, in der als tröstlich erkannten Undurchsichtigkeit von Selbst und Welt ein Grund dafür, dass wir in der philosophischen Praxis das Nachdenken und das Schreiben ritualisieren und dialogisieren'.
So ist es Philosophischen Anthropologie ungemein feinsinnig gelungen das Unbegriffliche im Topos Trost, auch dank Blumenberg, als 'Aufgabe und Weg' weiterhin kritisch zu erhellen. m+w.p19-11

1) Metaphorologie
untersucht Funktion, Struktur und Bedeutung der Metapher für Denken, Erkennen und Handeln in systematischer und geschichtlicher Hinsicht. Im Zentrum der M. steht die philosophisch-hermeneutische, linguistisch-semiotische und historischetymologische Analyse metaphorischer Prozesse und Strukturen. Dabei werden v.a. kognitive, emotive, kreative, kommunikative, ästhetische und mythische Funktionen und Leistungen der Metapher unterschieden. Da die Interpretation von Metaphern vor dem Assoziationshorizont tradierter Bildfelder entfaltet wird, beschäftigt sich die M. besonders mit der synchronen und diachronen Strukturanalyse von Metaphernfeldern, -kontexten und -isotopien. Meist sind solche Funktions- und Strukturbestimmungen die Grundlage für die Entwicklung von Metapherntypologien. – Als Teil einer philosophischen Begriffsgeschichte rekonstruiert die M. darüber hinaus grundlegende Metapherntraditionen, um die prägende Funktion von epochaler Hintergrundmetaphorik zu zeigen: Die Wahrnehmungs- und Denkgewohnheiten einer Epoche werden nämlich von sog. absoluten Metaphern vorbestimmt. Diese fungieren in der Wissenschaft als Paradigmata, im normativ-praktischen Bereich dienen sie als sog. Daseinsmetaphern der welterschließenden Wert- und Handlungsorientierung. So erfüllen seit der Antike die Lichtmetaphorik in der Philosophie und die Theater- und Schifffahrtsmetaphorik in der Daseinsinterpretation eine paradigmatische Funktion. Strittig ist dabei seit Nietzsche, ob epochale Hintergrundmetaphorik – gleichsam als Basis jeder Metaphysik – a priori unhintergehbar ist oder ob sie hermeneutischkritisch transzendiert und somit historisch relativiert werden kann.
 Metzler Lexikon Philosophie
https://www.spektrum.de/lexikon/philosophie/metaphorologie/131
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