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11. IZZ-presseforum, 24. Juni 2005, Heidelberg
<< Christa Bauer, Mutter einer erwachsenen geistig behinderten Tochter: Erfahrungen aus der Sicht von Angehörigen>>

Poliklinik für Zahnerhaltungskunde der Mund-, Zahn- und Kieferklinik des Universitätsklinikums Heidelberg (Kopfklinik)
Zusammenfassung des Vortrags auf dem 11. IZZ-presseforum am 24. Juni 2005 in Heidelberg

"Unsere Tochter ist heute 36 Jahre alt, körper- und geistig behindert und Epileptikerin."

Im Kindesalter hatten wir mit unserer Tochter weder beim Arzt, noch beim Zahnarzt, Schwierigkeiten. Beim Kinderarzt war sie bis zum 18. Lebensjahr, er hatte auch immer das gleiche Assistenzpersonal – entweder seine Frau oder seine Tochter. Im Wartezimmer waren Mütter mit ihren Kindern, mal laut, mal weniger laut, jedes Kind anders und unsere Tochter eben auch etwas anders.

Beim Zahnarzt war es ähnlich. Wir hatten einen Herrn mittleren Alters mit Vollbart als Zahnarzt. Für Katrin gehörte der Vollbart zu einem Zahnarzt. Sie war immer dabei, wenn ich behandelt wurde, saß anschließend auf meinem Schoss, machte den Mund auf, ließ sich untersuchen und mit dem langsam ratternden Bohrer erst Zahnschäden beseitigen und dann kam die Füllung rein – fertig.

Katrin kam mit 6 Jahren in eine Schule für Körperbehinderte – von einer geistigen Behinderung sprach damals niemand. Krankengymnastik, Ergotherapie und Logopädie waren seit der Einschulung im Schulalltag integriert. Die Krankengymnastin unterstützte Katrin beim Zähneputzen – fast alles normal.

Bei unserem „Hauszahnarzt“ wurden kleine Schäden der Milchzähne behandelt. Der Zahnwechsel verlief altersgemäß. Unser Zahnarzt mit Vollbart praktizierte bis zur Altersgrenze und übergab seine Praxis an einen jungen Kollegen, der renovierte die Räumlichkeiten von Grund auf und hatte natürlich auch neue Helferinnen. Katrin war damals 12 Jahre alt. Unser erster Besuch beim neuen Zahnarzt war ein Fiasko: Der junge Arzt war total überfordert – Katrin war bestimmt sein erster geistig behinderter Patient. Unsere Tochter machte den Mund nicht auf und saß total verängstigt im Behandlungsstuhl. Auch zwei weitere Versuche verliefen nach dem gleichen Schema. Dann sagte ich dem Zahnarzt, dass wir uns nach einem neuen Kollegen umsehen wollen und er war sichtlich froh.

Über Bekannte erfuhren wir, dass in Bad Cannstatt ein junger Zahnarzt mit Vollbart praktiziert. Mein Mann und ich ließen uns von ihm behandeln und schilderten ihm unsere Problematik. Er war bereit, es mit Katrin zu versuchen. Beim ersten und zweiten Besuch saß unsere Tochter im Behandlungsstuhl, probierte alle Sitz- und Liegepositionen aus, fühlte den laufenden Bohrer an ihrem Finger, füllte Wasser in den Becher und ging mit einer kleinen Zahnpasta hochzufrieden aus der Praxis – Zeitaufwand jeweils etwa 15 bis 20 Min. Beim dritten Besuch wurde es ernst. Zuerst musste das ganze nun schon bekannte Programm abgespult werden, dann wurde Katrin aufgefordert, den Mund zu öffnen – und sie tat es. Der Zahnarzt untersuchte die Zähne und wir bekamen einen neuen Termin. Beim vierten Besuch – das gleiche Prozedere, liess sich Katrin mit dem langsam ratternden Bohrer eine kleine Stelle ausbohren, dann kam die Füllung hinein und Katrin wurde entlassen. Behandlungsdauer 45 Minuten. Ich schildere dies so ausführlich, weil es bestimmt bei keinem Zahnarzt ins Budget passt, Patienten viermal einzubestellen und zu behandeln. Was normalerweise in 10 Min erledigt ist und auch so abgerechnet wird, brauchte bei unserer Tochter alles in allem 1 ½ Stunden.

Wir gingen zweimal jährlich regelmäßig zum Zahnarzt. Zum Glück hatte er immer dieselben Damen am Empfang und die gleichen Helferinnen. Wenn viele Leute im Wartezimmer waren und wir besondere Aufmerksamkeit erregten, fiel Katrin in alte Muster zurück und machte den Mund nicht auf. Als ich den Zusammenhang zwischen den Personen im Wartezimmer und Katrins Verhalten herstellen konnte, versuchten wir, morgens den ersten Termin zu erhalten. Katrin war etwa 15 Jahre bei diesem Zahnarzt und es gelang ihm mit sehr viel Geduld, Katrin zu behandeln. Bei größeren karösen Stellen trafen die beiden Absprachen: Bohren und zählen: 1 – 2 – 3 – Pause usw.; Einspritzen versuchten sie nach dem gleichen Motto: 1 – 2 und Katrin sprang vom Stuhl auf. Katrins Zähne hatten keine riesigen karösen Stellen, aber es bestand immer die Gefahr, dass sie den Zahn nicht ganz sauber ausbohren ließ. Bohren mit Wasserkühlung lehnte sie ab, weil sie die Wassermenge im Mund nicht vertragen konnte. Die Weisheitszähne wurden Katrin im Alter von 21 Jahren bei einem Kieferchirurgen in Vollnarkose gezogen. Das war für Katrin nicht beunruhigend und für mich ein Schlüsselerlebnis.

Vor 9 Jahren kamen wir erstmals zu Dr. Elsässer zur Behandlung. Katrin musste ein Zahn gezogen werden, der vermutlich nicht sauber ausgebohrt werden konnte. Die Extraktion erfolgte in Vollnarkose – für Katrin eine angstfreie Behandlung. Die folgenden Jahre waren wir bei unserem bisherigen Zahnarzt und in Notfällen bei Dr. Elsässer, was immer zwei Zahnarztbesuche bedeutete und bei Zahnweh auch Zeitverlust. Wir hatten uns anstelle unserer Tochter zu entscheiden: Medizinisch einwandfrei behandelte Zähne trotz Vollnarkose, evtl. zweimal jährlich – oder? Wir entschieden uns für die gründliche Behandlung ohne wenn und aber.

Ein grosses Problem bei allen geistig behinderten Menschen, ich habe es ganz zu Anfang schon angesprochen, ist die Zahnhygiene - das tägliche Zähneputzen. Menschen wie unsere Tochter, die auch noch eine körperliche Beeinträchtigung oder Behinderung haben, tun sich besonders schwer. Durch die motorischen Schwierigkeiten wird das Zähneputzen zum Problem. Meist kann ein Rechtshänder die rechte Seite nicht sauber putzen und umgekehrt. Natürlich gibt es schon etliche Jahre elektrische Zahnbürsten, die, wenn man sie richtig handhabt, sehr gute Ergebnisse erbringen. Nur: Unsere geistig behinderten Menschen haben Angst vor der Vibration und dem Geräusch.

Unsere Tochter lebt seit einigen Jahren in einer Wohngruppe der Lebenshilfe in Stuttgart. Viele Eltern haben ähnliche leidvolle Erfahrungen gemacht. Nur bei ganz wenigen geistig behinderten Menschen verläuft ein Zahnarztbesuch fast normal. Beim Zähneputzen ist es ähnlich: wenn in den Wohngruppen das Betreuungspersonal die Zahnpflege nicht überwacht, wird der Mund oft nur ausgespült und zur Tarnung ein wenig Zahnpasta gelutscht.

Wir sind mit der jetzigen Situation sehr zufrieden und froh, einen Zahnarzt gefunden zu haben, der die Nöte der geistig behinderten Menschen erkannt hat.


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   Stand: FEBRUAR 2012

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