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Stadt und Land vernetzen
6.1 Die 50erJahre imLicht
Bürger sollen ein
neues Verhältnis zur Architektur der fünfziger Jahre entwickeln
Nachdem Kassel im Oktober 1943 durch Bomben zum
großen Teil zerstört worden war, erlebte die Stadt am Kriegsende einen
beispielhaften Wiederaufbau – vergleichbar mit dem in anderen europäischen
Städten. Viele Kasseler Bürger sehen den einst als fortschrittlich
betrachteten radikalen Stadtumbau heute als Makel – vielfach wird die
Sehnsucht nach der mittelalterlichen Fachwerkidylle geäußert. An der
Universität wird die These vertreten, dass die Architektur der fünfziger
Jahre nicht vorschnell verdammt werden, sondern eine intensivere
Auseinandersetzung damit stattfinden sollte. Es gibt bereits ein
studentisches Projekt, das sich mit der negativen Bewertung des
Wiederaufbaus und mit Konzepten für eine Veränderung dieser Sichtweisen
beschäftigt hat. Auf dieser Basis soll ein Projekt für die
Kulturhauptstadtbewerbung einen Bewusstseinswandel in der Stadt erreichen.
Die Idee
Nach den großen Zerstörungen des II. Weltkrieges galt die neue Innenstadt
von Kassel in den fünfziger Jahren als ein besonders gutes Beispiel für
den modernen Wiederaufbau. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat
sich die Innenstadt durch Neubauten, Umbauten, Straßenverbreiterungen,
Umnutzung von Plätzen zu Parkplätzen, aber auch Neugestaltung
von öffentlichen Räumen weiter verändert – oft nicht zu ihrem Vorteil.
Denn der „Autogerechtigkeit“ der City wurde oft entsprechend der
Auffassung der sechziger Jahre höhere Priorität eingeräumt als der
„Aufenthaltsqualität“ für Besucher und Bewohner. Viele Kasseler Bürger und
Besucher aus der Umgebung begreifen die neue Innenstadt heute vor allem
als Makel, als Symbol für den Verlust der alten Fachwerkstadt. Diese
negative Bewertung des Stadtkerns wirkt auf das Image der Gesamtstadt
zurück und wirft einen Schatten auf ihre kulturellen Potenziale, ihre
stadt- und landschaftsräumlichen Qualitäten ebenso, wie sie die Dynamik
der Entwicklung als documenta- und Universitätsstadt negativ beeinflusst.
Mit dieser Problematik steht Kassel auf Grund der umfangreichen
Zerstörungen von Innenstädten im II. Weltkrieg in Europa nicht allein –
Coventry, Rotterdam, Dresden, Breslau, Warschau sind ähnliche Beispiele.
Mit dem sichtbaren Bruch in der Stadtgeschichte – dem Verlust der alten
Stadtmitte und einem nach den Zielen des modernen Städtebaus wieder
aufgebauten Stadtzentrum – haben sich viele europäische Städte
auseinanderzusetzen. Hier kann Kassel viele Impulse aus anderen
europäischen Städten fruchtbringend aufnehmen, aber auch wichtige Anstöße
für andere europäische Städte geben – ob nun durch eine aktuelle Reflexion
der Moderne, einen neuen Diskurs zur Identitätsfindung oder die
Entwicklung von Konzepten zur Verbesserung der Lebensqualität in der
Stadt.
Es stellt sich die Frage, ob die Architektur und der Städtebau dieser Zeit
nicht zu schnell und unreflektiert als eintönig, anonym und „unheimisch“
bewertet werden. Die These lautet, dass die Architektur und der Städtebau
der fünfziger Jahre, auf die man zunächst stolz war, mit der Kritik an den
Entwicklungen der sechziger Jahre, die sich vor allem gegen das Primat der
Verkehrsplanung im Städtebau und die Grobheit des
„Bauindustrie-Funktionalismus“ in der Architektur richtete, pauschal
mit auf die Müllhalde der Geschichte geworfen wurden. Qualitäten werden
erst auf den zweiten Blick wahrgenommen. Zu den Zielen des Projektes
gehört die Dokumentation der Planungen und Projekte des Wiederaufbaus in
Kassel, zum Beispiel in einer Ausstellung und/oder einem Buch, ebenso wie
die Untersuchung der Hintergründe für ihre vorwiegend negative Bewertung
und last but not least die Entwicklung von Strategien und Konzepten zur
Aufwertung der Innenstadt, zum Beispiel in Workshops, Wettbewerben und zu
realisierenden Projekten.
In einem studentischen Projekt am Fachbereich Architektur, Stadt- und
Landschaftsplanung der Universität Kassel entstanden mit Unterstützung von
Kollegen zu allen drei Zielen erste Arbeitsergebnisse, die in einer
Dokumentation nachlesbar sind und in Kürze öffentlich präsentiert werden:
1. Jann Gerdes und Hatem Wojta untersuchten die „Transformation der
stadträumlichen Struktur und der Wiederaufbauplanung Kassels“ genauer,
indem die verschiedenen Planungen seit 1942 miteinander verglichen wurden.
Diese Dokumentation zeigt, wie der Veränderungsprozess durch
unterschiedlich starke Entwicklungssprünge gekennzeichnet ist.
2. Von Torben Schmitt und Andre Werner wurde ein „Architekturspaziergang
der fünfziger Jahre durch Kassels Innenstadt“ konzipiert. Der Rundgang
durch die Stadt führt zu zwölf ausgewählten Standorten, an denen
„Infoboxen“ aufgestellt werden sollen.
3. Nadine Janz und Torsten Rückert entwickelten ein Ideenkonzept für den „documenta-kunst-weg“.
Im Mittelpunkt steht die Route vom Kulturbahnhof über die Treppenstraße,
den Friedrichsplatz bis hin zur Orangerie in der Karlsaue.
Das studentische Projekt war zeitlich und personell sehr begrenzt. Die
Thematik hat sich jedoch in vieler Hinsicht als tragfähig und sehr
interessant erwiesen. Mit der neuen Sensibilisierung für die Kasseler
Innenstadt des Wiederaufbaus konnten schon spannende Diskussionen bei der
Projektpräsentation am Fachbereich und im Freundes-, Familien- und
Bekanntenkreis der StudentInnen ausgelöst werden. Im Verlaufe des
Projektes wurde festgestellt, dass die Qualitäten der fünfziger Jahre
oftmals erst auf den zweiten Blick deutlich werden.
Die Recherchen ergaben außerdem, dass eine Fülle von Dokumenten, Material
und Originalen aus den fünfziger Jahren in den Archiven und Depots des
Stadtmuseums und anderen Archiven, auch von Privatleuten, schlummern.
Deshalb ist die Fortsetzung des Projektes auf mindestens drei Ebenen
beabsichtigt:
1. als Vertiefung und weitere Ausarbeitung der Untersuchung des
„Transformationsprozesses der stadträumlichen Struktur“ (Ausstellung und
Buch)
2. als Erweiterung und Vervollständigung des „Architekturspazierganges“
mit Siedlungen und markanten Bauwerken der fünfziger Jahre außerhalb der
Innenstadt (Führungen und Katalog)
3. als Initiierung von Konzepten und Projekten zur „Korrektur der Moderne“
mit Eigentümern (z. B. Wohnungsbaugesellschaften), neuen Investoren und
Architekten (Planen und Bauen)
Auf allen Ebenen ist die Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseums, dem Bund
Deutscher Architekten und der Kunsthochschule angestrebt.
Auf allen Ebenen sind die Zusammenarbeit mit und die Unterstützung von
ExpertInnen und interessierten EinwohnerInnen Voraussetzung für das
Gelingen. Die Zusammenarbeit mit und die Unterstützung von den bisher
beteiligten ExpertInnen und BeraterInnen Prof. H. Slenczka, dem Leiter des
Stadtmuseums K.-H. Wegner, Dr. F. Fischer, Prof. Dr. U. Terlinden, Prof.
M. Reiner, Prof. Chr. Kopetzki, Mitgliedern des BdA, der beteiligten
StudentInnen sowie mit den Bereichen Design und
Innenarchitektur der Kunsthochschule sind angestrebt. Betreuung: Prof.
Ingrid Lübke, Nadja Tremer, Prof. Dr. Ulla Terlinden, Beratung: Prof. Maya
Reiner, Dr. Friedhelm Fischer, Prof. Helmut Slenczka.
Initiatorin: Prof. Ingrid Lübke, Universität Kassel
Kassel als Zentrum für die Erforschung des
religionsphilosophischen Werkes Franz Rosenzweigs
Franz Rosenzweig (1886–1929), in Kassel geboren und
zur Schule gegangen, war ein bedeutender jüdischer Philosoph. In seinem
religionsphilosophischen Hauptwerk „Der Stern der Erlösung“ kritisiert er
die Philosophie des Idealismus und spricht sich für ein „Neues Denken“
aus. Im Dialog zwischen Gott, dem Menschen und der Welt manifestieren sich
deren Beziehungsformen: die Offenbarung, die Schöpfung und die Erlösung.
Gemeinsam mit Martin Buber arbeitete er an der Übertragung der hebräischen
Bibel ins Deutsche. Seine innovative Umdeutung traditionellen jüdischen
Ideenguts beeinflusste nicht nur die jüdische Theologie in erheblichem
Maße, sondern in den letzten Jahren zunehmend auch das Selbstverständnis
des Christentums aus seinen jüdischen Wurzeln. Ab 1968 verleiht der
Koordinierungsrat der Deutschen Gesellschaft für Christlich-Jüdische
Zusammenarbeit die Buber-Rosenzweig-Medaille. Zurzeit gibt es intensive
Bemühungen, den Nachlass von Franz Rosenzweig nach Kassel zu holen und die
an der Universität Kassel bestehende Rosenzweig-Forschung in Kooperation
mit ähnlichen Initiativen in Israel und den USA zu einem Forschungszentrum
auszubauen.
Bereits 1986 veranstaltete die Universität Kassel unter der
Schirmherrschaft von Bundespräsident Richard v. Weizsäcker zum 100.
Geburtsjahr Franz Rosenzweigs einen allerersten internationalen Kongress
„Der Philosoph Franz Rosenzweig“. Dieser Kongress hat Zeichen gesetzt und
nachhaltig die Rosenzweig-Forschung sowie mit ihr zusammenhängende
fundamentalphilosophische und interreligiöse Themen befruchtet.
Seit 1987 – vorerst bewilligt bis 2005 – hat die Universität Kassel eine
Franz-Rosenzweig-Gastprofessur gestiftet, auf die ehemals aus Europa zur
Emigration getriebene Philosophen und Geisteswissenschaftler zu einem
Gastsemester nach Kassel eingeladen werden. Seit 1990 gibt es eine stetig
wachsende internationale Zusammenarbeit von Forschungsgruppen aus vielen
Ländern der Erde, die sich mit der Franz-Rosenzweig-Forschung
beschäftigen.
Im Frühjahr 2004 hat unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten
Johannes Rau ein zweiter internationaler Franz-Rosenzweig-Kongress in
Kassel stattgefunden, auf dem die anwesenden Forscher eine Internationale
Rosenzweig-Gesellschaft mit Sitz in Kassel gründeten. Für die darauf
folgende Tagung 2006 wurde als Tagungsort Jerusalem vorgeschlagen. Für
2008 liegen Bewerbungen aus Frankreich und Italien vor. Es wird
angestrebt, den internationalen Franz-Rosenzweig-Kongress im Jahre 2010
erneut in Kassel durchzuführen.
Initiatoren:
Esther Haß, Jüdische Gemeinde
Wolfdietrich Schmied-Kowarzik, Universität Kassel
Die Universität
untersucht in Kassel - exemplarisch für Europa - die Bewältigung des
Strukturwandels
Wie wird die künftige europäische Kultur geprägt
sein, und welchen Beitrag kann Kassel in diesem Prozess leisten? – Zwei
der Fragen, die von der Universität Kassel im Bewerbungsprozess für den
Titel Kulturhauptstadt Europas beantwortet werden sollen. In einer
interdisziplinären Arbeitsgruppe werden Wissenschaftler zeigen, wie
Umbrüche in Städten bewältigt werden können. Kassel mit seiner Tradition
als Residenz-, Industrie-, Garnisons- und documenta-Stadt hat im Verlaufe
seiner Geschichte einen fortdauernden Strukturwandel verkraftet. Die Stadt
ist damit ein Labor für die Bewältigung von räumlichen, sozialen und
ökonomischen Zäsuren – die bedeutsamste war die Zerstörung im II.
Weltkrieg und der Wiederaufbau nach 1945. Die von der Hochschule geplante
Erforschung des Wandels soll etwas im Sinne einer Selbstvergewisserung
voranbringen und so identitätsstiftend wirken. Zugleich sollen die
Kasseler Erfahrungen ausgewertet und nutzbar gemacht
werden. Die Universität plant in diesem Zusammenhang einen
interdisziplinär angelegten Studiengang Urbanistik oder Urban Development,
der durch eine Institutsgründung etabliert werden könnte.
Die Welt und Europa befinden sich im Umbruch
Aus Sicht der Universität genügt es nicht, nur die Vergangenheit zu
beleuchten und die Gegenwart zu präsentieren. Noch wichtiger – auch vor
dem Hintergrund der Entwicklung des europäischen Gedankens und einer
europäischen Identität – ist die Auseinandersetzung mit der Zukunft.
Was zeichnet europäische Kultur zukünftig aus? Wovon wird sie geprägt
sein? Die Beantwortung dieser Fragen wird eng verbunden sein mit der
zukünftigen Entwicklung der europäischen Städte und Regionen. Für diese
Entwicklung gibt es eine Vielzahl von Aspekten und Herausforderungen, die
zu bewältigen sein werden – etwa Globalisierung, Bevölkerungsrückgang und
Überalterung, Zuwanderung und Integration, gesellschaftlicher
Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungs- und
Informationsgesellschaft, gesellschaftliche Spaltungen und Verwerfungen,
Transformation des Sozialstaats, Sicherung der Umwelt.
Im Ergebnis führen alle diese Aspekte zu der Erkenntnis, dass die
Entwicklungen in Europa – anders und früher als in den meisten anderen
Regionen der Welt – nicht mehr von Expansion geprägt sind, sondern von
Konzentration, nicht mehr von Explosion, sondern von Implosion, nicht mehr
von Quantität, sondern von Qualität. Hier steht ganz Europa, in dieser
Form einzigartig in der Welt, vor einem großen gesellschaftlichen Umbruch.
Mit den komplexen Veränderungen sind in allen Teilen
Europas immer größere Disparitäten und veränderte Raumstrukturen verbunden
– verlassene Dörfer, schrumpfende Regionen einerseits, wenige pulsierende
Metropolen und Großstadtregionen mit entsprechenden Problemen
andererseits.
Vor diesem Hintergrund muss sich für eine europäische Kulturhauptstadt
2010 die Frage stellen:
Was bedeutet Kultur in diesem europäischen Umbruch?
Kann die Kulturhauptstadt ein Beispiel geben, um ein positives Bild von
der Zukunft europäischer Städte zu zeichnen?
Welchen Beitrag kann Kultur leisten, um in diesem Strukturwandel
vorhandene Chancen aufzuzeigen und Lösungen zu befördern?
Beispielhafte Wege für einen Aufbruch
Kassel als europäische Kulturhauptstadt 2010 hat alle Voraussetzungen, um
als „Labor“ für die Erforschung und Beantwortung dieser Fragen zu
fungieren: Nicht nur, weil es geografisch in der Mitte Europas und
Deutschlands liegt, nicht nur, weil es alle europäischen Strukturprobleme
wie Bevölkerungsrückgang und Überalterung, wirtschaftlichen
Strukturwandel, soziale Spaltung oder Zuwanderung schon heute fast
idealtypisch aufweist, sondern auch, weil Kassel nicht zum ersten Mal vor
einem Umbruch steht und beispielhafte Wege für einen Aufbruch beschritten
hat.
Kassel kann auf eine reiche, wechselvolle Geschichte, auf exemplarische
Entwicklungen ebenso wie auf herausragende Einzigartigkeiten und
weltbekannte Innovationen blicken. Erinnert sei an die Rollen als
ehemalige Residenz- und preußische Provinzstadt, als klassische
Industriestadt mit dem daraus resultierenden, noch nicht abgeschlossenen
Strukturwan-del und als eine der fünf größten Garnisonsstädte der Republik
mit vollständiger Demilitarisierung ab 1990/91. Mit dem II. Weltkrieg
und dem hohen Zerstörungsgrad hat Kassel einen Umbruch erlebt, der sich
noch heute deutlich im Stadtbild, am deutlichsten in der Innenstadt,
zeigt. Aber auch damit verbunden war ein Aufbruch. Der strukturell
radikale, moderne Wiederaufbau der Kasseler Innenstadt galt in den
fünfziger Jahren als europaweit beachtetes Beispiel. Die zu dieser Zeit
geborene documenta ist noch heute die weltweit wichtigste Ausstellung
zeitgenössischer Kunst.
Diese Geschichte hat die Stadt Kassel und Region Nordhessen
gesellschaftlich, ökonomisch, sozial und kulturell stark geprägt und
drückt sich vielfältig im Stadtbild aus. Sie ist gewachsene Identität, die
jedoch in ihrer Vielfältigkeit oft nicht wahrgenommen, in Teilen negiert,
ausgeblendet oder widersprüchlich von der eigenen Bevölkerung bewertet
wird. Ohne Zweifel spielen dabei gerade die Identitätsbrüche, wie sie
Kassel z. B. durch die Kriegszerstörung und den Neuaufbau im Sinne der
städtebaulichen Moderne erlitten hat, eine große Rolle. Hier stellt sich
die Frage nach den Hintergründen einer widersprüchlichen Bewertung der im
Zuge des wirtschaftlichen und politischen Wandels vielfach entstandenen
Industriebrachen und Konversionsflächen sowie der aus der „Industriezeit“
stammenden Massenwohnungsbau-Quartiere und ihres Images. Die Klärung
dieser Fragen ist die unerlässliche Voraussetzung für den zukünftigen
Umgang mit dem anhaltenden
Strukturwandel.
Die Stadt Kassel steht mit ihrer Problematik der Identitätsbrüche auf
Grund umfangreicher Zerstörungen von Innenstädten im II. Weltkrieg und
eines modernen Wiederaufbaus (Coventry, Rotterdam und zahlreiche Städte in
Osteuropa) nicht allein. Ebenso müssen sich gerade in den stark
industriell geprägten Regionen Europas viele Städte mit den Folgen des
Strukturwandels auseinandersetzen. Als jüngste Problematik tritt die Suche
nach einer eigenen kulturellen Identität der
ost- und südosteuropäischen Staaten nach jahrzehntelanger sozialistischer
Herrschaft in den Vordergrund. Daher werden alle unter diesem
„Projektdach“ zusammengefassten Teilprojekte bis zum Jahr 2010 von Anfang
an mit europäischen Partnern koordiniert.
Gedächtnis der Stadt bewahren
Ausgangspunkt ist die Stadt Kassel als europäisches „Labor“ und die
Universität als Projektträger. Zu den Zielen der Universität gehört, die
Geschichte der Stadt Kassel in den oben beschriebenen Zusammenhängen
sichtbar zu machen, zu dokumentieren sowie die gegenwärtige Situation mit
den vielfachen Veränderungen in den räumlichen, sozialen und ökonomischen
Zusammenhängen und Konsequenzen bezüglich der Garnisonsstadt, der
Industriestadt und der Stadt der Moderne aufzuzeigen. Damit kann ein
erster Schritt zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbstbild gegangen
und zu einer Versachlichung der Diskussionen gerade im Kontext des
Wiederaufbaus beigetragen werden. Gleichzeitig ist damit aber auch die
„Bewahrung des Gedächtnisses der Stadt“ verbunden, denn Veränderungen und
Umwälzungen führen nicht selten zum endgültigen Verlust geschichtlicher
Zeugnisse. Hierbei will die Universität die Frage beantworten, welche
Rolle diese Facetten der Kasseler Identität für die Befindlichkeit und
Entwicklung der Stadt hatten und haben und welche Widersprüche und
Potenziale darin begründet liegen.Aus der Betrachtung der Vergangenheit
und Gegenwart heraus können dann Chancen diskutiert und
Lösungsmöglichkeiten
für die heutigen Probleme und Perspektiven für zukünftige Entwicklungen
formuliert werden. Es wird darum gehen, neue räumliche Strukturen mit
verbesserten Nutzungsqualitäten zu schaffen und veränderte
Lebenszusammenhänge zu fördern, um den Wandel zu kompensieren bzw. das
Leben in der Stadt und Region auf Dauer lebenswert zu gestalten.
Genauso kann die Auseinandersetzung auf der immateriellen Ebene im Prozess
zu einem neuen Selbstverständnis, einem neuen Selbstbewusstsein führen,
das es ermöglicht, Meinungsverschiedenheit und Kritik aus
unterschiedlichsten Gruppen in einer lebendigen Diskurskultur für die
Weiterentwicklung des europäischen Projektes „Stadt“ fruchtbar zu machen.
Der intendierte europäische Austausch soll dabei sowohl der Analyse
vergleichbarer Problemlagen als auch der Verbreitung guter Beispiele und
Lösungsstrategien dienen.
Interdisziplinäre Bearbeitung
Das Themenfeld Kultur – Identität – Stadtentwicklung ruft in der
Hochschule viele Professionen auf den Plan. Ausgehend von der räumlichen
Betrachtungsebene in Architektur, Stadtplanung und Landschaftsplanung mit
den zunächst formulierten Themen „Stadt der Moderne“, „Garnisonsstadt“,
„Industriestadt“, verknüpfen sich eng ökonomische, politische und
soziologische Fragestellungen. Letzteres gerade auch in Verbindung mit den
Lebens- und Arbeitszusammenhängen und ihren Veränderungen infolge des
Strukturwandels. Die Arbeit im „Labor Kassel“ kann daher nur
interdisziplinär über Fachgebiets- und Fachbereichsgrenzen hinaus erfolgen
und wird in dieser Konstellation von der Universität gefördert – auch mit
dem Ziel, dadurch weitere Drittmittel einzuwerben.
Die im Folgenden aufgelisteten Projekte mit Relevanz als Teilprojekte zum
Thema Kultur – Identität – und Stadtentwicklung sind Bestandteil des
Bewerbungsprozesses. Hier sind Verknüpfungen und/oder Ergänzungen durch
weitere oben angesprochene Disziplinen angedacht oder vorgesehen. Dafür
hat sich eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe gebildet, aus der weitere
Teilprojekte hervorgehen können. Entsprechende Kontakte und Vorabsprachen
existieren mit:
• dem WZ III (Wissenschaftliches Zentrum für Umweltsystemforschung – 1995
als eines der interdisziplinären Forschungszentren der Universität Kassel
gegründet
• der Kunsthochschule (Prof. H. Fischer, Prof. H. Georgsdorf u. a.)
• dem Fachbereich 14, Bauingenieurwesen (Prof. Dr. U. Köhler)
• dem Fachbereich 05, Gesellschaftswissenschaften (Prof. Dr. E. Henning u.
Mitarbeiter)
Ferner ist eine Kooperation mit der Kulturwissenschaftlerin Prof. Dr. S.
Hauser, Universität Graz, geplant (ehem. Vertretungsprofessorin an der
UNIK).
In engem Zusammenhang steht die Initiative der Universität, einen
interdisziplinär angelegten Studiengang Urbanistik oder Urban Development
zu planen und in den nächsten Jahren z. B. durch eine Institutsgründung zu
etablieren. Mit der Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche im Rahmen
des hier skizzierten Beitrags der Universität für die
Kulturhauptstadtbewerbung würden wichtige Schritte in Richtung eines
Urbanistik-Studiengangs gemacht.
Folgende Projekte sind Bestandteil dieser Zusammenarbeit:
Kassel und seine Identitäten - Dr. Friedhelm Fischer
Die fünfziger Jahre in Kassel in einem neuen Licht - Qualitäten,Defizite
und Strategien zur Veränderung - Prof. Ingrid Lübke, FB 06 (Architektur,
Stadt- und Landschaftsplanung)
Netzwerk Industriekultur Nordhessen (NINO) - Prof. Christian Kopetzki, FB
06 (Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung)
Konversation als Chance der Stadtentwicklung - Prof. Christian Kopetzki,
FB 06 (Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung)
Stadt – Garten – Kunst - Prof. Christian Kopetzki, FB 06 (Architektur,
Stadt- und Landschaftsplanung)
Kassel Open City: 144+1 Dialoge - Prof. Dr. Detlef Ipsen, FB 06
(Architektur, Stadt- und
Landschaftsplanung)
Stadt-Land-Schaft - Prof. Wolfgang Schulze, Fachgebiet Entwerfen im
städtebaulichen Kontext
Initiatoren: Universität Kassel, Prof. Christian Kopetzki, Dr. Bernt
Armbruster, Dipl.-Ing. Doreen Köhler
Kassel als europäische
Modellstadt für ökologische Agrar-und Ernährungskultur
Ziel des Projektes ist, dass sich Kassel bis zum Jahr
2010 zur europaweit anerkannten Vorreiterregion für eine ökologische
Agrar- und Ernährungskultur entwickelt. Kassel hat die Potenziale für ein
Zentrum eines Europäischen Netzwerkes für ökologische Agrar- und
Ernährungskultur. Sowohl die Universität mit ihrem differenzierten Angebot
im Bereich Agrar und Ernährung als auch öffentliche Einrichtungen und
Unternehmen sollen ein Netzwerk bilden, das sowohl eine kulturelle als
auch eine wirtschaftlich stabilisierende und entwickelnde Wirkung
entfaltet. Positive Impulse ergeben sich etwa für die Bereiche Gesundheit,
Tourismus, Beschäftigung und kulturelle Stadtentwicklung. Daneben wird
durch solch ein Konzept der Stadt-Land-Dialog befördert.
Kassel hat bereits eine Vorreiterrolle
Schon heute nimmt Kassel in diesem Bereich eine europaweite Vorreiterrolle
ein. Wie viele andere Kasseler Schätze ist dies jedoch kaum bekannt; die
Bereiche arbeiten bisher nur begrenzt zusammen.
1. Die Universität ist europaweit die einzige Einrichtung ihrer Art, die
ihren gesamten Fachbereich Landwirtschaft mit derzeit 20 Professoren auf
die ökologische Agrar- und Ernährungskultur ausgerichtet hat. Neben der
Landwirtschaft gibt es die neue Stiftungsprofessur für ökologische
Ernährung; ab 2004 eine neue, europaweit einzigartige Stiftungsprofessur
für biologisch-dynamischen Landbau. Durch den großzügigen und ökologisch
geführten Versuchsbetrieb „Gut Frankenhausen“ ist der universitäre Bereich
intensiv mit der Region und der Praxis verbunden
2. Verschiedene öffentliche Einrichtungen integrieren zunehmend
ökologische Ernährungskonzepte in die Gemeinschaftsverpflegung. Hierzu
zählen Kindergärten, Horte, Schulen und die Universität
3. Daneben gibt es Unternehmen, die sich der ökologischen Ernährungskultur
verschreiben:
tegut
tegut ist einer der europaweit führenden Anbieter ökologischer
Lebensmittel im Sektor großflächiger Lebensmitteleinzelhandel. Es werden
weit über 1000 verschiedene Produkte in zurzeit 15 Märkten in Kassel
angeboten. Ökologische Back-, Fleisch- und Wurstwaren werden in
spezialisierten Tochterunternehmen selbst hergestellt. Das Unternehmen
pflegt partnerschaftliche Verhältnisse zu seinen Lieferanten. Die Waren
werden zunehmend aus der Region bezogen. Tegut ist aktives Mitglied des
World Organic Supermarket Club, eines Zusammenschlusses vorwiegend
europäischer Supermarktketten mit ökologischer Ausrichtung.
Alnatura
Alnatura gehört zu den größten Markenartikelherstellern für ökologische
Produkte in Europa. In Deutschland und damit auch in der Region Kassel
sind diese Produkte flächendeckend verfügbar. Neben dem Vertrieb über
tegut und die Drogeriemarktkette dm hat Alnatura ein Netz von eigenen
Super-Biomärkten aufgebaut. Diese zählen im Hinblick auf Ausstattung,
Sortiment und Qualität zur Spitze des europäischen Angebots.
Krankenversicherung BKK Gothaer, Verkehr und Dienstleistung
Die BKK Gothaer, mit Hauptsitz in Kassel, ist eine Krankenversicherung,
die der Gesundheitsprophylaxe einen besonderen Stellenwert einräumt.
Hierbei werden besonders Maßnahmen einer gesunden Ernährung unterstützt.
Die Versicherung zeichnet sich besonders durch eine intensive
Kundenkommunikation und aktive PR- und Marketingkonzepte aus.
Bio-Catering Marbachshöhe
Das Unternehmen hat sich in nur zwei Jahren zu einem der bundesweit
größten Anbieter von ökologischer Verpflegung für Kindergärten, Horte und
Schulen entwickelt. Die konsequente Strategie einer regionalen und
saisonalen Warenbeschaffung bei preis- und akzeptanzoptimierten
Speiseplänen führt zu Kostenersparnissen, die in voller Höhe dem Kunden
zugute kommen. Der für die praktizierte Frischproduktküche höhere
Arbeitsaufwand kann durch die Integration schwer vermittelbarer
Erwerbsloser (Schwerbehinderte, Migranten, Langzeitarbeitslose,
Alleinerziehende) und die Nutzung der dafür bereitstehenden Fördermittel
realisiert werden. Hierdurch entstehen Produkte von höchster Qualität zu
akzeptablen Preisen. Das Unternehmen hat Modellcharakter. Die entwickelten
Strategien lassen sich auf andere Regionen übertragen. Schon heute haben
alle hier genannten Partner Beispiel- und Modellhaftes für die Umsetzung
einer ökologischen und damit nachhaltigen Agrar- und Ernährungskultur
geschaffen. Bisher sind Kommunikation und Zusammenarbeit jedoch nur
unzureichend. Potenziell vorhandene Synergien werden kaum genutzt. Im
Rahmen des Projektes „Kassel isst gut“ werden die Akteure intensiver
zusammenarbeiten, um eine beispielhafte Modellregion zu entwickeln.
Teilziele sind dabei:
• Der Stellenwert einer gesunden und ökologischen Ernährung soll weiten
Bevölkerungskreisen bekannt werden.
• Die Krankenkassen nutzen die Kostenersparnis durch konsequente
Gesundheitsprophylaxe insbesondere im Ernährungsbereich
• Die Bedeutung der Regionalversorgung mit Grundlebensmitteln soll
bekannter werden und zur Belebung regionaler Handelsbeziehungen führen,
Wertschöpfung und Beschäftigungseffekte sollen entstehen
• Der überwiegende Teil der Gastronomie bietet mindestens ein ökologisches
Gericht und Getränk an. Neben anderen Maßnahmen wird hierdurch ein
gesundheitlich und wellness-orientierter Tourismus aktiviert
• Auch im überwiegenden Teil der öffentlichen Einrichtungen mit
Gemeinschaftsverpflegung sowie in Kindergärten, Horten und Schulspeisungen
werden mindestens ein ökologisches Gericht und ein ökologisches Getränk
angeboten
• In den Schulen werden Programme zur Bedeutung einer gesunden Ernährung
durchgeführt
Initiator: Universität Kassel, Dr. Harald Hoppe
Städte, ebenso wie Landschaften, haben ihre eigene
Identität, die sich im Laufe der Zeit herausbildet, verändert und zugleich
bestimmten Grundstrukturen langfristig folgt. Sie zur Kenntnis zu nehmen
und in der Stadtentwicklung zu berücksichtigen lohnt sich. Nicht nur
Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing haben die Bedeutung der
Ortsidentität als „weicher Standortfaktor“ erkannt. Auch in Planung und
Architektur hat sich erwiesen, dass ein behutsamer Umgang mit Bauten,
Freiräumen und Menschen sich nicht zuletzt als langlebiger und effizienter
erweist als eine Vorgehensweise, die sich über gewachsene Identitäten
hinwegsetzt, sie umkrempelt.
Kassel hat durch die Kriegszerstörung und den Neuaufbau im Sinne der
städtebaulichen Moderne einen besonders markanten Bruch in seiner
städtebaulichen Identität erlitten. Die Stadt teilt dieses Schicksal mit
anderen Städten in Europa. Die Auseinandersetzung mit solchen
Identitätsbrüchen ist für diese Städte ein ausgesprochen langfristiger
Prozess, den einzelne Gruppen und aufeinander folgende Generationen
teilweise in recht unterschiedlichem Licht gesehen haben. In Kassel haben
die Geringschätzung baulicher Verluste oder die Verklärung der Historie,
das Gefangensein in der Trauer über das Verlorene, Begeisterung über neue
Aufbrüche, Unbehagen, Kritik und Desillusionierung zu wahren Wechselbädern
der Betroffenheit geführt und machen es bis heute schwer, zu einer
einvernehmlichen Beurteilung zu gelangen.
In diesem Generationen umspannenden Prozess setzt die Bewerbung der Stadt
Kassel als Kulturhauptstadt einen besonderen Akzent: Für die Stadt stellt
sich damit die Aufgabe der Darstellung der eigenen Identität auf einem
neuartigen Anspruchsniveau. Die europäische Dimension gewinnt eine
gesteigerte Bedeutung, und der Neuaufbau der Stadt erweist sich dabei als
herausragendes Exempel innerhalb des „Projekts der Moderne“. Dieser
Begriff meint einen Prozess, der unsere Kultur aus der mittelalterlichen
Geisteswelt in eine Welt naturwissenschaftlicher und technischer
Möglichkeiten, aber auch sozialer Ambitionen und neuer Widersprüche
hineinkatapultiert hat, einen fortdauernden Lernprozess, der Revisionen
und Kurskorrekturen benötigt – zumal in Phasen besonders rascher und
großmaßstäblicher Umwälzungen, wie sie für die Zeit nach dem Zweiten
Weltkrieg charakteristisch waren.
In dieser Zeit, den fünfziger und sechziger Jahren, wurde Kassel als „Neue
Stadt auf Altem Grund“ aufgebaut. Was in dieser Zeit in weiten Teilen
Deutschlands als vorbildlich für den Städtebau galt, etwa die Betonung des
Autoverkehrs und die Zusammenfassung der kleinen, mittelalterlichen
Grundstücke zu Großparzellen mit neuen funktionalen Zuschnitten, wurde
seit den achtziger Jahren in einem zunehmend kritischen Licht beurteilt.
Zwar ist nach einer Phase der kulturellen Entwertung der Produkte der
fünfziger Jahre die Wertschätzung für deren Qualitäten gewachsen. Doch
bleibt unbestritten, dass die städtebaulichen Strukturen, die in der
Aufbauzeit geschaffen wurden, einer Korrektur bedürfen.
Die Suche nach den Ansatzpunkten und Möglichkeiten für eine solche
Korrektur trägt – ebenso wie seinerzeit die Entscheidung für den radikalen
Neuaufbau der Stadt – über Fragen der technischen und wirtschaftlichen
Machbarkeit hinaus starkekulturpolitische Züge. Im Rahmen der Bewerbung
als Kulturhauptstadt Europas gewinnt diese Aufgabe besondere Aktualität,
gewinnt eine dezidierte Positionsbestimmung der Stadt bezüglich ihrer
Identität besondere Dringlichkeit: Die Stadt muss wissen, welches Bild sie
von sich hat. Und dieses Bild muss aus der offenen Auseinandersetzung mit
ihrer Vergangenheit und ihrer gegenwärtigen Situation hervorgehen. Das
erscheint in höherem Maße offensichtlich, als es tatsächlich der Fall ist.
Durchaus nicht ausgelotet ist nämlich, welche Rolle bestimmte Facetten der
Kasseler Identität für die Befindlichkeit und Entwicklung der Stadt hatten
und haben – von der Residenz- über die Industrie- bis zur documenta-Stadt
– und welche Widersprüche und Potenziale darin begründet liegen.
Zwar lassen sich diese Grundlagen durchaus wissenschaftlich erforschen –
und diese Aufgabe ist Teil des hier vorgeschlagenen Projekts –, es geht
aber auch um die weitere Verarbeitung dieses Wissens in einer
kulturpolitischen Diskussion um Selbstbild und Identität der Stadt. Bis
heute wird dieser Klärungsprozess durch eine polarisierte Diskussion
erschwert, die teilweise ihre Wurzeln in den eingangs angesprochenen
Wechselbädern der Betroffenheit hat. Es geht heute darum, Trauer,
Begeisterung, Unbehagen und Kritik ernst zu nehmen und sie, sofern sie in
Weinerlichkeit, kultureller Entwertung, Schönfärberei oder Polemik
verharren, zu verarbeiten und zu transzendieren.
Zu den Ergebnissen dieser Prozesse gehören auf der materiellen Ebene
Entscheidungsgrundlagen für Umbaumaßnahmen und neue räumliche Strukturen
mit gesteigerten Nutzungsqualitäten. Auf der immateriellen, der geistigen
Ebene winkt die Möglichkeit, zu einem neuen Selbst-Verständnis zu
gelangen, einem neuen Selbstbewusstsein, das es unter anderem ermöglicht,
Meinungsverschiedenheit und Kritik aus unterschiedlichsten Gruppen, komme
sie von Fachleuten oder aus der breiten Bürgerschaft, von „nordhessischen
Nörglern“ oder Auswärtigen, in einer lebendigen Diskurskultur für die
Weiterentwicklung des „Projekts Stadt“ fruchtbar zu machen.
Nun steht die Stadt Kassel mit ihrer Problematik der Identitätsbrüche und
des Aufbaus im Sinne der städtebaulichen Nachkriegsmoderne nicht allein
da. Sehr deutlich teilt sie dieses Schicksal mit anderen europäischen
Städten wie Coventry, Rotterdam und zahlreichen Städten in Osteuropa. Das
hier vorgeschlagene Projekt richtet den vergleichenden Blick auf den
Umgang derartiger Städte mit dieser Problematik. Letztlich geht es dabei
um die Frage nach Handlungsansätzen zur Weiterentwicklung
der städtebaulichen Identität, die die Stadt von heute lebenswerter
machen, aber auch um einen Beitrag zu einem großen kulturpolitischen
Thema: zur Auseinandersetzung mit der Rolle der Moderne in Europa.
Die Bearbeitung dieses anspruchsvollen Themenkomplexes soll in Diskussion
und Kooperation mit europäischen Partnern erfolgen und 2010 in einer
internationalen Veranstaltung kulminieren.
Daraus ergeben sich die folgenden Arbeitsschritte des bis 2010 angelegten
Projektes:
Forschung und Kooperation auf europäischer Ebene: Im Mittelpunkt der Zeit
bis in das Jahr vor Projektabschluss (also bis 2009) stehen Forschungen zu
Aspekten der Kasseler Identitäten sowie zum Stand der internationalen
Diskussion zum Themenkomplex „Moderne und Identität“. Es macht Sinn, diese
Arbeitsphase von Anfang an mit den europäischen Partnern zu koordinieren.
Was dabei die Auswahl der europäischen Städte betrifft, so bieten sich auf
Grund bereits vorliegender Veröffentlichungen und Arbeitskontakte Coventry
und Rotterdam eindeutig an. Was Osteuropa betrifft, so ist die
Entscheidung noch offen. Die Forschung stützt sich sowohl auf die
Auswertung schriftlicher Quellen in Archiven und Bibliotheken als auch auf
empirische Ansätze in Form von Interviews mit Bürgern und Experten aus
Wirtschaft, Politik, Kultur, Architektur und Planung. Beabsichtigt ist,
die Zwischenergebnisse periodisch in die Öffentlichkeit zu bringen
(Veröffentlichungen, Ausstellungen) und in öffentlichen Diskussionen den
oben angesprochenen Prozess der Positionsbestimmung der Stadt bezüglich
Selbstbild und Identität zu befördern.
Und schließlich geht es darum, diese Ansätze auf ihre Relevanz für
konkrete städtebauliche Maßnahmen und Entwurfskonzepte hin zu untersuchen
und ggf. umzusetzen. Als erstes Beispiel für diese Vorgehensweise liegt
bereits der Entwurf für ein du Ry gewidmetes wassertechnisches Bauwerk in
der Aue vor, der aus dem studentischen Projekt „Kassel und seine
Identitäten“ hervorgegangen ist, zur Realisierung vorgeschlagen ist und
von der Stadt Kassel zusammen mit der Unterneustadt und dem neu
gestalteten Florentiner Platz als exemplarisches Baukulturprojekt an den
Deutschen Städtetag gemeldet wurde.
Letzter Arbeitsschritt innerhalb der offiziellen Laufzeit des Projekts ist
die Durchführung eines internationalen Kongresses, verbunden mit einer
größeren Veröffentlichung. Darüber hinaus ist die Auseinandersetzung mit
der Identität der Stadt und mit ihrer Rolle in Europa jedoch ein Prozess,
der nicht im Jahre 2010 beendet sein kann. Koordination und Abwicklung des
Projekts: Arbeitgruppe Städtebau und Stadtbaugeschichte an der Universität
Kassel, im engeren Sinne Prof. Christian Kopetzki (als Mitglied der
Universität bis 3/2005) und Dr. Friedhelm Fischer. Kooperationen und enge
personelle Beziehungen bestehen bereits zu Coventry, zur
Partneruniversität Reading (beide Großbritannien) sowie zu Rotterdam
(Prof. I. Lübke, s. a. Projektvorschlag fünfziger Jahre). Die Auswahl
osteuropäischer Partner muss noch getroffen werden.
Initiatoren:
Dr. Friedhelm Fischer, Prof. Hardy Fischer,
Prof. Christian Kopetzki, Prof. Ingrid Lübke
Hinweise zu Tradition
und Modernisierungsprozessen in der Kultur
Rüstungstechnik ist Teil der Industriekultur. Kultur
ändert sich, ist veränderbar. Ziel des Projektes ist es, die
Rüstungsindustrie in friedliche Produktion umzuwandeln. Auf einem Kongress
sollen Beispiele geglückter Konversion aus der ganzen Welt präsentiert und
auf ihre Umsetzbarkeit hin diskutiert werden.
1. Das alleinige Privileg zur Herstellung von Kanonen, Glocken,
Feuerspritzen und anderem erhielt ursprünglich die Firma Henschel von
Landgraf Friedrich II. zu Hessen im Jahre 1785. Auf der normativen
Grundlage des landgräflichen Rechtsinstitutes wurde eine manufakturelle
Infrastruktur für die Rüstung entwickelt. Das war die Voraussetzung zur
Weiterentwicklung modernster Rüstungsindustrie für das 19. und 20.
Jahrhundert im Zentrum Deutschlands. Dieser Prozess barg
verschiedene Konsequenzen in sich: Neben Handwerkern, Ingenieuren,
Angestellten etc. wurden bald auch Arbeiter in den Werken benötigt. Und
diese strukturelle Veränderung hatte enorme Einwirkungen auf die
Wohnkultur in Werksnähe dieser Gruppen. Sie machte unter anderem auch die
Weiterentwicklung der Curricula in der Schule und der Ausbildung
notwendig. Insofern veränderte das Privileg in seiner unternehmerischen
Umsetzung die bestehenden kulturellen Verhältnisse.
2. Die Vereinten Nationen erklären den Zeitraum 2001–2010 zur
„Internationalen Dekade für eine Kultur des Friedens und der
Gewaltlosigkeit zu Gunsten der Kinder der Welt“. Auszug aus dem
Aktionsprogramm:
Förderung der allgemeinen und vollständigen Abrüstung unter strenger und
wirksamer internationaler Kontrolle, unter Berücksichtigung der von den
Vereinten Nationen auf dem Gebiet der Abrüstung festgelegten Prioritäten;
gegebenenfalls Heranziehung der einer Kultur des Friedens förderlichen
Erfahrungen aus Rüstungskonversionsmaßnahmen in einigen Ländern der Welt
(UN-Resolution: Maßnahmen zur Förderung des Weltfriedens und der
internationalen Sicherheit – A/RES/53/243, Artikel 16, v. 6. Oktober
1999).
3. Die europäische Agenda 21 unterstützt Rüstungskonversionsprojekte.
Initiator: Peer Schröder, Verband deutscher Schriftsteller, Kassel
Der Weg zum europäischen Hochschulraum
Bis zum Jahr 2010 wird sich im Zuge der europäischen Entwicklung der
„Europäische Hochschulraum“ konstituieren. Kassel soll der Ort für die
Bilanz-Konferenz der europäischen Hochschulen werden, auf deren Grundlage
die Regierungen dann den „Europäischen Hochschulraum“ etablieren werden.
Im Jahre 1999 kamen die Wissenschafts- und Erziehungsminister von fast 30
Ländern in der „Bologna-Erklärung“ überein, in Europa ähnliche Strukturen
von Studiengängen und -abschlüssen einzuführen. Seitdem finden im Abstand
von zwei Jahren zunächst Konferenzen der europäischen Hochschulen statt,
um den „Bologna-Prozess“ zu bilanzieren und die nächsten Schritte zu
formulieren. Bis zum Jahre 2010 soll Europa zum dynamischsten,
attraktivsten und wettbewerbsfähigsten Hochschul- und Forschungsraum
werden. Graz war als europäische Kulturhauptstadt von der Europäischen
Universitätsvereinigung (EUA) Gastgeber für die Bilanzkonferenz, die
Universität Kassel schlägt vor, dass im Jahre 2010 in Kassel Bilanz
gezogen wird. Kassel bietet sich auch deshalb als Ort an, weil die
Universität diejenige in Deutschland ist, die gestufte Studiengänge weit
früher einführte, als sie durch den „Bologna-Prozess“ zum europäischen
Modell erkoren wurden. Schließlich verfügt die Universität Kassel mit
ihrem Wissenschaftlichen Zentrum für Berufs- und Hochschulforschung über
ein europäisch und international renommiertes Forschungsinstitut, das sich
mehr als jede andere Forschungseinrichtung mit dem Vergleich europäischer
Hochschulsysteme und mit der Internationalisierung der Hochschulen
befasst. Auf dem Weg zur Etablierung des Europäischen Hochschulraums wird
das Wissenschaftliche Zentrum für Berufs- und Hochschulforschung ab 2005
in jedem Jahr eine Konferenz durchführen, in der die wichtigen Fragen der
Europäischen Hochschulentwicklung behandelt werden. Die Ergebnisse der
Konferenz-Serie werden in die Abschluss-Konferenz zur Konstituierung des
Europäischen Hochschulraums 2010 eingebracht.
Bürger gestalten mit „7000 zeichen“ ihre Stadt
Kassel hat sich durch die documenta als Hauptstadt zeitgenössischer Kunst
profiliert. Jetzt wird sie einen erweiterten Kultur- und Kunstbegriff
entwickeln, der möglichst viele Bürger in einem stadtgesellschaftlichen
Aufbruch mobilisiert, der nicht nur offenbart, was die Stadt an
verborgenen Schätzen besitzt, sondern gleichzeitig zur Entwicklung einer
anregenden Stadtkultur führt. Das Projekt „7000 Zeichen“ – entwickelt vom
Institut für Partizipationsdesign an der Universität Kassel –
knüpft sowohl in der Namensgebung als auch im Inhalt bewusst an Joseph
Beuys an, wonach jeder Mensch ein Künstler sei. Auch Beuys’ Idee von der
„sozialen Plastik“ soll damit neu interpretiert werden. Das Projekt ist
als siebenjähriger Prozess konzipiert, der in verschiedenen Etappen zu
einer kulturellen Umgestaltung der Stadt durch Bürgerfantasie führt. Zum
Auftakt finden unter dem Motto „Lust auf Zukunft“ Zukunftswerkstätten
statt. Ideen werden in Form eines „Zeichens“ und eines Ergebnisposters so
dargestellt, dass auch Unbeteiligte schnell einen Eindruck vom Charakter
des jeweiligen Vorhabens erhalten. 7000 Zeichen sind das Ziel, das bis
2010 erreicht werden soll. Alle Zeichen bzw. Projekte werden in einem
Katalog und einer Wanderausstellung dokumentiert. In diesem Prozess soll
der „Marktplatz“ als offenes Bürgerforum wiederentdeckt werden. Eine Reihe
von Bürgerforen werden dazu auf dem Königsplatz organisiert. An 100 Tagen
wird die Stadt mit den Zeichen, den Projekten, den Ideen, den Aktionen und
den konkreten Ergebnissen „möbliert“ sein.
Daneben wird es ein Begleitprogramm „Europäischer Zukunftsdialog – Bürger
gestalten ihre Stadt“ geben. Bei Bürger-, Politiker- und Expertenforen
werden sowohl einzelne Projekte als auch die Frage des
stadtgesellschaftlichen Aufbruchs und der Zukunft der Demokratie in Europa
diskutiert. Die gesamte Aktion mündet in ein Europäisches Fest der
Bürgerfantasie. Sobald das Projekt „7000 Zeichen“ in Kassel gestartet ist
und sich zu stabilisieren beginnt, wird durch die Kooperation mit
Kassels europäischen Partnerstädten eine Ausweitung eingeleitet. Denkbar
sind ähnliche Veranstaltungen in den Partnerstädten. So werden durch den
Austausch von Bürgerfantasien europäische Kulturnetze gesponnen.
Technikmuseum erneuerbare Energien
Die Kasseler Universität ist Vorreiter für die Entwicklung von Lösungen
für die Nutzung erneuerbarer Energien. Ein darauf spezialisiertes Museum,
das aber auch Teil eines industriegeschichtlichen Museums sein kann, ist
geplant.
Gartenkulturpfad vereint grüne Sehenswürdigkeiten
Wohl kaum eine andere Stadt dieser Größenordnung in Deutschland kann mit
einem solchen Potenzial historischer Parkanlagen aufwarten wie Kassel.
Darüber hinaus verbindet eine Vielzahl kleinerer Parks und Grünanlagen das
Stadtbild nach allen Himmelsrichtungen mit der umliegenden Landschaft. 43
Kleingartenanlagen mit zahlreichen Auszeichnungen in Bundes- und
Landeswettbewerben zeugen von einer blühenden Gartenbaukultur, die alle
Generationen verbindet. 1955 fand die erste Bundesgartenschau in Kassel
statt. 1981 entstand mit der 2. Bundesgartenschau das weitläufige
Erholungsgebiet der Fuldaaue. 1982 wurde mit dem documenta-Beitrag „7000
Eichen“ von Joseph Beuys die „Stadtverwaldung“ initiiert. All diese
gärtnerischen Sehenswürdigkeiten sollen im Rahmen der
Kulturhauptstadtbewerbung zu einem „Gartenkulturpfad“ vereint werden.
Vorbild ist der 1. deutsche Gartenkulturpfad in Fulda, der auf Anregung
der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft entwickelt und 2002 eröffnet wurde.
Der Kasseler Pfad wird den Begriff „Gartenkultur“ sehr breit
interpretieren. Stationen sind neben historischen Garten- und Parkanlagen
auch Naherholungs- und Naturschutzgebiete, aber auch Industriebrachen,
daneben Kleingärten, Innenhöfe, Friedhöfe, Kindertagesstätten und
Schulhöfe. Der Gartenkulturpfad wird zur Bühne für Veranstaltungen. Dazu
ist eine Kooperation mit den Kasseler Museen geplant. Projekte der
Kulturhauptstadtbewerbung
(z. B. Permakultur, Klanginstallationen, Erfahrungsraum der Sinne,
Miradouros) können in den
Gartenkulturpfad integriert werden. Dieser vom städtischen Gartenamt
initiierte Projektvorschlag korrespondiert mit einer ähnlichen Idee aus
der Universität, die darüber hinaus eine künstlerische Gestaltung von
Stationen einen Gartenkulturparks vorsieht.
Städtebauliches Netzwerk der Kultur
Das „Netzwerk Kultur“ ist die eindrückliche und erfahrbare Verbindung von
Kulturstandorten in der Innenstadt – etwa durch Neubauten, durch eine
kulturelle Nutzung leer stehender Gebäude oder durch Skulpturen-Parcours.
Es wird eine „steinerne“, architektonische Achse geben sowie eine „grüne“,
landschaftsorientierte. In ein solches Netzwerk werden
Kulturhauptstadtprojekte wie das documenta-Haus oder das
Kinderkulturzentrum eingebunden.
Spielfilmarbeit mit Jugendlichen zur Mitgestaltung des kulturellen Lebens
Mit spannend gestalteten realistischen Kurzspielfilmen sollen junge
Menschen ihre Themen, ihre Wünsche und Visionen für ihr Leben in Kassel
entwickeln. Die Ausweitung des Projektes auf europäische Partnerstädte
fördert die interkulturelle Begegnung und die Auseinandersetzung mit Sinn
stiftenden Fragen der eigenen und der fremden Alltagsrealität.
Kunsthochschule als Multiplikator
Die Kunsthochschule Kassel verfügt über hervorragende nationale und
internationale Verbindungen. Diese sollen im Zuge des
Kulturhauptstadtbewerbungsprozesses genutzt werden, um die Idee der
Bewerbung außerhalb Kassels zu verbreiten. Neben einem Netzwerk zu anderen
Hochschulen sowie Ausstellungshäusern besteht eine Vielzahl von Kontakten
durch Professoren, Studierende und Absolventen, die in der ganzen Welt
unterwegs sind. Sie werden so als Botschafter der
Kulturhauptstadtbewerbung wirken.
Gartenkunst und ihre Deutung – ein Forschungsprojekt
Die Gartenkunst als Disziplin der Kunstgeschichte entwickelte ihre Stile
durch alle Epochen der europäischen Geschichte. Doch es fehlt eine
wissenschaftliche Untersuchung zur Deutungs- und Wahrnehmungsgeschichte
des Gartens. Das Forschungsvorhaben „Gartenkunst und ihre Deutung“ der
Kasseler Kunsthochschule wird Park-, Garten- und Kuranlagen sowie
städtische Planungen und kulturell genutzte Naturräume untersuchen. Die
„Landesgartenschau 2006 Bad Wildungen GmbH“ hat zur Unterstützung die
Ausrichtung eines themenbezogenen Symposiums und die Finanzierung einer
Gastprofessur an der Kunsthochschule avisiert.
Mit dem Oktogon-Projekt wird ein Traum wahr
Arnold Bode – der Vater der documenta – hatte einen Traum, den er selbst
nicht mehr verwirklichen konnte: Im achteckigen Schloss zu Füßen des
Herkules hoch oben in Europas größtem Bergpark Wilhelmshöhe sollte ein
Ausstellungsraum mit ungewöhnlichen Dimensionen entstehen. Bode wollte
„eine Architekturidee der Vergangenheit mit Ideen der Gegenwart
konfrontieren“. Das Kulturhauptstadtjahr ist der passende Moment, um Bodes
Idee aufzugreifen und endlich in die Realität umzusetzen. Das barocke
Bauwerk – in den vergangenen Jahren zu Erstarrung und Nutzlosigkeit
verdammt – wird so zu einem herausragenden und herausfordernden Spielort
zeitgenössischer Kunst. Das vom italienischen Architekten Giovanni
Francesco Guerniero zwischen 1713 und 1717 erbaute „Oktogon“ wird auf
diese Weise zum Leben erweckt und zugänglich. Bode dachte nicht nur an die
bildende Kunst, sondern auch an Theater, an Musik, an Tanz, an Film. Seine
Idee kam damals zu früh. Der technische und der materielle Aufwand wären
viel zu groß gewesen. Heute jedoch stehen den Künsten Möglichkeiten zur
Verfügung, die eine Bespielung des Oktogons wesentlich unkomplizierter und
zugleich wirkungsvoller werden lassen. Erst jetzt haben Künstler ein
Sensorium und ein Know-how für den Umgang mit solchen ungewöhnlichen
Räumen entwickelt. So wird jetzt der Traum von Arnold Bode endlich
verwirklicht.
Schaufenster der Kunsthochschule im Stadtzentrum
Ein neuer Ausstellungsraum der Kunsthochschule in der Kasseler Innenstadt
schafft einen intensiven, alltäglichen Kontakt zwischen Kunststudenten und
Bürgern. Zugleich sorgt er für „Input“ in die städtische Kunstszene.
Aktionen, Performances, Ausstellungen, Filmvorführungen, Meisterschüler-
und Prüfungspräsentationen, Vorträge und Ringvorlesungen sind dort zu
erleben. Auch die Professoren der Kunsthochschule zeigen ihre Arbeiten.
Alpha Crew kreiert ein Kunst-Universum
Seit der Documenta11 belebt die Künstlergruppe „Alpha Crew“ das leer
stehende Polizeipräsidium. Einzelne Künstler und kleine Teams gestalten im
„Check-Point-Alpha-Plus“ fast jeden Monat eine Ausstellung. Daneben
präsentiert sich die „Alpha Crew “ im Ausland sowie an anderen Orten der
Stadt. Für die Kulturhauptstadt soll ab 2004 ein „Alpha-Universum“ auf
einer Freifläche in der Innenstadt entstehen, in das Kunstwerke von
bekannten Künstlern aus der ganzen Welt eingelagert
werden und das sich durch eine Bepflanzung in eine blühende Oase
verwandelt.
Kassel auf dem Weg zur
Regionalstadt
Im Fachgebiet Entwerfen im städtebaulichen Kontext
der Universität wird an einem städtebaulichen und architektonischen
Forschungsprojekt gearbeitet, welches die räumliche Entwicklung im
Großraum Kassel in einer visionären Perspektive bildhaft formuliert. Dabei
geht es zunächst um eine Simulation von zukünftigen Wachstums- bzw.
Schrumpfungsprozessen und deren Abbildung in der Realität in den einzelnen
regionalen Bereichen. Der Radius der Betrachtung liegt bei etwa 10 bis 15
km mit Mittelpunkt im Stadtzentrum und umfasst auch die Kommunen Vellmar,
Habichtswald, Söhrewald, Kaufungen, Baunatal etc. Wir gehen davon aus,
dass die zeitgemäße zukünftige Stadt aus einzelnen Fragmenten eher
polyzentrisch zusammengesetzt ist, die gleichwertig mit unterschiedlichen
Schwerpunkten nebeneinander liegen. Innerhalb des Untersuchungsgebietes
wurden verschiedene prognostizierte Bevölkerungsdichten mit ihren
räumlichen Konsequenzen untersucht und dargestellt.
Eine aus diesem Forschungsprojekt ausgekoppelte Studie für die
Kulturhauptstadtbewerbung soll lauten: „Von der Residenzstadt zur
Regionalstadt“. Die kommenden, auch politischen Veränderungen in Stadt und
Region, hervorgerufen vor allem durch die dramatische demografische
Entwicklung, sollen in eine positive Vision gewandelt werden. Diese
positive Sicht auf die fragmentierte Stadt führt
zum Begriff der „Stadt-Land-Schaft“.
Die Idee könnte sich in Kassel einrichten als ein mit großen Grün- und
Gartenräumen geprägter kontinuierlicher Siedlungsraum mit
verschiedenartigen Dichten und Funktionen sowie durch die Landschaft
verlaufenden Verkehrswegen. Die einzelnen Stadtteile, die historisch
gewachsenen Dörfer
oder auch die größeren Siedlungseinheiten der Peripherie bilden sich als
„Inseln“ innerhalb dieses „durchlaufenden“ Landschaftsraumes ab. Die
Anlage der Stadt hierzu ist vorhanden, denkt man an ihre nach dem Krieg
locker wiederaufgebaute „moderne“ Erscheinung. Beispiele sind der Grünzug
vom Altmarkt den Auehang hinauf zur Neuen Galerie mit eingestelltem
Regierungspräsidium, Theater,
Ottoneum etc., die Wohnstadt Waldau oder auch die Bebauung am Rothenberg
von Haeseler aus den dreißiger Jahren. Hinzu kommen selbstverständlich die
Präsenz der großartigen historischen Gartenanlagen in Stadt und Region
(Bergpark, Karlsaue, Wilhelmsthal etc.) sowie die nach dem Krieg neu
angelegten Freizeitparks (z. B. Bundesgartenschaugelände). Zählt man die
ohnehin schwer
besiedelbaren und brachliegenden Bahn-, Industrie- und Konversionsflächen
hinzu, so ist ein mit hohem Freiflächen- bzw. Gartenanteil durchsetzter
Siedlungsraum in Ansätzen bereits vorhanden.
Ideal und Realität
Heute wird die Diskussion um den Strukturwandel in den Städten Europas,
hervorgerufen auch durch den prognostizierten Bevölkerungsrückgang und die
damit befürchteten wirtschaftlichen Einbußen, vornehmlich konservativ
geführt. Blickt man auf die stadträumlichen Diskurse, zeichnet sich eine
folgende Sichtweise ab: Das Ideal ist nach wie vor die traditionelle
europäische Stadt mit einem hoch verdichteten und multifunktional
genutzten Kern. Die Stadt grenzt sich scharf ab gegenüber ihrem umgebenden
Landschaftsraum. Diese Vorstellung eines „erkennbaren urbanen Körpers“
wird auf allen kulturellen Betrachtungsebenen (Literatur, Politik,
Wirtschaft, Gesellschaft, Architektur, Ökologie, Städtebau etc.)
idealisiert und auch als tragfähiges Modell einer zukünftigen
Stadtentwicklung in den Blickpunkt gerückt. Entsprechend äußert sich die
Kritik an den aktuellen urbanen Abläufen: Revision der Moderne (hier
hauptsächlich Kritik am Wiederaufbau nach dem Krieg), Zersiedlung der
Landschaft, Verlust der europäischen Stadt mit Ausdünnung der Zentren, ja
sogar Verlust der Landschaft bis hin zu den ökologisch sowie ökonomisch
besetzten Themenfeldern wie Baulandverbrauch, Störung des Ökosystems etc.
Die von der Politik aufgelegten Förderprogramme (Urban, Ab in die Mitte,
Stadtumbau etc.) verfolgen gleiche Kritiken, Inhalte und Zielsetzungen.
Einige Beispiele nicht nur aus der städtischen Realität der Kasseler
Region: Gut ausgebaute Straßen lassen die langen Wege ins Zentrum kurz
werden, günstige Baulandpreise im Umland der Stadtzentren schonen die
Geldbeutel und lassen Spielräume für individuelle Wohnwünsche an den
Rändern der Stadt. Die geplante Regio-Tram, eine Art Straßenbahn ins
Stadtumland, wird die Leute auch ohne teures Auto nun in kurzer Zeit
direkt in die Einkaufsstraßen der Innenstadt oder die
Einkaufszentren der Peripherie bringen. Der Gürtel der Einfamilienhäuser
wächst noch, die Innenstadt schrumpft bereits, sie verliert ihre
Wohnfunktion sowie ihre Arbeitsplätze und steht selbst als monofunktionale
Einkaufs-Freizeitstadt in starker Konkurrenz zu den leicht erreichbaren
Möglichkeiten des Umlandes. Gravierend sichtbar ist die Tendenz zur
Individualisierung einzelner städtischer Bereiche oder Siedlungsteile
innerhalb der Region. Dies betrifft vor allem die sozialen
Schichtungen mit allen ihren kulturellen und voneinander stark
abweichenden Lebensäußerungen.
Alle Anstrengungen, die geliebte, verdichtete, im Kontrast zur freien
Landschaft stehende und durchmischte Stadt europäischen Ursprungs als
Einheit wieder einzurichten oder am Leben zu erhalten, scheitern in der
Realität der wie auch immer gewachsenen städtischen Regionen mit ihren
divergierenden gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen. Noch nie
war die Diskrepanz zwischen städtischem Ideal und bauender Wirklichkeit
größer.
Kassel 2010 als Beispiel für zeitgemässe urbane Entwicklung
Sehr viele europäische städtische Ballungsräume haben ähnliche Probleme
des Strukturwandels zu bewältigen. Kassel als Kulturhauptstadt 2010 könnte
hier beispielhaft die Möglichkeiten eines Umganges mit zeitgemäßen urbanen
Vorstellungen aufzeigen. Im Vordergrund sollte dabei die Diskussion um die
Ideale und deren Auswirkungen stehen. Aktualisierte Leitbilder und die
darin enthaltenen Diskurse um urbane Probleme und ihre
Lösungsmöglichkeiten können heute nur interdisziplinär und
fächerübergreifend geführt werden. Dazu erschließen sich für Kassel
folgende Perspektiven:
Auf dem Weg zur Kulturhauptstadtbewerbung 2010 könnte Kassel die Chance
einer erneuten documenta-urbana nutzen, zeitlich in Verbindung mit der
documenta 12 als Diskussionsforum. Nicht nur, wie schon oft vorgeschlagen,
sollte hier die Stadt der fünfziger Jahre thematisiert werden. Vielmehr
wäre nach einer erneuten Kongruenz zwischen urbanem Ideal und seiner
Auffindbarkeit in der Wirklichkeit zu fahnden. Dies erscheint nicht nur
als eine wichtige Voraussetzung für die notwendige Identifikationsbildung
im Rahmen der Kulturhauptstadtbewerbung Kassels 2010. Eine Kongruenz
zwischen Ideal und Realität in den Denkansätzen ist wichtiger
Ausgangspunkt für zukünftige urbane Konzeptionen. Beteiligt werden müssten
Künstler, Gesellschaftswissenschaftler, Ökonomen, Architekten, vor allem
Landschaftsarchitekten, Städtebauer etc. Die kommende Biennale in Venedig
wird sich mit dem deutschen Beitrag und unter Leitung von Francesca
Ferguson mit
schrumpfenden Stadtprozessen künstlerisch auseinandersetzen, die neue
documenta-Leitung denkt über urbanistische Fragestellungen nach.
Initiatoren:
Prof. Dipl.-Ing. Wolfgang Schulze, Universität Kassel,
Fachgebiet „Entwerfen im städtebaulichen Kontext“,
Dipl.-Ing. Bernd Upmeyer
Die Umwandlung
militärischer in zivile Liegenschaften als Chance der Stadtentwicklung
Kassel war bis Anfang der neunziger Jahre eine der
fünf großen Garnisonsstädte der Bundesrepublik, als ehemalige Residenz-
und preußische Provinzstadt hat Kassel gar eine Tradition, die viel weiter
zurückreicht. Viele ehemals für militärische Zwecke genutzte Grundstücke
und Gebäude werden inzwischen anderweitig genutzt, nach dem Auszug der
Bundeswehr muss für einige Standorte noch eine Verwendung gefunden werden.
Der Prozess der Konversion ist noch in vollem Gange. Das Projekt soll
einerseits die Erinnerung an die Umwandlung von militärischen in zivile
Liegenschaften
bewahren, zum andern soll die Konversion konsequent zu Ende geführt
werden, dabei soll ein Erfahrungsaustausch – mit einer Tagung als
Höhepunkt – zwischen europäischen Städten initiiert werden, die ähnliche
Probleme lösen müssen. Aus wirtschafts- und arbeitsmarktpolitischen
Gründen war die Beendigung militärischer Präsenz in der Stadt mit ohnehin
erheblichen Strukturwandelproblemen und hoher Arbeitslosigkeit nicht
unumstritten. Doch bereits die militärisch genutzten Liegenschaften der
Residenz- und preußischen Provinzstadt waren in früheren Phasen der
Stadtentwicklung umgewandelt worden. Insofern gibt es eine „Tradition der
Konversion“. Beispiele dafür sind:
Die ehemalige Trainkaserne am Möncheberg ist zu einem Wohnquartier
geworden, einige Einrichtungen werden für das Stadtkrankenhaus genutzt.
Das ehemalige Militärhospital an der Frankfurter Straße wurde ein
Wohnquartier, außerdem sind Behörden dort untergebracht. Der einstige
Truppenübungsplatz Dönche hat sich in ein hochwertiges Naherholungsgebiet
verwandelt, an dessen Rand Wohnquartiere entstanden sind.
Aktuelle Entwicklung
Mit dem Projekt „Hasenhecke“ ab Mitte der achtziger Jahre setzte Kassel
Maßstäbe für die innovative Umwandlung und Weiterentwicklung von
Kasernen-Arealen, als das Thema ansonsten in Deutschland noch gar nicht
aktuell war.
Die ab 1992 folgenden Projekte waren
• ehemalige Hindenburg- und Wittichkaserne zum gemischt genutzten
Stadtquartier „Marbachshöhe“
• ehemalige Graf-Haeseler-Kaserne zu einem Gewerbegebiet neuen Typs mit
einigen zusätzlichen Nutzungen
Beide Projekte haben ebenfalls wegen ihrer innovativen Elemente bundesweit
Aufsehen erregt.
Mindestens drei ehemals militärisch genutzte Liegenschaften warten noch
auf ihre zivile
Wiedereingliederung in das Stadtgefüge:
• der erhalten gebliebene Teil des mittelalterlichen Zeughauses im
Pferdemarktquartier, derzeit nur baulich gesichert, 2003 erstmals
kulturell bespielt
• die ehemalige Bereitschaftspolizeikaserne in der Friedrich-Ebert-Straße
• die ehemalige Lüttich-Kaserne im Anschluss an das Quartier „Marbachshöhe“
Ziele für die Kulturhauptstadtbewerbung:
• qualitativ hochwertige, innovative Konversion der genannten noch
unvollendeten Projekte bis 2010
• Aufbereitung der „Geschichte der Konversion in Kassel“ als
wissenschaftliches Projekt mit dem Ziel von Publikationen und
Ausstellungsbeiträgen
• Erläuterungen der Nutzungsgeschichte aller Projekte an den
Originalschauplätzen durch dauerhafte Informationstafeln im Sinne einer
„Bewahrung des Gedächtnisses der Stadt“, und damit auch als Beitrag zur
Diskussion über Kassels Selbstbild und Identitäten
• Tagungsveranstaltungen im Jahr 2010 mit Einladung an alle bekannten
europäischen Städte mit aktuellen oder absehbaren Konversionsvorhaben
Beabsichtigte Partner für dieses Projekt sind
• die Stadtverwaltung (Bau- und Planungsdezernat)
• die neuen Flächeneigentümer bzw. Betreiber
• die Universität, insbesondere der FB 06 Architektur, Stadt- und
Landschaftsplanung
Das Projekt kann mit dem schon anderweitig benannten Aspekt von
Konversion, der Umwandlung von militärischer in zivile Produktion (Peer
Schröder, im Folgenden dargestellt), verknüpft werden. Außerdem ist
denkbar, die neuen Bewohner und Nutzer der Konversionsstandorte in einen
breiten Partizipationsprozess einzubinden.
Initiator: Prof. Christian Kopetzki, Universität Kassel |