|
SWR2
Aula für Kinder
Werner Schäfer: Wörter unter der Lupe – Was macht eigentlich ein
Sprachforscher?
Autor und Sprecher: Professor Dr. Werner Schäfer*
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch;
Sendung: Pfingstsonntag, 4. Juni 2006, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen,
privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
ÜBERBLICK
Warum sagt ein kleines Kind "Ja" und legt gleichzeitig den Hörer auf, wenn
ein Anrufer fragt, ob seine Mutter da sei; warum ist die Oberliga im Fußball
nicht die Erste Liga und warum wissen wir, dass wir auf "Guten Morgen!"
"Guten Morgen!" antworten können, nicht aber auf "Setz dich!" "Setz dich!".
Mit solchen scheinbar einfachen Dingen beschäftigen sich Sprachforscher.
Sie hinterfragen das Selbstverständliche und zeigen uns, wie Sprache unser
Denken beeinflusst. Dr. Werner Schäfer von der Universität Trier ist Anglist
und berichtet in seinem Vortrag, wie wir Sprache verstehen und warum das
eigentlich so schwer ist.
___________________________________________________________________
Ansage:
Heute mit dem Thema: „Wörter unter der Lupe - Was macht eigentlich ein
Sprachwissenschaftler?“
Die heutige AULA ist wieder für Kinder und Jugendliche gedacht. Also wenn
Ihr 13 oder 14 oder 15 Jahre jung seid, Achtung: Radio bitte jetzt lauter
stellen, es geht um etwas sehr Interessantes und Spannendes, nämlich um
unsere Sprache. „Och nee!“ werdet Ihr garantiert sagen, wie langweilig, es
wird um Grammatik gehen, um die Fälle, den Dativ und so weiter, das kennen
wir doch aus der Schule, langweilig. Doch damit liegt Ihr total falsch: Wir
wollen in der AULA heute keinen Unterricht machen, sondern ein richtiger
Experte, ein Sprachwissenschaftler an der Uni, wird viele Wörter, die Ihr
kennt, einfach mal unter die Lupe nehmen. Er wird erzählen, was seine Arbeit
mit der Arbeit eines Detektivs zu tun hat, warum wir uns eigentlich mittels
Sprache verständigen können. Und er wird noch etwas Wichtiges erklären:
Warum wir Sprache immer nur dann verstehen, wenn wir schon etwas über die
Welt, über uns und andere Menschen und deren Kulturen wissen.
So, und nun hat Dr. Werner Schäfer das Wort, er ist, wie erwähnt,
Sprachwissenschaftler, und zwar an der Uni in Trier. Er beginnt seinen
Vortrag mit einem Telefonat, das Ihr alle garantiert kennt.
Werner Schäfer:
Stellt Euch einmal folgende Situation vor: Das Telefon klingelt und zufällig
ist gerade ein kleines Kind in der Nähe. Das kleine Kind nimmt den Hörer ab
und am anderen Ende der Leitung sagt jemand: „Ist Deine Mutter zu Hause?“
Das kleine Kind sagt „Ja“ und legt den Hörer auf. Ist deine Mutter zu Hause,
ja, Hörer aufgelegt, Gespräch beendet. Würde ich Euch jetzt fragen, ob Ihr
das auch so machen würdet, würdet Ihr sagen, nee natürlich nicht. Verrückt,
wir würden unsere Mutter natürlich ans Telefon holen. Ist doch ganz klar.
Die Frage ist nur: Woher wisst Ihr überhaupt, dass Ihr Eure Mutter ans
Telefon holen sollt? Sehen wir uns noch einmal die Äußerung des Anrufers
ganz genau an.
Der Anrufer sagt: „Ist deine Mutter zu Hause?“ Da ist überhaupt nicht davon
die Rede, dass Ihr Eure Mutter ans Telefon holen sollt. Trotzdem aber wisst
Ihr, was Ihr tun sollt, weil Ihr nicht nur die Wörter und Sätze Eurer
Sprache versteht, sondern weil Ihr auch Regeln über den Gebrauch der Sprache
kennt. Ihr wisst, dass die Frage, die ja eine Frage ist, gar nicht als Frage
gemeint ist, sondern als Aufforderung, die Mutter ans Telefon zu holen. Was
ist jetzt mit dem kleinen Kind? Das kleine Kind beantwortet eine Frage mit
„Ja“. Und wenn wir uns das jetzt noch einmal ansehen, ist das gar nicht mal
so dumm, was das kleine Kind da macht. Das ist zwar falsch, weil das nicht
das ist, was die Anruferin gerne wollte, aber irgendwie ist es doch auch
ganz richtig, denn das Kind beantwortet wahrheitsgemäß die Frage „Ist deine
Mutter zu Hause?“ mit „Ja“. Das heißt, das Kind kennt die Wörter und Sätze
der Sprache, es kann Deutsch. Aber es kennt noch nicht die Regeln der
Sprache, die Ihr kennt, die Euch dazu veranlassen, in der Situation richtig
zu reagieren.
Wir in der Sprachwissenschaft, und das ist der Bereich, in dem ich an der
Universität arbeite, sprechen hier manchmal von „unsichtbarer Bedeutung“.
Das finde ich eigentlich einen ganz schönen Ausdruck, an dem man erkennen
kann, dass manchmal eine Bedeutung da ist, die man gar nicht zu sehen
vermag, die aber trotzdem da ist und die wir trotzdem wahrnehmen, wie hier
z. B. die Aufforderung, die Mutter ans Telefon zu holen.
Wir in der Sprachwissenschaft sind der Meinung, dass das keine Ausnahme ist,
sondern genau die Regel, dass nämlich in der täglichen Kommunikation fast
immer unsichtbare Bedeutungen mitschwingen und wir Dinge mitverstehen, die
zwar gemeint sind, aber gar nicht ausdrücklich gesagt werden. Sehen wir uns
dazu einmal noch ein zweites Beispiel an - jetzt wird es noch ein bisschen
vertrackter; wieder ist ein Kleinkind dabei: „Papa, fahren wir dieses Jahr
in die Ferien?“ „Wir haben kein Geld!“ „Ja, aber Papa, fahren wir dieses
Jahr in die Ferien?“ Was ist denn da passiert? Das Kind wiederholt seine
Frage noch einmal. Warum? Na, offensichtlich hat es die Antwort des Vaters
nicht verstanden. Warum nicht? Schauen wir uns die Antwort des Vaters noch
einmal an. Der Vater sagt: „Wir haben kein Geld!“ Ihr hättet in dieser
Situation bestimmt die Antwort des Vaters richtig verstanden. Der Vater
meint nämlich: Nein, wir können nicht in Urlaub fahren, denn um in Urlaub zu
fahren, braucht man Geld, und wir haben kein Geld, also können wir nicht in
Urlaub fahren. Also mit einem Wort, die Antwort ist „Nein“.
Das kleine Kind weiß aber noch nicht, dass man, um in Urlaub zu fahren, Geld
braucht. Es kennt keinen Zusammenhang zwischen Geld und Urlaub. Und auch in
diesem Beispiel, wenn wir es uns genau ansehen, reagiert das Kind gar nicht
mal so dumm. Denn es könnte ja sein, dass es vielleicht Planeten gibt, auf
denen man überhaupt kein Geld braucht, um in Urlaub zu fahren. Nur bei uns
ist das zufällig so. Wir wissen das, deshalb verstehen wir die Antwort des
Vaters so, wie sie gemeint ist. Nämlich: Nee, wir können nicht fahren.
Aus den ersten beiden Beispielen habt Ihr wahrscheinlich schon gemerkt, dass
wir Sprachwissenschaftler uns mit ganz alltäglicher Sprache beschäftigen.
Die Leute außerhalb der Uni glauben meistens, dass wir uns nur mit
kunstvollen, gedrechselten, schwierigen Texten beschäftigen und mit Wörtern,
die kaum ein normaler Mensch kennt und die nur in irgendwelchen
Wörterbüchern drin stehen. Das stimmt zwar, das machen wir auch, aber unser
Hauptaugenmerk gilt eigentlich der Alltagssprache. Man kann sich das ein
bisschen so vorstellen wie ein Ingenieur. Der will erst mal gar keine
Kaffeemaschine bauen, sondern der guckt sich erst einmal an, wie
funktioniert eigentlich meine eigene Kaffeemaschine. Was muss da passieren,
damit am Ende Kaffee herauskommt, was ist möglicherweise nicht passiert,
wenn am Ende kein Kaffee dabei herauskommt. Oder wie jemand, der zwei
Schachspielern zuguckt und sich erst mal ganz dumm stellt und sagt, ich will
jetzt erst einmal herausfinden, welche Züge die überhaupt machen dürfen,
welche Züge sie nicht machen dürfen, welche Züge sie machen können und
welche Züge sie tatsächlich machen. Und das, was dieser Beobachter mit den
Schachspielern macht, das machen wir mit der Sprache.
Ich habe einmal ein Interview gehört mit einem Kriminologen (Kriminologen
sind die Leute, die sich damit beschäftigen, wie man Verbrechen aufklärt),
der hat ein schönes Motto, also das ist so ein Leitspruch für den Beruf: Man
muss auf alles achten, was einem auffällt. Aber noch mehr auf das, was einem
nicht auffällt. Und genau das machen wir Sprachwissenschaftler mit der
Sprache. Wir versuchen, auf das zu achten, was einem normalerweise nicht
auffällt.
Jetzt bin ich so richtig mitten in den Vortrag reingesprungen, in medias
res, wie das meine gebildeten Kollegen auf Latein sagen würden, und ich habe
Euch noch gar nicht begrüßt. Das sollten wir aber jetzt doch noch mal
nachholen. Tun wir mal für einen Moment so, als wenn wir nicht nur in einem
virtuellen Hörsaal, sondern in einem wirklichen Hörsaal wären. Wir sitzen
uns gegenüber und begrüßen uns jetzt erst mal. Einverstanden? Los geht’s.
Guten Morgen - Good morning - Bonjour - Buon giorno - Kalimera - Dobroje
utro - Ohayô – und damit herzlich willkommen bei der Kinder-Aula.
Wenn Ihr jetzt das gemacht habt, was ich erwarte, dann habt Ihr meine
Begrüßung erwidert. Und das habt Ihr getan, obwohl wir ja in vielen
verschiedenen Sprachen gesprochen haben. Einige von Euch kennen vielleicht
den einen oder anderen Ausdruck, aber ich bin ganz sicher, keiner von Euch
kann alle diese Sprachen und trotzdem habt Ihr meine Begrüßung erwidert. Wie
habt Ihr das denn machen können? Ihr werdet mir sagen, ja ganz einfach. Wir
haben nur das wiederholt, was Sie gesagt haben. Klar stimmt, aber so
selbstverständlich ist das ja nicht. Im normalen Gespräch können wir ja
nicht einfach das wiederholen, was ein anderer sagt. Stellt Euch mal vor,
Ihr würdet einen halben Tag lang immer nur das wiederholen, was Eure Eltern
sagen. Mensch, ist das kalt heute. Mensch, ist das kalt heute. - Willst du
noch mehr Kartoffeln? Willst du noch mehr Kartoffeln? - Räum endlich dein
Zimmer auf! Räum endlich dein Zimmer auf! Ihr könnt Euch vorstellen, da
würdet Ihr Euch nicht sehr beliebt machen bei Euren Eltern, weil Ihr wisst
und Eure Eltern wissen, dass man normalerweise nicht einfach das wiederholt,
was ein anderer gesagt hat. Ihr habt aber Wissen über die Sprache und wisst,
dass man das normalerweise nicht machen kann, bei Begrüßungsformeln aber
wohl und bei Abschiedsformeln auch. Da kann man das gleiche sagen, was der
andere sagt. Also: Hallo! Hallo! - Tschüss! Tschüss! Und genau das habt Ihr
hier gemacht.
Dass das gar nicht so selbstverständlich ist, das wird vielleicht klar, wenn
ich Euch erzähle, was mir im letzten Jahr passiert ist. Da bin ich zum
ersten Mal in der Türkei gewesen. Und bevor ich da hingefahren bin, habe ich
ein paar ganz wenige Wörter und Ausdrücke auf Türkisch gelernt. Und ich habe
natürlich immer darauf gewartet, dass ich meine Wörter und Ausdrücke auf
Türkisch auch an den Mann bringen kann. Am meisten habe ich darauf gewartet,
dass ich mein türkisches Lieblingswort anbringen kann, das ist nämlich „Güle,
güle“. Ich finde, das hört sich irgendwie witzig an, das bedeutet so was wie
„Auf Wiedersehen“ oder „Tschüss“. Also, dann kam eine Situation, da sind wir
mit mehreren Kollegen an der Universität zusammengewesen und ich bin dann
mit einer Kollegin rausgegangen, die anderen sind im Büro geblieben, und ich
habe gedacht, jetzt ist dein Moment gekommen und habe gesagt, „Güle, güle“.
Was sagt daraufhin meine türkische Kollegin: „Nee, falsch.“ Und ich sag:
„Wie, falsch. Habe ich doch gelernt. ‚Güle, güle’ heißt ‚Auf Wiedersehen’“.
„Ja“, sagt sie, „aber das dürfen nur die sagen, die da bleiben. Diejenigen
die weggehen, müssen einen anderen Ausdruck verwenden“. Dummerweise ist es
auch noch ein ganz komplizierter Ausdruck, so etwas wie „Allahaismarladik“.
Er wurde von mir bestimmt jetzt ganz falsch ausgesprochen. Ich entschuldige
mich bei den türkischen Hörern und Hörerinnen. Das heißt, Ihr habt gerade in
der Begrüßung Euer Wissen über Sprache angewendet, und Ihr habt Glück
gehabt, es war richtig. Ich habe genau das gleiche Wissen über Sprache
angewendet, ich habe Pech gehabt, und es war falsch.
Jetzt wollt Ihr wahrscheinlich noch wissen, in welchen Sprachen wir uns am
Anfang begrüßt haben, aber das wird erst am Ende des Programms verraten. Das
Schöne an der Kinder-Aula ist, dass ich mit Euch genau die gleichen
Beispiele behandeln kann, wie mit den großen Studenten an der Universität.
Und das Schöne ist für uns Wissenschaftler zu merken, dass das überhaupt
geht. Trotzdem gibt es einen Unterschied. Ich arbeite in der Anglistik, das
ist der Bereich, der sich hauptsächlich mit der englischen Sprache und
Literatur beschäftigt. Und in der Anglistik benutzen wir englische Beispiele
und sprechen auf Englisch darüber. Trotzdem kann ich es aber jetzt auch mit
Euch auf Deutsch mit deutschen Beispielen machen. Das ist auch etwas, was
die Sprachwissenschaftler ohnehin machen wollen und müssen, denn wir wollen
auch etwas herausfinden über Sprache ganz allgemein.
Und da gibt es ein riesiges Problem, denn die Sprache gibt es nicht. Es gibt
nur einzelne Sprachen. Also muss ich immer aufpassen, wenn ich etwas
herausfinde über die englische Sprache, dass das möglicherweise in anderen
Sprachen nicht so sein kann. Wenn ich sage, das und das habe ich
herausgefunden, dann sagt möglicherweise der Kollege, der sich in erster
Linie mit Spanisch oder mit Russisch oder mit Chinesisch beschäftigt: „Ja,
ja im Englischen ist das so, aber im Spanischen, Russischen oder
Chinesischen ist das ganz anders“.
Ich habe gerade schon gesagt, dass ich in der Anglistik arbeite, also dem
Bereich, der sich mit der englischen Literatur und Sprache beschäftigt. Und
in der Anglistik bin ich nicht nur für die Lehre, sondern auch für die
Studienberatung zuständig. Da kommen dann viele Studenten in mein Büro und
stellen mir Fragen zum Studium. Und ich versuche, die zu beantworten. Viele
schreiben aber auch eine Mail. Das könnte dann z. B. so aussehen: „Sehr
geehrter Herr Schäfer, mein Name ist Thomas Finke, ich habe eine Frage zum
Englisch-Studium, bla - bla - bla.“ Dann stellt er seine Frage, und ich muss
die Mail beantworten. Was schreibe ich jetzt in der Antwort? „Sehr geehrter
Herr Finke, bla - bla – bla“ - und dann gebe ich ihm die Antwort.
Doch schon in dem ich diese Zeile niederschreibe, habe ich wieder mein
Wissen über Sprache angewandt. Denn ich habe geschrieben: „Sehr geehrter
Herr Finke“(nicht: Frau Finke), und „Sehr geehrter Herr Finke“ (nicht: Sehr
geehrter Herr Thomas). Dabei hat er mir doch gar nicht gesagt, dass er ein
Mann ist. Und er hat mir auch nicht gesagt, dass sein Nachname Finke ist.
Trotzdem weiß ich das, denn ich habe ein Wissen über unsere Kultur. Ich
weiß, dass Thomas ein Männername ist, also ist es ein Mann, also muss ich
schreiben: „Sehr geehrter Herr Finke“. Außerdem weiß ich, dass der Vorname
immer vorne steht und danach der Nachname. Also weiß ich, dass Finke der
Nachname ist und dass ich ihn mit „Sehr geehrter Herr Finke“ und nicht mit
„Sehr geehrter Herr Thomas“ ansprechen muss.
Das würde sogar klappen, wenn mir jemand schreibt, der Dietrich Hermann
heißt. Beides, sowohl Dietrich als auch Hermann, können Vorname und Nachname
sein. Aber ich weiß, vorne steht der Vorname, hinten steht der Nachname,
also: „Sehr geehrter Herr Hermann“. Jetzt habe ich eine andere Mail
bekommen, und in der anderen Mail stand folgendes: „Sehr geehrter Herr
Schäfer, guten Tag. Mein Name ist Tanaka Tomoto“. Also antworte ich mit:
„Sehr geehrter Herr Tomoto, bla - bla - bla.“ Dann schreiben wir ein paar
Mails hin und her, irgendwann schlage ich vor, am besten ist es, wenn wir
uns mal in meinem Büro treffen. Am nächsten Tag klopft es an meiner Tür und
herein kommt eine Frau. Das heißt, das Wissen, was ich vorher bei Thomas
Finke gehabt habe, hat mich jetzt in die Irre geführt, und ich habe die Frau
fälschlicherweise als Mann bezeichnet. Aber nicht nur das, ich habe auch
noch Vor- und Nachname verwechselt, denn die Frau heißt gar nicht Frau
Tomoto, sondern Frau Tanaka. Warum das? Im Japanischen und in vielen anderen
ostasiatischen Sprachen wird nicht der Vorname an erster Stelle genannt,
sondern der Nachname. Erst danach kommt der Vorname. Und das habe ich nicht
gewusst und habe es falsch verstanden. Das heißt also, wenn wir jetzt in
Japan wohnen würden, dann würde ich nicht Werner Schäfer heißen, sondern
Schäfer Werner, und Herr Caspary würde nicht Ralf Caspary, sondern Caspary
Ralf heißen. Und Ihr könnt Euch ja mal vorstellen, wie Ihr heißen würdet,
wenn Ihr in Japan leben würdet. Michael Ballack wäre Ballack Michael und
Angela Merkel wäre Merkel Angela. Das, was der armen Frau Tanaka jetzt
passiert ist, das ist ungefähr so, als wenn die Frau Merkel einen Brief
bekommt, in dem steht: „Sehr geehrter Herr Angela“.
Vom Allerwichtigsten haben wir bis jetzt noch überhaupt nicht gesprochen.
Das Allerwichtigste ist ja, wie wir alle wissen, der Fußball. Keine Sorge,
diejenigen von Euch, die Fußball nicht interessiert, werden das trotzdem
verstehen. Letztes Jahr bin ich ziemlich niedergeschlagen gewesen, denn da
ist die Mannschaft aus meiner alten Heimatstadt abgestiegen. Da kann man
jetzt sagen, na ja, das passiert manchmal. Aber – die Mannschaft aus meiner
neuen Heimatstadt ist auch abgestiegen. Sie sind beide zusammen abgestiegen.
Erst dachte ich, vielleicht steigen sie ja auch wieder auf. Und was ist
passiert? Beide sind noch mal abgestiegen. Das waren also vier Abstiege in
etwas mehr als einem Jahr. Also das war wirklich Pech. Als sie noch gut
waren, waren beide Mannschaften in der zweiten Bundesliga. Nach dem ersten
Abstieg kamen sie in die Regionalliga, nach dem zweiten Abstieg landeten sie
in der Oberliga. Oberliga? Moment, da stimmt doch etwas nicht! Oberliga
müsste doch oben sein, oder? Die Oberliga müsste doch die obere Liga sein!
Ist sie aber nicht. Das ist nicht die erste, die zweite oder dritte, nein,
es ist sogar die vierte Liga!
Jetzt stellt Euch mal vor, ich spreche mit jemandem, der von Fußball nicht
soviel Ahnung hat, und ich sage dem, meine Mannschaft spielt in der
Oberliga. Da könnte der ganz beeindruckt sein: „Mensch, toll, die spielen da
oben.“ Aber die Sache ist noch viel komplizierter. Als ich in Eurem Alter
war, da gab es noch gar keine Bundesliga. Das ist schon ziemlich lange her.
Da bin ich auf den Fußballplatz gegangen und habe mir Spiele angeschaut aus
der Oberliga. Denn damals war die Oberliga wirklich die Oberliga, d. h. das
war tatsächlich die oberste Liga. Im Laufe der Zeit ist sie langsam nach
unten gerutscht.
In England gibt es so etwas ähnliches, vielleicht sogar ein bisschen
verschärft, da gibt es nämlich eine „First Division“. Einige von Euch können
bestimmt ein bisschen Englisch. Das Wort „First“ heißt „erste“, also „First
Division“ bedeutet Erste Division, also Erste Spielklasse. Aber die First
Division ist gar nicht die Erste Spielklasse, es ist die zweite, obwohl sie
„erste“ heißt. Die Erste Spielklasse nennt man in England „Premier League“.
Fußball ist nur eine von vielen Sportarten, die mit dem Wort „Ball“ enden.
Vielleicht könnt Ihr mal laut mitdenken, ob Ihr noch auf andere Sportarten
kommt: Hand-Ball, Volley-Ball, Basket-Ball, Wasser-Ball, Völker-Ball,
Prell-Ball usw.. Fußball heißt Fußball, weil man den Ball mit dem Fuß
spielt. Handball heißt Handball, weil man den Ball mit der Hand spielt.
Basketball heißt Basketball, weil man? Und jetzt kommt Ihr auf einmal in
Schwierigkeiten. Basektball heißt nicht so, weil man mit dem Basket Ball
spielt, sondern weil man den Ball in den Basket (das englische „basket“
heißt übersetzt Korb), also in den Korb, rein spielt. Wasserball spielt man
nicht mit dem Wasser, sondern im Wasser. Und warum Völkerball Völkerball
heißt, da habe ich nun wirklich keine Ahnung. Ein Kind der Kinder-Uni
meinte, da spielen zwei Völker gegeneinander. Das stimmt wahrscheinlich.
Irgendwie sind das zwar Völker, aber keine richtigen. In der
Sprachwissenschaft sagen wir, die Wörter haben die gleiche
Oberflächenstruktur, das bedeutet, sie sehen gleich aus (vorne ist ein
Substantiv, dann kommt „Ball“), aber trotzdem ist die Tiefenstruktur, also
was sich darunter verbirgt, ganz anders. Wir wissen aber, weil wir eben die
Sportarten kennen, dass man z. B. beim Basketball nicht mit dem Basket,
sondern in den Basket rein spielt. Also bestimmt unser Wissen wieder unser
Sprachverständnis.
Ich habe vorhin schon erwähnt, dass wir Sprachwissenschaftlicher immer
versuchen, auf das zu achten, worauf andere Leute nicht achten. Wenn ich auf
Reisen gehe oder auch bei uns in der Stadt unterwegs bin, mache ich Fotos,
aber nicht von den Monumenten - ich bin ohnehin ein ganz schlechter Fotograf
-, sondern von Sachen, Ihr könnt es Euch schon denken, die etwas mit Sprache
zu tun haben. Jetzt habe ich z. B. in der Trierer Innenstadt ein Foto
gemacht von einem Geschäft, an dem stand in ganz großen roten Lettern:
„Männer-Schlussverkauf“. Da ist gar nichts Besonderes daran, das ist ganz
normal, man kann in das Geschäft reingehen und Klamotten kaufen. Aber dass
das gar nicht so selbstverständlich ist, sehen wir im Vergleich mit einem
anderen Beispiel: Stellen wir uns mal vor, da stünde
„Lederjacken-Schlussverkauf“. Dann könnten wir in den Laden reingehen und
sagen, wir hätten gern zwei von den schönen Lederjacken. Aber könnten wir
auch sagen: „Ich hätte gern zwei von den Männern, die Sie im Angebot haben“?
Nein, das geht natürlich nicht. Auch hier wissen wir, dass bestimmte Dinge
funktionieren, andere wiederum nicht. Wir interpretieren, wir deuten die
Wörter so, wie sie gemeint sind.
Wir Lehrer und Lehrenden freuen uns ja immer, wenn Schüler und Studenten
etwas aufgreifen, was wir selbst gesagt haben. Eine Studentin hat mir mal
ein Foto mitgebracht, auch von der Trierer Innenstadt, von einer Döner-Bude,
vor der stand ein Schild mit der Aufschrift „Hühner-Kebap 2,50 Euro“. Wir
wissen, das ist ein Kebap aus Hühnerfleisch für 2,50 Euro. Darunter stand: „Kinder-Kebap
1,50 Euro“. Ihr kennt das schon, dass wir auch hier wieder unser Weltwissen
benutzen, denn im Hühner-Kebap – das wissen wir – ist Hühnerfleisch drin,
aber beim Kinder-Kebap ist das doch ein bisschen anders. Ein Kinder-Kebap
ist für Kinder, aber ein Hühner-Kebap nicht für Hühner.
Fotos zu machen ist natürlich nicht die Hauptbeschäftigung eines
Sprachwissenschaftlers, aber es ist eine Möglichkeit, sich Daten zu
besorgen, also geschriebene oder gesprochene Äußerungen. Ein wichtiges
anderes Instrument ist das Mikrofon. Wir können Leute befragen, interviewen,
um etwas durch das Fragen herauszubekommen. Das Problem ist nur, wenn man
jemandem ein Mikrofon unter die Nase hält, dann spricht er schon nicht mehr
so, wie er das tun würde, wenn kein Mikrofon da wäre. Das ist ein ganz
großes Problem für die Sprachwissenschaftler. Vor dem Mikrofon reden die
Leute nicht mehr auf „natürliche“ Weise. Einige Sprachwissenschaftler haben
findige Methoden entwickelt, um das Problem zu umgehen. Eine weitere
wichtige Stütze ist für uns heute natürlich auch der Computer. Denn der
Computer kann uns vor allem ganz viele Daten liefern. Früher, als man die
noch selbst sammeln musste, hatte man vielleicht ein paar Hundert oder ein
paar Tausend Daten. Aber jetzt kann uns der Computer Hunderttausende und
sogar Millionen von Daten liefern. Es gibt Universitäten, die sammeln solche
sprachlichen Äußerungen. Mehrere Millionen sind in diesen Sammlungen drin.
Und damit kann man ziemlich verlässlich rausfinden, wie Sprache gebraucht
wird. Das Denken aber nimmt der Computer uns nicht ab. Das bedeutet, das
Auswählen, Werten und Deuten der Daten müssen wir weiterhin selbst machen.
Und dazu müssen wir weiterhin auch ganz viel lesen. Wir müssen lesen, was
andere Sprachwissenschaftler schon herausgefunden haben, um daran anknüpfen
zu können.
Eine andere Sache nimmt uns der Computer auch nicht so ohne weiteres ab, es
geht um die Aussprache von Wörtern. Damit beschäftigen wir
Sprachwissenschaftler uns nämlich auch. Ich möchte das noch einmal
illustrieren an den Wörtern „Tasse“ und „Tasche“. Sie sehen sich in
geschriebener Form ganz ähnlich, der Unterschied ist nur klein: ss und sch.
Aber sie bedeuten etwas völlig Verschiedenes. Es gibt auch Wörter, die wir
unterschiedlich aussprechen können, die aber die gleiche Bedeutung haben.
Beispiel: Köln. Man kann das /l/ in dem Wort verschieden aussprechen, ebenso
das /K/, die einen sagen es so, die anderen so, aber Köln bleibt immer Köln.
Ich möchte Euch noch ein Beispiel aus meiner Kindheit erzählen. Damals kam
im Fernsehen eine Werbung für einen Weinbrand. Da sagte am Ende ein Mann mit
einer ganz tiefen sonoren Stimme: „Im Weinbrand liegt der Geist des Weines“.
Wir Kinder haben uns immer darüber lustig gemacht, denn der Mann sprach
jeden Laut genau aus. Das tun wir im normalen Sprachgebrauch nicht. Wir
hängen die Wörter aneinander und lassen einzelne Laute einfach weg: „Im
Weinbrand liegder Geisdes Weines“. Die meisten von uns bemerken das gar
nicht, aber wenn es doch mal jemand erkennt, denkt er oft, das sei etwas
Schlechtes, es sei nachlässig, ein Zeichen von Faulheit, ein Zeichen von
Dekadenz. Wir Sprachwissenschaftler sehen das ganz anders. Wir sagen ganz im
Gegenteil, das ist ganz vernünftig, man muss nicht jeden Laut aussprechen,
wenn man trotzdem versteht, was man sagt. Und – außerdem – wird – es – ja –
wohl – etwas – komisch – klingen -, wenn – wir – immer – so – sprächen.
Oder? Eigentlich können wir ganz froh sein, dass wir nicht immer alle Laute
aussprechen.
Jetzt muss ich noch ein Versprechen einlösen. Ich habe Euch am Anfang
gesagt, dass ich Euch erklären werde, in welchen Sprachen wir uns begrüßt
haben. Also:
Good morning – Das wissen die meisten von Euch, das ist Englisch.
Bonjour – Französisch.
Buon giorno – Italienisch.
Kalimera – Griechisch.
Dobroje utro – Russisch.
Ohayô – Japanisch.
Und damit sind wir schon fast am Ende. Aber vorher möchte ich mich noch bei
Euch bedanken für Euer Interesse und Eure Geduld. Haltet die Augen auf.
Haltet die Ohren auf. Good -bye – Adieu – Ciao – Jássas - Da svidánje –
Sayonara. Und: Güle, güle.
Absage:
Das war die Kinder-AULA vom Sprachwissenschaftler Werner Schäfer aus Trier,
der Euch erklärt hat, warum seine Forschungen so spannend sind.
Wenn Ihr einen eigenen Computer habt oder den der Eltern benutzen dürft,
könnt Ihr das alles noch einmal nachhören, dazu müsst Ihr nur auf unsere
Homepage gehen: www.swr2.de/wissen, unter dem Stichwort AULA findet Ihr
alles Wichtige zu der heutigen und den folgenden Sendungen. Ihr könnt Euch
dort auch die Manuskripte zum Nachlesen herunterladen, und die
Computerfreaks unter Euch können den Vortrag auch „podcasten“. Und noch
eins: Ihr könnt einen CD-Mitschnitt bestellen, ruft einfach an ab Dienstag
unter der Nummer:07221-929-6030. Allerdings gibt es ab Herbst 2006 auch eine
CD-Box mit allen Sendungen der Kinder-AULA.
So, ich hoffe, es hat Euch gefallen, Pfingstmontag geht es weiter, dann ist
ein Hirnforscher an der Reihe, der erzählt, was er findet, wenn er ins
Gehirn guckt. Tschüss, bis zum nächsten Mal.
*****
* Zum Autor:
Dr. Werner Schäfer, geb. 1952, studierte Englisch, Spanisch und Geschichte
an der Universität Münster mit abschließendem Ersten Staatsexamen; er war
wissenschaftlicher Assistenz an der Universität Münster mit abschließender
Promotion. Es folgten Tätigkeiten als Lehrer für Englisch, Deutsch und
Spanisch als Fremdsprache. Schäfer ist als Sprachwissenschaftler im Fach
Anglistik an der Universität Trier beschäftigt. |