Privat-Dozentin Dr. Anne Wolowski: Goldfieber - beeinflusst die Psyche
die Materialverträglichkeit?
Oberärztin der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und zahnärztliche
Leiterin der Ambulanz für Psychosomatik in der Zahnheilkunde an der
Westfälischen Wilhelms-Universität Münster;
mailto:wolowsk@uni-muenster.de
Die Frage, ob die Psyche die Materialverträglichkeit beeinflusst, mag für
jene, die davon überzeugt sind, an einer Materialunverträglichkeit zu
leiden, schon recht paradox klingen. Sie werden immer wieder betonen, dass
die Materialunverträglichkeit es ist, die die Psyche beeinflusst und ein
positives Lebensgefühl verhindert. Aus Sicht der oft über Jahre leidenden
Menschen ein verständlicher Standpunkt, der in vielen Fällen eine jahrelange
Suche nach der heilbringenden Maßnahme nach sich zieht.
Überzeugt davon, dass eine Substanz oder ein Werkstoff sie krank macht,
werden solche Patienten und ihre Angehörigen nicht müde, Zeit und Geld für
immer weitere Diagnose- und Therapiemaßnahmen zu investieren. Die
Betroffenen klagen in der Regel über belastendes bis unerträgliches
Mundschleimhautbrennen und diffus ausstrahlende unklare
Kiefer-Gesichtsschmerzen. Die genannten Beschwerden werden vielfach
begleitet von allgemeinen Missempfindlichkeiten wie Schwindel,
Gedächtnisverlust, Müdigkeit, Magen-Darmstörungen, Übelkeit und vieles
andere mehr. Auffällig ist, dass solcherart Beschwerden ebenso gut Symptome
beliebiger anderer Erkrankungen sein können. Angesichts solcher
Krankengeschichten fällt immer wieder auf, dass der Austausch bzw. das
Herauslassen des Materials nicht die erhoffte Wirkung zeigt. Außerdem lässt
sich durch eine geschickte Anamneseerhebung in vielen Fällen nachweisen,
dass die Beschwerden älter sind als die dafür verantwortlich gemachte
Versor-gung. Der Umgang mit dem Phänomen
„Materialverträglichkeit/Materialunverträglichkeit“ scheint alles in allem
sehr diffus, oft emotionsgeladen und gerade der Schulmedizin gegenüber sehr
vorwurfsvoll.
Durch eine nüchterne Analyse möglicher Ursachen für die oben aufgezeigten
Leidenswege der Patienten soll mehr Objektivität und Sachlichkeit und damit
auch Hilfestellung für Betroffene in die Diskussion gebracht werden.
Voraussetzung dafür ist eine systematische Ursachenforschung. Für die
Beurteilung lokaler zahnmedizinischer Ursachen gibt es allgemein anerkannte
Qualitätskriterien und Diagnoseskalen. So nimmt zum Beispiel die
dreidimensionale Zuordnung des Unterkiefers zum Oberkiefer einen zentralen
Stellenwert angesichts unklarer Kiefer-Gesichts-Beschwerden ein. Die
physiologische Position der Kiefergelenkköpfchen muss bei einem
gleichmäßigen Kontakthaben der oberen und unteren Zähne in richtiger Höhe
gesi-chert sein. Bereits ein geringfügig gekippter Zahn oder eine
geringfügig zu hohe Füllung kann dieses sensible System stören und unklare
Beschwerden verursachen.
Unter Prothesen können Entzündungen jeden Grades lokalisiert sein. Die
Reaktionen darauf sind oft paradox. Während Patienten, deren Schleimhaut
hochgradig entzündet ist, keinerlei Schmerzen verspüren, klagen andere, die
vollkommen gesunde Schleimhautverhältnisse auf-weisen, exzessiv. Gleichviel,
ob der Patient klagt oder nicht, eine lokale Behandlung ist angesichts einer
Mundschleimhautentzündung immer indiziert. Da der Kausalzusammenhang einfach
ist, ist auch die Therapie unkompliziert. Als Ursache kommen in erster Linie
Verunreini-gungen der Prothesen in Frage. Eine konsequente Reinigung sowie
eine pflegefähige Gestaltung des Ersatzes helfen in der Regel, das Problem
zu lösen. Neben unspezifischen Mundschleimhaut-entzündungen
müssen definierte Krankheitsbilder der Mundschleimhaut ausgeschlossen
werden, die entweder ausschließlich lokal manifest sind oder ein Symptom
einer infektiösen oder einer anderen systemischen Erkrankung darstellen
können.
Als weitere systemische Ursachen werden hormonelle Störungen,
Blutkrankheiten, Vitaminmangelsyndrome, Medikamentennebenwirkungen und
vieles andere mehr genannt. In der Regel lassen sich diese Ursachen schnell
abklären bzw. ausschließen, weil die Betroffenen unter
allgemeinmedizinischer Kontrolle sind.
So wünschenswert es auch sein mag, eine der genannten Ursachen zu entdecken
und durch Therapie dem Patienten helfen zu können, so muss man jedoch leider
feststellen, dass das Aufdecken und das Behandeln der genannten somatischen
Ursachen keine Garantie auf Heilung ist. Wird vor dem Hintergrund dieser
Erfahrung der Verdacht auf eine Allergie geäußert, nehmen Betroffene dieses
dankbar auf, denn damit scheint eine Heilung in Sicht, die nur noch die
Identifizierung der schuldigen Substanz voraussetzt. Entsprechend der
Leitlinien der Deutschen Kontakt-Allergie-Gruppe ist der Epikutantest auf
der Rückenhaut das einzige für die Routinediagnostik geeignete Instrument
zum Nachweis einer Sensibilisierung gegen den Stoff, der ein allergisches
Kontaktekzem verursacht. Gegner dieser Methode geben immer wieder zu
bedenken, dass die Rückenhaut als Testareal andere Eigenschaften aufweist
als die Mundschleimhaut. Dies trifft in der Tat zu, wirkt sich aber eher
günstig aus, denn selbst bei positiver Testreaktion mit Dentalwerkstoffen
auf der Haut ist angesichts der anatomischen, funktionellen und
immunologischen Besonderheiten der Mundschleimhaut dort eine klinische
Verträglichkeit durchaus möglich. Schwierig wird die Situation allerdings,
wenn dieser bewährten Diagnostik zunehmend abverlangt wird, auf
Dentalwerkstoffe bezogene allgemeine Befindlichkeitsstörun-gen kausal
abzuklären und sie dabei konkurrieren soll mit paramedizinischen Methoden,
die zwar keinen erkennbaren Bezug zu den immunologischen Grundlagen
allergischer Reaktionen haben, dafür aber seitens der Öffentlichkeit vom
Nachweis ihrer Stichhaltigkeit offensichtlich freigestellt sind. Auffällig
in dieser Diskussion ist auch, dass verschwiegen wird, dass
Sensibi-lisierungen nicht durch die Dentalwerkstoffe erworben werden,
sondern in der Regel im privaten Bereich beispielsweise durch Hobbyarbeiten
mit Sekundenkleber. Statistisch betrachtet sind echte Allergien auf
Dentalwerkstoffe ausgesprochen selten. Somit scheint die immer auf
Dentalwerkstoffe abgeschobene Verantwortlichkeit für Beschwerden mehr als
fragwürdig.
Also bleibt die Frage offen, ob es vielleicht doch die Psyche ist, die mit
der Materialverträglichkeit zu tun hat? Habermann gibt auf diese Frage eine
sehr einleuchtende Antwort. Von jedem Präparat und jeder Substanz, die wir
Patienten verabreichen oder einsetzen, geht eine chemische und eine
psychosoziale Botschaft aus. Letztere wird auf personaler Ebene vermittelt
und entscheidet wesentlich darüber, ob die Substanz als Placebo im Sinne von
„ich werde gefallen“ (also gut tun und heilen) oder als Nocebo im Sinne von
„ich werde schaden“ (Beschwerden verursachen) wirkt.
Nach Humphrey sind es drei wesentliche Faktoren, die diese Entscheidung
beeinflussen:
- Die persönliche Erfahrung: „Was mir seit Jahren gut tut, wird auch
zukünftig für mich gut sein.“
- Die rationale Nachvollziehbarkeit: Hier geht es nicht um den objektiven
wissenschaftlichen Nachweis, sondern um die individuelle Wahrnehmung und
Einschätzung einer qualitativ hochwertigen Arbeit.
- Das Auftreten von so genannten Autoritäten: Gemeint sind hier die
Überzeugungskraft und das Vertrauen von Ärzten und Zahnärzten sowie die
Sichtweise von Freunden, aber auch die Darstellung des „persönlichen Themas“
in den Medien. Ein einziger, möglicherweise „echter Allergiefall“
sensationell aufbereitet, kann eine „Welle“ von
Pseudomaterialunverträglichkeiten nach sich ziehen.
Man kann nicht umhin, eine Placebowirkung, die angesichts suffizienter
Behandlungsmaßnahmen immer wünschenswert ist, als eine glaubensbedingte
Wahrnehmung eines gesundheitsfördernden Aspektes zu interpretieren.
Eine ebenso glaubensbedingte Wahrnehmung mit negativen Folgen ist ein Nocebo-Effekt.
Positive Einflussfaktoren kehren sich dann ins Negative. Die Symptome des
Nocebo-Syndroms sind nach Habermann unabhängig von
der in Zweifel stehenden Substanz, kaum abhängig von der Dosis, vielfältig,
ansteckend und unspezifisch. Dabei kann der Leidensdruck durch
Nocebophänomene Krankheitswert erhalten.
In Kenntnis dieser psychosozialen dynamischen Prozesse kann man nur an
Ärzte, Zahnärzte, aber auch an Medienvertreter appellieren, mit jeder in
Frage stehenden Substanz, mit jeder Verdachtsdiagnose und mit jeder
Krankengeschichte sorgfältig im Sinne eines systematischen
Ursachenausschluss-Verfahrens umzugehen.
Dr. Anne Wolowski
Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik an der Westfälischen
Wilhelms-Universität Münster
Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Waldeyerstr. 30
48149 Münster
Tel.:0251 / 83 47 079
Fax: 0251 / 83 47 083 |
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