Präexistenzieller Diskurs von Goethe - in Rom -
zu Stadtführer Dr. Hans Joachim Kann in Trier
der seit über dreissig Jahren zu fuss und als Römer gekleidet - durch alle
Jahreszeiten erzählend und überzeugend die Antike unmittelbar vor den
Ohren der Zuhörenden entstehen lässt:
fskann@t-online.de
O-Text Goethe (alias Durs Grünbein) zu Kann:
I
Auch ich hab unter Hadrian gelebt,
Wenn auch als armes Teil nur, Teil der Plebs.
Auch ich war tief geprägt wie in Karthago Münzen.Ich
weiß noch gut den Tag, da sah ich ihn
Beim Circus Maximus, an einer Straßenecke
In seinem Reisemantel: Johann Wolfgang Goethe.
An seiner Nase hab ich ihn erkannt, an diesem Kinn.
Er war noch nicht das Weltgenie und doch derselbe.
Die Menge, blicklos, zog vorbei. Nur er stand da
Und sah sich um, incognito, nach einem Zeichen,
Das Halt gab, unterwegs durch Raum und Zeit.
Dann war da was, vielleicht in Marmor eine Rundung
Von einer Hüfte, einem Weinblatt, und er nieste,
Wie man ein Wort beniest und weiß, man ist gemeint.
II
Properz, der hatte ihn hierher gelockt, Martial.
Ihr Metrum lotste ihn ins alte Rom, Exil der Mythen.
In offne Arme laufend, flugs war er mit Jupiter per Du.
Ich seh ihn noch wie gestern, da am Fensterplatz:
Via del Corso, mit Pantoffeln, Zopf, in Kniebundhosen.
Doch das war später. Rom, von Chronos’ Horden ruiniert,
War längst Museum, als derselbe Kerl ortskundig schrieb:
Begrabt mich, wenn ich sterbe, an der Cestius-Pyramide.
Nachts im Hotel, an dünner Wand, war er zur Stelle
Mit einem Vers wie ein Komplize seit Jahrhunderten,
Wenn da ein Rufinus mit seiner Prodike zur Sache ging.
Das kommt und geht, die Paare wechseln, die Kostüme,
Nur dieser Schaukelton, der liebliche, der bleibt.
Nun bin ich wieder hier, im Caffé Greco – ein Tourist.
Studier die Stiche an derWand, Veduten, und inmitten
Der Piranesis sein Porträt. Nur er kehrt nicht zurück. |