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Dr. Udo Lenke: Die zahnmedizinische Versorgung der Zukunft – eine Herausforderung für den Berufsstand
Vorsitzender des IZZ-Verwaltungsrats und Präsident der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg
udo.lenke@t-online.de;  
mca.roe@t-online.de;  Dr. Roettele, stellv. Präsidentin der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg

13. IZZ-presseforum, 15. Juni 2007, Tübingen: Zahnmedizin in Theorie und Praxis - Insbesondere bei Kindern
Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde,
Universitätsklinikum Tübingen.

Inhalt (Es gilt das gesprochene Wort)

Die Vierte Deutsche Mundgesundheitsstudie, DMS IV Studie, deren Ergebnisse im November 2006 veröffentlicht wurden, stellt einen wissenschaftlichen Beitrag zu gesundheitspolitischen Fragen und zur Versorgungsforschung dar. Es wird deutlich, dass die zahnärztliche Versorgung nicht isoliert zu betrachten ist, sondern in den Kontext von Multimorbidität gestellt werden muss. Wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse, dass zum Beispiel Tabakkonsum die Gefahr verstärkt, nicht nur an Parodontitis zu erkranken, sondern ebenso das kardiovaskuläre Risiko erhöht oder exzessiver Alkoholkonsum neben dem Mundkrebsrisiko auch die Entwicklung von Leberzirrhose fördert, veranschaulichen, dass zahnmedizinische und medizinische Erkrankungen in wechselseitigem Zusammenhang stehen. Aus diesem Grund sind integrierte Konzepte der Gesundheitsförderung wegweisend, -Konzepte, für die Zahnmediziner, Mediziner, Pädagogen, Erzieher und Gesundheitspolitiker gleichermaßen zuständig sind und die zum Ziel haben, effizienter und zielgerichteter gesundheitliche Risikofaktoren für bestimmte Risikogruppen besser in den Griff zu bekommen.

Die zahnmedizinischen Entwicklungen lassen nach den Ergebnissen der DMS IV Studie erkennen, dass sowohl der prothetische als auch der konservierende Bereich der Zahnmedizin zukünftig auf Grund der demographischen Entwicklung verstärkt in Anspruch genommen werden wird. Zwar sind die Erfolge der Gruppenprophylaxe und des Kariesrückgangs in allen Altersklassen eine erfreuliche Tatsache. Sorgen bereiten aber zum einen die zunehmende Kariespolarisierung in kleineren Risikogruppen bei den Jugendlichen und andererseits die prozentuale Zunahme von Wurzelkaries bei Senioren. Ebenfalls nachdenklich stimmen die sozialmedizinischen Erkenntnisse, dass die gesundheitlich gefährdeten Risikogruppen im Bereich der Jugendlichen als auch der Senioren mit einem niedrigen Bildungsniveau korrelieren. Hier ist verstärkter Handlungsbedarf auf allen gesellschaftlichen Ebenen notwendig.

Der Erhalt der Zähne bis ins hohe Alter erhöht das Risiko von Parodontalerkrankungen. Die statistischen Auswertungen zeigen, dass mittelschwere und schwere Parodontalerkrankungen bei Erwachsenen und vor allem bei Senioren stark ansteigen. Aus parodontologischer Sicht besteht hier ein Bedarf an interdisziplinärer Zusammenarbeit aller Medizinbereiche und der gemeinschaftlichen Ursachenforschung über Korrelationen zwischen oraler Gesundheit und der Gesundheit des Gesamtorganismus, wie dies am Beispiel von Adipositas als Mitinitiator für Parodontitis deutlich wird.

Speziell für den prothetischen Bereich prognostiziert die DMS IV Studie einen demographisch bedingten zunehmenden Bedarf an hochwertiger prothetischer Versorgung und implantatgetragenem Zahnersatz. Der bisherige Versorgungsgrad mit implantatgetragenem Zahnersatz bei den Senioren fällt mit 2,6% an der prothetischen Gesamtversorgung relativ gering aus, ein weiterer Anstieg der Nachfrage nach Implantaten wird auch stark vom Preis abhängen. Gleichzeitig stellt sich die Frage nach alternativen und einfacheren, aber trotzdem qualitätsvollen prothetischen Versorgungen im Niedrigpreissegment.

Auch der Bereich der Zahnerhaltung steht auf Grund des längeren Erhalts von Zähnen vor der Herausforderung, innovative konservierende Methoden zu entwickeln, die deutlich längere Funktionsperioden erfüllen. Auch hier spielt die Synthese von bezahlbaren, aber trotzdem qualitätsvollen zahnärztlichen Leistungen eine große Rolle.
Eine Alternative, die allerdings noch hinreichend erforscht und evaluiert werden muss, könnten substanzschonende direkte Kompositrestaurationen sein.

Die durch die DMS IV Studie erreichten Forschungsergebnisse führen zu der Erkenntnis, dass der Zahnarzt zukünftig eine neue und wichtige Rolle als „Gesundheitsmanager“ spielen wird. Eine gute zahnmedizinische Versorgung der Patienten ist unmittelbar verbunden mit der verstärkten individuellen Betreuung sowie mit der gesundheitlichen Beratung und Aufklärung, die mehr Zeit und Aufmerksamkeit benötigen. Ebenso muss der Zahnarzt sich zukünftig verstärkt auf ältere und alte multimorbide Patienten einstellen, das heißt der Fachbereich der Alterszahnheilkunde gewinnt ebenso an Bedeutung wie die interdisziplinäre Kooperation mit Medizinern verschiedener Fachgebiete.

Um der Bevölkerung eine qualitativ hochwertige Versorgung auch in Zukunft anbieten zu können, besteht die Notwendigkeit, dass die Politik für adäquate Rahmenbedingungen sorgt.

Aus Sicht der Zahnärzteschaft ist es wichtig, die von unserem Berufsstand ausgearbeitete Honorarordnung Zahnärzte, kurz HOZ, die eine moderne Zahnheilkunde auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand unter der Prämisse einer betriebswirtschaftlichen Kalkulation ermöglicht, zu akzeptieren und als Grundlage für die derzeit anstehende Novellierung der zahnärztlichen Gebührenordnung in die Gebührendiskussion mit einzubeziehen.

Das Recht auf ein angemessenes Honorar für die zahnärztliche Behandlung muss gewährleistet bleiben, damit nicht negative Konsequenzen eintreten werden, wie zum Beispiel die Abwanderung der Zahnärzte aus dem ländlichen Raum in die Stadtkreise oder ins Ausland, was zu einer Beeinträchtigung der zahnmedizinischen Versorgung führen könnte.


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   Stand: FEBRUAR 2012

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