M. Walser: Ein sterbender Mann - Kultur-Punkt.ch

Martin Walser: Ein sterbender Mann - Roman

Wir würdigen   Bellestristik
M. Walser: Ein sterbender Mann
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Online-Publikation: Januar 2016 im Internet-Journal <<kultur-punkt>>
Ereignis-, Ausstellungs-, AV- und Buchbesprechung
<<  . Unter Mitarbeit von Thekla Chabbi>>
287 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Fadenbindung und Leseband, ISBN 978 3498 07388 6; EUR 19,95
Rowohlt Verlag, D-10178 Berlin; http://www.rowohlt.de; http://www.rororo.de


Inhalt
Theo Schadt, 72, Firmenchef und auch als „Nebenherschreiber“ erfolgreich, wird verraten. Verraten ausgerechnet von dem Menschen, der ihn nie hätte verraten dürfen: Carlos Kroll, seinem engsten und einzigen Freund seit 19 Jahren, einem Dichter. Beruflich ruiniert, sitzt Theo Schadt jetzt an der Kasse des Tangoladens seiner Ehefrau, in der Schellingstraße in München. Und weil er glaubt, er könne nicht mehr leben, wenn das, was ihm passiert ist, menschenmöglich ist, hat er sich in einem Online-Suizid-Forum angemeldet. Da schreibt man hin, was einem geschehen ist, und kriegt von Menschen Antwort, die Ähnliches erfahren haben. Das gemeinsame Thema: der Freitod.
Eines Tages, er wieder an der Kasse, löst eine Kundin bei ihm eine Lichtexplosion aus. Seine Ehefrau glaubt, es sei ein Schlaganfall, aber es waren die Augen dieser Kundin, ihr Blick. Sobald er seine Augen schließt, starrt er in eine Lichtflut, darin sie. Ihre Adresse ist in der Kartei, also schreibt er ihr – jede E-Mail der Hauch einer Weiterlebensillusion. Und nach achtunddreißig Ehejahren zieht er zu Hause aus. Sitte, Anstand, Moral, das gilt ihm nun nichts mehr. Doch dann muss er erfahren, dass sie mit dem, der ihn verraten hat, in einer offenen Beziehung lebt. Ist sein Leben “eine verlorene, nicht zu gewinnende Partie"?
Martin Walsers neuer Roman über das Altsein, die Liebe und den Verrat ist beeindruckend gegenwärtig, funkelnd von sprachlicher Schönheit und überwältigend durch seine beispiellose emotionale Kraft.

Autor
Martin Walser, 1927 in Wasserburg geboren, lebt in Überlingen am Bodensee. Für sein literarisches Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter 1981 den Georg-Büchner-Preis und 1998 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Außerdem wurde er mit dem Orden «Pour le Mérite» ausgezeichnet und zum «Officier de l’Ordre des Arts et des Lettres» ernannt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Walser

Stimme
Verrat unter Freunden, Suizidwunsch, späte neue Liebe: Der 89-jährige Martin Walser erzählt in "Ein sterbender Mann" verstörend vom Lebensende - und scheint mit dem Buch auf seine Weise Abschied vom Schreiben zu nehmen.
All das erfährt der Leser nicht als unmittelbar erzählte Handlung. Walser lässt seine tragische Hauptfigur Schadt einen Brief schreiben, in dem er berichtet, referiert und zitiert, etwa seine Blogeinträge bei den "Suizidalen". ...
http://www.spiegel.de/kultur/literatur/martin-walser-ein-sterbender-mann-in-der-kritik-a-1070393.html

Fazit
Grosso modo geht es um einen Briefroman "Ein sterbender Mann" vom Protagonisten Theo Schadt an den/einen Schriftsteller (Walser ?) geschrieben.
Zum Glück gibt es eine Leseband, das (rein zufällig? vegetativ) bestens verlags-produziert  so eingelegt mit seiner umgelegten 'roten Zunge' auf die Seite 91 genau auf die Kernaussage hinweist; 'Auf meiner Zunge rostet ein Schmerz'. Das erleben Rotweintrinkende gleichfalls wenn sie nach tanin-haltigen Weinen diese betrachten: 'Eisenbräune' kommt ihren Blick schockierend entgegen.
Im vorfolgenden Absatz entbirgt sich das Schmerzliche des Dichters beim Entbergen (dem Schmerz entfliehen) seiner Sprache:
' Mich verbergen/ in mir. Die Sprache / wechseln, dass ich / mich nicht mehr verstehe.' .
Nur eine Silbe weniger, dann ist es: Ein Haiku.

Quintessenz: Der Dichter sucht nach Sprache, versteht sie selbst nicht (pulchrum*) aber entbirgt sie/he Platon (PA4*).
Der Dichter 'wechselt' zwischen Apollinischem/noesis (sichtbare Sprache), der Gleichgewichtigkeit/bonum und dem Dionysischen/pulchrum** (verbergende Sprache), dem Schönen, dass sich durch den 'Schriftsteller' mit höchster Erkenntnis beim Schreiben eines intellektuell-poetischen Parodikers 'unter Verrätern' und eines Weisen, klar, auch parodisch geklärt vom Unbill, im schriftstellerisch-poetischen Lebenswelt, entbirgt. m+w.p16-1

*) Diskurs Platon Akademie 4 
    http://www.kultur-punkt.ch/diskurs-platon-akademie-4-pa4.html
**) Das ästhetisch Eine: Schöne / pulchrum > hier:
    Dionysisches : analog - metaphorisch ; poetische ErKenntnisse lassen sich zwar in Worte  fassen, doch nicht begründen: