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Online-Publikation:
November 2008 im Internet-Journal <<kultur-punkt.ch>>
Ereignis-, Ausstellungs-, AV- und Buchbesprechung
<< Sonja Margolina: Wodka >>
184 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 12 x 20 cm, ISBN
3-937989-03-X, € (D) 16,-/€ (A) 16,50/sFr 28,60
wjs verlag berlin 2004;
www.wjs-verlag.de
Inhalt
Wodka. Trinken und Macht in Russland«Vor zwei Jahren wurde in
Russland erstmalig ein Rückgang der Wodka-Produktion gemeldet, und
tatsächlich hat der westliche Einfluss in den russischen Metropolen
eine Veränderung des Lebensstils und der Trinkgewohnheiten mit sich
gebracht: An die Stelle von Wodka sind bei den Besserverdienenden
und Gebildeten »Longdrinks« und italienische oder französische Weine
getreten.
Doch das Bild in den Großstädten spiegelt nicht die Wirklichkeit in
den kleinen russischen Städten und Dörfern, in denen zwei Drittel
der Bevölkerung leben. Im Gegenteil zeigen alle Statistiken, dass
die Trunksucht in Russland für Abermillionen von Menschen noch immer
zur Alltagskultur gehört.
Autorin und Umfeld
Sonja Margolina, selber in Russland aufgewachsen, zeigt in diesem
Buch, in welchem Ausmaß der Wodka die Wirtschaft und Politik
Russlands geprägt hat. Um seine Kriege und seinen Polizeiapparat zu
finanzieren, führte schon Iwan der Schreckliche das Staatsmonopol
für alkoholische Getränke ein. Das Trinken in den Staatsschenken
wurde zur Pflicht des Untertanen, und aus der Pflicht wurde
Abhängigkeit: die der Menschen vom Alkohol und jene des Staates von
den Spritabgaben. Alle wichtigen staatlichen Institutionen – vor
allem aber Kirche und Armee – brachte der Wodka in seine Gewalt. Er
entschied über militärische Siege und Niederlagen, beeinflusste den
Verlauf der bolschewistischen Revolution, finanzierte die Bürokratie
und blockierte jede Reform, die seine Allmacht hätte gefährden
können. Wodka war die wichtigste Einnahmequelle der weißen wie der
roten Zaren. Als Michail Gorbatschow schließlich versuchte, ihn zu
verbieten, zog das den Kollaps des Staates nach sich.
Das hochprozentige »Wässerchen« hat auf dem russischen Sonderweg
eine verhängnisvolle Rolle gespielt und ist inzwischen sogar eine
Gefahr für das Fortbestehen Russlands in seinen heutigen Grenzen.
Mit Hilfe des Wodka, so Sonja Margolinas Resümee, begeht das
russische Volk seinen historischen und geopolitischen Selbstmord –
ein in der Geschichte einmaliger Vorgang.
Fazit
Sonja Margolina schreibt aus innerster Überzeugung von einem
"historischen und geopolitischen Selbstmord" in ihrem Diskursbuch
"Wodka", den das russische Volk "dank des Staats-Marketings" im
Begriff ist zu begehen. Zwischen Desorientierung , Schein-Pflicht
und Droge-Abhängigkeit pendelt der Alltag in Russland, stellt
Margolina fest, sie nennt es "Humankatastrophe im Auerbachs Keller .
Und es gibt keine Anzeichen für eine Umkehrung dieser Dynamik".
Klingt nicht gut - auch für uns nicht! |