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Prof. Dr. Hans-Christoph Lauer: Gewitter im Kopf – kann Zahnersatz schuld sein?
Direktor der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik, Zentrum der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (Carolinum) der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/Main; mailto:H.C.Lauer@em.uni-frankfurt.de

Kopf- und Gesichtsschmerzen weisen nicht nur aus medizinischer, sondern auch aus gesundheitsökonomischer Sicht eine wesentliche Bedeutung auf. Eine in den Vereinigten Staaten durchgeführte epidemiologische Erhebung ergab, dass pro Jahr 17,8 Millionen Arbeitstage bezogen auf 100 Millionen Arbeitnehmer(innen) aufgrund von Funktionsstörungen des Kausystems (so genannte kraniomandibuläre Dysfunktionen; CMD) verloren gehen. Aus der 1999 publizierten, bevölkerungsrepräsentativen Mundgesundheitsstudie des INSTITUTES DER DEUTSCHEN ZAHNÄRZTE ließ sich für die Bundesrepublik ein Behandlungsbedarf aufgrund von CMD in einer Größenordnung von etwa drei Prozent der Bevölkerung ableiten, ein Wert, der in guter Übereinstimmung zu den Daten der Vereinigten Staaten steht.

Im Kausystem, das als sensibler Regelkreis anzusehen ist, können Schmerzen beziehungsweise Beschwerden unter anderem von der Muskulatur (Spannungskopfschmerz), dem Kiefergelenk, dem Zahnhalteapparat und den Zähnen selbst ausgehen. Für eine Fehlfunktion der Kaumuskulatur beziehungsweise des Kiefergelenks können ungleichmäßige Kontakte zwischen den Zähnen des Oberkiefers und des Unterkiefers – sowohl bei natürlichen Zähnen als auch bei Zahnersatz (Kronen, Brücken, Prothesen) – verantwortlich sein. Die Bedeutung und die Auswirkung dieser so genannten Vorkontakte ist individuell sehr verschieden und hängt ganz wesentlich vom psychosomatischen Befinden des einzelnen Patienten ab, da das Kausystem neben dem Verdauungstrakt und dem Herz-/Kreislaufsystem ein wichtiges „Ventil“ bei der Stressbewältigung des Menschen darstellt.

Die Rezeptoren im Zahnhalteapparat besitzen ein sehr hohes Auflösungsvermögen von ca. 20 µm bis 40 µm. Somit werden sehr geringe Unterschiede beim Zahnreihenschluss („Haar auf den Zähnen“) wahrgenommen. Darüber hinaus können die individuelle Reaktion und das Adaptionsvermögen des Kausystems nicht abgeschätzt werden. Deshalb müssen die Kauflächen von neu gefertigtem Zahnersatz bei der Eingliederung sorgfältig im zahntechnischen Labor und am Patienten eingeschliffen werden.

Neben vorzeitigen Kontakten kommen auch die durch den Zahnersatz eingestellte horizontale und vertikale Lagebeziehung von Unterkiefer und Oberkiefer als ein möglicher Grund für eine CMD und gegebenenfalls für Schmerzen im Kopf-/Gesichtsbereich in Betracht. Schließlich kann auch ein nicht ausreichender Halt einer Teil-/Totalprothese am Kiefer, die im Sinne einer Kompensation vorrangig muskulär fixiert wird, für eine CMD ursächlich sein.

Vor Korrekturen am Zahnersatz hinsichtlich der horizontalen Position der Kiefer beziehungsweise der Vertikaldimension sowie der Kauflächenkontakte müssen diese Maßnahmen durch eine sorgfältige Diagnose und gegebenenfalls durch eine Vorbehandlung beispielsweise mittels Aufbissschienen und/oder Physiotherapie abgesichert werden.

Da für die Entstehung von Kopf-/Gesichtsschmerzen sehr verschiedenartige Ursachen in Betracht kommen können, muss für die Diagnostik und gegebenenfalls für die Therapie häufig nicht ein rein zahnärztlich orientiertes Vorgehen, sondern ein interdisziplinärer Ansatz gewählt werden. Darin integrierte Fachdisziplinen der Medizin sind die Radiologie, die Orthopädie, die Rheumatologie, die Neurologie, die Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde, die Psychosomatische Medizin und weitere.

Prof. Dr. Hans-Christoph Lauer
Klinikum der Johann-Wolfgang Goethe Universität, ZZMK (Carolinum), Haus 29
Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik
Theodor-Stern-Kai 7
60596 Frankfurt am Main
Tel.: 069 / 63 01 56 40


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