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eUROPA MITEINANDER
2.1. Miteinander – füreinander

Ausstellungsprojekte beschäftigen sich mit den Auswirkungen der Migration

Eine Ausstellungsreihe wird das erfolgreiche Zusammenleben von Menschen verschiedener Nationen unter einem Dach in Kassel – getreu dem Motto des europäischen Verfassungskonventes „Einheit in der Vielfalt“ – zeigen, auch die reichhaltige Geschichte und Gegenwart Kassels wird visualisiert werden. Das Stadtmuseum und das Stadtarchiv arbeiten dabei mit anderen Museen, dem Staatsarchiv Marburg, der Universität Kassel und Organisationen ausländischer Mitbürger in Kassel
und der Region zusammen.

Idee/Umsetzung

Kulturhauptstadt Europas zu werden heißt, selbstbewusst und zugleich gastfreundlich zu sein, offen für Menschen aus anderen Kulturen. In Kassel leben heute Menschen aus 143 Nationen. Die Stadt ist Ort humanitärer Werte, der Freiheit, der Vielfalt, der Entwicklung der Demokratie, der Achtung anderer Sprachen, Kulturen und Traditionen. Diese Werte sind „flüchtige Güter“. Wenn sie nicht gelebt werden, wenn sie nicht immer wieder – auch durch die Arbeit der Museen und Archive –
ins Bewusstsein gerufen werden, kann eine Gesellschaft diese Werte verlieren, wie es auch in Kassel in der Zeit des Nationalsozialismus auf schreckliche Weise geschehen ist.
Menschen, die von außen nach Kassel kommen oder Kassel verlassen, verändern ihre neue Heimat, manchmal die ganze Welt, wie z. B. die Brüder Grimm. Migration setzt Mobilität, Risikobereitschaft, Eigenverantwortung voraus, sie kann – auch wenn ihre Ursache oft in schwierigen politischen, ökonomischen oder sozialen Verhältnissen liegt – auch positive Wirkungen haben, neue Lebenschancen eröffnen.
Eine Ausstellung des Stadtmuseums zeigt den Einfluss bedeutender Auswanderer und Einwanderer auf Kunst, Kultur, Städtebau, Stadtentwicklung, Wissenschaft und Technik.
Beispiele:
Landgraf Wilhelm VIII. (1682–1760) war 1723 Gouverneur von Maastricht, Kurfürst Friedrich I. (1676–1751) war von 1720 bis 1751 durch seine zweite Ehe mit Ulrike Eleonore König von Schweden. Adolph Freiherr von Knigge (1752–1796), Autor des weltberühmten Buches „Über den Umgang mit Menschen“ aus dem Jahr 1788, war seit 1770 Hofjunker und Kammerassessor bei Landgraf Friedrich II. Rudolph Erich Raspe (1736–1794) übersetzte 1785 einige Geschichten aus dem 1781 erschienenen
„Vademecum für lustige Leute“ ins Englische und nannte darin den Baron von Münchhausen. Raspe war in Kassel Aufseher des fürstlichen Antiquitäten- und Münzkabinetts, Vorläufer der heutigen Staatlichen Museen. Paul-Julius Reuter (1816–1899) gründete die weltweite Nachrichtenagentur Reuters.

Initiator: Nikolaus Schuchardt, Freunde des Stadtmuseums e.V.

2.2. Religionen für den Frieden Ein runder Tisch für die Glaubensgemeinschaften Ein Runder Tisch der in Kassel vertretenen Religionen soll dem Dialog und der Toleranz dienen, im Konfliktfall helfen. Menschen aus verschiedenen Religionen sollen ihre Gemeinsamkeiten erkennen und Vorurteile abbauen, indem sie sich kennen lernen. Der Frieden in der Stadt braucht den Frieden zwischen unterschiedlichen Kulturen und Religionen. Seit September 2001 findet alle zwei Monate ein „kleiner“ Runder Tisch der Religionen statt. Daran nehmen bisher Menschen aus folgenden Kirchen und Religionsgemeinschaften teil: Bahai, CCOM (Afrikanische Gemeinde), Evangelische Kirche,
Katholische Kirche, Stadtmoschee, Mattenbergmoschee, Ahmadyyia-Muslim, ZEN-Buddhisten, Internationaler Sufi-Orden. Daneben gibt es Kontakte zu einer bosnischen und einer albanischen Moschee. Seit 2002 gibt es auch wöchentliche Friedensgebete in der Karlskirche und bei Vorträgen und Diskussionen eine Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Forum.
Menschen aus weiteren Religionsgemeinschaften sollen für die Mitarbeit gewonnen werden, zum Beispiel aus der Jüdischen Gemeinde, von weiteren Moscheen, christlichen Freikirchen, christlichen Gemeinschaften fremder Sprache oder Herkunft (koreanisch, eritreisch, indonesisch, spanisch, italienisch), orthodoxen Gemeinden, der hinduistischen Gemeinschaft, den tibetischen Buddhisten sowie den Unitariern.
Im Jahr 2004 ist die Kasseler Ortsgruppe der „Weltkonferenz der Religionen für den Frieden“ (WCRP) gegründet worden. Die „World Conference on Religion and Peace“ ist die weltweit größte Organisation der großen Weltreligionen mit Sitz in New York. Sie wurde 1970 in Kyoto gegründet.
Mittelfristige Zielsetzung:
• Erstellung einer Website zu „Religionen für den Frieden“ mit Sites der einzelnen Religionsgemeinschaften
• Herausgabe eines Handbuchs mit Beschreibungen und Adressen der Religionsgemeinschaften für Neubürger und alle Interessierten
• Herausgabe eines gemeinsamen Festkalenders
• Fest der Religionen
Langfristige Zielsetzung:
• Eröffnung eines gemeinsamen Büros mit Bibliothek, Raum für Zusammenkünfte und Ausstellungen

Initiator: Ludwig Müller, WCRP Kassel

2.3. Spuren der Hugenotten und Waldenser Für die Region kassel Die Einwanderung der Hugenotten hat Ende des 17. Jahrhunderts eine der bedeutendsten Siedlungserweiterungen in der Region Kassel eingeleitet. Standorte sind Kassel-Oberneustadt, Kelze, Schöneberg, Leckringhausen, Mariendorf, St. Ottilien, Karlshafen, Carlsdorf.
Die Bauweise der Orte ist barock. Die Neubauten sind aus dem Geist und der Bauauffassung ihrer Zeit entstanden. Es ist also keine Bauweise aus der Aquitaine oder den Cevénnen in die Region Kassel für die Einwanderer wiederholt oder übertragen worden. Die Menschen haben die vorgefundene Bauweise für ihr Wohnen, Arbeiten, Handeln angenommen. So sind die Gebäude von damals Zeitzeichen für die heute ausgelaufenen Nutzungen der Hutmacher, Gobelinweber, Handschuhmacher u. a. Die Gebäude, die unsere Zeit erreicht haben, sind sozialgeschichtliche Denkmale. Sie vermitteln die Ortsgeschichte.
Wenn auch durch die Zerstörungen des Kriegsjahres 1943 und den anschließenden Neuaufbau nicht viel alter Baubestand der heutigen Oberneustadt Kassels erhalten geblieben ist, so werden in Bad Karlshafen Maßstab und Bauweise des Stadtbildes deutlich, wie sie auch die obere Neustadt in Kassel geprägt haben.
Die Hugenotten und Waldenser in der Region Kassel stehen auf der Freiheitskonzeption von 1685 des Landgrafen Karl. Auf dieser Rechtsgrundlage kamen sie als Eingeladene her, um in Oberhessen ihre Religion und ihren Glauben in Freiheit zu leben. Der Landgraf schenkte den Waldensern Land und Baumaterial. So entstanden im Wesertal die Dörfer Gottstreu und Gewissenruh, Orte, die für die Glaubenstreue der Waldenser stehen. Eine Waldenser-Identität mit Sprache und Gebräuchen
ist nicht erhalten geblieben. Die kleinen Kirchen in diesen idyllischen Orten sind aber sichtbare Zeichen für die Frömmigkeit der Einwanderer. Denn wie bei den hugenottischen Orten sind die Bauten der Waldenser Zeitzeichen für ausgelaufene Nutzung und heute für die Geschichte der Region. Im Stadtmuseum Hofgeismar gibt es eine der größten Bibelsammlungen der Hugenotten.
Die aktuellen Spuren der Hugenotten und Waldenser sind Quellen und Zeugnisse für die Region Kassel. In den Orten des Landkreises stehen sie für ein unverfälschtes Zeugnis über Geschichte und Entwicklung. Die genannten Orte des Landkreises Kassel sind sehenswert.
Durch ein Wegweiser- und Informationssystem und die Herausgabe eines Führers soll die für Stadt und Region so bedeutende Migrantenkultur erfahren werden können.

Initiator: Prof. Dr. Heinrich Klose

2.4. Stadtentdeckungen Neubürger geben durch ihren subjektiven Blick Impulse für die Stadtentwicklung und Denk- und Erfahrungsweisen. Kassel als Kulturhauptstadt wird sich deren Erfahrungen und Sichtweisen öffnen, sie für die Neu-Entdeckung der kulturellen Reichtümer der Stadt gewinnen. Bei diesem Projekt sollen die „Neubürger“ aus einer (noch) fremden Perspektive den Kasseler Bürgern helfen, die kulturellen Stärken und Schätze neu zu entdecken – zum Beispiel bei Stadtführungen.
Menschen kommen aus ganz verschiedenen Motiven in die Stadt. Ganz gleich, ob aus beruflichen, familiären, persönlichen, wirtschaftlichen oder politischen Gründen – sie sind neue Bürger, als Gäste oder als Migranten gleichermaßen willkommen.
Im Verständnis der Stadt sind sie „Kasseler“ – Zugezogene, die sich von den „Kasselanern“ (deren Eltern in der Stadt geboren wurden) und den „Kasselänern“ (die „Eingeborenen“) unterscheiden. Die Neuankömmlinge haben den Alteingesessenen etwas mitzuteilen – aber auch umgekehrt.
Bei den „Stadtentdeckungen“ soll der Blick nicht so sehr von der Kultur als Privileg einer gebildeten Schicht und vom Bildungsstand abhängig gemacht werden, sondern vor allem auf die Alltagskultur gerichtet werden, die von professionellen Bezügen und beruflichen Prägungen bestimmt wird. Kassel kann Persönlichkeiten zu seinen Bürgern zählen, die in hervorragender öffentlicher beruflicher Stellung oder durch Engagement in kulturellen Sparten bekannt sind. Da sind zum
Beispiel:

• Professoren an der Universität und der Kunsthochschule
• Mediziner am Städtischen Klinikum
• Musiker, bildende Künstler und Schauspieler

Solche Personen sollen zum Beispiel Stadtführungen für kleinere Gruppen leiten und dabei durch ihren ganz subjektiven Blick buchstäblich neue Einblicke ermöglichen. Sie könnten an Veröffentlichungen über die Stadt mitwirken oder als Schirmherren für Veranstaltungen gewonnen werden.

Initiator: Lennard König

2.5. Wandlungen und Einflüsse

Europäische und außereuropäische Emigration und Integration

Die Gesellschaft ist geprägt durch Wandel. Wer sich verschließt, dem ist Stillstand oder Rückschritt beschieden. Die Gesellschaft lebt damit, neue Einflüsse aufzunehmen und Eigenes nach außen abzugeben. Für diese Grunderkenntnis, dass Bevölkerung und Gesellschaft nichts Statisches sind, kann exemplarisch die Kasseler Stadtgeschichte stehen.
Kassel mit seiner bedeutenden Vergangenheit weist europäische Dimensionen auf. Die Geschichte der Stadt Kassel ist mit Europa verflochten. Dies soll in diesem Projekt der Archive und Museen unter der Thematik Immigration und Emigration aufgezeigt werden.
Kassels Entwicklung ist beeinflusst und geprägt durch:
• Flämische Einwanderer im Spätmittelalter
• Hugenottische Einwanderer aus dem französischen Raum im 17. und 18. Jahrhundert
• Auswanderer des 18. und 19. Jahrhunderts nach Amerika
• Verdrängung und Verfolgung jüdischer Einwohner in der NS-Zeit
Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen im II. Weltkrieg, Displaced Persons
• Flüchtlinge aus dem Osten nach dem II. Weltkrieg
• Arbeitsimmigranten und politische Flüchtlinge seit 1960
Neben diesen Gruppierungen sind es aber auch Einzelpersönlichkeiten aus dem europäischen Raum, die Kassel geprägt oder Spuren hinterlassen haben (insbesondere Künstler, Musiker, Architekten) und gebürtige Kasseler, die im europäischen Raum Bedeutendes geschaffen und geleistet haben (z. B. der in Kassel geborene Gründer von Reuters Nachrichtenagentur).
Die reichen Bestände der Kasseler und nordhessischen Archive und Museen bilden einen hervorragend geeigneten Fundus, um diese europäischen Dimensionen und Komplexitäten in der Kasseler Stadtgeschichte herauszuarbeiten.
Zum einen ist vorzusehen, dass in klassischer Arbeitsmethode – vor allem im Vorfeld – weitere Forschungen zu den Themenkomplexen erfolgen (insbesondere an der hiesigen Universität), zum anderen sollen die Themen in Ausstellungen der Bevölkerung nahe gebracht werden. Texte und Beschriftungen werden auch in englischer, französischer und ggf. in türkischer Sprache formuliert.
Aber auch eine verstärkte Einbindung der neuen Medien ist Ziel dieses Projekts, z. B. Einstellung von Ausstellungsteilen in das Internet, biografische Präsentationen der Einzelpersönlichkeiten im Internet. Auch hier wird Mehrsprachigkeit selbstverständlich sein und die Möglichkeit geboten werden, in Ausstellungszusammenhängen auftretende Probleme überregional im Internet zu diskutieren. Ein derart umfangreiches Projekt erfordert die Kooperation möglichst vieler kompetenter
regionaler Institutionen. Neben Stadtarchiv und Stadtmuseum Kassel sind die Staatlichen Museen, das Hessische Staatsarchiv in Marburg und die Universität Kassel beteiligt.

Initiatoren:
Frank-Roland Klaube, Stadtarchiv Kassel, Arbeitskreis der acht Kasseler Archive

2.6. ZEIT-REISEN Lokaltermine an Orten mit einer besonderen Ausstrahlung Nordhessen ist schon seit Urzeiten eine „europäische Region“. Oft haben sich aus der Verbindung – bisweilen auch Reibung – des Neuen mit dem Althergebrachten aufsehenerregende und beispielgebende Innovationen ergeben. Innovationen, die mit den Orten ihrer Entstehung im kollektiven Bewusstsein eng verknüpft sind. Diese „auratischen Orte“, die eine ganz besondere Ausstrahlung, eine nicht mit Worten fassbare Eigenart besitzen, erschließt „Zeit-Reisen“. Das gleichnamige Projekt wird – dem genius loci angemessen – zu archäologisch-künstlerischen Lokalterminen einladen – als Reverenz an die Orte und einst dort geschehene Ereignisse.
idee/umsetzung Die Chatten sind die Vorväter der Nordhessen. Dieser germanische Volksstamm, der im Bereich der Oberläufe von Weser, Eder, Fulda und Werra ansässig war, hat sich nie an einer Völkerwanderung beteiligt. Dies heißt aber noch lange nicht, dass die Nordhessen „unter sich“ geblieben wären. Ganz im Gegenteil. Die Region mit dem Zentrum Kassel hat sich seit der Urund
Frühgeschichte als ein starker Magnet für Ein- und Zuwanderer erwiesen. Hier haben sich die Kelten niedergelassen, hier nahm die Aussöhnung der Franken mit den Sachsen ihren Anfang. Hier haben Mönche aus Frankreich Klöster gegründet, hier haben Hugenotten nach ihrer Vertreibung aus Frankreich eine neue Heimat gefunden und der Region mit ihrer Kultur ihren unverwechselbaren Stempel aufgedrückt.
Die Donareiche bei Fritzlar, die Bonifatius im Jahr 739 gefällt haben soll, markiert den Beginn der Christianisierung in Deutschland. Die Klostergründung bei Bursfelde um 1100 am Standort einer ehemals heidnischen Kultstätte war quasi die sakralisierende Umwidmung eines immer schon „erhabenen“ Platzes. Jahrhunderte später war Bursfelde dann der bedeu-tende Mittelpunkt einer innerkirchlichen Reformbewegung, die unter dem Namen „Bursfelder Kongregation“ noch immer
als Markstein ethischer Selbstbestimmung Geltung hat. Später hielt der Protestantismus hier Einzug – dennoch sind die Spuren heidnischer Götterverehrung bis heute aus Architektur und Landschaft nicht vollständig getilgt.
Das Kloster Kaufungen legt Zeugnis ab vom Wirken einer außergewöhnlichen Frau, deren Strahlkraft die Jahrhunderte überdauert und die regionalen, ja nationalen Grenzen eindrucksvoll gesprengt hat, dafür mag etwa die Errichtung ihrer Statue vor dem Neubau der Bubka Women’s University in Tokio sprechen: Kaiserin Kunigunde (980–1043), die nach dem Tode ihres Gatten ein Leben als Nonne im von ihr gegründeten Kloster dem Ausüben weltlicher Macht vorzog. 1200 wurde sie heilig gesprochen
und zeitweise ebenso verehrt wie Maria. Den Spuren, die diese ideale – und idealisierte – Frauengestalt in der Region hinterlassen hat, nachzugehen, verspricht eine aufschlussreiche Zeitreise in den Kosmos des Mittelalters im Spannungsfeld von Politik und Religion.
Ausgangs- und Endpunkt der „Zeit-Reisen“ ist Kassel. Im Jahr 2010 sollen die einzelnen Stationen zu einer Rundreise zusammengefasst werden...

Initiatoren: Wolfram Bremeier, Verena Joos, Reinhard Karger, Hermann Köhler


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