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Professor Dr. Stephan Sorichter: Obstruktive
Schlafatmungsstörungen
Leitender Oberarzt der Abteilung Innere Medizin V - Pneumologie,
Medizinische Universitätsklinik,
sorichter@meda.ukl.uni-freiburg.de
Schnarchen bei Kindern und Erwachsenen stellt in den meisten Fällen keine
Gefahr für die Gesundheit sondern höchstens für die Umwelt eine unangenehme
Belästigung dar. Unregelmäßiges und dabei lautes Schnarchen kann aber ein
erster Hinweis auf eine ernsthafte Erkrankung der so genannten obstruktiven
Schlafapnoe sein. Diese, bei ca. 5% der Bevölkerung auftretende Erkrankung
(entspricht ~ 4 Millionen Patienten in Deutschland) wurde früher selbst in
den Schulmedizinerkreisen nicht immer ernst genommen. Heute weiß man um die
Bedeutung der potentiell lebensbedrohlichen Erkrankung, die oft die Ursache
für eine Vielzahl von Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck oder Schlaganfall
ist. Ursächlich für die obstruktive Schlafapnoe ist die Entspannung und
Erschlaffung der Muskeln des weichen Gaumens, der sich zwischen Zungenansatz
und Gaumenzäpfchen befindet, im Schlaf. Werden die Atemwege eingeengt, oder
im Extremfall sogar verschlossen, wird ein freier Luftfluss verhindert was
einem Atemstillstand gleichkommt. Verstärkt wird dieses durch vorbestehende
Engen im Mundrachenraum wie vergrößerte Mandeln und am Eingang der Atemwege
befindliches Fett- und Bindegewebe, ungewöhnlich kleine Kiefer oder große
Zungen. Dauert dieser Stillstand länger als 10 Sekunden, spricht man von
einer Apnoe, auf die der Körper mit verstärkten Atembemühungen reagiert. Als
Folge hiervon kommt es zu kurzen Weckreaktionen mit Anstieg der
Muskelspannung. Hierdurch werden die Atemwege wieder geöffnet, akustisch
wahrnehmbar am meist lautem Schnarchen. Diese kurzen, vom Betroffenen nicht
wahrgenommenen Weckreaktionen unterbinden einen normalen Schlafrhythmus und
damit die geistige Erholung. Da ebenso bei jedem Atemstillstand der
Sauerstoffgehalt im Blut sinkt, muss das Herz verstärkt arbeiten, um den
Sauerstoffbedarf im Körper zu decken. Folge hiervon sind: erhöhter Blutdruck
und Herzrhythmusstörungen. Die obstruktive Schlafapnoe tritt besonders
häufig bei übergewichtigen Männern auf, und wird z.B. durch Alkohol oder
Schlaftabletten verstärkt. Folge des gestörten Nachtschlafes mit dem nicht
erholsamen Schlaf und meist morgendlichen Kopfschmerzen ist eine zunehmende
Tagesschläfrigkeit mit Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeit,
Zerstreutheit, Angstzuständen bis hin zu Depressionen. Die verstärkte
Einschlafneigung bei monotonen Situationen (Fernsehen, Lesen, Besprechungen,
Autofahren) kann zu gravierenden Belastungen im Privat- und Berufsleben
führen. Insbesondere im Straßenverkehr unterliegen Schlafapnoeiker auch
erhöhten Unfall- und Verletzungsrisiken, da sie jederzeit beim Autofahren
(Sekundenschlaf) einschlafen können. Schlafapnoe kann bei Kindern mit
Übergewicht und/oder bei vergrößerten Mandeln bzw. Polypen auftreten.
Schnarchende Kinder, die unruhig schlafen, oft Nachtschweiss haben und
tagsüber unausgeglichen sind und Schwierigkeiten haben sich zu
konzentrieren, sollten einem Arzt vorgestellt werden. Diese Kinder können
sowohl als „hyperaktiv und überdreht“ als auch als „träge und schwerfällig“
auffallen.
Bei Verdacht auf ein obstruktives Schlafapnoesyndrom kann der Arzt durch
Aufzeichnung z.B. der Sauerstoffsättigung und der Atembewegungen die
Diagnose stellen. Dieses geschieht zunächst orientierend zu Hause, bei
Bestätigung des Verdachtes erfolgen die genaue Diagnosestellung mittels
Polysomnographie sowie die Therapieeinleitung in einem Schlaflabor. In der
Behandlung der Schlafapnoe kommen allgemeine Maßnahmen und spezielle
Therapieverfahren zur Anwendung. Die Erlangung des Normalgewichts spielt bei
der Schlafapnoe oft eine wichtige Rolle, ebenso sollte möglichst das
Schlafen auf dem Rücken vermieden werden. Zusätzlich gilt ein Alkoholverbot
mindestens 2 Stunden vor dem Schlafengehen, da Alkohol die Atmungsaktivität
dämmt und somit die Wahrscheinlichkeit und Häufigkeit von Apnoen erhöht
(Alkohol kann daher bei Personen Apnoen auslösen, die sonst lediglich
schnarchen würden). In den allermeisten Fällen reichen diese allgemeinen
Maßnahmen jedoch nicht aus, weswegen spezielle Therapieverfahren
erforderlich werden. Goldstandard ist hier die Freihaltung der Atemwege
durch eine besondere Beatmungsform: der kontinuierlichen positiven
Überdruckbeatmung (CPAP-Therapie, continuous positive airway pressure).
Dabei wird über eine individuell angepasste Nasenmaske ein kontinuierlicher
positiver Druck den Atemwegen zugeführt wird. Durch den Beatmungsdruck
werden die Atemwege offen gehalten, so dass sich Schlaf und Atmung wieder
normalisieren können. Die Beatmung mit dem CPAP-Gerät ist eine physikalische
Maßnahme und muss daher jede Nacht eingesetzt werden. Wird die Therapie
konsequent benützt, steigt die Lebensqualität der behandelten Patienten an,
da sie sich beim morgendlichen Aufwachen wieder erholt fühlen und am Tag
wieder wach sind, sowie bei monotonen Tätigkeiten nicht einschlafen. Das
Problem dieser Therapieform ist die Akzeptanz: Nur ca. 70% der Patienten
kommen mit dem Therapieverfahren mittel- bis langfristig gut zurecht.
Manchen Patienten kann mit individuell angepassten Protrusionsschienen für
Ober- und Unterkiefer geholfen werden. Mit diesem technischen Hilfsmittel
werden die Atemwege offen gehalten, indem Kiefer, Zunge und weicher Gaumen
leicht nach vorne verlagert werden. Die Erfahrung aus Freiburg zeigt, dass
bei richtiger Indikationsstellung und Auswahl der Patienten im Vergleich zur
CPAP-Therapie gleichwertige Ergebnisse erzielt werden können.
Physische Anomalien, die die Atmung im Schlaf ungünstig beeinflussen, können
in manchen Fällen operativ korrigiert werden. Dazu zählen beispielsweise
vergrößerte Mandeln und Polypen, die vor allem bei Kindern häufig vorkommen,
sowie Missbildungen des Kiefers und weichen Gaumens und eine für die Atmung
ungünstig verlaufende Nasenscheidewand. Aufwendigere Verfahren wie die
Uvulopalatopharyngoplastik, wo Fett- und Bindegewebe im Rachenbereich
entfernt wird, sollten erst nach eindeutiger Indikationsstellung durch ein
spezialisiertes Zentrum in Betracht gezogen werden.
12. IZZ-presseforum, 21. Juli 2006, Freiburg
Zahnmedizin in Theorie und Praxis
Universitätsklinik für Zahn-, Mund und Kieferheilkunde Freiburg
Schlafbezogene Atmungsstörungen im Fokus der zahnärztlichen und ärztlichen
Schlafmedizin |