J. Geil: Ruhe auf der Flucht - Kultur-Punkt.ch

Belletristik
J. Geil: Ruhe auf der Flucht
-be-steidl-16-10geil-flucht


Online-Publikation: Oktober 2016 im Internet-Journal <<kultur-punkt.ch>>
Ereignis-, Ausstellungs-, AV- und Buchbesprechung
<<  Joachim Geil: Ruhe auf der Flucht . Roman >>
 376 Seiten; Leineneinband mit Schutzumschlag; 15 x 22.5 cm; ISBN 978-3-95829-206-2; € 24,00
Steidl Verlag Göttingen; http://www.steidl.de

Charakteristika
-Der Besuch im Flucht-Zwischenraum - diesem Sprach-Lab/yrinth - lohnt!

Inhalt
Hubert, Vogelkundler und Liebhaber der schönen Schrift, muss raus. Dreißig Jahre unter einem Dach mit seinem Onkel sind genug. Zwei Möglichkeiten hat der talentierte Kauz: Flucht oder Rache, denn sein Onkel hat ihn jahrelang missbraucht.
Doch wohin fliehen? Vielleicht in die Welt von Jan und Daniel, einem hinreißenden Liebes- und Diebespaar, das mit leichter Hand Kunst aus Museen stiehlt und bravourös übermalt. Oder zu Jakob, dem eigensinnigen Dichter, der mit einem einzigen legendären Gedicht sein späteres Schicksal besiegelt?
Vielleicht ist die Zeit auch reif, sich zu rächen. Ermutigt durch Jill, die rebellische Tochter eines skrupellosen Investors, schmiedet Hubert Pläne. Nicht blutig soll der Rachefeldzug gegen seinen Peiniger werden, aber tödlich. Da erfährt er von fünf jungen Frauen, allesamt Opfer ungeklärter Morde. Hubert schreibt vier Briefe, mit fatalen Folgen.

Autor
Joachim Geil, geboren 1970, lebt und arbeitet als Autor, Ausstellungskurator und freier Lektor in Köln. Er hat Kurzgeschichten, zahlreiche Essays zur Kunst und eine Künstler-Monografie geschrieben. Sein vielbeachtetes Romandebüt Heimaturlaub ist ebenfalls bei Steidl erschienen. Für einen Auszug aus Tischlers Auftritt erhielt Joachim Geil 2011 den Georg-K.-Glaser-Förderpreis, für die Romane Heimaturlaub und Tischlers Auftritt 2013 den Pfalzpreis für Literatur.

Fazit
Joachim Geil, sowohl der bildenden Kunst als auch der Literatur zugewandt, gliedert seinen Ich-Roman " Ruhe auf der Flucht" 'in vier teile und neunundfünfzig Verwahrstücke'. In der 'teilen' gibt es das Du : sowie tut's noch weh, und raus bist du (ein umgedrehter Slogan von Schöffel, aktuell im TV: 'ich bin raus ) aus dem Mensch-ärgere-dich-Spiel ?' und nimm das Kindlein' deutet auf die sich entfaltende Kreativität: Da ist das leere Blatt, die ersten Zeichen, die Fraktur... 'so müssen Jahrzehnte vergehen...bis der Innendruck Mut gewinnt, bis es einen zerreisst . ein leeres Blatt, dann beschrieben, eine Notiz, Gedicht, ein Brief. Und nun sein Roman, beinah autobiografisch, wären da nicht die vier folgenden Verwahrstücke Naturalia, Artefacta, Scientifica und Mirabilia. In diesen treten Doktor Parkinson, der Erlenkönig und der Buchändler Diel auf. Es folgen der Schmerzensmann, Bauernbruegel und Mister Emmel. 
Zuletzt erscheinen Fotze und Fotze, ein Daniel und Hans mehrfach, wobei habemus Papam, die Szene mit der Familie und den pausbäckigen Engeln zur Kussbereitschaft nicht fehlen durfte.
Es geht im Roman keineswegs um eine erfundene,  sondern um eine soz-reale Welt in der die Fratze der Wirklichkeit gekonnt und mit typografischer Synästhesie im hohen Masse sprachlich verDICHTet erscheint. m+w.p16-10