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Professor Dr. Irmtrud Jonas: Präventive Aspekte der
Kieferorthopädie
Ärztliche Direktorin und Fachärztin der Abteilung für Kieferorthopädie,
irmtrud.jonas@uniklinik-freiburg.de
Die Kieferorthopädie ist ein Fachgebiet der Zahn-, Mund- und
Kieferheilkunde, das der Prävention schon immer einen hohen Stellenwert
zugeordnet hat. In den Richtlinien des Bundesausschusses der Zahnärzte und
Krankenkassen für die kieferorthopädische Behandlung in der ab 01.01.2004
gültigen Fassung heißt es: „Zur vertragszahnärztlichen Versorgung gehört die
kieferorthopädische Behandlung, wenn durch eine Kiefer- oder
Zahnfehlstellung die Funktion des Beißens, Kauens, der Artikulation der
Sprache oder eine andere Funktion, wie z. B. Nasenatmung, der Mundschluss
oder die Gelenkfunktion, erheblich beeinträchtigt ist bzw. beeinträchtigt zu
werden droht…“ Die Prävention betrifft die letzte Aussage dieser Richtlinie
und zwar die „drohende Beeinträchtigung“ der zuvor aufgezählten Funktionen.
Inwieweit kann die Kieferorthopädie hier sinnvoll Prävention betreiben?
Häufig wird in diesem Zusammenhang gerade auf die frühe kieferorthopädische
Behandlung Bezug genommen, d. h. die Behandlung vor dem Einsetzen des
Zahnwechsels in den Stützzonen.
Diese frühe Behandlung kann theoretisch unterteilt werden in
- präventive Maßnahmen
- aktive kieferorthopädische Behandlung.
Praktisch sind diese beiden Intentionen jedoch nicht klar voneinander zu
trennen, da mit Hilfe der Frühbehandlung nicht nur einer Fehlentwicklung des
Gebisses sondern auch der Verstärkung einer bereits vorhandenen Anomalie
entgegengewirkt werden soll. Im Folgenden soll anhand von Beispielen
erläutert werden, welche Indikationen für eine solche präventive
Frühbehandlung bestehen. Einer der Schwerpunkte liegt auf dem Abstellen von
schlechten Angewohnheiten.
Zu den häufigsten Dyskinesien zählt die Lutschgewohnheit (z. B. Daumen,
Finger, Bettzipfel, Schnuller). Ob eine solche Lutschgewohnheit tatsächlich
zu einer Zahnfehlstellung führt, ist unter anderem abhängig von der Dauer,
Intensität und Art des Lutschens. Die Entwicklung von Funktionsstörungen,
Fehl- oder Parafunktionen, die erst sekundär aus dem Lutschhabit entstehen,
ist häufig schädlicher als das primäre Habit. Dazu zählen das Lippenbeißen,
Lippensaugen, Zungenpressen, anomales Schlucken.
Mögliche Folgen dieser sekundären Fehlfunktionen sind:
- ein offener Biss
- der Steilstand der Unterkieferfrontzähne
- die lückige Protrusion der Oberkieferfrontzähne
- eine Rücklage des Unterkiefers.
Das ständige Beißen auf der Unterlippe bzw. ihre Einlagerung zwischen die
Frontzähne des Ober- und Unterkiefers ist eine weitere häufige Dyskinesie.
Dadurch können folgende Probleme auftreten:
- eine deutliche Vergrößerung der sagittalen Frontzahnstufe
- ein dorsaler Zwangsbiss, der später zu erheblichen Kiefergelenksproblemen
führen kann.
Ein falsches Schluckmuster kann erheblichen negativen Einfluss auf die
weitere Gebissentwicklung nehmen. Spätestens mit 4 Jahren sollte das
Schlucken nicht mehr durch einen Kontakt zwischen Zunge und Lippe ausgelöst
werden, sondern in ein reifes Schluckmuster mit Molarenkontakten
übergegangen sein. Setzt diese Umstellung nicht von alleine ein, besteht die
Gefahr, dass durch die Zungeneinlagerung ein offener Biss entsteht.
Viele Kinder sind Mundatmer. Mögliche Folgen einer ständigen Mundatmung
sind:
- entzündliche Veränderungen der Gingiva
- erhöhte Kariesanfälligkeit
- häufige Schwellungen des lymphatischen Rachenrings
- oberer Schmalkiefer mit hohem Gaumen
- lateraler Kreuzbiss
- Progenie durch tiefe, anteriore Zungenlage.
Auch hier besteht Handlungsbedarf von kieferorthopädischer Seite, nachdem
ein Hals-Nasen-Ohrenarzt die anatomische Mundatmung ausgeschlossen hat, um
die dramatischen Folgen gar nicht erst auftreten zu lassen.
Bei den therapeutischen Möglichkeiten zum Abstellen von Lutschgewohnheiten
sind die psychologischen Methoden wie Ablenkung, das Ausmalen eines
Sonne-Regenkalenders oder das Aufmalen von Gesichtern auf den Lutschfinger
den rabiateren Methoden wie Handschuhe, zugenähte Ärmeln oder Daumexol
vorzuziehen. Nach frühzeitigem Abgewöhnen des Lutschens (gute Prognose bis
zum 4. Lebensjahr) kann es noch zu einem Selbstausgleich der
Zahnfehlstellungen kommen. Ein Standardverfahren ist die Behandlung mit der
Mundvorhofplatte (mögl. individuell hergestellt). Natürlich gibt es weitere
Plattenapparaturen, die präventiv im Sinne der Abschirmtherapie eingesetzt
werden können.
Bei manchen Kindern ist präventive Kieferorthopädie angezeigt, weil
vorzeitige Milchzahnverluste die normale Kieferentwicklung stark
beeinträchtigen können. Hier kommt das Einsetzen eines herausnehmbaren
Lückenhalters in Frage, der die Möglichkeit bietet, die Lücke in allen drei
Dimensionen zu halten.
Es gibt auch Kieferfehlstellungen, die schon sehr früh auftreten und
aufgrund ihrer Progredienz (der weiteren Ausprägung im Laufe des Wachstums)
frühzeitig behandelt werden sollten. Dazu gehören der offene Biss, die
Progenie sowie der ausgeprägte Distalbiss. Hier liegt der präventive Aspekt
darin, dass eine weitere Verschlechterung durch sekundär aufgelagerte
Dyskinesien verhindert werden soll. Außerdem wird einer im Erwachsenenalter
sonst unumgänglichen chirurgischen Korrektur der Fehlstellung vorgebeugt.
Abschließend bleibt zu erwähnen, dass auch die reguläre kieferorthopädische
Behandlung in der späten Phase des Zahnwechsels häufig eine präventive
Maßnahme ist. So dient beispielsweise die Beseitigung eines
traumatisierenden gingival abgestützten tiefen Bisses der Vermeidung von
Rezessionen und später vielleicht drohendem Zahnverlust in der
Oberkieferfront.
12. IZZ-presseforum, 21. Juli 2006, Freiburg
Zahnmedizin in Theorie und Praxis
Universitätsklinik für Zahn-, Mund und Kieferheilkunde Freiburg |