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KpZ 2006 - Prof. Dr. Jürgen Geis-Gerstorfer:
Einfluss rauer Dentalimplantat-Oberflächen auf die Osseointegration
Universität Tübingen Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde,
Osianderstraße 2-8, 72076 Tübingen,
Tel: 07071 / 29-86199,
mailto:juergen.geis-gerstorfer@uni-tuebingen.de
Der Werkstoff Titan wird sehr häufig klinisch als Implantatmaterial
eingesetzt. Hierbei basiert der klinische Einsatz von Implantaten auf
weltweiter Grundlagenforschung, Tier- und klinischen Studien der letzten 3
Jahrzehnte.
Im Dentalbereich werden Implantate in der Regel heute aus Titan technischer
Reinheit und teilweise aus Titanlegierungen hergestellt.
Nach heutigem Kenntnisstand ist davon auszugehen, dass die
Oberflächeneigenschaften, neben der funktionellen Formgebung (Geometrie),
eine entscheidende Rolle für den Erfolg der Versorgung spielen. Zahlreiche
Studien zum Einfluss verschiedener Oberflächeneigenschaften von
Titanimplantaten auf die periimplantäre Knochenneubildung belegen, dass die
Gewebsantwort durch die Implantatoberfläche mo-duliert wird. So ist seit
langem bekannt, dass die Chemie und die Topographie von Implantatoberflächen
die biologische Interaktion wesentlich beeinflussen, da sie die
Biomaterial/Biosystem-Grenzfläche und dadurch die Gewebsintegration und die
Langzeitstabilität der Implantate beeinflussen.
Die Bedeutung und der Einfluss von Rauigkeit und Topographie für die
Osseointegration wurde durch eine Vielzahl von Studien belegt, die u.a.
gesteigerte Knochen-Implantat-Kontakte (bone-to-implant con-tacts) und
erhöhte Ausdrehkräfte (removal torque tests) in vivo sowie eine Anregung der
Osteoblastendif-ferenzierung in vitro belegen.
So konnte gezeigt werden, dass eine mikro-/nanorau geätzte Titanoberfläche
33% höheren Knochen-Implantat-Kontakt in vivo aufweist als Stoffsammlung zum
Themengebiet: eine maschinell (machined) hergestellte Oberfläche.
Cochran konstatiert in seinem ‘State of the art review’ auf der Basis einer
hohen Zahl an bisherigen Stu-dien rauen Implantatoberflächen im Vergleich zu
glatten einen größeren Knochen-Implantat-Kontakt auf histologischer Ebene.
Ellingsen schlussfolgert in seinem Review zu Oberflächenkonfigurationen
dentaler Implantate, dass die Rauhigkeit von Implantaten bei Sa-Werten
zwischen 1,0 and 1,5 μm ein Maximum hinsichtlich des biolo-gischen Benefits
erreicht.
Raue Implantatoberflächen werden durch eine Vielzahl additiver
Beschichtungstechnologien und subtrak-tiver Methoden erzeugt.
Aktuell sind knöchern verankerte dentale Implantate mit unterschiedlichen
Oberflächencharakteristika verfügbar, von relativ glatten, maschinell
hergestellten Oberflächen bis hin zu mehr rauen Oberflächen, die durch
Beschichtungen, Strahlprozesse mit verschiedenem Strahlgut,
Säurebehandlungen oder durch diverse Kombinationen dieser Technologien
erzeugt werden.
Mikrorauigkeiten an Titanimplantaten werden durch Strahlprozesse, Ätzungen
oder Kombination beider Techniken erzeugt. Beispielhaft für eine der
häufigeren Kombinationen von Modifizierungsverfahren sei die komplex
mikrostrukturierte SLA (sandblasted with large grit and acid
etched)-Titanimplantatoberfläche genannt, die durch einen Strahlprozess
Vertiefungen der Dimension 20-40 μm erhält, welche mittels eines
nachfolgenden Säureätzprozesses durch Mikroporen mit Durchmessern von 0.5-3
μm überlagert werden.
Der SLA-Oberfläche wird in der Literatur deshalb auch eine Mikro- und
Makrorauhigkeit zugeschrieben.
Neben Rauhigkeit und Topographie spielen die Chemie und die freie
Oberflächenenergie der Implantate wichtige Rollen in der physiologischen
Interaktion nach Insertion.
Oberflächenenergie und Benetzungscharakteristik (Hydrophilie) können
besonders während der initialen Konditionierung der Implantatoberflächen mit
Proteinen und initialer Zelladhäsion bedeutsam sein.
Mit unterschiedlichen Zellkultur-Modellen wurden verschiedene
Oberflächendesigns auf die jeweilige bio-logische Antwort untersucht. Es hat
sich hierbei gezeigt, dass eine oberflächenabhängige makromolekula-re
Konditionierung die zelluläre Antwort modulieren kann. Osteoblastenzellen
zeigen signifikant gesteiger-te Anheftung an rauen im Vergleich zu glatten
Oberflächen.
Unterschiedliche Rauigkeit und Textur beeinflussen direkt die Adsorption von
Albumin und Fibronektin und hierdurch die zelluläre Anheftung und Adhäsion.
Bezüglich der Proliferation und der Differenzierung reagieren
osteoblastische Zellen sensitiv auf die Mik-roarchitektur von
Implantatoberflächen.
Osteoblasten zeigen bei erhöhter Oberflächenrauigkeit abnehmende
Proliferation, aber gesteigerte Diffe-renzierung. Etwa beeinflussen
Titanoberflächen unterschiedlicher Mikrotopographie das Wachstum
oste-oblastenähnlicher Osteosarkomzellen insofern, als deren Zellzahl auf
mikrorauen Oberflächen reduziert wird, während die Differenzierung,
quantifiziert über die Osteocalcinproduktion, gesteigert wird.
Mikroraue Oberflächen steigern die Differenzierung von Zellen. Aktuell
werden deshalb intensiv die ge-nauen Mechanismen untersucht, die
rauigkeitsbedingt eine Adhäsion der Osteoblasten sowie die nachfol-genden
Prozesse steuern.
Aus verschiedenen Studien zum Einfluss unterschiedlicher morphologischer
Dimensionen auf Prozesse der knöchernen Integration kann gefolgert werden,
dass die Topographie im Mikro- und Submikrobereich die Adhäsion,
Orientierung, Morphologie und Bewegung von Zellen beeinflusst.
Frühe Blut/Implantat-Wechselwirkungen werden beim initialen Einheilprozess
knöchern verankerter Imp-lantate infolge der Bildung eines Blut-Clots und
der Konditionierung der Implantatoberfläche durch Blutbe-standteile
ebenfalls als wichtiger Faktor betrachtet. In einer aktuellen Studie konnte
gezeigt werden, dass die Oberflächentopographie die Verteilung roter
Blutkörperchen nach 10 min Blut/Implantat Kontakt beein-flusst. Zusätzlich
wurden in dieser Studie auf mikrorauem, doppelt säuregeätztem Titan
qualitativ mehr Plättchen beobachtet als auf weniger rauen, maschinell
hergestellten Titanoberflächen.
Eine 3-Jahres-Multi-Center-Studie mit säuregeätzten dentalen
Titanimplantaten und solchen, die eine maschinell hergestellte Oberfläche
aufwiesen, zeigte signifikante Unterschiede in der Überle-bens(Erfolgs)rate
(success rate), die bei den mikrostrukturierten geätzten Implantaten bei 95%
lag, bei den maschinell hergestellten aber bei 86,7%.
Schlussfolgerung:
Aus der Übersicht ergibt sich, dass raue Titan-Implantatoberflächen als
vorteilhaft für die Osseointegration gelten. |