SWR2 Wissen - Aula | Wilhelm Schmid: Was ist Heimat? Auf der Suche nach einem Irgendwo-Nirgendwo

Heimat (Schmid)
-ds-swr2-aula15-10schmid-Heimat

http://www.swr.de/

SWR2 Wissen - Aula | Wilhelm Schmid: Was ist Heimat? Auf der Suche nach einem Irgendwo-Nirgendwo

AUTOR
Wilhelm Schmid, geboren 1953, lebt als freier Philosoph in Berlin und lehrt Philosophie als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt. Homepage www.lebenskunstphilosophie.de, Twitter@lebenskunstphil
Bücher (Auswahl):
· Vom Nutzen der Feindschaft, Insel Verlag, 2015.
· SexOut und die Kunst, neu anzufangen, 2. Aufl., Insel Verlag, 2015.
· Vom Glück der Freundschaft, 3. Aufl., Insel Verlag, 2014.
· Gelassenheit – Was wir gewinnen, wenn wir älter werden, Insel Verlag, 2014.
· Dem Leben Sinn geben. Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt, Suhrkamp Verlag, 2013.
· Unglücklich sein – Eine Ermutigung, Insel Verlag, 2012.

ÜBERBLICK
Die einen sehnen sich ein Leben lang nach ihr, die anderen wissen genau, wo sie ist, die einen sagen, sie befände sich nur in ihrem Kopf, andere bestreiten lakonisch ihre Existenz. "Heimat" ist ein ambivalenter und emotional aufgeladener Begriff, der für viele von existentieller und vor allem utopischer Bedeutung ist. Der Philosoph Professor Wilhelm Schmid begibt sich auf Spurensuche.

ARD-Themenwoche Heimat unter Federführung des SWR
4. bis 10. Oktober 2015
Am 4. Oktober 2015 startet die ARD-Themenwoche "Heimat" unter Federführung des Südwestrundfunks. Alle ARD-Anstalten tragen in Fernsehen, Radio und Internet mit vielfältigen Beiträgen zur öffentlichen Debatte über die "Heimat" bei.
Natalia Wörner, Herbert Grönemeyer und Mesut Özil sind Paten
Heimat betrifft jeden und bedeutet für jeden etwas anderes. Heimat verbindet und polarisiert. Lange hatte sie ein verstaubtes Image, das von der historischen Vorbelastung und der Nachkriegszeit geprägt war. Doch in den letzten zwei Jahrzehnten hat ein erstaunlicher Wertewandel stattgefunden. Heimat liegt im Trend und hat gerade für junge Menschen steigende Bedeutung. Am Sonntag, 4. Oktober 2015, startet die ARD-Themenwoche "Heimat" unter der Federführung des Südwestrundfunks (SWR). Bis Samstag, 10. Oktober 2015, bieten alle ARD-Anstalten in Fernsehen, Radio und Internet vielfältige Beiträge und wollen damit zu einer öffentlichen Debatte anregen. Programmangebote werden im Ersten, in den Dritten, in den Partnerprogrammen wie z. B. bei der Deutschen Welle und in ARTE, im Radio und Online zur Verfügung stehen. Prominente Paten der Themenwoche sind Schauspielerin Natalia Wörner, Sänger Herbert Grönemeyer und Fußball-Nationalspieler Mesut Özil.
Verständnis von Heimat
Wie hat sich das Verständnis von Heimat in einer Gesellschaft gewandelt, die von kultureller Vielfalt profitiert, sich aber Herausforderungen wie Globalisierung und Flüchtlingsströmen stellen muss? Was bewegt junge Menschen in Bezug auf die Heimat? Gibt es die klassische Heimat noch? Oder ist Heimat da, wo sich das Smartphone automatisch ins WLAN einloggt? Und was ist das Besondere, Wertvolle, Unverwechselbare unserer Heimat? Die ARD-Themenwoche sucht nach Antworten auf diese und weitere Fragen.
Auswahl der Beiträge zur Themenwoche
Deutschland. Dein Tag
Die Geschichte des Südwestens
SWR2-Mundartkrimi "Bierleichen"
Neue Heimat Hunsrück
Wanderkarte Deutschland im ARD-Buffet
Auftakt mit "Deutschland. Dein Tag"
Den Auftakt der Themenwoche macht die zwölfstündige Echtzeit-Dokumentation "Deutschland. Dein Tag" am 4. Oktober im Ersten. Kamerateams begleiteten hierfür genau ein Jahr zuvor, am 5. Oktober 2014, 100 Protagonisten an den verschiedensten Schauplätzen Deutschlands und verbrachten mit ihnen einen für sie typischen Sonntag. Die Sendung ist ein Kaleidoskop unterschiedlicher Lebenswelten: Neben vielen anderen gewähren eine Bestatterin und ein Fallschirmsprunglehrer, ein Notarzt und ein Abschleppunternehmer, ein Obdachloser und ein Schichtleiter einzigartige Einblicke in einen Tag ihres Lebens.

---
INHALT
SWR2 Aula
Was ist Heimat? Auf der Suche nach einem Irgendwo-Nirgendwo
ARD-Themenwoche: Heimat
Von Wilhelm Schmid
Sendung: Sonntag, 4. Oktober 2015
Erstsendung: Montag, 6. April 2015
Redaktion: Ralf Caspary
Produktion: SWR 2015
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Service:

Ansage:
Mit dem Thema: "Was ist Heimat? Auf der Suche nach einem Irgendwo-Nirgendwo".
Die einen sehnen sich ein Leben lang nach ihr, die anderen wissen genau, wo sie ist, die einen sagen, sie befände sich nur in ihrem Kopf, andere bestreiten lakonisch ihre Existenz, wieder andere – wie die Flüchtlinge – müssen sie verlassen, um vielleicht eine neue zu finden. "Heimat" ist ein ambivalenter und emotional aufgeladener Begriff, der für viele von existentieller und vor allem utopischer Bedeutung ist. Der Philosoph Professor Wilhelm Schmid begibt sich auf Spurensuche nach Heimaten.
Wilhelm Schmid:
Wie nehmen wir in unserem Alltag die Welt wahr? Einerseits ist sie eine Verlockung, ihre Weite zieht uns an, wir sehnen uns danach zu reisen. Sind wir dann irgendwann tatsächlich unterwegs, kommen wir gerne zurück. Die Welt ist andererseits nämlich groß und unübersichtlich, wir brauchen eine kleine Ecke, die uns vertraut ist und die wir überschauen. Was uns Heimat bedeutet, erfahren wir am besten, wenn wir sie für eine Weile nicht haben.
Das gilt auch für die Heimat als Thema überhaupt. Die Heimat wird historisch erst in der Zeit entdeckt, in der sie verloren zu gehen droht. Das hat sehr viel mit der Epoche der Moderne zu tun. Seit den Anfängen der Moderne im 18. und 19. Jahrhundert beschleunigt sich der Prozess einer Befreiung von Bindungen aller Art. Dieser Prozess macht auch vor der Bindung an die Heimat nicht halt, die für immer mehr Menschen an Selbstverständlichkeit verliert. Das hat sich in der Geschichte wie auch in der Kunstgeschichte niedergeschlagen.
Der amerikanische Maler Edward Hopper stellt im 20. Jahrhundert die neuen, unheimlichen Landschaften der Moderne dar: Eisenbahnschienen zerschneiden die natürliche Umgebung. Monumentale Brücken degradieren die heimeligen Häuser zu ihren Füßen zu Puppenstübchen. In serienweise hochgezogenen Mietskasernen geben die oberen Etagen großartige Ausblicke für einsame Menschen frei. Abgeschnittene Häuser, die bei einem Abbruch übrigbleiben, bieten nur noch der Tristesse eine Heimat. Menschen verlieren sich in dieser Welt, an Haltestellen der Stadtbahn stehen sie ziellos herum, hantieren nächtens an Zapfsäulen einer Tankstelle im Irgendwo. Aus ihren Blicken strahlt keine Liebe zu etwas oder jemandem, nichts kann sie noch reizen. Längst ist ihnen entfallen oder nie in den Sinn gekommen, warum und wozu sie in der Welt sind. Sie wissen nicht, wohin mit sich. Ihre Beziehungslosigkeit malt Hopper viele Male, angezogen vom Sog dieser Leere. Die Bilder fordern zum Innehalten und Nachdenken heraus: Was ist der Mensch in der modernen Welt?
Schon im 19. Jahrhundert sah der Philosoph Friedrich Nietzsche diesen schicksalhaften Moment kommen, in dem der Mensch heimatlos wird und sich zur Neubesinnung genötigt sieht: Warum und wozu ist er da, wo kann er noch etwas finden, das seinem Leben Sinn gibt? Nietzsche selbst fand es wichtig, sich nicht nur von Beruf, Familie, Freunden, Glauben, sondern auch von "Gesellschaft, Vaterland, Heimat" zu befreien. Und doch hebt er in einem Gedicht unter dem Titel "Der Freigeist" zur Klage an: "Weh dem, der keine Heimat hat!" Seine Heimat findet

Nietzsche schließlich wie seine Romangestalt Zarathustra in der Einsamkeit: "Oh Einsamkeit! Du meine Heimat Einsamkeit!"
Nietzsche lebte in der Zeit, in der sich Heimat im Sinne der Bindung an einen festen, angestammten Ort aufzulösen begann. Nicht zufällig hat die Heimatforschung ihre Anfänge im 19. Jahrhundert, Heimatmuseen sind die Antwort auf die industrielle Zerstörung von Heimat. Jetzt werden Menschen sich der Bedeutung der Heimat bewusst und versuchen im Moment des Verlusts, wie immer in der Liebe, verbissen an ihr festzuhalten. Die Liebe zur Heimat eskaliert bei denen, die sie verloren haben. Das ganze 20. Jahrhundert hallt wider vom Schlachtenlärm zwischen Bewahrern der guten, alten Heimat, die gegen alles Neue und Fremde auf "Blut und Boden" beharren, sowie Modernisierern, die in der alten Heimat mit ihrer "Enge und Zurückgebliebenheit" nicht mehr leben wollen. Im 21. Jahrhundert führt die Globalisierung, mit der die moderne Welt vom gesamten Planeten Besitz ergreift, zur globalen Auseinandersetzung zwischen denen, die diese moderne Welt inbrünstig hassen, da sie ihre angestammte Heimat bedroht, und denen, die sie hingebungsvoll lieben, da sie selbst zur Heimat für sie wird.
Heimat kann vieles sein, für jeden Menschen etwas anderes, immer aber ist sie zunächst eine räumliche Heimat, eine Stelle im Raum, in einer menschlichen Siedlung oder in der Natur, in einer gewachsenen oder gestalteten Landschaft. Heimat ist erst einmal der Ort, der einen Menschen prägt, ohne dass er ihn sich selbst ausgesucht hat. Er findet ihn vielmehr vor, wächst an ihm auf und kommt somit von ihm her. Diese Herkunftsheimat ist ihm vollkommen vertraut und er liebt sie innig, egal, wie es dort aussieht. Je unübersichtlicher die Welt, desto stärker die Erfahrung einer solchen überschaubaren Heimat. Die Verwurzelung in einer Region kann geradezu zur Religion werden: Der Rückbezug darauf, die innige Beziehung dazu knüpft Zusammenhänge, in denen ein Mensch sich physisch, psychisch und metaphysisch geborgen fühlt.
Menschen können überall daheim sein, immer aber ist dieser Ort das Zentrum der Welt aus ihrer subjektiven Sicht, die sie nicht immer als subjektive Sicht wahrnehmen. Eine solche Heimat gibt es auch am Ende der Welt, das die Menschen, die in einer solchen Gegend leben, als ihr geliebtes Zuhause betrachten, mögen andere sie auch für gottverlassen halten. Man kann sicher sein, dass das selbst dann gelten wird, wenn Menschen auf dem Mond oder dem Mars geboren werden und dort aufwachsen. Und wie jede Liebe kann auch die Liebe zur Heimat äußerst zwiespältig sein, vermischt mit Gefühlen der Abneigung, ja, des Hasses, ein Ort der Hassliebe im vollen Sinne des Wortes: Ich hasse, was ich liebe, weil es mir zu nahe ist, weil es mich nicht zur Entfaltung kommen lässt oder weil es irgendwelche Gründe dafür gibt, mich meiner Heimat zu schämen.
Wie groß die Liebe zur angestammten Heimat sein kann, haben Menschen aus der Umgebung von Tschernobyl eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Nach der Explosion des Atomreaktors am 26. April 1986 umgesiedelt, kehrten Tausende zurück, trotz aller Verbote. Denn als sie weg mussten, "ließen wir die Seelen zurück", sagte eine alte Frau zwanzig Jahre nach der Katastrophe: "Und deshalb sind wir wieder hier." In einer anderen Umgebung war die Vertrautheit und Geborgenheit nicht wiederzufinden, die in der alten Heimat vom Anfang des Lebens an bestand. In einer anderen Umgebung waren andere Menschen zu Hause, die die Neuankömmlinge spüren ließen, dass sie nicht hierher gehörten. Heimat erwies sich außerdem als ein Gefühl, gebraucht zu werden: "Unser Land und unser Haus brauchen uns, die

Hühner, die Äcker, die Bäume." Letztlich war die Heimat wichtiger als die tödliche Gefahr der Radioaktivität: Wenn schon sterben, dann wenigstens zu Hause. Die Liebe eines Elektrikers gehörte sogar dem Reaktor selbst, dem Betonmonster, an dem er mitgebaut hatte, an dem seine Seele hing und dessen Explosion ihm wie vielen seiner Kollegen den Lebenssinn raubte: "Tschernobyl war unsere Liebe."
Zur "zweiten Heimat" kann dennoch ein zusätzlicher, gefundener und gewählter Ort werden. Diese Wahlheimat gewinnt im Laufe der Moderne für immer mehr Menschen an Bedeutung, da sie dort Beziehung, Arbeit, Freiheit, Zuflucht, neue Impulse finden. Die fraglose Zugehörigkeit steht hier allerdings, anders als bei der Herkunftsheimat, infrage, zumindest anfänglich, womöglich dauerhaft. Es wäre besser, nicht auf Rückkehr in die erste Heimat zu hoffen, denn das erschwert die Verwurzelung in der zweiten Heimat. Zweierlei kann das Heimischwerden in ihr dagegen erleichtern: Der Verzicht derer, die schon da sind, diesen Ort als ihr alleiniges Eigentum zu betrachten. Und die Bereitschaft derer, die neu hinzukommen, sich auf diesen Ort einzulassen.
Die Zugehörigkeit zu einer Wahlheimat kann im Übrigen auch schon empfunden werden, ohne dort gewesen zu sein. Von Berlin heißt es im Popsong "Eine eigene Geschichte" der Hamburger Gruppe Blumfeld, dies sei der Ort, "wo die Leute aus Heimweh hinzieh’n". Es kann also einen Ort geben, von dem Menschen sich Vorstellungen machen, die ihn als Heimat erscheinen lassen, bevor sie wirklich dort leben. Inmitten der großen Stadt erweist sich die Heimat dann aber erneut als Dorf, zu dem das vertraute Viertel oder die eigene Straße wird. "Ein Dorf brauchst du, und wäre es nur, damit du es hin und wieder gern verlässt", heißt es im Roman Junger Mond von Cesare Pavese, denn ein Dorf, "das bedeutet: du bist nicht allein". Sollte jedoch die Suche nach Heimat scheitern, kann das zu einer Heimsuchung für die Betroffenen werden: Das hat Jenny Erpenbeck in ihrem Roman Heimsuchung dargestellt.
Heimat kann darüber hinaus nicht nur eine räumliche, sondern auch eine zeitliche Heimat sein, nicht nur ein Ort im Raum, Herkunfts- oder Wahlheimat, sondern auch eine bestimmte Zeit, erfahrbar im Stil der Zeit. Es muss sich dabei nicht um die Gegenwart handeln, heimeliger erscheint vielleicht ein anderes Jahrzehnt oder Jahrhundert. Großer Beliebtheit erfreuen sich im Rückblick auf das 20. Jahrhundert die 20er-Jahre mit ihrer angeblichen Frivolität, die 50er-Jahre mit Pettycoat und Rock’n Roll, die 70er-Jahre mit romantischen Träumen von Frieden und freier Liebe. Die Liebe zur zeitlichen Heimat drückt sich im Lebensstil eines Menschen aus, im Stil seiner Kleidung und in Gewohnheiten, in denen er wohnt.
Eine sehr große Rolle spielt der Musikstil, der eine Beziehung zur jeweiligen Zeit herstellt und einen Klangraum erzeugt, in dem es sich leben lässt, je nach Vorliebe in der Zeit des Barock, der Wiener Klassik, der Romantik und Spätromantik, der Neuen Musik und Zeitgenössischen Musik. Heimatgefühle vermittelt vielen die Volksmusik der Moderne, die unentwegt die verlorene Heimat besingt und sehr anders klingt als etwa die Volksmusik des Mittelalters. Und sehr viele finden ihre Heimat im weiten Bereich von Rock und Pop, in den Musikstilen von Blues, Country, Soul, Beat, Hardrock, Softrock, Punk, Rap, Techno, House, Blackmetal und vielem mehr. In jedem Musikstück wird die Herkunftszeit hörbar, und immer ist die Liebe zur musikalischen Heimat, wie jede andere Heimatliebe, eine unbedingte, unabhängig von irgendwelchen Bedingungen: Wie auch immer die Musik sich anhört, wie

problematisch eine Zeit oder ein Ort sein mag, welche Geschichten damit verbunden sind – es ist meine Heimat. Nichts und niemand kann sie infrage stellen.
Es muss tiefe Gründe für das Bedürfnis nach Heimat geben. Das kann nur heißen: Die Liebe zur Heimat gibt dem Leben Sinn. Das ist vielleicht am stärksten bei der räumlichen Heimat erfahrbar. Sie ist von Grund auf mit sinnlichen Erfahrungen verbunden, die bereits einen guten Teil des Sinns ausmachen: Die Heimat kann man sehen, hören, riechen, schmecken, berühren, sich in ihr bewegen, sie in sich spüren. Die sinnliche Heimat ist erfahrbar beim Anblick eines Hauses, einer Straße, eines Platzes, eines Hains, eines Baums, eines Himmels, über den die vertrauten Wolkengebilde ziehen, einer alten Brücke, die schon das erste Rendezvous getragen hat. Heimatlich sind die charakteristischen Klänge und Geräusche, das Glockengeläut in einer christlich geprägten, der Ruf des Muezzin in einer islamisch geprägten Region, die Gerüche bestimmter Räume und verschiedener Jahreszeiten.
Wohlbekannte "Heimatgeschmacksverstärker" sind die Wurst, der Käse, der Wein, das Bier der Region, der Kartoffelsalat mit Gurken, der seit Kindheitszeiten ein "Gedicht" ist, die Flädlesuppe, andernorts die Soljanka, überhaupt der Geschmack der heimischen Küche, denn auch die Liebe zur Heimat geht durch den Magen. Heimat ist dort, wo ich das typische Grün sehen und berühren kann, wirklich mit den Händen oder aus der Ferne in Gedanken. Daher konnte der Song von Tom Jones, The green, green grass of home, ein so großer Hit werden. In der räumlichen Heimat gehen meine Füße die Wege ganz von alleine und alle Antennen in mir signalisieren: Hier bist du gut aufgehoben.
Heimat ist jedoch auch darüber hinaus alles, woran mein Herz hängt, was starke Gefühle in mir auslöst und somit fern von jeder Gleichgültigkeit ist, eine reiche Quelle für seelischen Sinn. An der Seite des Menschen, den ich liebe, ist meine Heimat, egal wo das ist; ebenso im Kreis der Familie, der Freunde und Kollegen, der Wesen und Dinge, die mir viel bedeuten. Heimat ist jedes vertraute Gesicht, in das ich blicke und das mir, wenn es abwesend ist, geistig vor Augen steht. Wo ich dazugehöre und somit "richtig bin", wo ich das Leben gestalten und mitgestalten kann, dort ist meine seelische Heimat, beginnend bei mir selbst: Wenn ich mich mit mir gut verstehe, kann ich immer bei mir zu Hause sein, egal wo ich bin, ein guter Grund für die Befreundung mit sich selbst.
Auch dann, wenn die Heimat ein Ort ist, hat die Liebe zu ihm meist damit zu tun, dass es sich um einen Ort der Liebe handelt: Wo ich liebe und geliebt werde, ist die Heimat, die ich wiederum liebe. Ähnlich wie bei anderen Lieben ist aber auch bei der Liebe zur räumlichen Heimat Untreue möglich: Der Heimat untreu zu werden heißt, sie hinter sich zu lassen und in die Welt hinauszuziehen. Diejenigen, die zurückbleiben, schätzen es nicht sonderlich, wenn einer, der sich der Schicksalsgemeinschaft der Heimat entzieht, zurückkommt und womöglich "die Nase hoch trägt". Und nicht nur in der Herkunftsheimat, sondern auch in der Wahlheimat wird Untreue sozial sanktioniert: Wenn ein Fremder in die Gemeinschaft der Alteingesessenen aufgenommen worden ist, soll er sich auch dazu bekennen, erst recht in schwierigen Zeiten, ansonsten werden sich ihm die Türen wieder verschließen.
Zugleich existiert Heimat nicht nur in der Sinnlichkeit und in Gefühlen, räumlich und zeitlich, sondern auch in Gedanken, und dort vielleicht am allerstärksten. Sinn vermitteln die Vorstellungen und Erinnerungen, die als geistige Heimat erlebt

werden, die Denkweisen, die einem Menschen so geläufig sind, dass er keine anderen für möglich hält, sowie die Deutungen und Wertungen, für die der Ausdruck einer hermeneutischen Heimat geprägt werden kann. Bücher können eine solche Heimat sein, und überhaupt alle Kunst und Kultur. Heimat ist die Welt, in der ich mich menschlich und topographisch, vor allem aber hermeneutisch auskenne, so dass ich nicht nur in realen Räumen und in Gewohnheiten wohnen kann, sondern auch in kulturellen Bedeutungen.
Geistige und hermeneutische Heimat ist die vertraute Sprache, die ich hörend und lesend verstehe und in der ich mich sprechend und schreibend ausdrücke. Hier kann ich jedes Wort einordnen und kenne auch noch seinen Hintersinn, der anklingt und mitschwingt. Hier kenne ich die Rituale, das "Brauchtum" all der Dinge, die auf diese Weise nur hier und nirgendwo sonst in Gebrauch sind. Hier weiß ich, wann ein Lächeln oder ein Lachen angebracht ist und was es bedeutet. Die Heimat nistet in den feinen Unterschieden, die ein Außenstehender nicht als solche erkennt und die kein vertikales Unterscheidungsmerkmal sozialer Schichten, sondern ein horizontales Kriterium lokaler und regionaler Besonderheiten sind. Kommt es zu einer starken Verschiebung im Bedeutungsgefüge, wie etwa nach der Wende von 1989 in Ostdeutschland, kann ein Mensch fremd werden im eigenen Land.
So selbstverständlich ist diese Welt, dass ein Mensch seine Heimat oft erst dann als solche erfährt, wenn er sie verlässt, und sei es nur für kurze Zeit: In der gewonnenen Ferne wird die verlorene Nähe bedeutsam. Das aber heißt: Wer die Bedeutung der Heimat für sich genauer kennenlernen will, muss sich von ihr trennen. Kehrt ein Mensch dann zurück an den Ort, der seine Heimat war, hat die Zeit den Raum menschlich, topographisch, hermeneutisch so verändert, dass er nicht mehr dem entspricht, was in der Vorstellung Heimat war: Heimat ist auch ein Ort der Illusion, der in der Hauptsache in der Erinnerung existiert, ein Grund für die Enttäuschung vieler Vertriebener, Exilanten, Aussiedler, Migranten und moderner Nomaden, sowie all derer, die ihre Kindheitsheimat nicht mehr wiederfinden.
Es kann schrecklich sein, nach Hause zu kommen und sich dort fremd zu fühlen, bereits nach kurzer Abwesenheit, umso mehr nach langer Zeit, verlassen von all dem, was geliebt worden ist und was durch die Liebe erst Bedeutung erhielt. In der großen, weiten Welt "da draußen", inmitten aller Verunsicherungen wurde immer eine Art von Rückversicherung darin gesehen, eine kleine, gemütliche Welt "da drinnen" zu kennen, in der die Welt noch in Ordnung ist. Jetzt aber erscheint alles öde und leer und die ganze Heimat, die ausgehend von diesem Zentrum in konzentrischen Kreisen zum Zuhause geworden ist, wird zur Wüste. Kein Problem, wenn das ein momentaner Eindruck ist, der vergeht, schlimm jedoch, wenn er bleibt, denn am zehrendsten ist ein Heimweh ohne Heimat.
Im selben Maße, in dem in moderner Zeit im Zuge der Industrialisierung die Bindung an konkrete Orte abnahm, wurde der Heimatliebe jedoch ein neues Objekt angeboten: Das war die Nation, die immer "groß" sein sollte. Ursprünglich galt als Nation, dem lateinischen natio entsprechend, was Menschen per Geburt gemeinsam hatten: Die Herkunft, den Ort, den sozialen Stand. Im Laufe der Moderne wurde daraus die Zusammengehörigkeit von Menschen in einem bestimmten Land im Raum, mit einer bestimmten Geschichte in der Zeit. Sich für die je eigene Nation einzusetzen, galt als Patriotismus. Ursprünglich war ein Patriot mit Bezug auf die Rolle des Vaters (pater) derjenige, der sich mit väterlicher Fürsorge um die "allgemeine Wohlfahrt" sorgte. Wörterbücher des 18. Jahrhunderts berichten noch

von patriotischen Gesellschaften, die das leisteten, was spätere Zeiten als "gesellschaftliches Engagement" bezeichneten. Die Werte der Französischen Revolution wurden von Patrioten vertreten, die sich zugleich als Kosmopoliten verstanden.
In der Folgezeit entstand in vielen Ländern jedoch der nationalistische Patriotismus des 19. und 20. Jahrhunderts mit all seinen blutigen Folgen. Jedem Einzelnen ermöglichte die Liebe zur Nation, wie eigentlich auch andere Lieben, die Erfahrung einer Transzendenz über das eigene Selbst hinaus, daher konnte in moderner Zeit die Nation als "Vaterland" an die Seite Gottes rücken: "Für Gott und Vaterland!" Für manche vertrat sie sogar die Stelle Gottes selbst, und dies umso mehr, je weniger die Moderne herkömmliche religiöse Erfahrungen bot. Wer sich auf andere Weise um sein Land sorgte und Kritik an Missständen übte, erschien hingegen als "Vaterlandsverräter". Spät erst wurde etwa einem Willy Brandt Verehrung zuteil, der eine aufgeklärte Liebe zur Nation begründete, die sich nicht blindwütig gebärdet und blind gegen eigene Fehler bleibt, sondern immer von Neuem die Verbesserung von Verhältnissen anstrebt.
In der Phase der Globalisierung kommen mit anderen Räumen auch andere Arten von Heimat ins Spiel: Technische Geräte der Kommunikation, Laptops, Smartphones, iPads erlauben den permanenten Aufenthalt in einer digitalen Heimat. Die Digital Natives, die Eingeborenen, die in diesem Raum aufgewachsen sind, und die Immigrants, die noch analog zu Hause sind und sich nur gelegentlich im Netz aufhalten, begegnen sich oft mit Befremden. Zugleich lösen immer mehr Menschen die Heimat von einem festen Ort ab und fühlen sich unterwegs zu Hause: Zur Unterwegsheimat werden temporär frequentierte Orte wie Raststätten, Bahnhöfe, Flughäfen, mobile Orte wie Autos, Züge, Flugzeuge.
Die über den Wolken dahinziehende Kabine wird zur Heimat des total befreiten Menschen, der nur noch dem Zwang unterliegt, allen Zwängen entfliehen zu wollen, etwa in Gestalt des Frequent Flyer Ryan Bingham, dargestellt von George Clooney im Film Up in the Air. Der Job dieses völlig losgelösten Menschen ist die Zerstörung dessen, was für andere noch Heimat ist, denn sein Auftrag ist es, Kündigungen auszusprechen, egal wo, wem und warum. Im Film wird dieses Leben in grenzenloser Freiheit zwischen den Kontinenten von der Sehnsucht des Zerstörers nach einer seelischen Heimat konterkariert. Ryan versucht es mit einer Frau, die ihren sozialen Status ebenfalls den Statusmeilen verdankt, die sie auf zahllosen Flügen sammelt. Sie führt jedoch, wie sich herausstellt, bei ihren Aufenthalten auf der Erde ein ganz gewöhnliches Familienleben, ihr "wahres Leben", wie sie sagt, während sie ihn für die "kleine Flucht" zwischendurch braucht. Da fühlt er sich so einsam wie nie zuvor. Mehr als jemals ist er darauf angewiesen, eine Heimat bei sich selbst zu finden, die einzige, die ihm hoch über der Erde noch bleibt.
Gibt es eine Heimat auch dort, wo noch niemand war? Heimat ragt über gegenwärtige Räume und über jede Zeit weit hinaus, um beispielsweise im Niemandsland der Utopie Geborgenheit zu ermöglichen. In ihr kann die Liebe zu einer künftigen Welt aufleben, denn Welt ist keineswegs nur das, was der Fall ist, wie der Philosoph Ludwig Wittgenstein einmal meinte. Welt ist auch das, was der Fall sein kann. Sie ist nie nur Wirklichkeit, immer auch Möglichkeit, nie nur Gegenwart, immer auch Zukunft. Die Utopie lebt von der Hoffnung auf bessere Zeiten, schönere Beziehungen, größeres Glück. Erst mit Blick auf das, was sein kann, "entsteht in der

Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat", sagte Ernst Bloch am Schluss seines Buchs Prinzip Hoffnung.
Auch religiöse Erfahrungen sind von der Utopie eines besseren Lebens andernorts inspiriert, wo mehr Heimat lockt, schon beim Auszug der Israeliten aus Ägypten war das so. Die Utopie setzt Menschen in Bewegung und bringt sie dazu, etwas zurückzulassen und möglicherweise zu verlieren, um etwas anderes zu gewinnen, ohne Gewissheit darüber haben zu können, was das sein wird. Die Hoffnung hält den Horizont der Möglichkeiten offen und begründet eine Heimat in der Zukunft, in der die Möglichkeiten erst wirklich werden können. Die Sehnsucht drängt auf Verwirklichung, und wenn eine Enttäuschung darauf folgen sollte, wird daraus flugs wieder die Sehnsucht nach anderen Möglichkeiten. Oder die Sehnsucht nach einer früheren Wirklichkeit: Die Nostalgie findet Heimat in einer längst vergangenen Zeit.
Eine frühere Wirklichkeit wiederherzustellen, ist noch nie gelungen. Eine ersehnte Möglichkeit in der Zukunft zu verwirklichen, hat hingegen schon oft stattgefunden. Utopie war lange Zeit der Blick von außen auf die Erde. In seinem Buch Kosmos von 1845 stellte sich Alexander von Humboldt den Blick aus dem All vor, um von dort aus die Natur des Planeten und die darin eingebetteten Kulturen mit aller Liebe zum Ganzen und zum Detail auf eindrucksvolle Weise als irdische Heimat zu beschreiben. Viel später erst wurde der Blick mit technischer Hilfe für Astro-, Kosmo- und Taikonauten, im 21. Jahrhundert zudem für die Passagiere privater Raumflüge zugänglich.
Seit dieser Verwirklichung der Utopie kann die Erde selbst als Heimat in der unendlichen Schwärze des Alls wahrgenommen werden. Die astronautische Liebe zur Welt gilt diesem Planeten und all den Menschen und Geschöpfen, die auf ihm wohnen, den Stoffen und Steinen dieser bunten Kugel, die von ferne nur noch als ein leuchtender Punkt erscheint, bevor auch der verlöscht. Der umgekehrte Blick von der Erde aus in die endlosen Weiten des Alls, der eine astronomische Liebe zur Welt ermöglicht, ist seit Menschengedenken bekannt: Er nimmt wirklich das Ganze der Welt in den Blick, auch wenn es nicht wirklich zu überschauen ist, auch nicht mit der Hilfe moderner Techniken. Beim nächtlichen Blick in den Sternenhimmel kann das Universum als himmlische Heimat im weltlichen Sinne erscheinen, die Liebe kann dem gesamten Kosmos gelten, Teil einer Kunst des Liebens im umfassenden Sinne.
In jeder Art von Darüber hinaus ist Heimat zu finden. Über den eigenen, irdischen Raum, über Menschen, Erde und Sternsysteme hinaus kann es dabei zuletzt um eine himmlische Heimat im anderen Sinne gehen. Als Heimat erscheint dann eine geglaubte Unendlichkeit und Ewigkeit, benannt als Göttliches und Gott, abhängig davon, was der jeweilige Mensch im Einzelnen darunter versteht. Als caritas patriae, als Liebe zum Vaterland im religiösen Sinne bezeichnete der Kirchenlehrer Thomas von Aquin die Beziehung zu einer unendlichen Dimension, aus der Menschen ihrem Glauben zufolge kommen und in die sie zurückkehren.
Mit einer solchen Beziehung kann der Einzelne sich vielleicht "von guten Mächten wunderbar geborgen" wissen, wie der Theologe Dietrich Bonhoeffer 1944 aus dem Gefängnis in Berlin-Tegel an seine Verlobte schrieb, bevor er von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Ohne eine solche Beziehung kann ein Mensch sich auf Erden womöglich verloren fühlen, wenn das Leben schwierig wird und Abgründe sich auftun. Heimat kann jedenfalls unendlich weit über das hinausgehen, was sie zunächst zu sein schien. Überall zwischen dem engsten und weitesten Kreis
des Lebens und der Welt ist Heimat möglich, in abgeschwächter Form zumindest ein Zuhause. Irgendeine Heimat braucht jeder Mensch, wahrscheinlich sogar mehr als eine, aber nur der Einzelne selbst kann entscheiden, wo er sie sucht; nur er kann fühlen, wo er sie irgendwann glücklich gefunden hat.
* * * * *
Wilhelm Schmid, geboren 1953, lebt als freier Philosoph in Berlin und lehrt Philosophie als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt. Homepage www.lebenskunstphilosophie.de, Twitter@lebenskunstphil
Bücher (Auswahl):
 Vom Nutzen der Feindschaft, Insel Verlag, 2015.
 SexOut und die Kunst, neu anzufangen, 2. Aufl., Insel Verlag, 2015.
 Vom Glück der Freundschaft, 3. Aufl., Insel Verlag, 2014.
 Gelassenheit – Was wir gewinnen, wenn wir älter werden, Insel Verlag, 2014.
 Dem Leben Sinn geben. Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt, Suhrkamp Verlag, 2013.
 Unglücklich sein – Eine Ermutigung, Insel Verlag, 2012.