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Marienbad 12. Ein
Exkurs zur Kritik und zum Zusammenfinden von Baugestaltung und Landschaft
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Im engeren Sinne des Wortes versteht man unter dem Begriff
Architektur ein künstlerisches Bauwerk. Aus der Sicht der
Landschaftsgestaltung und des Landschaftsschutzes kann dieser Begriff der
Bezeichnung Urbanisierung, im ursprünglichen Sinne des Wortes Stadt- und
Dorfplanung, heutzutage im allgemeinen Sinne Geländebebauung zugeordnet
werden. Nicht alle Bauwerke, aus denen die Bebauung besteht, sind
architektonische Werke, jedoch alle Bauwerke, abgesehen von ihren
architektonischen Qualitäten, prägen das Landschaftsbild, ändern und
beschädigen es und verleihen ihm einen bestimmten Charakter, den die
meisten Leute unbewußt wahrnehmen.

12.1 Kulturlandschaft
Es ist die vom Gesetzgeber vorgeschriebene Aufgabe des staatlichen
Naturschutzes, die charakteristische Landschaft, so wie sie im
Laufe der historischen Besiedlung entstanden ist, zu erhalten und
weiterzuentwickeln. Seine Aufgabe ist es jedoch nicht, den Neuaufbau zu
realisieren, sondern wegen Erhaltung der natürlichen Werte zu regulieren.
Deshalb ist es wichtig, der interessierten Öffentlichkeit die
Wechselbeziehungen zwischen der Geländebebauung und den natürlichen Werten
des Gebietes näher zubringen. Im Rahmen dieses Kapitels kann man die
Problematik jedoch nur in groben Umrissen skizzieren.Schon auf den ersten
Blick sieht man, daß der Bau irgendeines Objekts oder menschlichen
Siedlung die Vernichtung von natürlichen Werten des betroffenen
Gebietes zur Folge hat. Durch dieses in der Vergangenheit sich immer
wiederholende Vorgehen ist jedoch die charakteristisch bebaute und in
ihrer natürlichen Gestalt veränderte Landschaft entstanden, die man als
Kulturlandschaft kennzeichnen kann. Im Naturschutzgebiet Kaiserwald gibt
es verschiedene Landschaftstypen: den landwirtschaftlichen Typ,
städtischen und gemischten Typ, dagegen gibt es hier die vom
Industrieaufbau, Bergbau oder Straßenbauten betroffene Landschaften. Viele
der natürlichen Genossenschaften oder Erscheinungen sind mit dem so
entstandenen Typ der menschlichen Besiedlung eng verbunden. Außer dem
haben die Bauwerke und Siedlungen eine unersetzliche ästhetische Funktion.
12.2 Lebensort-Gestaltung
Um die Gebietsbebauung kennenzulernen, wollen wir zuerst menschliche
Siedlungen näher betrachten. Am meisten sind hier Dörfer und Ortschaften
vertreten: Einzelhöfe sind heutzutage für das Naturschutzgebiet
Kaiserwald untypisch. Die städtischen Bebauungen weisen Loket (Elbogen),
Tepla (Tepl), Karlovy Vary (Karlsbad) und Marianske Lazne (Marienbad) auf.
Ansiedlungen unterhalb der Burg sind außer Loket (Elbogen) selten zu
finden: es handelt sich um Becov nad Teplou (Petschau) und Andelska Hora
(Engelhaus). Die für die einst berühmten Bergbaustädte, wie Homi Slavkov (Schlaggenwald),
Krasno (Schönfeld) und Michalovy Hory (Michelsberg) spezifische Bauweise
ist für einen unbelehrten Besucher heute kaum zu erkennen. Alte
Bergwerke in der Gegend dieser Städte und in vielen anderen
Lokalitäten bilden schon meistens eine Komponente der natürlichen
Umgebung, welche durch die Umwandlung der ausgesiedelten Ortschaften
entstanden ist. Nur in der Nähe von Horni Slavkov (Schlaggen-wald)
befindliche und bisher betriebene Bergwerke begleitet eine ausgedehnte
industrielle Bebauung. In mehreren Gemeinden befinden sich kleinere
Industriebetriebe, und in neuen Bebauungsplänen sind Industriezonen
für neu entstehende Privatunternehmen vorgesehen. Architektonische
Gestaltung von Industriebauten ist im Zusammenhang mit historischen
Gebäuden der Porzellanfabriken in Loket (Elbogen), Horni Slavkov (Schlaggenwald)
und Brezova (Pirkenhammer) zu beobachten.
Die bedeutendste Erscheinung der Dorfarchitektur ist das
Fachwerkhaus, das heutzutage relativ selten vorkommt. Im Kaiserwald
finden wir seine lokale Modifikation vom sog. Egerer Typ, stellenweise
sogar als Gehöft, wie in Mansky dvur (Lehnhof) oder in Stary Mlyn
(Altmühle). Obwohl im ganzen Naturschutzgebiet vorwiegend das Fachwerkhaus
ähnlich wie in ganz Westeuropa verbreitet war, finden wir hier ebenfalls
typische Elemente gezimmerter und gemauerter Häuser, die aus dem
Landesinneren Böhmens hierher durchgedrungen sind. Übrigens wurden die
Holzbauten angesichts ihrer niedrigeren Lebensdauer z.B. durch
Untermauerung im Erdgeschoß ergänzt, oder nach Bränden sogar vollständig
umgebaut.
Ein anschauliches Beispiel zeigt das Stadtmodell Karlsbads vom Anfang des
17. Jahrhunderts, das heute im Karlsbader Museum ausgestellt ist.
Vereinzelte Fachwerkhäuser sind bis heute in den erwähnten Städten
erhalten geblieben, jedoch viel mehr sind sie auf dem Lande anzutreffen,
so daß der Eindruck entsteht, die Fachwerkbauweise in der Region wäre vor
allem für die Volksarchitektur typisch gewesen.
12.3 Lebensunwürdige Raumgestaltung
Leider ist es so bei einer ganzen Reihe von selten gewordenen Dorfhäusern,
mit deren Architektur und handwerklicher Bearbeitung der Aufbau der
letzten Jahre (besonders trifft das für zeitgenössische Ferienhäuser zu)
kaum zu vergleichen ist. Verfallener Funktionalismus, Dilettantenarbeit,
architektonische Auswüchse bis zur Geschmacklosigkeit und daneben
wirtschaftlich begründete typisierte Plattenbauweise sind
Symptome des meist jämmerlichen architektonischen und urbanistischen
Zustandes menschlicher Siedlungen - jedoch nicht nur im
Naturschutzgebiet Kaiserwald verursacht durch die Entwicklung unserer
heutigen Gesellschaft. Das traditionelle Bild der Dörfer wurde außer neuer
Wohn- und Ferienbauten durch, von der Größe und Platzierung her,
völlig ungeeignete landwirtschaftliche Produktionsbauten, wie
Silos, Kuhställe, Hallenschuppen nicht nur in den meisten Dörfern
(z.B. Vlkovice/ Willkowitz, Poutnov/Pauten, Hlinky/Leimgruben, Stanovice/
Donawitz), aber auch in freier Landschaft (z.B. bei Babice/Pobitz und
Zadub/Hohendorf) beschädigt.
12.4 Wiederkehrender Schutz von Natur, Architektur und Stadtbau
Zwecks effektiver Betreuung des Naturschutzgebietes sind die Siedlungen in
4 Kategorien eingeteilt worden, in denen ähnlich wie in Naturschutzzonen
neue Bauvorhaben und Eingriffe in den bisherigen Zustand differenziert
beurteilt und genehmigt werden. Es seinen hier z.B. die wertvollsten
Städte der I. Kategorie genannt, die zugleich unter dem Denkmalschutz
stehen: Loket (Elbogen), Karlovy Vary (Karlsbad), Marianske Lazne
(Marienbad), Tepla (Tepl), Becov nad Teplou (Petschau), und die Ortschaft
Kladska (Glatzen). Der II. Kategorie gehören z.B. Andelska Hora
(Engelhaus), Sitiny (Rauschen-bach), Milikov (Miltigau), der III.
Kategorie Stanovice (Donawitz), Prameny (Sangerberg), Nova Ves (Neudorf)
und der IV. Kategorie schließlich dann unbedeutende, verfallene Gemeinden,
wie Zlata (Golddorf) und Rovna (Ebmeth) an.
Der Denkmalschutz, natürlich auch außerhalb des
Naturschutzgebietes Kaiserwald, steht vor der Aufgabe, die Bausubstanz der
Siedlungen zu verbessern und ihre Eingliederung in das Landschaftsbild zu
erreichen. So wäre z.B. die Wiederherstellung und der Ausbau der einst
denkmalgeschützten Stadt Horni Slavkov (Schlaggenwald) eine Tat von
entscheidender Bedeutung.
Die Architektur der Städte wurde von den historisierenden
Baustilen des 19. Jahrhunderts beeinflußt, deren Aufzählung nicht zu
Aufgaben dieses Kapitels gehört. Jene Leser, die sich jedoch für die
Entstehung, Funktion und Ästhetik der Bauwerke dieser so vielseitigen
Periode interessieren, begnügen sich wohl mit bloßer Aufzählung der zwei
wichtigsten Kurorte.

In Karlsbad sind es: Mühlbrunnkolonnade, Stadttheater, Bad I.,
Replike der Marktkolonnade, Militärkurhaus, und von den klassizistischen
Bauwerken vor allem der Posthof und das merkwürdige Gebäudekonglomerat des
Grandhotels Pupp.
In Karlsbad sind bedeutende Jugendstil-Gebäude erhalten geblieben, wie
z.B. Haus Zawojski, heute Gewerbebank, jedoch schon der Anfang unseres
Jahrhunderts, als die “goldene Zeit” des Kurorts ihren Gipfel erreichte,
wurde wieder von einer stilistischen Vielfalt geprägt. Eine überragende
architektonische Dominante dieser Zeit ist dann das mächtige Gebäude des
Imperial - Hotels aus dem Jahr 1912.

In Marienbad, dessen Kurviertel und seine Bausubstanz einheitlich
von architektonischen Kriterien des 19. Jahrhunderts geprägt waren,
gehören zu den interessantesten Werken vor allem die Stahlkonstruktionen
der Kolonna-de, der Pavillon des Kreuzbrunnen, die Maria-Himmelfahrt
Kirche, Kolonnade der Ferdinandsquelle, Casino, sämtliche Parkanlagen,
sowie auch die gesamte architektonische Komposition.
12.5 Für Kurorte und ihr Stadtbild
ist auch die Architektur kleinerer Bauwerke, wie der Altane, Slatuen
und Aussichtsplätze charakteristisch. So z.B. wurde der Aussichtsturm auf
dem Doubska-Berg (Aberg) im Laufe der Entwicklung zum Bestandteil des
Jugendstil-Gebäudes des Aberg-Hotels aus dem Jahre 1906, das dank seiner
verborgenen Lage in den Wäldern keine ähnlichen Ambitionen hat, wie die
Dominanten Karlsbads Imperial oder Monty in Marienbad, ist jedoch kaum
noch als kleines Bauwerk zu bezeichnen. Schon eine bloße Aufzählung
bedeutender Bauwerke dieses Zeitraums, der das architektonische Bild der
ganzen Region wesentlich geprägt hat, würde den Rahmen dieses Kapitels
überschreiten. Dabei wurden die ältesten Bauwerke absichtlich noch nicht
erwähnt, deren Reste in den meisten Fällen nicht mehr bemerkbar sind. Es
handelt sich um Wallburgen und Ringwälle. Ganz deutlich erkennt man den
Ringwall Straziste (Warte) unweit vom Ausflugscafe Nimrod und das in
Rankovice (Rankowitz). Später erbaute gotische Butgen, wie z.B. Loket (Elbogen)
mit einer der Öffentlichkeit zugänglichen Exposition, in Becov (Petschau)oder
in Andelska Hora (Engelhaus), bilden schon deutliche landschaftliche
Dominanten.
Demgegenüber sind die Burgruinen in Kynzvart (Bad Königswart),
Uboci (Amonsgrün), auf dem Berg Lazurovy (Lasurenberg) und in Karlsbad
kaum mehr zu erkennen, wobei sich in Karlsbad an Stelle des heutigen,
nach dem Brand im Jahre 1604 mehrmals umgebauten Marktturms einst eine
kleine, heute unbekannte Burg befunden haben mag. Die ältesten romanischen
Bauwerke sind im Kaiserwald durch die Kirchruinen des Sv. Linhart (Hl.
Leonhardt) in niedergegangener Gemeinde Obora (Thiergarten) bei Karlsbad,
und St. Nikolaus auf Krudum vertreten.
Die meisten erhaltenen Kirchen stammen aus der Barockzeit
oder wurden im historisierenden Baustil errichtet und sind sowohl
repräsentative Bauwerke einzelner Gemeinden, als auch
Landschaftsdominanten, wie in Tepla (Tepl), Mnichov (Einsiedl), Rajov (Royau),
Pistov (Pistau), Michalovy Hory ( Michelsberg), Ovesne Kladruby (Habakladrau),
Kostelní Briza (Kirchenbirk), Becov nad Teplou (Petschau) und in Milikov (Miltigau).
Das bedeutendste Barockbauwerk ist die Maria-Magdalena Kirche in Karlsbad,
die über dem Sprudel emporragt, später jedoch durch die
Gußeisenkonstruktion der alten Kolonnade verdeckt und heutzutage durch die
Nachbarschaft der Sprudelkolonnade und ihre monströse Architektur
verdrängt wurde.
Bevor wir bei unserem historischen Exkurs in das letzte, nicht
besonders beispielhafte Jahrhundert gelangen, möchten wir außer Kirchen
auch Schlösser erwähnen. Nach langjähriger Rekonstruktion ist das
klassizistische Schloß Kynzvart (Königswart) mit seinen außerordentlichen
Parkanlagen teilweise wieder zugänglich gemacht worden. Eine seit jahren
sich schleppende Rekonstruktion macht z.Z. das Barockschloß Becov (Petschau)
durch, in dem der hier gefundene, jedoch ursprünglich aus einem anderen
Ort stammende Reliquiarschrein des Hl. Maurus ausgestellt werden sollte.
Im selben Gebäude verlaufen die Rekonstruktionsarbeiten des
Rennaissanceflügels des alten Burgkomplexes. Andere Schloßbauten, wie z.B.
der in Javorna (Gabhorn), Kostelni Briza (Kirchenbirk), Arnoltov (Arnitzgrün),
Kamenn Dvur (Steinhof) sind heutzutage eigentlich nur Ruinen, während das
Jagdschlößchen in Kladska (Glatze) im hervorragenden Zustand erhalten ist.
Aus der Zeit der sog. Ersten Republik, als die Prosperität der
“goldenen Zeit” der Kurorte allmählich ausklang, sind keine bedeutenden
architektonischen Leistungen zu nennen. Zu Ehren der damaligen Architekten
sei hier gesagt, daß es ihnen gelang, ihre Neubauten dem unnachahmlichen,
bis heute bewunderten architektonischen Ausdruck der immer noch lebendigen
vorhergehenden Periode anzupassen, ohne ihn zu verwischen. Als
abschreckendes Beispiel auch für die Zukunft seien hier jedoch Gebäude der
Bat‘a-Kaufhäuser genannt, vor allem das in Karlsbad gegenüber der
Mühlbrunnkolonnade befindliche, obwohl dieses Problem in den Fachkreisen
eher verschwiegen wird.
Der sozialistische Aufbau in der Region hinterließ in vielen
Städten und Gemeinden seine Spuren in Form von Plattenwohnhäusern,
bei denen der Ausdruck Architektur als künstlerische Disziplin kaum
anzuwenden ist. Leider haben es die meisten Architekten nicht einmal
geschafft, wenigstens die von den Auflagen der typisierten Plattenbauweise
befreiten Bauwerke ihrer Ausbildung entsprechend zu gestalten. Erst mit
Abstand von mehreren Jahren wird man ein objektives Urteil darüber fällen
können.
Das oft als abschreckendes Beispiel genannte, traurig bekannte Thermal
Hotel in Karlsbad liegt zwar noch außerhalb des Naturschutzgebiets, bildet
jedoch eine Stadtdominante am Eingang in den wertvollen Teil an den
natürlichen Quellen, also in einer Stadtlandschaft, die von Architektur
und bewaldeten Hügeln im Tepla (Tepl) - Tal geprägt ist. An diesem Eingang
könnte unsere literarische Exkursion durch den Kaiserwald symbolisch
abgeschlossen werden, und man sollte selber auf eine Bildungsreise zu den
Bauwerken des Kaiserwaldes aufbrechen, um sich mit deren Einfluß auf die
Landschaftsgestaltung näher vertraut zu machen.
Mit dem
Wort Reise ist auch ein anderer Baubereich verbunden: nämlich Tief-
Straßen- Verkehrs- Brücken- und Wasserverkehrsbau, und obwohl wir hier
keinen davon erwähnt haben, sollte man wenigstens die ganze Strecke
entlang des Flößgrabens zu Fuß absolvieren, um landschaftliche
Metamorphosen rings um die Talsperren Podhora (Podhorn Berg) oder
Stanovice (Donawitz) auf eigene Faust zu erleben. Demgegenüber werden die
Teiche eher schon als eine der ursprünglichen Naturerscheinungen
wahrgenommen. So ist die Grenze zwischen dem Werk der Menschenhand und dem
Naturphänomen einmal kaum zu erkennen, ein anderes Mal scheint sie
unbezwinglich. |