Dr. Dr. Dirk Gülicher, Oberarzt: Kieferfehlentwicklung: Chirurgie
als Ergänzung der Kieferorthopädie
dirk.guelicher@med.uni-tuebingen.de
13. IZZ-presseforum, 15. Juni 2007, Tübingen: Zahnmedizin in Theorie
und Praxis - Insbesondere bei Kindern
Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am
Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde,
Universitätsklinikum Tübingen.
Inhalt (Es gilt das gesprochene Wort)
Fehlbisssituationen setzen sich aus verschiedenen Faktoren zusammen:
fehlerhafte Zahnstellungen im Kiefer, durch die Verzahnung
vermittelter Zwangsbiss, fehlerhafte Kiefergröße und fehlerhafte
Position eines oder beider Kiefer am Schädel. Fehlbisse werden
während des Durchbruchs der Zähne und des Wachstums des
Gesichtsschädels manifest. Diagnostik und Therapie sind primär in
den Phasen starken Wachstums angesiedelt. In dieser Phase kommen vor
allem kieferorthopädische Maßnahmen zum Einsatz. Diese haben zum
einen das Ziel, die Zähne optimal im Kiefer auszurichten, zum
anderen das Wachstum der Kiefer so zu steuern, dass eine normale
Größe und Relation zueinander resultieren. Diese Maßnahmen führen
jedoch in manchen Fällen nicht zum gewünschten Erfolg.
In diesen Fällen ist zur Kieferregulierung auch eine chirurgische
Therapie erforderlich. Grundsätzlich
unterscheidet man chirurgische Maßnahmen im Bereich der Zahnbögen
und skelettale Verlagerungen des vollständigen Ober- bzw.
Unterkiefers.
Die Maßnahmen innerhalb der Zahnbögen dienen der Unterstützung der
kieferorthopädischen Therapie und werden daher im Wachstumsalter
durchgeführt. Hierzu zählen die Zahnentfernungen bei Überzahl oder
Platzmangel, die Freilegung verlagerter Zähne zur anschließenden
kieferorthopädischen Einstellung, die Korrektur von
Schleimhautbändern, die die Zahnregulierung behindern, und die
chirurgische segmentale Verlagerung von Zahngruppen, die sich
kieferorthopädisch alleine nicht ausreichend bewegen lassen. Die
chirurgisch unterstützte Gaumennahterweiterung zur Verbreiterung des
zu kleinen Oberkiefers (oberer Schmalkiefer) ist eine weitere
Maßnahme zur Unterstützung einer erforderlichen kieferorthopädische
Therapie. Da sie den Oberkiefer in seiner Gesamtheit auch knöchern
verändert, stellt die chirurgische Gaumennahterweiterung das
Bindeglied zur zweiten Behandlungsgruppe dar.
Bei dieser werden Kiefergröße und -position auf skelettaler Ebene
grundlegend verändert. Auf diese Weise können Wachstumsstörungen der
Kiefer kausal korrigiert werden. Häufige Indikationen sind der
zurückliegende oder der zu prominente Unterkiefer (mandibuläre
Retrognathie bzw. Prognathie), der zurückliegende Oberkiefer (maxilläre
Retroganthie), der skelettal offene oder tiefe Biss. Eine besonders
komplexe Situation liegt bei der asymmetrischen Entwicklung der
Kieferhälften mit einer so genannten Gesichtsskoliose vor. Die
Fehlstellungen müssen dreidimensional analysiert und die adäquaten
chirurgischen Maßnahmen festgelegt werden. Grundsätzlich können
Ober- oder Unterkiefer isoliert oder auch beide Kiefer simultan
verlagert werden. Die räumlichen Veränderungen können alle drei
Raumebenen betreffen. Das Verhältnis von Ober- und Unterkiefer
zueinander wird so normalisiert. Es resultieren eine reguläre
Okklusion und Artikulation sowie ein harmonisiertes Gesichtsprofil.
Die Kieferorthopädie als vornehmlich die Zahnstellungen
korrigierende Behandlung kann diese Veränderungen alleine nicht
leisten, so dass die chirurgische Kieferverlagerung nicht als
Alternative zur Kieferorthopädie sondern als eigenständig notwendige
Behandlung zu sehen ist.
Die Gesamtbehandlung ist immer interdisziplinär. Im Wachstumsalter
muss der skelettale Fehler der Kiefer erkannt und die chirurgische
Behandlungsnotwendigkeit von Kieferorthopäde und Kieferchirurg
gemeinsam festgestellt werden. Der chirurgischen Therapie geht
praktisch immer eine kieferorthopädische Vorbehandlung voraus, da
die Kongruenz der Zahnbögen eine unabdingbare Voraussetzung zur
Operation darstellt. Der operative Behandlungsschritt erfolgt in der
Regel nach dem Wachstumsabschluss, um das Ergebnis nicht durch einen
nachfolgenden Wachstumsschub zu gefährden. Postoperativ ist noch
eine kieferorthopädische Feineinstellung der Zähne erforderlich. Zur
Optimierung des funktionellen und ästhetischen Ergebnisses können
Kinnkorrektur, implantatprothetische Lückenversorgung und
Zahnform-modulierende Maßnahmen angeschlossen werden.
Eine Sonderstellung nimmt die Kieferveränderung durch die
Distraktionsosteogenese ein. Sie gleicht das Entwicklungsdefizit
eines Kiefers durch graduelles Auseinanderziehen der chirurgisch
durchtrennten Kiefersegmente aus. In dem sich kontinuierlich
erweiternden Knochenspalt wird hierbei neuer Knochen gebildet. Die
Bewegung der Kiefersegmente erfolgt durch Aktivierung einer operativ
am Kiefer fixierten Apparatur (Distraktor). Die
Distraktionsosteogenese wird bei Patienten mit
Lippen-Kiefer-Gaumenspalten eingesetzt, bei denen der Oberkiefer
infolge der Narbenbildung im Spaltbereich eine ausgeprägte
Entwicklungsverzögerung aufweist. Eine weitere Indikation ist die
vertikale Verkürzung des Unterkiefers bei Wachstums-hemmung einer
Gesichtshälfte (hemifaziale Mikrosomie) oder bei
Fehlbildungssyndromen mit symmetrischer Unterentwicklung des
Unterkiefers (Franceschetti-Syndrom). Im Gegensatz zur einzeitigen
Kieferverlagerung kann die Distraktionsosteogenese bereits während
des Körperwachstums durchgeführt werden, um einen Wachstumsrückstand
nachzuholen. Anschließend bleibt das Kieferwachstum jedoch erneut
zurück, so dass in vielen Fällen im Erwachsenenalter eine
zusätzliche Korrektur durch chirurgische Umstellung der Kiefer
erforderlich wird.
Zusammenfassend bietet die Kiefer-Gesichtschirurgie die Möglichkeit,
in Zusammenarbeit mit der Kieferorthopädie Kinder und junge
Erwachsene mit Wachstums- und Entwicklungsstörungen der Kiefer
vollständig und kausal sowohl funktionell als auch ästhetisch zu
rehabilitieren. |
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