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Prof. Dietrich Grönemeyer: „Heilen, nicht Kranksparen“ - Aspekte einer liebevollen Medizin

SWR2 Aula – Manuskriptdienst (Abschrift eines frei gehaltenen Vortrags) SWR Redaktion: Ralf Caspary
Sendung: Sonntag, 4. Juli 2004, 8.30 Uhr, SWR 2 . Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen. Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

Zusammenfassender Überblick
Die Debatten über das marode Gesundheitssystem und über den Zwang zum Sparen lenken den Blick einseitig auf materielle Aspekte. Dabei sollte es in Zukunft nicht nur um billige Arzneimittel und effiziente Krankenhäuser gehen, sondern vor allem um das Wesentliche: um eine "warme" Medizin, die trotz High-Tech den Menschen nicht aus dem Blick verliert, bei der Zeit bleibt für Hinwendung, Fürsorge, Gespräche.

Man muss prinzipiell unbedingt wieder Dinge zusammen sehen bzw. zusammen führen, die zusammen gehören: Mensch, Mitmensch, Gesundheit, Medizin, Kultur und globale Welt. Dieser Zusammenhang ist aus unserem Blickwinkel entschwunden, vor allen Dingen in der Gesundheitspolitik, wo seit 20 Jahren nur über Kosten diskutiert wird.

Der Mensch, um den es geht, steht überhaupt nicht im Mittelpunkt der Diskussion, geschweige denn, dass Patienten einbezogen werden in Entscheidungen zukünftiger Gesundheitspolitik. Selbsthilfegruppen, Naturheilverbände oder bestimmte schulmedizinische Gruppen werden eigentlich nur über Funktionäre in die Diskussion mit einbezogen. Daher kommt es, dass wir letztendlich keinen Schritt weiterkommen. Auch Innovation wird in der Versorgung nicht berücksichtigt. Wir haben fantastische Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten in den letzten 20 Jahren weltweit entwickelt, die aber im Grunde nicht beim Patienten ankommen. Nehmen wir ein Beispiel: Wir röntgen hundert Mal, tausend Mal die Wirbelsäule und finden doch nicht den Bandscheibenvorfall, weil Röntgen einfach die falsche Methode ist. Würde man die Kernspintomografie einsetzen, würde man sofort die Strukturen erkennen können, die Muskulatur und die Nerven beurteilen und vor allen Dingen auch dann den Bandscheibenvorfall sehen können.

Meine größte Sorge ist, dass der Mensch, speziell in Deutschland, immer kränker wird; er muss immer mehr Geld bezahlen für Leistungen, die er letztendlich nicht wirklich bekommt. Krankenkassen bestimmen das Leistungsspektrum, anstatt dem Patienten eine freie Entscheidung zu gewähren. Es fehlt nach wie vor die Kostentransparenz im Gesundheitswesen, d. h. der Patient bekommt nach wie vor seine Rechnung nicht und kann sich auch noch viel zu wenig für innovative oder eigene Versorgungsschwerpunkte, die für ihn wichtig sind wie beispielsweise spezielle naturheilkundliche Angebote, selbst versichern. D. h. wir müssen hin zu einer Kostenerstattung und weg von Sachleistungsprinzipien, in denen letztendlich der Patient entmündigt seine medizinische Versorgung zugeordnet bekommt.

Ich bin vor einiger Zeit auf einen für mich sehr wichtigen Text von Leo Tolstoi gestoßen. Tolstoi schildert in „Krieg und Frieden“ folgende Szene: Fürst Andrej trug im Kampf eine schreckliche Verwundung davon. Der Arzt beugte sich tief über die Wunde und seufzte schwer. Dann gab er jemandem ein Zeichen. Und nun ließ ein quälender Schmerz im Inneren des Leibes Fürst Andrej das Bewusstsein verlieren. Als er wieder zu sich kam, waren die zerschmetterten Hüftknochen entfernt, die Fleischfetzen weggeschnitten und die Wunde verbunden. Man besprengte sein Gesicht mit Wasser. Als er die Augen wieder aufschlug, beugte sich der Arzt über ihn, küsste ihn schweigend auf die Lippen und entfernte sich eilig.

Vor diesem Hintergrund ist mir ein eigenes Erlebnis sehr nachhaltig in Erinnerung: Ich kam spät nachts an einer Unfallstelle vorbei. Drei Sanitätswagen und ein Hubschrauber waren da, ein Verletzter lag völlig allein gelassen auf der Straße, während Ärzte und Sanitäter darüber diskutierten, in welche Klinik der Patient eingeliefert werden sollte. Dieses Erlebnis hat mich nicht wieder losgelassen. Es veranschaulicht, in welch großen Gefahr unser Gesundheitssystem steckt. Hier die Kosten und die Diskussion darüber, in welche Klinik der Patient eingeliefert werden soll, und auf der anderen Seite ein schwerverletzter Mensch.

Im Kontrast dazu hat dieses Zitat von Leo Tolstoi für mich eine zentrale Bedeutung, auch wenn das Pathos uns fremd sein mag. Natürlich ist es heute nicht mehr vorstellbar, dass ein Arzt einen Patienten küsst, aber Tolstoi zeigte eine solch ausgeprägte Form der Zuwendung, der Selbstlosigkeit und Empathie gerade in einer extremen Situation, dass ich diese menschliche Geste bleibend eindrucksvoll finde. Die Tolstoi-Szene illustriert für mich, was wirklich liebevolle Medizin ist, nämlich eine sehr zugewandte, ehrliche, mitmenschliche Fürsorge des Arztes. Und diese Geste, die hier beschrieben wird, sollte uns alle nachdenklich machen.

Es geht darum, dem Menschen zugewandt sich wieder auf die medizinischen Werte und Inhalte zu konzentrieren. In der Hektik des medizinischen Alltags, getrieben von Kostendiskussionen und Einsparpolitik, verlieren wir das Wesentliche aus dem Blick. Verwaltungen und Ärzte werden ständig mit neuen Erlassen lahmgelegt. Wir Ärzte sitzen über Bergen von Papieren, die wir erledigen müssen. Wir müssen Fragebogen ausfüllen, teilweise 150 Fragen wie bei dem sogenannten „Disease Management“-Programm. Wenn wir nur einen Fehler machen, wird uns der Fragebogen zurück gegeben. Die Begründung, warum beispielsweise solche Disease Management-Programme eingeführt werden, ist eine Refinanzierung der Krankenkasse. Der Arzt bekommt für dieses Ausfüllen des Bogens relativ wenig Geld. Das zeigt, in welch schrecklicher Situation wir uns befinden. Auch ganze Berufszweige werden unter diesem Aspekt schlecht geredet. Krankenhäuser werden geschlossen und der Patient wird allmählich vergessen.

Goethe formulierte schon vor 200 Jahren: „Was nützt mir der Erde Geld, kein kranker Mensch genießt die Welt“. Vielleicht müssen wir sogar für die Gesundheit in Zukunft mehr Geld ausgeben. Wir wissen es nicht. Keiner weiß es. Wir können es uns wirklich nur dann leisten, eine Antwort auf die Zukunft zu geben, wenn wir uns den medizinischen Inhalten wieder zuwenden und vor allen Dingen definieren, was wir bei welcher Erkrankung in Diagnostik und Therapie eigentlich anbieten wollen. Bevor man ein neues Auto baut, definiert man ja auch erst mal die Ausstattung, die Motorisierung und das Design. Dann erst werden die Kosten diskutiert und der Preis festgelegt.

Im Gesundheitswesen ist es leider genau umgekehrt. Wir diskutieren im Moment die Kosten und den Preis, aber wir wissen nicht, wie das Gesundheitssystem der Zukunft eigentlich aussehen soll. Man gewinnt den Eindruck, dass die Gesundheitsminister vieler Länder einander kopieren. Es ist da wie in der Schule: man hat seine Hausaufgaben nicht wirklich gemacht, weil man zu wenig weiß, guckt ab und übernimmt leider dabei die Fehler des Anderen. Und meine Angst ist, dass wir uns ganz schnell so weit verheddern, dass wir eine so problematische Situation bekommen, wie sie in England oder Holland heute herrscht.

Wir wissen vom Autobau: Wenn man einen Platten hat, wechselt man nicht gleich die ganze Karosserie, sondern den Reifen. Das müssen wir auch in der Medizin endlich begreifen. Mit wachsendem Unbehagen sehe ich, dass die Diskussionen keinen wirklichen Fortschritt im Sinne einer besseren medizinischen Versorgung, Therapie oder Prävention bewirken. Im Gegenteil: Über das, was Medizin eigentlich bewirken soll, nämlich die Heilung sowie Erhaltung und Verbesserung von Lebensqualität, und über denjenigen, um den es geht – den Patienten -, wird fast nie geredet. Es geht um Lebensqualität wirklich für alle, für den chronisch Kranken genauso wie für den Behinderten oder alten Menschen. Denn Alter ist keine Krankheit, und im Alter von 70 Jahren einem Menschen beispielsweise eine Hüftoperation vorzuenthalten, wie in England, ist zutiefst inhuman.

Viele beschwören eine Mehrklassen-Medizin als Gefahr der Zukunft, dabei haben wir bereits jetzt eine Zwei- oder sogar Dreiklassen-Medizin mit Normal- und Privatversicherten einerseits sowie den Selbstzahlern andererseits. Wir verfügen heute über die modernsten Möglichkeiten im Bereich der schonenden ambulanten Diagnose- und Therapieverfahren. Wir können Vorsorgeuntersuchungen machen mit Kernspintomografen oder ultraschnellen Computertomografen, indem man ohne Katheter ins Herz hineingucken kann, um Verkalkungen schon Jahrzehnte vor einem Infarkt zu identifizieren und daraufhin wirklich gezielte Präventionsprogramme entwickeln zu können. Oder wir sind heute in der Lage, mit mikromedizinischen Methoden ganz fein und vorsichtig ambulant und unter Lokalanästhesie Bandscheiben zu operieren. Die Menschen müssen nicht mehr ins Krankenhaus. Sie können gleich in die Rehabilitation gehen. Und trotzdem ist es sehr schwer, solche Methoden der Medizin, die seit über einem Jahrzehnt zur Verfügung stehen, in die medizinische Versorgung miteinzubeziehen. Es fehlt der politische Wille, sich in diese Richtung zu bewegen. Das ausgeprägte Lobby-Denken vieler Akteure behindert den Blick für den volkswirtschaftlichen Gesamtzusammenhang.

Wenn wir wirklich etwas ändern wollen, müssen wir begreifen, dass die medizinische Versorgung nur ein Teilbereich einer wachsenden Gesundheitswirtschaft mit vielen assoziierten Branchen ist. Ich habe die Gesundheitswirtschaft schon vor acht Jahren in einem Buch thematisiert, Titel: „Med. in Deutschland“. Für mich ist Gesundheitswirtschaft wesentlich mehr als nur das Gesundheitswesen. Dazu gehören auch Medizintechnik, Pharmazeutik, Sport und Fitness, Handwerk, Telekommunikation, Medien, Handel und vieles mehr. Wir müssen das begreifen und eine Aufbruchstimmung generieren. Deswegen müssen wir vor allen Dingen die positiven Aspekte der Medizin wahrnehmen.

Bei dieser neuen Wahrnehmung geht es darum, zu zeigen, daß Lebensqualität erzeugt wird durch gute medizinische Versorgung und daß das auch mit unserer Kultur zu tun hat. Andererseits geht es immer wieder um neues Know-how, um neue Arbeitsplätze, neue Berufe, Wirtschaftsförderung, wissenschaftliche Forschung, neue Märkte, aber auch um neue Gewinne bzw. neue Einnahmen für Firmen und Staat.

Man versucht, aus uns Ärzten mehr und mehr Funktionsmediziner zu machen. Der Begriff „Mediziner“ zeigt das ja schon. Wir reden nicht mehr vom Arzt. Und für den Arzt gehören vor allen Dingen Elemente zu seiner Arbeit, die eigentlich nicht in Kosten zu definieren sind: menschliche Zuwendung, Empathie, Zeit haben für ein Gespräch, das Trösten- Können, das Beistehen während eines schweren Krankheitsprozesses, das In -den -Arm –nehmen- Können und gleichzeitig die seelsorgerische Tätigkeit, wenn jemand chronisch krank ist oder jemand im Sterben liegt. Das sind wesentliche Elemente des Arzt-Seins.

Ich bin Arzt mit Leib und Seele und verstehe mich auch insgesamt als Mikrotherapeut. Zur Diagnose einer Krankheit brauchen wir neben der ausführlichen Befragung und körperlichen Untersuchung des Patienten sowie den Labordaten eine hochwertige radiologische Diagnostik. Die Mikrotherapie ist aus der Radiologie entstanden. Ich habe Radiologie gelernt, bin ausgebildet worden an der Universität Kiel und habe aus der Radiologie die Mikrotherapie entwickelt. Die Mikrotherapie, also das Behandeln mit Kleinstinstrumenten innerhalb von radiologischen Schnittbildsystemen (z. B. Computer- oder Kernspintomografie) sowie die neuen Formen der Vorsorgediagnostik, also etwa das frühzeitige Aufspüren kleinster Veränderungen, z. B. von Gefäßverkalkungen oder kleiner Tumoren, ist meiner Überzeugung nach das wichtige Element einer zukünftigen Medizin, vor allen Dingen in bezug auf die Behandlung von Volkskrankheiten.

Es wird eine rasante Integration von Mikromedizin in alle medizinischen Bereichen geben. Mein Traum ist der Allgemeinarzt, der auch mikrotherapeutisch behandeln kann. Mein eigener Weg bewegte sich seit Beginn meiner ärztlichen Tätigkeit immer zwischen High-Tech und Naturheilkunde bzw. nicht-schulmedizinischen Heilverfahren. Heute versuche ich mit meinem Team die Wirkung der Physiotherapie, der Akupunktur oder von Massagetechniken auch wissenschaftlich mit radiologischen High-Tech-Sichtmethoden nachzuweisen.

Was ich in unserer Medizin vermisse, ist eine medizinische Gesamttheorie, eine medizinische Anthropologie. Eine solche medizinische Anthropologie müsste als eigenständige wissenschaftliche Disziplin eine ganzheitliche Medizintheorie entwickeln, die die Erkenntnisse und das medizinische Wissen aller Kulturen mit einschließt. Diese ganzheitliche Theorie sollte neben den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und Fakten über den menschlichen Organismus, die Erkenntnisse der Psychologie und Psychiatrie, auch die der Evolutionsbiologie beinhalten. Ein Aspekt beispielsweise der chinesischen Medizin, der mich immer fasziniert hat, ist, dass im Alten China Ärzte nur dann bezahlt wurden, wenn sie Krankheiten verhindert haben. Das war auch ein Prinzip der ayurvedischen oder persischen Medizin. Der Arzt kümmerte sich permanent um die potentiellen Patienten und versuchte, mit Ernährung, Bewegung und auch der Lebenskunst, der ars vivendi, Krankheiten zu verhindern. Das sind Elemente, über die wir heute eigentlich nur in Nebensätzen reden.

Und wir müssten uns auch darum bemühen, dem Patienten wieder nah zu sein. Der Begriff Therapie beinhaltet ja gerade die Nähe und das Zuhören-Können. Das griechische „therapeuein“ heißt ursprünglich pflegen, behandeln und bedienen und findet sich in Formulierungen wieder wie Götterverehren, Eltern ehrfurchtsvoll behandeln, Kinder versorgen und Land bebauen. Platon verwendet den Ausdruck „psychein therapeuein“ = sich um die eigene Seele kümmern. Also „therpeuein“ = therapieren bezieht sich auf alles, worum man sich kümmert, sei es aus freien Stücken oder aus Pflichtbewusstsein heraus. Und in der zweiten Hauptbedeutung heißt „therapeuein“ medizinische Pflege und Behandlung.

Die Zuwendung, die wir benötigen, um wieder Kraft zu tanken, um die Krankheit meistern zu können, um zu heilen oder gesund zu werden, brauchen wir auch dringend im Krankenhaus. Gerade Krankenhäuser verwickeln sich immer mehr in Verwaltungsaufgaben. Zeit für das Heilen bleibt wenig. Es geht um neue Abrechnungsziffern, Verschlüsselungskontexte, die dazu beitragen, dass immer mehr Menschen das Krankenhaus verlassen müssen, dass Krankenhäuser geschlossen werden. Wir bräuchten heute zusätzlich bis zu 20.000 Ärzte und wahrscheinlich genauso viel sonstiges Krankenhauspflegepersonal (Krankenschwestern, Krankenpfleger), die wichtig wären, um eine nachhaltige Medizin zu realisieren.

Wir wissen alle, wenn wir im Krankenhaus gelegen haben, brauchen wir eigentlich Urlaub, weil der Verwaltungs- und Organisationsaufwand schon damit beginnt, dass man morgens zwischen 5.00 und 6.00 Uhr geweckt wird und nie zur Ruhe kommt, weil eine Untersuchung und Therapie die nächste ablöst. Wir sollten das Krankenhaus der Zukunft in ein Gesundheitszentrum verwandeln. Anstatt uns von vielen hochqualifizierten Menschen zu trennen, die im Rahmen der Kostendiskussion und der Schließung von Krankenhäusern auf die Straße gesetzt werden, sollten wir ganz anders vorgehen. Wir sollten begreifen, dass unsere Gesundheit, unser Wohlbefinden, unsere Lebensqualität, der Erhalt und die Weiterentwicklung unserer Kultur unsere höchsten Güter sind. Und hier brauchen wir viele engagierte und vor allen Dingen hochwertig ausgebildete Menschen, wie wir sie gerade in den Krankenhäusern haben.

Krankenhäuser der Zukunft als Gesundheitszentren könnten sich beispielsweise darum kümmern, auch regionale Versorgungen anzubieten für Kinder, für alte Menschen, die zunehmend an Demenz erkranken, aber auch für Gesundheitstouristen. Ich habe sehr früh gefordert, Deutschland als Gesundheitstouristik-Land aufzubauen. Wir hätten mit Gesundheitszentren eine riesige Kraft, uns dem zu stellen. Der Mitarbeiter, der z. B. entlassen werden muss, weil aufgrund des Geburtenrückgangs die Geburtshilfestation geschlossen werden muss, könnte dann seine Leistung in einem anderen Bereich des Krankenhauses anbieten. Gleichzeitig könnte man einen Hotelbetrieb oder Fitness/Wellness- oder andere Bereiche anbieten.

Wir sollten auch fragen, wie wir an den Krankenhäusern Kompetenzzentren realisieren können. Kompetenzzentren, das sind organspezifische oder krankheitsspezifische Organzentren, in denen niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser zusammenarbeiten. In einem Rückenkompetenzzentrum etwa könnten Orthopäden, Neurochirurgen, Radiologen, Mikrotherapeuten, Ernährungsberater oder Physiotherapeuten zusammenarbeiten, um letztlich dem Patienten  in direkter Vernetzung mit dem Hausarzt zu helfen. Das ist die Zukunft unserer Krankenhauslandschaft und das wäre auch die Zukunft der medizinischen Versorgung bis hin zu den innovativen Möglichkeiten, die wir heute in der Diagnostik und auch Therapie schon haben.

Ich wünschte mir weiterhin, dass eine medizinische Anthropologie durch weltweites Engagement in Zukunft eine medizinische Wissenschaftstheorie entwickelt, in der sich alle Kulturen grundlegend wiederfinden können. Nur so wird sichergestellt, dass grundsätzlich eine liebevolle Medizin sowie eine menschenwürdige Technik realisiert werden können. Auch in diesem Kontext gilt: „In der Ruhe liegt die Kraft“. Also wir sollten nicht in aller Hektik Kosten diskutieren und in aller Hektik versuchen, möglicherweise Bürgerversicherung oder Kopfpauschalen durchzudrücken - Versicherungssysteme, die im Grunde nicht wirklich durchdacht sind -, sondern wir sollten in Ruhe auf der einen Seite dafür sorgen, dass der Mensch hochwertig versorgt wird, und auf der anderen Seite begreifen, dass Medizin die Grundlage einer zukünftigen Kultur ist. Erst dann sollten wir darüber nachdenken, wie wir mit den entstehenden Kosten umgehen wollen.

Eines jedoch ist für mich sicher und bleibt ein wesentliches Element zukünftiger Medizin: die Barmherzigkeit. Eine liebevolle Medizin bedeutet größtmögliche Hinwendung zum Menschen. Auf dieser Welt haben alle Menschen Platz, alters-, schichten-, religions-, geschlechts- und sprachübergreifend sind wir eine große globale Familie und sollten diese einzige Erde, auf der wir leben, gemeinsam und in Frieden gestalten, um eine friedliche Zukunftsgesellschaft und Zukunftskultur zu schaffen. Als Mensch, Wissenschaftler und als Arzt sehe ich hierin meine Verpflichtung.

In der Weiterentwicklung der Medizin müssen wir auch unbedingt auf unseren Nachwuchs achten. Der Nachwuchs besteht auf der einen Seite aus Krankenschwestern und Pfleger und sonstigen Therapeuten im medizinischen System, auf der anderen Seite aus den Ärzten. Die jungen Studenten und Studentinnen, die wir in der Zukunft brauchen, sind Menschen, die sich vom ersten Tag an leidenschaftlich und mit ganzem Herzen für ihr Fach engagieren. D. h. sie müssen von ihrem ersten Tag, so wie wir das an der Universität Witten/Herdecke seit zwei Jahrzehnten praktizieren, am Bett des Patienten lernen. Das heißt für mich, das „bedside teaching“ ist eine wesentlich Komponente der Ausbildung.

Als ich angefangen habe zu studieren, wusste ich gar nicht, was ein Patient ist. Wir mussten uns mit histologischen Präparaten (Gewebeschnitte) auseinandersetzen, die uns nicht wirklich erklärt wurden. Der Gesamtzusammenhang, was Medizin eigentlich bedeutet, auch die Auseinandersetzung zwischen Leben und Tod, die Einbettung des Menschen in den Kosmos, Gesprächsführung, Seelsorge waren keine Themen, die ich im Studium gelernt habe, sondern ich habe sie mir mit ganz viel Zusatzaufwand an Zeit selbst beibringen müssen.

Für mich ist auch ganz wichtig, dass wir die Teamarbeit unter Ärzten thematisieren und so die Berufsgrenzen aufbrechen. Den Arzt als Einzelkämpfer gibt es nicht mehr. Die Zukunft gehört der teamorientierten Medizin. Es werden auch ganz neue Berufsbilder entstehen wie beispielsweise der Mikrotherapeut, der ein fachübergreifender Arzt als Diagnostiker und Therapeut sein wird und sehr stark organspezifisch eingesetzt werden wird.

Auf der anderen Seite ist die Reflexion mit dem anders Denkenden und Handelnden wichtig, um von den Dogmatismen wegzukommen, den Dogmatismen der Schulmedizin; der herkömmliche Orthopäde und der herkömmliche Neurochirurg, die können sich kaum miteinander verständigen und haben jeweils eine ganz andere Vorstellung von Operationsvorgängen und Vorgehensweisen, sie sprechen unterschiedliche Sprachen, und hier werden unnötige Mauern aufgebaut. Wir könnten ganz viel voneinander lernen. Das sollte vor allem der junge Mensch von Anfang an begreifen.

Und als letztes ist für mich wesentlich, und da wiederhole ich das, was ich auch schon vorher gesagt habe, die philosophische und theologische Auseinandersetzung mit Leben und Tod. Vor allen Dingen, wenn ich mich mit den unterschiedlichen Philosophien und Religionen befasse, bekomme ich Respekt vor anderen Kulturen und kann auch dort Dogmatismen helfen zu überwinden. Ich sehe das als wirkliche Aufgabe der zukünftigen Ärztegeneration, sich hier leidenschaftlich mit einzusetzen. Denn wir sind ja diejenigen, die auch mithelfen, wenn ein Mensch auf die Erde kommt, und wir sind genauso dabei, wenn ein Mensch die Erde verlässt; und daher stehen wir eigentlich tagtäglich andächtig und demütig vor dem Gesamtkunstwerk Leben. Genauso wie der Geistliche in der christlichen, islamischen, hinduistischen, buddhistischen oder jüdischen Gemeinde.

Jetzt könnte man ja geneigt sein zu sagen, Zeit, die man für einen Patienten investiert, kostet viel Geld; Zeit, die man braucht, um Innovationen einzusetzen, kostet viel Geld; Innovationen an sich, sei es die Computertomografie bzw. Kernspintomografie oder Labordiagnostik würden die Budgets der Krankenkassen sprengen. Von all diesen Diskussionen halte ich nicht viel. Erstens, sage ich, müssen wir uns mal ganz konsequent um die Inhalte der Medizin bezogen auf die einzelnen Volkskrankheiten kümmern. Wir müssen von „leicht“ bis „schwer“ definieren, was wir beispielsweise in der Versorgung eines Rückenpatienten in der Angebotspalette haben wollen, was wir in der Versorgungspalette für spezielle Tumorerkrankungen oder Herz-/Kreislauferkrankungen haben. Dann würden wir von leicht nach schwer eigentlich sehr schnell feststellen, dass wir vor allen Dingen im Vorsorgebereich ganz viele Methoden, sowohl schulmedizinische oder unkonventionelle Heilmethoden haben, mit denen wir fantastische Möglichkeiten haben, den Krankheiten vorzubeugen.

Auf der anderen Seite müssen wir begreifen, dass das Gespräch ein wesentliches Element einer zukünftigen Medizin ist. Die Fürsorge, die Seelsorge müssten auch heute schon ganz anders im Abrechnungsmodus berücksichtigt werden und eine höhere Wertigkeit bekommen, auch im Vergleich mit den technischen Leistungen, die ja viel höher bewertet werden. Das müssen sie natürlich auch, weil sehr viel Investitionen vorgenommen wurden, um beispielsweise einen Kernspintomografen zu implementieren. Und trotzdem ist es billiger, ambulante Bandscheibenoperationen mit Laser und unter Lokalanästhesie vorzunehmen oder auch ambulante oder teilstationäre endoskopische Operationen, als Menschen tage- oder wochenlang im Krankenhaus versorgen zu lassen. Und das gilt schon seit 15 Jahren. Solange operiere ich schon mikrotherapeutisch Bandscheiben, und solche Operationen sind immer noch zur Hälfte billiger als ein Krankenhausaufenthalt. Außerdem müssen bei mikrotherapeutischen Eingriffen in der Regel weder eine Vollnarkose noch Schmerzmittel oder Psychopharmaka gegeben werden. Und das sind alles Kosteneinsparungen.

Das gleiche gilt bei der Vorsorge: Hochleistungsvorsorgemedizin (Labor oder diagnostische Methoden), um beispielsweise Gefäßverkalkungen frühzeitig zu erkennen und dann Vorsorgeprogramme mit Ernährungsberatung, Sport usw. anlaufen zu lassen, ist deutlich billiger als das, was wir im Moment in unserer nicht vernetzten Medizin und speziell auch in unserer  Krankenhausmedizin anbieten. Im Krankenhaus versucht man jetzt, ganz schnell in diese Richtung zu denken, hat aber auf der anderen Seite Großstrukturen, die erst mal finanziert werden müssen. Das muss sich in Zukunft ändern. Unterm Strich gesehen glaube ich aber, dass Innovation schon heute deutlich billiger ist als das, was wir bisher machen; sie wird aber nach wie vor dem Menschen vorenthalten.

Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang sagen, dass Krankenkassenziffern in der Regel in Deutschland 20 Jahre brauchen, bevor sie eingeführt werden. Solange wird Innovation im Gesundheitswesen zwar den Menschen, vor allen Dingen den privat Versicherten, angeboten, sie kommt aber erst in die wirkliche Versorgungskette auch eines gesetzlich Versicherten, wenn die Zeit im Grunde schon so weit fortgeschritten ist, dass längst schon wieder neue Innovationen stattgefunden haben.

* Zum Autor:
Dietrich Grönemeyer (Quelle: privat)

Dietrich Grönemeyer, geb. 1952 in Clausthal-Zellerfeld; Studium der Medizin in Kiel, der Sinologie und Romanistik in Bochum. 1978 Examen in Humanmedizin, 1982 wurde er an der Universität Kiel zum Dr. med. promoviert. 1990 folgte die Habilitation an der Universität Witten-Herdecke.
Professor Dietrich Grönemeyer, Inhaber des Lehrstuhls für Mikro-Therapie an der Universität Witten/Herdecke und Leiter des Forschungszentrums für Mikro-Therapie in Bochum, beschreibt hier Aspekte dieser zukünftigen Medizin.
Seit den 80er Jahren beschäftigt sich Grönemeyer mit der Mikrotherapie, sein Grundgedanke ist, den Patienten mit mikro-invasiver Technik möglichst schonend zu operieren. Grönemeyer gilt als Vater der Mikrotherapie, er gründete das Institut für Mikrotherapie als ambulante Therapieeinrichtung in Bochum sowie das Entwicklungs- und Forschungsinstitut für Mikrotherapie. Grönemeyer schaltet sich immer wieder in die gesundheitspolitische Debatten und plädiert vor allem für neue Behandlungsmethoden und für eine neue Rolle des Arztes.

Bücher:

- Mensch bleiben. High tech und Herz - Eine liebevolle Medizin ist keine Utopie. Herder;

- Med. in Deutschland. Standort mit Zukunft. ABW Wissenschaftsverlag:

- Mein Rückenbuch. Sandmann (erscheint demnächst).


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   Stand: FEBRUAR 2012

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