Dr. Dr. Michael Krimmel, Oberarzt: Fehlbildungen im Gesicht –
operative und konservative Therapie - Teil III Schädeldeformitäten
michael.krimmel@med.uni-tuebingen.de
13. IZZ-presseforum, 15. Juni 2007, Tübingen: Zahnmedizin in Theorie
und Praxis - Insbesondere bei Kindern
Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am
Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde,
Universitätsklinikum Tübingen.
Inhalt (Es gilt das gesprochene Wort)
Schädeldeformitäten beim Säugling haben im Wesentlichen zwei
verschiedene Ursachen.
Durch die Empfehlung der Fachgesellschaft für Pädiatrie, Kinder zur
Vermeidung des plötzlichen Kindstodes beim Schlafen auf dem Rücken
zu lagern, kommt es in den letzten Jahren gehäuft zu einer
symmetrischen oder asymmetrischen Abflachung des
Hinterhauptsschädels bei Kindern. Diese Fehlform wirkt sich durch
knöcherne Verschiebungen sichtbar nach vorn auf die Position der
Ohrmuscheln und die Form des Gesichts aus. Da diese Deformität durch
äußere Faktoren bedingt wird, lässt sie sich beim Säugling durch
krankengymnastische und orthopädische Maßnahmen erfolgreich
korrigieren.
Eine andere und deutlich schwerwiegendere Ursache für eine
Schädeldeformität sind die Kraniosynostosen. Kraniosynostosen
ent-stehen durch einen vorzeitigen Verschluss von Schädelnähten.
Ihre Gesamtinzidenz wird heute auf 1 von 2000 lebende Neugeborene
geschätzt. Die überwiegende Mehrzahl stellen isolierte Formen dar.
In Abhängigkeit von den betroffenen Nähten konnte Virchow bereits
1851 neun pathologische Schädelfehlbildungen beschreiben. Die
prämature Fusion einer Naht führt zur Wachstumshemmung senkrecht zu
ihrem Verlauf. Gleichzeitig findet kompensatorisch eine Ausdehnung
des Schädels in Richtung dieser Naht statt. Die Wachstumshemmung
verursacht ein Missverhältnis zwischen Hirnvolumen und
Schädelkapazität und führt dadurch zum Anstieg des intrakraniellen
Drucks.
Die Wachstumshemmungen beschränken sich jedoch nicht nur auf den
Hirnschädel, sondern betreffen auch den Gesichtsschädel. Durch die
prämature Synostosierung wird die Entwicklung der Maxilla nach vorn
und unten behindert. Als Folge treten eine Mittelgesichtshypoplasie
und die ungenügende Ausdehnung des Nasenrachenraums auf. Dies
verursacht Veränderungen des stoma-tognathen Systems und der
Atemwege, die mit erhöhter Infektanfälligkeit einhergehen und zu
einer Beeinträchtigung der Nahrungs-aufnahme und damit zu
erheblichen Gedeihstörungen führen kön-nen. Zudem wird das äußere
Erscheinungsbild durch die Wachstumshemmung von Neuro- und
Viszerokranium nachhaltig gestört.
Erst die Ausdehnung der neurochirurgischen Operationsverfahren auf
den Kiefer-Gesichts-Bereich seit der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts ermöglichte die direkte operative Ausformung der
Fehlbildung und damit eine intrakranielle Volumenvermehrung. Die
kraniofaziale Chirurgie beschränkt sich dabei nicht nur auf das
Neurokranium, sondern bezieht das Viszerokranium mit ein und
erfordert des-halb Kenntnisse des stomatognathen Systems sowie
Erfahrungen bei plastisch rekonstruktiven Maßnahmen im Bereich des
knöchernen Gesichtsschädels. Kraniofaziale Eingriffe erfolgen
deshalb in enger Zusammenarbeit von Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgen
und Neurochirurgen.
(Abb.: Zustand nach frontoorbitalem Advancement bei Kraniosy-nostose) |
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