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KpZ 2006 - Prof. Dr. Georg-H. Nentwig
: Implantate – perfekt für jeden Kiefer?
Direktor der Poliklinik für Zahnärztliche Chirurgie und Implantologie
des ZZMK der Universität Frankfurt
Klinikum der J.-W. Goethe Universität Carolinum,
Haus 29 A , Theodor-Stern-Kai 7, 60590 Frankfurt /
Main, Tel: 069 / 6301-5632,
mailto:g.h.nentwig@em.uni-frankfurt.de
Wenn ein Implantat benötigt wird, hat ein Zahn versagt – und damit häufig
auch das Knochenbett, in dem der Zahn befestigt war. Man denke nur an die
„Volkskrankheit“ Parodontose, hier baut sich das knöcherne Zahnfach ab, der
Zahn wird locker und geht schließlich verloren.
Zahnverlust ist also fast immer gleich zu setzen mit Knochenverlust. Damit
sind die Ausgangsbedingungen für das Implantat von vornherein
kompromittiert. Je länger der Zahnverlust zurückliegt, desto weiter baut
sich der Knochen ab. Zwar gibt es jetzt keine Entzündung oder andere
Erkrankungen, die dies bewirken, sondern es ist schlicht die „Funktionslosigkeit“,
die dafür verantwortlich ist, dass das Volumen und die Strukturfestigkeit
des Knochens schwinden – der Anteil des Kieferknochens, der den Zahn
umschlossen hat, wird nicht mehr benutzt und gebraucht (Abb. 1). Das ist
vergleichbar mit Muskeln, die nach einer Nervverletzung gelähmt sind und
deshalb dünn werden.
Wenn sich der Patient also nicht möglichst bald – in günstigen Fällen sogar
sofort nach Zahnverlust – entschließt, ein Implantat setzen zu lassen, wird
der noch zur Verfügung stehende Knochen später vielleicht nicht mehr
ausreichen, um ein Implantat im Zuge einer einfachen Operation verankern zu
können. Zwar sind die Implantate, die häufig kleiner sein müssen als die
frühere Zahnwurzel (und zudem in der Regel aus Verankerungsteil und
Aufbaupfosten bestehen, die später zusammengefügt werden), mechanisch
ausreichend stabil. Dennoch gibt es nach unten natürlich eine
Dimensionsgrenze, die eingehalten werden muss, damit ein Implantat den
Dauerbelastungen eines jahre-, besser gesagt jahrzehntelangen Kauens Stand
halten kann.
Der Implantologe steht also erst einmal vor der Aufgabe, Volumen und
Substanz des Kieferknochens sowie wichtige anatomische Strukturen wie die
Kieferhöhle, Nerven oder Gefäße, an den Stellen zu analysieren, wo
implantiert werden soll. Dazu helfen ihm moderne bildgebende Verfahren, die
dreidimensionale Einsichten gewähren. Was aber kann man tun, wenn die
aktuell vorhandene Knochen-substanz nicht ausreicht, ein Implantat stabil zu
verankern? Handelt es sich um ein Strukturproblem, ist also der
Kieferknochen mit zu wenig Knochenbälkchen durchsetzt, kann man durch so
genannte kondensierende Verfahren einen sicheren Sitz des Implantats
erreichen. Dazu wird ein dünner, vorgebohrter Knochenkanal aufgedehnt und
das Implantat wie eine selbstschneidende Schraube eingedreht. Bei normaler
Knochenqualität wird durch abtragende Bohrungen ein kongruentes Knochenbett
für das Implantat geschaffen.
Liegt jedoch ein Volumendefizit vor, muss der Kieferkamm erst knöchern
aufgebaut werden. Dazu gibt es mehrere Wege, die von der benötigten
Aufbauhöhe abhängen. Knochen ist prinzipiell gut regenerationsfähig und kann
gewisse Defizite aus eigener Kraft überbrücken. Vereinfacht gesagt, wird das
erwünschte Profil dadurch erreicht, dass man es zunächst „ausschalt“, wozu
man sich Folien bedient. Diese wiederum werden gestützt durch grobporige
Substanzen (so genannte „Knochenersatz-
materialien“), in die sich der Knochen hineinentwickeln kann. Die
Knochenersatzmaterialien bilden dabei quasi Kristallisationskeime, an die
sich das neugebildete Knochenmineral anlagert. Der Prozess dauert bis zur
Knochenreifung drei bis sechs Monate; der betroffene Kieferabschnitt ist in
dieser Zeit vor Belastung zu schützen.
Bei stärkeren Defekten wird meist ein Stück Knochen ausreichender Größe
anderenorts – z. B. aus dem Kieferwinkel oder Kinn, bei größerem Bedarf auch
aus dem Beckenkamm – ausgeschnitten und an die entsprechende Stelle
transplantiert, wo es mit einer Schraube befestigt wird. Die Entnahmestelle
wird so gewählt, dass sich der Knochen selbst regenerieren kann. Der
transplantierte Knochen dient wiederum als „Gerüst“; er wird von der
Kontaktstelle (der Knochenbasis) aus neu mit vitalem Knochen aufgebaut. Der
Vorteil gegenüber dem Knochenersatzmaterial ist, dass das
Knochentransplantat bestimmte biologische Substanzen enthält, welche die
Regeneration befördern. Ein Nachteil für den Patienten ist der zusätzliche
Eingriff der Entnahmeoperation. Wird der Knochen aus dem Kieferbereich
gewonnen, geht das in örtlicher Betäubung; bei Entnahme aus dem Beckenkamm
sind eine Vollnarkose und ein stationärer Aufenthalt erforderlich. Der
Zeitraum für die Einheilung beträgt bei Knochentransplantaten ebenfalls drei
bis sechs Monate. Manchmal lässt sich auch der lokale Basisknochen an der
Defektstelle umschneiden und über eine Art Spindelmechanismus nach oben
bewegen; das Verfahren ist als so genannte „Kallusdistraktion“ bekannt.
Ein häufiger Eingriff zum Aufbau des Kiefers (Kieferaugmentation) findet im
Oberkiefer-Molarenbereich als Anhebung des Kieferhöhlenbodens (Sinusbodenelevation)
statt. Hierbei wird die Kieferhöhlenschleimhaut am Boden der Kieferhöhle
abgelöst und der freigewordene Raum mit Knochenersatzmaterial (Abb. 2) oder
Knochen (Abb. 3) aufgefüllt, um eine ausreichende Gesamthöhe des
Kieferknochens für eine Implantation zu erreichen.
Ist das Implantat schließlich gesetzt, kann es vor der vollen Kaubelastung
sinnvoll und notwendig sein, den strukturell noch geschwächten Knochen durch
ein Belastungstraining erst einmal zu kräftigen. Dazu wird das Implantat mit
einem provisorischen Zahnersatz versehen, welcher noch nicht die volle
Kauleistung erbringen kann. Zusätzlich wird der Patient über die notwendige
Schonung des Implantates aufgeklärt, der Patient soll also statt eines
Rumpsteaks lieber Pasta verspeisen. Die Dauer dieses Trainings beträgt sechs
Wochen, dann ist die volle Belastungsfähigkeit des Implantates gegeben.
Die hier angesprochenen Methoden gelten als evidenzbasiert – sie erlauben
also eine relativ sichere Vorhersage eines Behandlungserfolges. Daher lässt
sich schlussfolgern:
Implantate sind nicht per se perfekt für jeden Kiefer, aber man kann in den
meisten Fällen den Kiefer perfekt für Implantate machen. |