Dr. Martin Hairass, Facharzt für Oralchirurgie: Zahnverletzungen
im Kindesalter
martin.heirass@med.uni-tuebingen.de
13. IZZ-presseforum, 15. Juni 2007, Tübingen: Zahnmedizin in Theorie
und Praxis - Insbesondere bei Kindern
Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am
Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde,
Universitätsklinikum Tübingen.
Inhalt (Es gilt das gesprochene Wort)
Statistisch erleidet jedes dritte Kind bzw. Jugendliche ein dentales
Trauma der Milchzähne oder bleibenden Zähne. Insbesondere sind dabei
die mittleren und seitlichen Schneidezähne im Oberkiefer betroffen.
Man unterscheidet bei der Einteilung der Zahnverletzungen zwischen
Zahnhartsubstanzverletzungen (Zahnfrakturen) und
Dislokationsverletzungen bei denen es von einer geringfügigen
Erschütterung eines Zahnes bis hin zum vollständigen Herauslösen
eines Zahnes aus seiner Alveole kommen kann. Wegen der oft weit
reichenden Folgen sind Verletzungen der bleibenden Zähne junger
Patienten mehr gefürchtet als Milchzahnverletzungen.
Die häufigste Zahnhartsubstanzverletzung ist die Kronenfraktur ohne
gleichzeitige Eröffnung der Pulpa. Ist bei Erstvorstellung des
Patienten eine sofortige Restauration des betroffenen Zahnes aus
zeitlichen Gründen nicht möglich, muss freiliegendes Dentin mit
einem adhaesiven Dentinwundverband (fließfähiges Komposit) versorgt
werden.
Die definitive ästhetische und funktionelle Restauration bei einer
Kronenfraktur gestaltet sich am einfachsten mittels adhaesiver
Wiederbefestigung des frakturierten Fragments (falls vorhanden).
Alter-nativ kann bei verloren gegangenem Fragment ein adhaesiver
Kompositaufbau durchgeführt werden.
Das primäre Therapieziel bei Kronenfrakturen mit gleichzeitiger
Eröffnung der Pulpa ist die Vitalerhaltung der Pulpa. Insbesondere
bei Kindern und Jugendlichen steht bei noch nicht abgeschlossenem
Wurzel- und Kieferwachstum sowie bei weitlumigen Pulparäumen noch
keine prothetische und implantologische Therapiemaßnahme zur
Verfügung. So wird empfohlen, dass eine Pulpa die weniger als 48
Stunden Expositionszeit zur Mundhöhle aufweist, beim jungen
Patienten mit einem Diamanten angefrischt wird und eine direkte
Ü-berkappung oder partielle Pulpotomie durchgeführt wird. Eine
Pulpektomie ist bei noch nicht abgeschlossenem Wurzelwachstum erst
bei Vorliegen einer irreversiblen Pulpitis angezeigt. Die
restaurative Versorgung erfolgt wie bereits beschrieben.
Weit seltener kommt es zu einer Kronen-Wurzel-Fraktur ohne/mit
Eröffnung der Pulpa. Die Versorgung dieser Verletzung erfolgt analog
zur Kronenfraktur. Allerdings stellt sie den Behandler aufgrund der
subgingivalen Frakturrandlage vor größere restaurative Probleme als
die Kronenfraktur. Eine chirurgische Darstellung des Defektes kann
ebenso wie die chirurgische oder kieferorthopädische Extrusion des
Zahnes bei der Restauration hilfreich sein.
Bei den Dislokationsverletzungen kommt es in erster Linie zur
Verletzung des Parodonts. Bei der Konkussion mit und ohne Lockerung
des Zahnes ist dieser klinisch perkussionsempfindlich und bei der
Lockerung eines Zahnes kommt es aufgrund gerissener Parodontalfasern
meistens zu einer geringen Blutung aus dem Sulkus. Komplikationen
wie Pulpanekrose und Wurzelresorptionen sind hier aber seltene
Ereignisse.
Bei der lateralen Dislokation, der Extrusion und der Intrusion kommt
es zu einer Lageveränderung des Zahnes. Mehr oder minder schwere
Quetschungen der Wurzelhaut sind die Folge der Dislokation. Bei der
Avulsion kommt es sogar zur vollständigen Herauslösung des Zahnes
aus seiner Alveole. Je nach Lagerung des Zahnes kann die
Austrocknung der Wurzelhaut zum Zelltod der Parodontalzellen füh-ren.
Die am meisten gefürchtete Komplikation nach Beschädigung der
Wurzelhaut sind progrediente entzündliche externe
Wurzelresorptionen. Voraussetzung dafür ist allerdings zusätzlich
eine Infektion des Endodonts. Da schnell fortschreitende
Resorptionen innerhalb von wenigen Wochen und Monaten zur
vollständigen Zerstörung der Wurzel führen, ist die rechtzeitige
Einleitung einer Wurzelkanalbehandlung bei klinischen und oder
röntgenologischen Anzeichen einer Pulpanekrose von großer Bedeutung.
Allerdings kann es selbst dann zu so genannten nicht entzündlichen
Ersatzresorptionen kommen, bei denen die Wurzel über mehrere Jahre
resorbiert und durch Knochen ersetzt wird.
Ziel ist, bei Kindern und Jugendlichen, verletzte Zähne bis
mindestens zum Abschluss des Körperwachstums zu erhalten um dann
ge-gebenenfalls eine Implantatinsertion durchzuführen zu können.
Wenn es trotz aller Maßnahmen zum vorzeitigen Verlust eines
bleibenden Zahnes kommt, ist ein kieferorthopädischer Lückenschluss
oder die Transplantation z.B. eines Prämolaren in die Frontzahn in
Erwägung zu ziehen.
Die Therapieentscheidung bei Milchzahnverletzungen ist in erster
Linie vor dem Hintergrund einer möglichen Schädigung des bleibenden
Zahnkeims zu treffen. Vor allem bei Dislokationsverletzungen ist
beim Verdacht auf eine Kollision mit dem bleibenden Zahnkeim der
verlagerte Milchzahn zu entfernen. Ebenfalls entfernt werden sollten
Milchzähne mit Kronen-Wurzel-Fraktur und mindestens das koronale
Fragment bei der sehr seltenen Wurzelquerfraktur. Kommt es nach
zunächst erfolgreicher Therapie von traumatisierten Milchzähnen zu
Spätkomplikationen wie Fistelung und Abszedierung, werden auch
solche Milchzähne entfernt.
Nicht zuletzt entscheidet aber auch bei einfachen
Milchzahnverletzungen die Compliance des Patienten über den Umfang
der Therapie die durchgeführt werden kann. |
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