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Prof.
Dietrich Grönemeyer: „Heilen, nicht Kranksparen“ - Aspekte einer
liebevollen Medizin
SWR2 Aula –
Manuskriptdienst (Abschrift eines frei gehaltenen Vortrags)
SWR
Redaktion: Ralf Caspary
Sendung: Sonntag, 4. Juli 2004, 8.30 Uhr, SWR 2 . Das Manuskript ist
ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen.
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Zusammenfassender Überblick
Die Debatten über das marode Gesundheitssystem und über den Zwang zum
Sparen lenken den Blick einseitig auf materielle Aspekte. Dabei sollte es
in Zukunft nicht nur um billige Arzneimittel und effiziente Krankenhäuser
gehen, sondern vor allem um das Wesentliche: um eine "warme" Medizin, die
trotz High-Tech den Menschen nicht aus dem Blick verliert, bei der Zeit
bleibt für Hinwendung, Fürsorge, Gespräche.
Man muss
prinzipiell unbedingt wieder Dinge zusammen sehen bzw. zusammen führen,
die zusammen gehören: Mensch, Mitmensch, Gesundheit, Medizin, Kultur und
globale Welt. Dieser Zusammenhang ist aus unserem Blickwinkel
entschwunden, vor allen Dingen in der Gesundheitspolitik, wo seit 20
Jahren nur über Kosten diskutiert wird.
Der
Mensch, um den es geht, steht überhaupt nicht im Mittelpunkt der
Diskussion, geschweige denn, dass Patienten einbezogen werden in
Entscheidungen zukünftiger Gesundheitspolitik. Selbsthilfegruppen,
Naturheilverbände oder bestimmte schulmedizinische Gruppen werden
eigentlich nur über Funktionäre in die Diskussion mit einbezogen. Daher
kommt es, dass wir letztendlich keinen Schritt weiterkommen. Auch
Innovation wird in der Versorgung nicht berücksichtigt. Wir haben
fantastische Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten in den letzten 20
Jahren weltweit entwickelt, die aber im Grunde nicht beim Patienten
ankommen. Nehmen wir ein Beispiel: Wir röntgen hundert Mal, tausend Mal
die Wirbelsäule und finden doch nicht den Bandscheibenvorfall, weil
Röntgen einfach die falsche Methode ist. Würde man die Kernspintomografie
einsetzen, würde man sofort die Strukturen erkennen können, die Muskulatur
und die Nerven beurteilen und vor allen Dingen auch dann den
Bandscheibenvorfall sehen können.
Meine
größte Sorge ist, dass der Mensch, speziell in Deutschland, immer kränker
wird; er muss immer mehr Geld bezahlen für Leistungen, die er letztendlich
nicht wirklich bekommt. Krankenkassen bestimmen das Leistungsspektrum,
anstatt dem Patienten eine freie Entscheidung zu gewähren. Es fehlt nach
wie vor die Kostentransparenz im Gesundheitswesen, d. h. der Patient
bekommt nach wie vor seine Rechnung nicht und kann sich auch noch viel zu
wenig für innovative oder eigene Versorgungsschwerpunkte, die für ihn
wichtig sind wie beispielsweise spezielle naturheilkundliche Angebote,
selbst versichern. D. h. wir müssen hin zu einer Kostenerstattung und weg
von Sachleistungsprinzipien, in denen letztendlich der Patient entmündigt
seine medizinische Versorgung zugeordnet bekommt.
Ich bin
vor einiger Zeit auf einen für mich sehr wichtigen Text von Leo Tolstoi
gestoßen. Tolstoi schildert in „Krieg und Frieden“ folgende Szene: Fürst
Andrej trug im Kampf eine schreckliche Verwundung davon. Der Arzt beugte
sich tief über die Wunde und seufzte schwer. Dann gab er jemandem ein
Zeichen. Und nun ließ ein quälender Schmerz im Inneren des Leibes Fürst
Andrej das Bewusstsein verlieren. Als er wieder zu sich kam, waren die
zerschmetterten Hüftknochen entfernt, die Fleischfetzen weggeschnitten und
die Wunde verbunden. Man besprengte sein Gesicht mit Wasser. Als er die
Augen wieder aufschlug, beugte sich der Arzt über ihn, küsste ihn
schweigend auf die Lippen und entfernte sich eilig.
Vor
diesem Hintergrund ist mir ein eigenes Erlebnis sehr nachhaltig in
Erinnerung: Ich kam spät nachts an einer Unfallstelle vorbei. Drei
Sanitätswagen und ein Hubschrauber waren da, ein Verletzter lag völlig
allein gelassen auf der Straße, während Ärzte und Sanitäter darüber
diskutierten, in welche Klinik der Patient eingeliefert werden sollte.
Dieses Erlebnis hat mich nicht wieder losgelassen. Es veranschaulicht, in
welch großen Gefahr unser Gesundheitssystem steckt. Hier die Kosten und
die Diskussion darüber, in welche Klinik der Patient eingeliefert werden
soll, und auf der anderen Seite ein schwerverletzter Mensch.
Im
Kontrast dazu hat dieses Zitat von Leo Tolstoi für mich eine zentrale
Bedeutung, auch wenn das Pathos uns fremd sein mag. Natürlich ist es heute
nicht mehr vorstellbar, dass ein Arzt einen Patienten küsst, aber Tolstoi
zeigte eine solch ausgeprägte Form der Zuwendung, der Selbstlosigkeit und
Empathie gerade in einer extremen Situation, dass ich diese menschliche
Geste bleibend eindrucksvoll finde. Die Tolstoi-Szene illustriert für
mich, was wirklich liebevolle Medizin ist, nämlich eine sehr zugewandte,
ehrliche, mitmenschliche Fürsorge des Arztes. Und diese Geste, die hier
beschrieben wird, sollte uns alle nachdenklich machen.
Es geht
darum, dem Menschen zugewandt sich wieder auf die medizinischen Werte und
Inhalte zu konzentrieren. In der Hektik des medizinischen Alltags,
getrieben von Kostendiskussionen und Einsparpolitik, verlieren wir das
Wesentliche aus dem Blick. Verwaltungen und Ärzte werden ständig mit neuen
Erlassen lahmgelegt. Wir Ärzte sitzen über Bergen von Papieren, die wir
erledigen müssen. Wir müssen Fragebogen ausfüllen, teilweise 150 Fragen
wie bei dem sogenannten „Disease Management“-Programm. Wenn wir nur einen
Fehler machen, wird uns der Fragebogen zurück gegeben. Die Begründung,
warum beispielsweise solche Disease Management-Programme eingeführt
werden, ist eine Refinanzierung der Krankenkasse. Der Arzt bekommt für
dieses Ausfüllen des Bogens relativ wenig Geld. Das zeigt, in welch
schrecklicher Situation wir uns befinden. Auch ganze Berufszweige werden
unter diesem Aspekt schlecht geredet. Krankenhäuser werden geschlossen und
der Patient wird allmählich vergessen.
Goethe
formulierte schon vor 200 Jahren: „Was nützt mir der Erde Geld, kein
kranker Mensch genießt die Welt“. Vielleicht müssen wir sogar für die
Gesundheit in Zukunft mehr Geld ausgeben. Wir wissen es nicht. Keiner weiß
es. Wir können es uns wirklich nur dann leisten, eine Antwort auf die
Zukunft zu geben, wenn wir uns den medizinischen Inhalten wieder zuwenden
und vor allen Dingen definieren, was wir bei welcher Erkrankung in
Diagnostik und Therapie eigentlich anbieten wollen. Bevor man ein neues
Auto baut, definiert man ja auch erst mal die Ausstattung, die
Motorisierung und das Design. Dann erst werden die Kosten diskutiert und
der Preis festgelegt.
Im
Gesundheitswesen ist es leider genau umgekehrt. Wir diskutieren im Moment
die Kosten und den Preis, aber wir wissen nicht, wie das Gesundheitssystem
der Zukunft eigentlich aussehen soll. Man gewinnt den Eindruck, dass die
Gesundheitsminister vieler Länder einander kopieren. Es ist da wie in der
Schule: man hat seine Hausaufgaben nicht wirklich gemacht, weil man zu
wenig weiß, guckt ab und übernimmt leider dabei die Fehler des Anderen.
Und meine Angst ist, dass wir uns ganz schnell so weit verheddern, dass
wir eine so problematische Situation bekommen, wie sie in England oder
Holland heute herrscht.
Wir
wissen vom Autobau: Wenn man einen Platten hat, wechselt man nicht gleich
die ganze Karosserie, sondern den Reifen. Das müssen wir auch in der
Medizin endlich begreifen. Mit wachsendem Unbehagen sehe ich, dass die
Diskussionen keinen wirklichen Fortschritt im Sinne einer besseren
medizinischen Versorgung, Therapie oder Prävention bewirken. Im Gegenteil:
Über das, was Medizin eigentlich bewirken soll, nämlich die Heilung sowie
Erhaltung und Verbesserung von Lebensqualität, und über denjenigen, um den
es geht – den Patienten -, wird fast nie geredet. Es geht um
Lebensqualität wirklich für alle, für den chronisch Kranken genauso wie
für den Behinderten oder alten Menschen. Denn Alter ist keine Krankheit,
und im Alter von 70 Jahren einem Menschen beispielsweise eine
Hüftoperation vorzuenthalten, wie in England, ist zutiefst inhuman.
Viele
beschwören eine Mehrklassen-Medizin als Gefahr der Zukunft, dabei haben
wir bereits jetzt eine Zwei- oder sogar Dreiklassen-Medizin mit Normal-
und Privatversicherten einerseits sowie den Selbstzahlern andererseits.
Wir verfügen heute über die modernsten Möglichkeiten im Bereich der
schonenden ambulanten Diagnose- und Therapieverfahren. Wir können
Vorsorgeuntersuchungen machen mit Kernspintomografen oder ultraschnellen
Computertomografen, indem man ohne Katheter ins Herz hineingucken kann, um
Verkalkungen schon Jahrzehnte vor einem Infarkt zu identifizieren und
daraufhin wirklich gezielte Präventionsprogramme entwickeln zu können.
Oder wir sind heute in der Lage, mit mikromedizinischen Methoden ganz fein
und vorsichtig ambulant und unter Lokalanästhesie Bandscheiben zu
operieren. Die Menschen müssen nicht mehr ins Krankenhaus. Sie können
gleich in die Rehabilitation gehen. Und trotzdem ist es sehr schwer,
solche Methoden der Medizin, die seit über einem Jahrzehnt zur Verfügung
stehen, in die medizinische Versorgung miteinzubeziehen. Es fehlt der
politische Wille, sich in diese Richtung zu bewegen. Das ausgeprägte
Lobby-Denken vieler Akteure behindert den Blick für den
volkswirtschaftlichen Gesamtzusammenhang.
Wenn wir
wirklich etwas ändern wollen, müssen wir begreifen, dass die medizinische
Versorgung nur ein Teilbereich einer wachsenden Gesundheitswirtschaft mit
vielen assoziierten Branchen ist. Ich habe die Gesundheitswirtschaft schon
vor acht Jahren in einem Buch thematisiert, Titel: „Med. in Deutschland“.
Für mich ist Gesundheitswirtschaft wesentlich mehr als nur das
Gesundheitswesen. Dazu gehören auch Medizintechnik, Pharmazeutik, Sport
und Fitness, Handwerk, Telekommunikation, Medien, Handel und vieles mehr.
Wir müssen das begreifen und eine Aufbruchstimmung generieren. Deswegen
müssen wir vor allen Dingen die positiven Aspekte der Medizin wahrnehmen.
Bei
dieser neuen Wahrnehmung geht es darum, zu zeigen, daß Lebensqualität
erzeugt wird durch gute medizinische Versorgung und daß das auch mit
unserer Kultur zu tun hat. Andererseits geht es immer wieder um neues
Know-how, um neue Arbeitsplätze, neue Berufe, Wirtschaftsförderung,
wissenschaftliche Forschung, neue Märkte, aber auch um neue Gewinne bzw.
neue Einnahmen für Firmen und Staat.
Man
versucht, aus uns Ärzten mehr und mehr Funktionsmediziner zu machen. Der
Begriff „Mediziner“ zeigt das ja schon. Wir reden nicht mehr vom Arzt. Und
für den Arzt gehören vor allen Dingen Elemente zu seiner Arbeit, die
eigentlich nicht in Kosten zu definieren sind: menschliche Zuwendung,
Empathie, Zeit haben für ein Gespräch, das Trösten- Können, das Beistehen
während eines schweren Krankheitsprozesses, das In -den -Arm –nehmen-
Können und gleichzeitig die seelsorgerische Tätigkeit, wenn jemand
chronisch krank ist oder jemand im Sterben liegt. Das sind wesentliche
Elemente des Arzt-Seins.
Ich bin
Arzt mit Leib und Seele und verstehe mich auch insgesamt als
Mikrotherapeut. Zur Diagnose einer Krankheit brauchen wir neben der
ausführlichen Befragung und körperlichen Untersuchung des Patienten sowie
den Labordaten eine hochwertige radiologische Diagnostik. Die
Mikrotherapie ist aus der Radiologie entstanden. Ich habe Radiologie
gelernt, bin ausgebildet worden an der Universität Kiel und habe aus der
Radiologie die Mikrotherapie entwickelt. Die Mikrotherapie, also das
Behandeln mit Kleinstinstrumenten innerhalb von radiologischen
Schnittbildsystemen (z. B. Computer- oder Kernspintomografie) sowie die
neuen Formen der Vorsorgediagnostik, also etwa das frühzeitige Aufspüren
kleinster Veränderungen, z. B. von Gefäßverkalkungen oder kleiner Tumoren,
ist meiner Überzeugung nach das wichtige Element einer zukünftigen
Medizin, vor allen Dingen in bezug auf die Behandlung von
Volkskrankheiten.
Es wird
eine rasante Integration von Mikromedizin in alle medizinischen Bereichen
geben. Mein Traum ist der Allgemeinarzt, der auch mikrotherapeutisch
behandeln kann. Mein eigener Weg bewegte sich seit Beginn meiner
ärztlichen Tätigkeit immer zwischen High-Tech und Naturheilkunde bzw.
nicht-schulmedizinischen Heilverfahren. Heute versuche ich mit meinem Team
die Wirkung der Physiotherapie, der Akupunktur oder von Massagetechniken
auch wissenschaftlich mit radiologischen High-Tech-Sichtmethoden
nachzuweisen.
Was ich
in unserer Medizin vermisse, ist eine medizinische Gesamttheorie, eine
medizinische Anthropologie. Eine solche medizinische Anthropologie müsste
als eigenständige wissenschaftliche Disziplin eine ganzheitliche
Medizintheorie entwickeln, die die Erkenntnisse und das medizinische
Wissen aller Kulturen mit einschließt. Diese ganzheitliche Theorie sollte
neben den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und Fakten über den
menschlichen Organismus, die Erkenntnisse der Psychologie und Psychiatrie,
auch die der Evolutionsbiologie beinhalten. Ein Aspekt beispielsweise der
chinesischen Medizin, der mich immer fasziniert hat, ist, dass im Alten
China Ärzte nur dann bezahlt wurden, wenn sie Krankheiten verhindert
haben. Das war auch ein Prinzip der ayurvedischen oder persischen Medizin.
Der Arzt kümmerte sich permanent um die potentiellen Patienten und
versuchte, mit Ernährung, Bewegung und auch der Lebenskunst, der ars
vivendi, Krankheiten zu verhindern. Das sind Elemente, über die wir heute
eigentlich nur in Nebensätzen reden.
Und wir
müssten uns auch darum bemühen, dem Patienten wieder nah zu sein. Der
Begriff Therapie beinhaltet ja gerade die Nähe und das Zuhören-Können. Das
griechische „therapeuein“ heißt ursprünglich pflegen, behandeln und
bedienen und findet sich in Formulierungen wieder wie Götterverehren,
Eltern ehrfurchtsvoll behandeln, Kinder versorgen und Land bebauen. Platon
verwendet den Ausdruck „psychein therapeuein“ = sich um die eigene Seele
kümmern. Also „therpeuein“ = therapieren bezieht sich auf alles, worum man
sich kümmert, sei es aus freien Stücken oder aus Pflichtbewusstsein
heraus. Und in der zweiten Hauptbedeutung heißt „therapeuein“ medizinische
Pflege und Behandlung.
Die
Zuwendung, die wir benötigen, um wieder Kraft zu tanken, um die Krankheit
meistern zu können, um zu heilen oder gesund zu werden, brauchen wir auch
dringend im Krankenhaus. Gerade Krankenhäuser verwickeln sich immer mehr
in Verwaltungsaufgaben. Zeit für das Heilen bleibt wenig. Es geht um neue
Abrechnungsziffern, Verschlüsselungskontexte, die dazu beitragen, dass
immer mehr Menschen das Krankenhaus verlassen müssen, dass Krankenhäuser
geschlossen werden. Wir bräuchten heute zusätzlich bis zu 20.000 Ärzte und
wahrscheinlich genauso viel sonstiges Krankenhauspflegepersonal
(Krankenschwestern, Krankenpfleger), die wichtig wären, um eine
nachhaltige Medizin zu realisieren.
Wir
wissen alle, wenn wir im Krankenhaus gelegen haben, brauchen wir
eigentlich Urlaub, weil der Verwaltungs- und Organisationsaufwand schon
damit beginnt, dass man morgens zwischen 5.00 und 6.00 Uhr geweckt wird
und nie zur Ruhe kommt, weil eine Untersuchung und Therapie die nächste
ablöst. Wir sollten das Krankenhaus der Zukunft in ein Gesundheitszentrum
verwandeln. Anstatt uns von vielen hochqualifizierten Menschen zu trennen,
die im Rahmen der Kostendiskussion und der Schließung von Krankenhäusern
auf die Straße gesetzt werden, sollten wir ganz anders vorgehen. Wir
sollten begreifen, dass unsere Gesundheit, unser Wohlbefinden, unsere
Lebensqualität, der Erhalt und die Weiterentwicklung unserer Kultur unsere
höchsten Güter sind. Und hier brauchen wir viele engagierte und vor allen
Dingen hochwertig ausgebildete Menschen, wie wir sie gerade in den
Krankenhäusern haben.
Krankenhäuser der Zukunft als Gesundheitszentren könnten sich
beispielsweise darum kümmern, auch regionale Versorgungen anzubieten für
Kinder, für alte Menschen, die zunehmend an Demenz erkranken, aber auch
für Gesundheitstouristen. Ich habe sehr früh gefordert, Deutschland als
Gesundheitstouristik-Land aufzubauen. Wir hätten mit Gesundheitszentren
eine riesige Kraft, uns dem zu stellen. Der Mitarbeiter, der z. B.
entlassen werden muss, weil aufgrund des Geburtenrückgangs die
Geburtshilfestation geschlossen werden muss, könnte dann seine Leistung in
einem anderen Bereich des Krankenhauses anbieten. Gleichzeitig könnte man
einen Hotelbetrieb oder Fitness/Wellness- oder andere Bereiche anbieten.
Wir
sollten auch fragen, wie wir an den Krankenhäusern Kompetenzzentren
realisieren können. Kompetenzzentren, das sind organspezifische oder
krankheitsspezifische Organzentren, in denen niedergelassene Ärzte und
Krankenhäuser zusammenarbeiten. In einem Rückenkompetenzzentrum etwa
könnten Orthopäden, Neurochirurgen, Radiologen, Mikrotherapeuten,
Ernährungsberater oder Physiotherapeuten zusammenarbeiten, um letztlich
dem Patienten in direkter Vernetzung mit dem Hausarzt zu helfen. Das ist
die Zukunft unserer Krankenhauslandschaft und das wäre auch die Zukunft
der medizinischen Versorgung bis hin zu den innovativen Möglichkeiten, die
wir heute in der Diagnostik und auch Therapie schon haben.
Ich
wünschte mir weiterhin, dass eine medizinische Anthropologie durch
weltweites Engagement in Zukunft eine medizinische Wissenschaftstheorie
entwickelt, in der sich alle Kulturen grundlegend wiederfinden können. Nur
so wird sichergestellt, dass grundsätzlich eine liebevolle Medizin sowie
eine menschenwürdige Technik realisiert werden können. Auch in diesem
Kontext gilt: „In der Ruhe liegt die Kraft“. Also wir sollten nicht in
aller Hektik Kosten diskutieren und in aller Hektik versuchen,
möglicherweise Bürgerversicherung oder Kopfpauschalen durchzudrücken -
Versicherungssysteme, die im Grunde nicht wirklich durchdacht sind -,
sondern wir sollten in Ruhe auf der einen Seite dafür sorgen, dass der
Mensch hochwertig versorgt wird, und auf der anderen Seite begreifen, dass
Medizin die Grundlage einer zukünftigen Kultur ist. Erst dann sollten wir
darüber nachdenken, wie wir mit den entstehenden Kosten umgehen wollen.
Eines
jedoch ist für mich sicher und bleibt ein wesentliches Element zukünftiger
Medizin: die Barmherzigkeit. Eine liebevolle Medizin bedeutet
größtmögliche Hinwendung zum Menschen. Auf dieser Welt haben alle Menschen
Platz, alters-, schichten-, religions-, geschlechts- und
sprachübergreifend sind wir eine große globale Familie und sollten diese
einzige Erde, auf der wir leben, gemeinsam und in Frieden gestalten, um
eine friedliche Zukunftsgesellschaft und Zukunftskultur zu schaffen. Als
Mensch, Wissenschaftler und als Arzt sehe ich hierin meine Verpflichtung.
In der
Weiterentwicklung der Medizin müssen wir auch unbedingt auf unseren
Nachwuchs achten. Der Nachwuchs besteht auf der einen Seite aus
Krankenschwestern und Pfleger und sonstigen Therapeuten im medizinischen
System, auf der anderen Seite aus den Ärzten. Die jungen Studenten und
Studentinnen, die wir in der Zukunft brauchen, sind Menschen, die sich vom
ersten Tag an leidenschaftlich und mit ganzem Herzen für ihr Fach
engagieren. D. h. sie müssen von ihrem ersten Tag, so wie wir das an der
Universität Witten/Herdecke seit zwei Jahrzehnten praktizieren, am Bett
des Patienten lernen. Das heißt für mich, das „bedside teaching“ ist eine
wesentlich Komponente der Ausbildung.
Als ich
angefangen habe zu studieren, wusste ich gar nicht, was ein Patient ist.
Wir mussten uns mit histologischen Präparaten (Gewebeschnitte)
auseinandersetzen, die uns nicht wirklich erklärt wurden. Der
Gesamtzusammenhang, was Medizin eigentlich bedeutet, auch die
Auseinandersetzung zwischen Leben und Tod, die Einbettung des Menschen in
den Kosmos, Gesprächsführung, Seelsorge waren keine Themen, die ich im
Studium gelernt habe, sondern ich habe sie mir mit ganz viel Zusatzaufwand
an Zeit selbst beibringen müssen.
Für mich
ist auch ganz wichtig, dass wir die Teamarbeit unter Ärzten thematisieren
und so die Berufsgrenzen aufbrechen. Den Arzt als Einzelkämpfer gibt es
nicht mehr. Die Zukunft gehört der teamorientierten Medizin. Es werden
auch ganz neue Berufsbilder entstehen wie beispielsweise der
Mikrotherapeut, der ein fachübergreifender Arzt als Diagnostiker und
Therapeut sein wird und sehr stark organspezifisch eingesetzt werden wird.
Auf der
anderen Seite ist die Reflexion mit dem anders Denkenden und Handelnden
wichtig, um von den Dogmatismen wegzukommen, den Dogmatismen der
Schulmedizin; der herkömmliche Orthopäde und der herkömmliche
Neurochirurg, die können sich kaum miteinander verständigen und haben
jeweils eine ganz andere Vorstellung von Operationsvorgängen und
Vorgehensweisen, sie sprechen unterschiedliche Sprachen, und hier werden
unnötige Mauern aufgebaut. Wir könnten ganz viel voneinander lernen. Das
sollte vor allem der junge Mensch von Anfang an begreifen.
Und als
letztes ist für mich wesentlich, und da wiederhole ich das, was ich auch
schon vorher gesagt habe, die philosophische und theologische
Auseinandersetzung mit Leben und Tod. Vor allen Dingen, wenn ich mich mit
den unterschiedlichen Philosophien und Religionen befasse, bekomme ich
Respekt vor anderen Kulturen und kann auch dort Dogmatismen helfen zu
überwinden. Ich sehe das als wirkliche Aufgabe der zukünftigen
Ärztegeneration, sich hier leidenschaftlich mit einzusetzen. Denn wir sind
ja diejenigen, die auch mithelfen, wenn ein Mensch auf die Erde kommt, und
wir sind genauso dabei, wenn ein Mensch die Erde verlässt; und daher
stehen wir eigentlich tagtäglich andächtig und demütig vor dem
Gesamtkunstwerk Leben. Genauso wie der Geistliche in der christlichen,
islamischen, hinduistischen, buddhistischen oder jüdischen Gemeinde.
Jetzt
könnte man ja geneigt sein zu sagen, Zeit, die man für einen Patienten
investiert, kostet viel Geld; Zeit, die man braucht, um Innovationen
einzusetzen, kostet viel Geld; Innovationen an sich, sei es die
Computertomografie bzw. Kernspintomografie oder Labordiagnostik würden die
Budgets der Krankenkassen sprengen. Von all diesen Diskussionen halte ich
nicht viel. Erstens, sage ich, müssen wir uns mal ganz konsequent um die
Inhalte der Medizin bezogen auf die einzelnen Volkskrankheiten kümmern.
Wir müssen von „leicht“ bis „schwer“ definieren, was wir beispielsweise in
der Versorgung eines Rückenpatienten in der Angebotspalette haben wollen,
was wir in der Versorgungspalette für spezielle Tumorerkrankungen oder
Herz-/Kreislauferkrankungen haben. Dann würden wir von leicht nach schwer
eigentlich sehr schnell feststellen, dass wir vor allen Dingen im
Vorsorgebereich ganz viele Methoden, sowohl schulmedizinische oder
unkonventionelle Heilmethoden haben, mit denen wir fantastische
Möglichkeiten haben, den Krankheiten vorzubeugen.
Auf der
anderen Seite müssen wir begreifen, dass das Gespräch ein wesentliches
Element einer zukünftigen Medizin ist. Die Fürsorge, die Seelsorge müssten
auch heute schon ganz anders im Abrechnungsmodus berücksichtigt werden und
eine höhere Wertigkeit bekommen, auch im Vergleich mit den technischen
Leistungen, die ja viel höher bewertet werden. Das müssen sie natürlich
auch, weil sehr viel Investitionen vorgenommen wurden, um beispielsweise
einen Kernspintomografen zu implementieren. Und trotzdem ist es billiger,
ambulante Bandscheibenoperationen mit Laser und unter Lokalanästhesie
vorzunehmen oder auch ambulante oder teilstationäre endoskopische
Operationen, als Menschen tage- oder wochenlang im Krankenhaus versorgen
zu lassen. Und das gilt schon seit 15 Jahren. Solange operiere ich schon
mikrotherapeutisch Bandscheiben, und solche Operationen sind immer noch
zur Hälfte billiger als ein Krankenhausaufenthalt. Außerdem müssen bei
mikrotherapeutischen Eingriffen in der Regel weder eine Vollnarkose noch
Schmerzmittel oder Psychopharmaka gegeben werden. Und das sind alles
Kosteneinsparungen.
Das
gleiche gilt bei der Vorsorge: Hochleistungsvorsorgemedizin (Labor oder
diagnostische Methoden), um beispielsweise Gefäßverkalkungen frühzeitig zu
erkennen und dann Vorsorgeprogramme mit Ernährungsberatung, Sport usw.
anlaufen zu lassen, ist deutlich billiger als das, was wir im Moment in
unserer nicht vernetzten Medizin und speziell auch in unserer
Krankenhausmedizin anbieten. Im Krankenhaus versucht man jetzt, ganz
schnell in diese Richtung zu denken, hat aber auf der anderen Seite
Großstrukturen, die erst mal finanziert werden müssen. Das muss sich in
Zukunft ändern. Unterm Strich gesehen glaube ich aber, dass Innovation
schon heute deutlich billiger ist als das, was wir bisher machen; sie wird
aber nach wie vor dem Menschen vorenthalten.
Lassen
Sie mich in diesem Zusammenhang sagen, dass Krankenkassenziffern in der
Regel in Deutschland 20 Jahre brauchen, bevor sie eingeführt werden.
Solange wird Innovation im Gesundheitswesen zwar den Menschen, vor allen
Dingen den privat Versicherten, angeboten, sie kommt aber erst in die
wirkliche Versorgungskette auch eines gesetzlich Versicherten, wenn die
Zeit im Grunde schon so weit fortgeschritten ist, dass längst schon wieder
neue Innovationen stattgefunden haben.
* Zum
Autor:

Dietrich Grönemeyer, geb. 1952 in Clausthal-Zellerfeld; Studium der
Medizin in Kiel, der Sinologie und Romanistik in Bochum. 1978 Examen in
Humanmedizin, 1982 wurde er an der Universität Kiel zum Dr. med.
promoviert. 1990 folgte die Habilitation an der Universität
Witten-Herdecke.
Professor Dietrich Grönemeyer, Inhaber des Lehrstuhls für Mikro-Therapie
an der Universität Witten/Herdecke und Leiter des Forschungszentrums für
Mikro-Therapie in Bochum, beschreibt hier Aspekte dieser zukünftigen
Medizin.
Seit den 80er Jahren beschäftigt sich Grönemeyer mit der Mikrotherapie,
sein Grundgedanke ist, den Patienten mit mikro-invasiver Technik möglichst
schonend zu operieren. Grönemeyer gilt als Vater der Mikrotherapie, er
gründete das Institut für Mikrotherapie als ambulante Therapieeinrichtung
in Bochum sowie das Entwicklungs- und Forschungsinstitut für
Mikrotherapie. Grönemeyer schaltet sich immer wieder in die
gesundheitspolitische Debatten und plädiert vor allem für neue
Behandlungsmethoden und für eine neue Rolle des Arztes.
Bücher:
- Mensch bleiben. High tech und Herz - Eine liebevolle Medizin ist keine
Utopie. Herder;
- Med. in Deutschland. Standort mit Zukunft. ABW Wissenschaftsverlag:
- Mein Rückenbuch. Sandmann (erscheint demnächst). |