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Ausstellungsprojekte beschäftigen sich mit
den Auswirkungen der Migration
Eine Ausstellungsreihe wird das erfolgreiche
Zusammenleben von Menschen verschiedener Nationen unter einem Dach in
Kassel – getreu dem Motto des europäischen Verfassungskonventes „Einheit
in der Vielfalt“ – zeigen, auch die reichhaltige Geschichte und Gegenwart
Kassels wird visualisiert werden. Das Stadtmuseum und das Stadtarchiv
arbeiten dabei mit anderen Museen, dem Staatsarchiv Marburg, der
Universität Kassel und Organisationen ausländischer Mitbürger in Kassel
und der Region zusammen.
Idee/Umsetzung
Kulturhauptstadt Europas zu werden heißt, selbstbewusst und zugleich
gastfreundlich zu sein, offen für Menschen aus anderen Kulturen. In Kassel
leben heute Menschen aus 143 Nationen. Die Stadt ist Ort humanitärer
Werte, der Freiheit, der Vielfalt, der Entwicklung der Demokratie, der
Achtung anderer Sprachen, Kulturen und Traditionen. Diese Werte sind
„flüchtige Güter“. Wenn sie nicht gelebt werden, wenn sie nicht immer
wieder – auch durch die Arbeit der Museen und Archive –
ins Bewusstsein gerufen werden, kann eine Gesellschaft diese Werte
verlieren, wie es auch in Kassel in der Zeit des Nationalsozialismus auf
schreckliche Weise geschehen ist.
Menschen, die von außen nach Kassel kommen oder Kassel verlassen,
verändern ihre neue Heimat, manchmal die ganze Welt, wie z. B. die Brüder
Grimm. Migration setzt Mobilität, Risikobereitschaft, Eigenverantwortung
voraus, sie kann – auch wenn ihre Ursache oft in schwierigen politischen,
ökonomischen oder sozialen Verhältnissen liegt – auch positive Wirkungen
haben, neue Lebenschancen eröffnen.
Eine Ausstellung des Stadtmuseums zeigt den Einfluss bedeutender
Auswanderer und Einwanderer auf Kunst, Kultur, Städtebau,
Stadtentwicklung, Wissenschaft und Technik.
Beispiele:
Landgraf Wilhelm VIII. (1682–1760) war 1723 Gouverneur von Maastricht,
Kurfürst Friedrich I. (1676–1751) war von 1720 bis 1751 durch seine zweite
Ehe mit Ulrike Eleonore König von Schweden. Adolph Freiherr von Knigge
(1752–1796), Autor des weltberühmten Buches „Über den Umgang mit Menschen“
aus dem Jahr 1788, war seit 1770 Hofjunker und Kammerassessor bei Landgraf
Friedrich II. Rudolph Erich Raspe (1736–1794) übersetzte 1785 einige
Geschichten aus dem 1781 erschienenen
„Vademecum für lustige Leute“ ins Englische und nannte darin den Baron von
Münchhausen. Raspe war in Kassel Aufseher des fürstlichen Antiquitäten-
und Münzkabinetts, Vorläufer der heutigen Staatlichen Museen. Paul-Julius
Reuter (1816–1899) gründete die weltweite Nachrichtenagentur Reuters.
Initiator: Nikolaus Schuchardt, Freunde des Stadtmuseums e.V.
Ein runder
Tisch für die Glaubensgemeinschaften Ein Runder Tisch der in Kassel
vertretenen Religionen soll dem Dialog und der Toleranz dienen, im
Konfliktfall helfen. Menschen aus verschiedenen Religionen sollen ihre
Gemeinsamkeiten erkennen und Vorurteile abbauen, indem sie sich kennen
lernen. Der Frieden in der Stadt braucht den Frieden zwischen
unterschiedlichen Kulturen und Religionen. Seit September 2001 findet alle
zwei Monate ein „kleiner“ Runder Tisch der Religionen statt. Daran nehmen
bisher Menschen aus folgenden Kirchen und Religionsgemeinschaften teil:
Bahai, CCOM (Afrikanische Gemeinde), Evangelische Kirche,
Katholische Kirche, Stadtmoschee, Mattenbergmoschee, Ahmadyyia-Muslim,
ZEN-Buddhisten, Internationaler Sufi-Orden. Daneben gibt es Kontakte zu
einer bosnischen und einer albanischen Moschee. Seit 2002 gibt es auch
wöchentliche Friedensgebete in der Karlskirche und bei Vorträgen und
Diskussionen eine Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Forum.
Menschen aus weiteren Religionsgemeinschaften sollen für die Mitarbeit
gewonnen werden, zum Beispiel aus der Jüdischen Gemeinde, von weiteren
Moscheen, christlichen Freikirchen, christlichen Gemeinschaften fremder
Sprache oder Herkunft (koreanisch, eritreisch, indonesisch, spanisch,
italienisch), orthodoxen Gemeinden, der hinduistischen Gemeinschaft, den
tibetischen Buddhisten sowie den Unitariern.
Im Jahr 2004 ist die Kasseler Ortsgruppe der „Weltkonferenz der Religionen
für den Frieden“ (WCRP) gegründet worden. Die „World Conference on
Religion and Peace“ ist die weltweit größte Organisation der großen
Weltreligionen mit Sitz in New York. Sie wurde 1970 in Kyoto gegründet.
Mittelfristige Zielsetzung:
• Erstellung einer Website zu „Religionen für den Frieden“ mit Sites der
einzelnen Religionsgemeinschaften
• Herausgabe eines Handbuchs mit Beschreibungen und Adressen der
Religionsgemeinschaften für Neubürger und alle Interessierten
• Herausgabe eines gemeinsamen Festkalenders
• Fest der Religionen
Langfristige Zielsetzung:
• Eröffnung eines gemeinsamen Büros mit Bibliothek, Raum für
Zusammenkünfte und Ausstellungen
Initiator: Ludwig Müller, WCRP Kassel
Für die Region kassel Die Einwanderung der Hugenotten hat Ende des 17.
Jahrhunderts eine der bedeutendsten Siedlungserweiterungen in der Region
Kassel eingeleitet. Standorte sind Kassel-Oberneustadt, Kelze, Schöneberg,
Leckringhausen, Mariendorf, St. Ottilien, Karlshafen, Carlsdorf.
Die Bauweise der Orte ist barock. Die Neubauten sind aus dem Geist und der
Bauauffassung ihrer Zeit entstanden. Es ist also keine Bauweise aus der
Aquitaine oder den Cevénnen in die Region Kassel für die Einwanderer
wiederholt oder übertragen worden. Die Menschen haben die vorgefundene
Bauweise für ihr Wohnen, Arbeiten, Handeln angenommen. So sind die Gebäude
von damals Zeitzeichen für die heute ausgelaufenen Nutzungen der
Hutmacher, Gobelinweber, Handschuhmacher u. a. Die Gebäude, die unsere
Zeit erreicht haben, sind sozialgeschichtliche Denkmale. Sie vermitteln
die Ortsgeschichte.
Wenn auch durch die Zerstörungen des Kriegsjahres 1943 und den
anschließenden Neuaufbau nicht viel alter Baubestand der heutigen
Oberneustadt Kassels erhalten geblieben ist, so werden in Bad Karlshafen
Maßstab und Bauweise des Stadtbildes deutlich, wie sie auch die obere
Neustadt in Kassel geprägt haben.
Die Hugenotten und Waldenser in der Region Kassel stehen auf der
Freiheitskonzeption von 1685 des Landgrafen Karl. Auf dieser
Rechtsgrundlage kamen sie als Eingeladene her, um in Oberhessen ihre
Religion und ihren Glauben in Freiheit zu leben. Der Landgraf schenkte den
Waldensern Land und Baumaterial. So entstanden im Wesertal die Dörfer
Gottstreu und Gewissenruh, Orte, die für die Glaubenstreue der Waldenser
stehen. Eine Waldenser-Identität mit Sprache und Gebräuchen
ist nicht erhalten geblieben. Die kleinen Kirchen in diesen idyllischen
Orten sind aber sichtbare Zeichen für die Frömmigkeit der Einwanderer.
Denn wie bei den hugenottischen Orten sind die Bauten der Waldenser
Zeitzeichen für ausgelaufene Nutzung und heute für die Geschichte der
Region. Im Stadtmuseum Hofgeismar gibt es eine der größten Bibelsammlungen
der Hugenotten.
Die aktuellen Spuren der Hugenotten und Waldenser sind Quellen und
Zeugnisse für die Region Kassel. In den Orten des Landkreises stehen sie
für ein unverfälschtes Zeugnis über Geschichte und Entwicklung. Die
genannten Orte des Landkreises Kassel sind sehenswert.
Durch ein Wegweiser- und Informationssystem und die Herausgabe eines
Führers soll die für Stadt und Region so bedeutende Migrantenkultur
erfahren werden können.
Initiator: Prof. Dr. Heinrich Klose
Neubürger geben
durch ihren subjektiven Blick Impulse für die Stadtentwicklung und
Denk- und Erfahrungsweisen. Kassel als Kulturhauptstadt wird sich deren
Erfahrungen und Sichtweisen öffnen, sie für die Neu-Entdeckung der
kulturellen Reichtümer der Stadt gewinnen. Bei diesem Projekt sollen die
„Neubürger“ aus einer (noch) fremden Perspektive den Kasseler Bürgern
helfen, die kulturellen Stärken und Schätze neu zu entdecken – zum
Beispiel bei Stadtführungen.
Menschen kommen aus ganz verschiedenen Motiven in die Stadt. Ganz gleich,
ob aus beruflichen, familiären, persönlichen, wirtschaftlichen oder
politischen Gründen – sie sind neue Bürger, als Gäste oder als Migranten
gleichermaßen willkommen.
Im Verständnis der Stadt sind sie „Kasseler“ – Zugezogene, die sich von
den „Kasselanern“ (deren Eltern in der Stadt geboren wurden) und den „Kasselänern“
(die „Eingeborenen“) unterscheiden. Die Neuankömmlinge haben den
Alteingesessenen etwas mitzuteilen – aber auch umgekehrt.
Bei den „Stadtentdeckungen“ soll der Blick nicht so sehr von der Kultur
als Privileg einer gebildeten Schicht und vom Bildungsstand abhängig
gemacht werden, sondern vor allem auf die Alltagskultur gerichtet werden,
die von professionellen Bezügen und beruflichen Prägungen bestimmt wird.
Kassel kann Persönlichkeiten zu seinen Bürgern zählen, die in
hervorragender öffentlicher beruflicher Stellung oder durch Engagement in
kulturellen Sparten bekannt sind. Da sind zum
Beispiel:
• Professoren an der Universität und der Kunsthochschule
• Mediziner am Städtischen Klinikum
• Musiker, bildende Künstler und Schauspieler
Solche Personen sollen zum Beispiel Stadtführungen für kleinere Gruppen
leiten und dabei durch ihren ganz subjektiven Blick buchstäblich neue
Einblicke ermöglichen. Sie könnten an Veröffentlichungen über die Stadt
mitwirken oder als Schirmherren für Veranstaltungen gewonnen werden.
Initiator: Lennard König
Europäische und außereuropäische
Emigration und Integration
Die
Gesellschaft ist geprägt durch Wandel. Wer sich verschließt, dem ist
Stillstand oder Rückschritt beschieden. Die Gesellschaft lebt damit, neue
Einflüsse aufzunehmen und Eigenes nach außen abzugeben. Für diese
Grunderkenntnis, dass Bevölkerung und Gesellschaft nichts Statisches sind,
kann exemplarisch die Kasseler Stadtgeschichte stehen.
Kassel mit seiner bedeutenden Vergangenheit weist europäische Dimensionen
auf. Die Geschichte der Stadt Kassel ist mit Europa verflochten. Dies soll
in diesem Projekt der Archive und Museen unter der Thematik Immigration
und Emigration aufgezeigt werden.
Kassels Entwicklung ist beeinflusst und geprägt durch:
• Flämische Einwanderer im Spätmittelalter
• Hugenottische Einwanderer aus dem französischen Raum im 17. und 18.
Jahrhundert
• Auswanderer des 18. und 19. Jahrhunderts nach Amerika
• Verdrängung und Verfolgung jüdischer Einwohner in der NS-Zeit
Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen im II. Weltkrieg, Displaced Persons
• Flüchtlinge aus dem Osten nach dem II. Weltkrieg
• Arbeitsimmigranten und politische Flüchtlinge seit 1960
Neben diesen Gruppierungen sind es aber auch Einzelpersönlichkeiten aus
dem europäischen Raum, die Kassel geprägt oder Spuren hinterlassen haben
(insbesondere Künstler, Musiker, Architekten) und gebürtige Kasseler, die
im europäischen Raum Bedeutendes geschaffen und geleistet haben (z. B. der
in Kassel geborene Gründer von Reuters Nachrichtenagentur).
Die reichen Bestände der Kasseler und nordhessischen Archive und Museen
bilden einen hervorragend geeigneten Fundus, um diese europäischen
Dimensionen und Komplexitäten in der Kasseler Stadtgeschichte
herauszuarbeiten.
Zum einen ist vorzusehen, dass in klassischer Arbeitsmethode – vor allem
im Vorfeld – weitere Forschungen zu den Themenkomplexen erfolgen
(insbesondere an der hiesigen Universität), zum anderen sollen die Themen
in Ausstellungen der Bevölkerung nahe gebracht werden. Texte und
Beschriftungen werden auch in englischer, französischer und ggf. in
türkischer Sprache formuliert.
Aber auch eine verstärkte Einbindung der neuen Medien ist Ziel dieses
Projekts, z. B. Einstellung von Ausstellungsteilen in das Internet,
biografische Präsentationen der Einzelpersönlichkeiten im Internet. Auch
hier wird Mehrsprachigkeit selbstverständlich sein und die Möglichkeit
geboten werden, in Ausstellungszusammenhängen auftretende Probleme
überregional im Internet zu diskutieren. Ein derart umfangreiches Projekt
erfordert die Kooperation möglichst vieler kompetenter
regionaler Institutionen. Neben Stadtarchiv und Stadtmuseum Kassel sind
die Staatlichen Museen, das Hessische Staatsarchiv in Marburg und die
Universität Kassel beteiligt.
Initiatoren:
Frank-Roland Klaube, Stadtarchiv Kassel, Arbeitskreis der acht Kasseler
Archive
Lokaltermine an Orten mit einer besonderen Ausstrahlung
Nordhessen ist schon seit Urzeiten eine „europäische Region“. Oft haben
sich aus der Verbindung – bisweilen auch Reibung – des Neuen mit dem
Althergebrachten aufsehenerregende und beispielgebende Innovationen
ergeben. Innovationen, die mit den Orten ihrer Entstehung im kollektiven
Bewusstsein eng verknüpft sind. Diese „auratischen Orte“, die eine ganz
besondere Ausstrahlung, eine nicht mit Worten fassbare Eigenart besitzen,
erschließt „Zeit-Reisen“. Das gleichnamige Projekt wird – dem genius loci
angemessen – zu archäologisch-künstlerischen Lokalterminen einladen – als
Reverenz an die Orte und einst dort geschehene Ereignisse.
idee/umsetzung Die Chatten sind die Vorväter der Nordhessen. Dieser
germanische Volksstamm, der im Bereich der Oberläufe von Weser, Eder,
Fulda und Werra ansässig war, hat sich nie an einer Völkerwanderung
beteiligt. Dies heißt aber noch lange nicht, dass die Nordhessen „unter
sich“ geblieben wären. Ganz im Gegenteil. Die Region mit dem Zentrum
Kassel hat sich seit der Urund
Frühgeschichte als ein starker Magnet für Ein- und Zuwanderer erwiesen.
Hier haben sich die Kelten niedergelassen, hier nahm die Aussöhnung der
Franken mit den Sachsen ihren Anfang. Hier haben Mönche aus Frankreich
Klöster gegründet, hier haben Hugenotten nach ihrer Vertreibung aus
Frankreich eine neue Heimat gefunden und der Region mit ihrer Kultur ihren
unverwechselbaren Stempel aufgedrückt.
Die Donareiche bei Fritzlar, die Bonifatius im Jahr 739 gefällt haben
soll, markiert den Beginn der Christianisierung in Deutschland. Die
Klostergründung bei Bursfelde um 1100 am Standort einer ehemals
heidnischen Kultstätte war quasi die sakralisierende Umwidmung eines immer
schon „erhabenen“ Platzes. Jahrhunderte später war Bursfelde dann der
bedeu-tende Mittelpunkt einer innerkirchlichen Reformbewegung, die unter
dem Namen „Bursfelder Kongregation“ noch immer
als Markstein ethischer Selbstbestimmung Geltung hat. Später hielt der
Protestantismus hier Einzug – dennoch sind die Spuren heidnischer
Götterverehrung bis heute aus Architektur und Landschaft nicht vollständig
getilgt.
Das Kloster Kaufungen legt Zeugnis ab vom Wirken einer außergewöhnlichen
Frau, deren Strahlkraft die Jahrhunderte überdauert und die regionalen, ja
nationalen Grenzen eindrucksvoll gesprengt hat, dafür mag etwa die
Errichtung ihrer Statue vor dem Neubau der Bubka Women’s University in
Tokio sprechen: Kaiserin Kunigunde (980–1043), die nach dem Tode ihres
Gatten ein Leben als Nonne im von ihr gegründeten Kloster dem Ausüben
weltlicher Macht vorzog. 1200 wurde sie heilig gesprochen
und zeitweise ebenso verehrt wie Maria. Den Spuren, die diese ideale – und
idealisierte – Frauengestalt in der Region hinterlassen hat, nachzugehen,
verspricht eine aufschlussreiche Zeitreise in den Kosmos des Mittelalters
im Spannungsfeld von Politik und Religion.
Ausgangs- und Endpunkt der „Zeit-Reisen“ ist Kassel. Im Jahr 2010 sollen
die einzelnen Stationen zu einer Rundreise zusammengefasst werden...
Initiatoren: Wolfram Bremeier, Verena Joos, Reinhard Karger, Hermann
Köhler |