- Lhose, Adolf - Malerei
als Sozial-Demokratische Weltanschauung mit Apollinischer Struktur:
"Meine Gestaltung ist auf die Veränderung der Umwelt gerichtet", Lhose,
1977
W+B Agentur-Presseaussendung September/Oktober 2002
Ereignisbesprechung
<<Lhose lesen>>
Texte von Richard Paul Lhose 1902-88
Herausgegeben von Hans Heinz Holz, Johanna Lhose James*, Silvia Markun**
Museum für Konstruktive und Konkrete Kunst, Zürich; März 03
Studienbuch II: 352 S. mit zahlreichen farbigen und s-w Abb., gebunden,
Offizin Verlag, Zürich; Richard Lhose Stiftung*, Stiftung für
konstruktive und konkrete Kunst**,
Autoren, 2002 / www.ofv.ch

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Kurz und bündig gesagt: Lhose geht es um serielle, modulare Ordnungen.
"Die Entscheidung zur Vertikalen erfolgt 1940 gleichsam als Antwort auf die
Bandkreuzungen Mondrians und die Diagonaliät Malewitschs (parallel dazu dienen
Tabellen, Zeichnungen zur Gewinnung der Farbmengen-Gleichheit, Anm.d.Rez)",
bemerkt Lhose 1979 in seinem Vortrag in Hamburg.
Zur Bildgesinnung bemerkt Lhose 1988, im Interview mit Christian Mürner,
sinngemäss und auszugsweise:
"Jeder Maler hat Väter...Mondrian, Doesburg und Vantongerloo... mit dem
Stichwort: Serielle, unlimitierte Ordnungen,..Flexibel, Gesetzliches,..die
alle in der These zur Einheit der Gestaltungselemente und zum Bildausdruck
führen, soziologisch und ästhetisch. Diese seriellen Ordnungen sind Beispiele
demokratischer Beziehungen mit ethischem Imperativ. Das ist der Sinn der
Kunst.
Zum Politischen der Kunst bemerkt Lhose eindringlich:
Die Linke ist seit der Zerstörung des Konstruktivismus um 1930 in der
Sowjetunion.. völlig verunsichert.
Ich verstehe mich als Aussenseiter. Die Linken begreifen Kunst nicht als ein
Problem der Avantgarde, da sie nur den Sozialistischen Realismus
anerkennen (Stalin-Gorki, seit 1934, Anm.d.Rez.).
Zu Max Bill schreibt Lhose 1946, aktuell und überzeitlich zugleich: Die
konkrete Kunst besitzt dadurch einen universellen Charakter. Oft für
denjenigen, der im Kampfe um sein Brot steht, nicht leicht erkennbar,
manifestiert sich doch in diesen Arbeiten eine soziale Grundhaltung, welche
aus der Vereinzelung zu einer überindividuellen Ordnung gelangen will.
Zu sich selbst stellt Lhose 1975 prägnant fest: Der Sozialrealismus in
der Malerei ist in erster Linie eine sichtbar gemachte Darstellung einer
Weltanschauung, in zweiter Linie ein Problem künstlerischer Theorie und
wissenschaftlicher Analyse. Lhose geht noch auf die Mehrdimensionalität ein,
im Gegensatz zur Eindimensionalität der Perspektive, kommt er auf die
Überwindung der Vertikal- durch die Horizontalproduktion zu sprechen und
kritisiert damit die herrschende Prothesen-Zivilisation. 1985 sagt der
82-jährige Lhose zu Walter Prankl, dem Rezensenten und in Kunst und Kapital:
"Um zu wissen wohin man geht, muss man wissen woher man kommt." Und weiter:
"Der Künstler ist in einer ähnlichen Lage wie ein Lohn-empfänger..Kultur ist
nur eine Randerscheinung, sowohl in kapitalistischen als auch in
kommunistischen Systemen. Träger dieser Kultur sind da die Wirtschaft und dort
die jeweilig bestimmende Kulturideologie...".
Fazit: Wenn die Wirtschaft fördert, dann mit Aspirin-Wirkkraft für die
Gesellschaft, Anm.d.Rez.
Im Auftrag des französischen Staates anlässlich des 200. Jahrestages der
Revolution entsteht ein flaggen-ähn-liches Sujet: Grenoble: Kadmiumgelb in der
Mitte des Bildspaltes, Orangerot oberhalb, Violett direkt darunter: (aus
rot-blau)Paris. Monarchie: an unterster Position im kleinsten Farbort des
mittigen Bildspaltes, ein quadratischer Punkt in Weiss. Volk, linkes
Rechteck(2 Quadrate, übereinander): Rot. Republik: konstituiert sich
schliesslich aus dem Vorhergesagten in Blau, Weiss und dem quadratischen Rot,
rechts, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit symbolisierend. Diese
meisterliche Auftragsmalerei beinhaltet dennoch alle bisherigen frei-sinnigen
und zutiefst zwinglianisch – figurenfeindlichen Hintergründigkeiten und
apollinisch-ästhetischen wie konstruktiv-abstrakten Überlegungen (DeStijl,
Bauhaus, Früh-Sowjet-Konstruktivismus) zugleich.
Dieses Werk erweitert den Blick ins universelle Anliegen von Lhose, zeigt
seinen sozial-demokratisch-ästhetischen Diskurs, auf eklatante Weise: Dabei
bildet der weisse, quadratische Punkt (Faktor 6-periodisch, den kleinsten Teil
zum Bildganzen. Kandinsky betrachtete Punkt und Lithografie, als demokratische
Elemente in der Folge zu Linie und Fläche; heute Pixel) den Pflaster-Stein des
Anstosses, der in Folge mit Volks-Gewalt (Blau - in quadratischen Barrikaden
2-fach hochgeschichtet) auftritt und in Blut und doppelter Gewalt erstickt
endet (4 Rotmengen zu 2 Blaumengen). Nur in einem kleinen, mittigen
Kamin-Spalt öffnet sich eine hellere Linie (weiss, violett, gelb, orange)
wobei auch hier das Violett (RotBlau, die Mächte) in die Quere kommt. Von
Utopie keine Spur und doch eine Vision nach dem Oben, ins Universelle. Das ist
ein einzigartiges, geniales warmherziges und zeitlebens erlittenes
Selbstporträt eines sozial-demokratischen Visionärs von zahlen-kabbalistischer
Farbharmonie Besessenen, wie Richard Paul Lhose, ein Aus-Er-lesen-er.
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