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Robert Kurz: Die Welt als Wille und Design

W+B Agentur-Presseaussendung vom Juni 1999
< <Mit Robert Kurz auf dem langen Marsch durch die modernde Ästhetik>>.

 Theoretisch - publizistische Streitschrift über den postmodernen Lifestyle. Edition TIAMAT, Berlin, 1999, 189 S., 28,00 DM. www.txt.de/tiamat

Der Mitherausgeber der Theoriezeitschrift Krisis Robert Kurz publiziert seit Anfang der neunziger Jahre zu Themen der neo-liberalen Globalisierung und ihren Folgen. In dieser Abrechnung mit dem Kasino-kaptitalismus wird die Ambivalenz zwi-schen diesem und dem lebensästhetischen Sozialcharakter aufgezeigt. Dabei wird die Krise sozusagen nicht unter den Tisch gewischt sondern erhält einen Ehrenplatz mit der etwas unglücklichen Bezeichnung Design. Denn insgesamt geht es hier um den im Design innewohnenden Teilbegriff des Stylings. Design umfasst in seiner Begrifflichkeit hauptsächlich Funktionali-tät und Ergonomie, besser Anwendungs-freundlichkeit und lediglich in diesem Buch wird es auf Styling / Erlebniswelt / Lifestyle beschränkt, ent- und damit ver-wirrend dargestellt.
Sprachgewandt und beinahe parodisch werden die Vertreter des Lifestyles und des Shareholder Values als monomane Wahnpersönlichkeiten vorgeführt, wie wir sie bereits in unserem frühen Jahrhundert kennengelernt haben wie D´Annunzio, Riefenstahl und Jünger. Diese und die gegenwärtig aktuellen Tyrannen und Egozentriker werden zur Regel unseres demokratischen Gemeinwesens. Dabei bildet Marketing das Hauptinstrument, so dass sogar ein Kaffefilter zum Wahn-Mal werden kann. Narzissmus breitet sich bei den 68-er Revolutionären aus und sie sind geradezu die Entdecker dieser post-modernen Lebens- auch Öko-Ästhetik. Loveparades, Techno, Esoterik- sowie Öko-Messen, sind die Verdrängungs-Events ihres Tuns, folgert Kurz. Der Selbstbetrug wird noch durch die Multimedia gesteigert. So werden die Einzelnen mehr und mehr dezentriert, so zu Atrappen. Overheads bestimmen ihr Sein, meint Kurz. Denn die radikale Kritik verdampft über der überhitzten Herdplatte des global-virtuell trottenden Shareholders, meint er sinngemäss auf Seite 66.
Der Lebensästhet, als bildungsbewegter Intelligenzler, verkommt als elektronisch fixierte Vogelscheuche, So wird das je-weils Unangenehme entwirklicht. Er wird zum Spielball oder Sprecher der Share-holder. Alles wird gut. Nein. Nichts wird gut, meint Kurz. Eine neue linke Kritikfähigkeit ist angesagt. Es sind folgende Fehlentwicklungen zu un-tersuchen: 1. Arbeit und Freizeit als To-talität und Ware; 2. Vereinzelung und Verdinglichung der Personen; 3. Ent-fremdung und Verdinglichung des Alltags (1.-3.: isolierte Ignoranz); 4. Enteignung der Konsumqualität und Inkompetenz-förderung (qualitative Ignoranz); 5. Auf-spaltung von Produkt und Konsum als Regel (soziale Ignoranz); Schliesslich 6. Enteignung des Sinnlich-Stofflichen und die Gleichgültigkeit zur eigenen Befind-lichkeit (emotionale Ignoranz). Diese Black-Box, wie Kurz ausführt, ist in Richtung Glas-Box zu hinterfragen, um die Akteure, die in der Hinterbühne agie-ren, zu entlarven. Dieser Versuch ist nicht nur für mar-xistisch-Denkende ein Anstoss, sondern für alle, die hier und jetzt, unter der Alltagsoberfläche unseres Scheins für ihr ureigenstes Sein und ihre Position in der demokratisch - ästhethischen Welt eine bessere Übersicht gewinnen wollen