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Dr. Dr. Steffen Kless: Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie: Kindliche Kieferfrakturen
steffen.kless@med.uni-tuebingen.de

13. IZZ-presseforum, 15. Juni 2007, Tübingen: Zahnmedizin in Theorie und Praxis - Insbesondere bei Kindern
Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde,
Universitätsklinikum Tübingen.

Inhalt (Es gilt das gesprochene Wort)

Im Bereich des Unterkiefers als exponiertem Knochen treten in Relation zu sonstigen Gesichtsschädelverletzungen häufig traumatische Läsionen auf. Frakturen im kindlichen Unterkiefer sind insgesamt jedoch seltener als im Erwachsenenalter.
Die häufigste Ursache der Unterkieferfrakturen im Kindes- und Jugendlichenalter sind Stürze sowie Sport- und Spielunfälle. Rohheitsdelikte spielen bei kindlichen Unterkieferfrakturen – mit Ausnahme der jugendlichen Erwachsenen - im Gegensatz zu den Frakturen bei Erwachsenen eine untergeordnete Rolle. Am häufigsten finden sich im Kindesalter Frakturen im Bereich des Processus condylaris gefolgt von Frakturen im Corpusbereich. Als Begleitverletzungen finden sich häufig assoziierte Weichteilwunden sowie dentale Traumata. Eine Besonderheit der Unterkieferfraktur im Wechselgebiss ist die Grün-holzfraktur. Hierbei handelt es sich um eine durch den Periostschlauch „geschiente“ gar nicht oder wenig dislozierte Fraktur.

Bei der Frakturdiagnostik steht neben der klinischen Untersuchung die konventionelle Röntgenuntersuchung mit Frakturdarstellung in zwei Ebenen im Vordergrund. Dies kann sich insbesondere bei Kleinkindern mit mangelnder Compliance als schwierig erweisen. Eine Computertomographie ist nur in Ausnahmefällen erforderlich.
Eine richtige Diagnose ist wichtig, da im Kindes- und Jugendlichenalter nicht erkannte oder nicht therapierte Unterkieferfrakturen zu Komplikationen und Spätschäden führen können. Hierzu zählen Pseudarthrosen, skelettale Deformitäten, Funktionsstörungen des Kiefergelenkes sowie Okklusionsstörungen.

Das Ziel der Therapie von Unterkieferfrakturen besteht darin, die Form und Funktion des Unterkiefers wiederherzustellen. Besonderer Wert wird auf die Rehabilitation der Okklusion, der Artikulation und der Gelenkfunktion gelegt.
Unterkieferfrakturen können prinzipiell konservativ oder operativ versorgt werden. Konservative Maßnahmen sind die geschlossene Frak-turreposition und temporäre Ruhigstellung durch intermaxilläre Fixation (IMF) mittels dentaler Schienenverbände oder Drahtligaturen. Im Anschluss erfolgt eine funktionelle Nachbehandlung mittels lockerer Gummizüge. Eine weiterführende Nachbehandlung kann im Kindesalter mittels kieferorthopädischer Aktivatortherapie erfolgen. Un-ter einer operativen Therapie versteht man die offene Reposition und anschließende Osteosynthese der Fraktur.
Wegen potentieller Wachstumsstörungen des Unterkiefers sowie möglicher Verletzungen von Zahnkeimen, die durch offene Osteosyntheseverfahren hervorgerufen werden können, wird im Kindes- und Jugendalter häufiger als im Erwachsenenalter konservativ therapiert.

Für Frakturen des Unterkiefers gelten für Erwachsene die allgemeinen Richtlinien zur operativen Versorgung im Sinne einer Reposition und Osteosynthese bei stärkerer Dislokation. Eine Ausnahme stellen die Gelenkfortsatzfrakturen dar, bei denen in Abhängigkeit der Dislokation und der Frakturlokalisation neben der operativen Therapie auch konservativ therapiert wird.
Im Gegensatz hierzu werden kindliche Gelenkfortsatzfrakturen fast ausschließlich konservativ therapiert. Eine insbesondere bei Kindern schwierige Zugänglichkeit der grazilen Gelenkregion sowie die Gefahr von potentiellen Wachstumsstörungen in Kombination mit den sehr guten funktionellen Ergebnissen nach konservativer Behandlung auch bei deutlicher Dislokation sprechen für dieses Vorgehen. Dies erklärt sich dadurch, dass im Kindesalter im Bereich des Kiefergelenks die Kapazität zum remodelling, d.h. die Erneuerungsfähigkeit des Kiefergelenkes, äußerst groß ist.
Bei Kiefergelenksluxationsfrakturen oder stark dislozierten diakapitulären Frakturen kann die Phase der intermaxillären Fixation verkürzt werden zu Gunsten einer frühzeitigen funktionellen Nachbehandlung um Ankylosen zu vermeiden.
Bei dislozierten Frakturen im Bereich des zahntragenden Unterkiefers steht wie bei Erwachsenen in aller Regel eine operative Therapie im Vordergrund. Bei Grünholz- oder nicht dislozierten Frakturen kann im Wechselgebiss auch konservativ mittels temporärer Ruhigstellung therapiert werden, um mögliche Schäden der Zahnanlagen durch Osteosyntheseschrauben zu vermeiden. In nahezu allen Fällen ist eine zeitweilige Diät mittels flüssiger oder passierter Kost notwendig.
In jedem Falle stellt die Behandlung von kindlichen Kieferfrakturen eine Herausforderung dar. Sowohl bei der operativen als auch bei der konservativen Therapie ist eine chirurgische Intervention nötig, da die kleinen Patienten im Regelfall einer Schienung der beiden Kiefer im wachen Zustand nicht zugänglich sind. In beiden Fällen muss Rücksicht auf grazile anatomische Strukturen genommen werden. Jedoch nicht nur der technisch erhöhten Schwierigkeit, sondern auch der psychologischen Seite mit behandlungsunwilligen Kindern und besorgten Eltern muss Rechnung getragen werden.


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   Stand: FEBRUAR 2012

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