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Dr. med. dent. Kai Steffen Klimek: <<Zum Einfluss der Gaumengestaltung von Oberkiefer-Totalprothesen auf die Sprachlautbildung>> klimek@med.uni-marburg.de

Dissertationspreis 2004

Die gesprochene Sprache ist ein hoch komplexer Vorgang, der sich schon durch eine geringe Veränderung auch nur einer einzelnen beteiligten Komponente wesentlich beeinflussen lässt. Als solche Komponenten fungieren auch die Zähne, die Zunge und der Gaumen sowie weitere anatomische Strukturen, die bei der Artikulation zusammenwirken und sich gegenseitig beeinflussen. So legt sich die Zunge zur Bildung spezieller Reibelaute an das Gaumenrelief an, was bei Trägern von herausnehmbarem Zahnersatz, der den Gaumen teilweise oder ganz abdeckt, zu einer Veränderung der ursprünglichen Situation führt. Neben einer funktionellen und ästhetischen Rehabilitation muss eine prothetische Rekonstruktion demnach auch eine ungestörte Lautbildung gewährleisten. Die Gestaltung von Zahnersatz wird aus phonetischer Sicht in der aktuellen Literatur kaum berücksichtigt.

Ziel der Dissertation war es, den Einfluss der Ausformung der Gaumenplatte einer Totalprothese instrumentalphonetisch mit einer speziell entwickelten Methode zu untersuchen und therapeutische Ansätze zur Behandlung von Lautbildungsstörungen an Zahnersatz, speziell Totalprothesen, zu formulieren.

Für die Untersuchung konnten elf weibliche und neun männliche Probanden gewonnen werden, die neben dem jeweils gerade getragenen Zahnersatz noch ein zweites Totalprothesenpaar besaßen, an dem die Untersuchungen vorgenommen werden konnten. Weitere Kriterien waren eine relativ dialektarme Umgangssprache, ein gutes Lesevermögen und uneingeschränktes Hörvermögen. Zur Lokalisation der Lautbildungsstelle auf den Oberkiefer-Totalprothesen wurde eigens eine Methode zur Anfertigung eines Palatogramms* mittels eines Alkohol-Kakaopulvergemisches entwickelt, die sich auch einfach und unproblematisch auf die tägliche Praxis übertragen lässt.

Die Oberfläche des künstlichen Gaumens der Zweit-Totalprothese wurde nach Anfertigung eines Palatogramms, im Bereich der dadurch lokalisierten Artikulationszone, insgesamt sechsmal gezielt modifiziert, um das natürliche Gaumenrelief zu simulieren. Die Probanden mussten mit jeder dieser Modifikationen einen Lesetext vorlesen, der alle deutschen Sprachlaute in einem sinnvollen Satzgefüge enthält und in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Sprachatlas und dem Bundeskriminalamt entwickelt wurde.

Mit Hilfe eines DAT-Rekorders und eines an einer Kopfhalterung befestigten Richtmikrofons wurden akustisch hochwertige Sprachaufzeichnungen hergestellt. Über eine rechnergestützte Frequenzanalyse nach dem Prinzip der schnellen Fourier-Transformation (FFT) sowie anschließender statistischer Auswertungen war es möglich, Unterschiede in der Lautbildung der untersuchten Konsonanten als Folge der jeweils getragenen Modifikation der Gaumenplatte objektiv und reproduzierbar nachzuweisen.

In dieser Studie konnten statistisch signifikanten Abweichungen durch die Gaumenplattenmodifikationen in den Lauten [S, n, l] erzeugt werden, nämlich in der Regel durch das Auflegen einer transversalen Gaumenfalte im Bereich der zuvor ermittelten Artikulationszone. Unterschiede in der Artikulation konnte in dieser Untersuchung jedoch nicht in den Lauten [k, f, ts, s] und [C] nachgewiesen werden. Dies war gerade für den Laut [s] unerwartet, gibt aber einen Hinweis auf die Kompensationsfähigkeit der Artikulation beim Tragen von Zahnersatz.

Diese Studie zeigt erstmals statistisch gesicherte Ergebnisse zum Einfluss der Gaumengestaltung an Totalprothesen auf die Lautbildung. Des Weiteren konnten durch diese Ergebnisse therapeutische Ansätze zur Behandlung von Lautbildungsstörungen an Oberkiefer-Totalprothesen durch Veränderung und Ausformung des Gaumenreliefs erarbeitet werden.

*Palatogramm: Abbildung der Berührungspunkte und -flächen der Zunge mit dem Gaumen bei der Artikulation von Lauten. Sie wird mit Hilfe einer zu diesem Zweck konstruierten Gaumenabdeckung ermittelt, welche die Zungenspuren aufnimmt.
Quellennachweis: Kai Steffen Klimek: (Med. Diss. Marburg): „Zum Einfluss der Gaumengestaltung von Oberkiefer-Totalprothesen auf die Sprachlautbildung“, Verlag Görich & Weiershäuser, Marburg, ISBN 3-89703-571-5, EUR 15,--
Anschrift des Verfassers:  Dr. Kai Steffen Klimek, Med. Zentrum für Mund-, Zahn- und Kieferheilkunde / Prothetik,Georg- Voigt- Str. 3, 35033 Marburg

 


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Stand: SEPTEMBER 2010