<<Johannes Einwag: Möglichkeiten und Grenzen wirksamer Prophylaxe bei
Kindern und Jugendlichen>>
Professor Dr. Johannes Einwag ist Direktor des Zahnmedizinischen
Fortbildungszentrums Stuttgart und essentieller Partner im
trans-disziplinären Team zu einer zukunftsweisenden Zahnsanierung ab der
Kindheit.
Bitte beachten Sie: Das
Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch
bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der
ausdrückliche Genehmigung des Urhebers
Professor Dr. Johannes Einwag
1. Das Problem
Sowohl in den Medien (diese Feststellung betrifft
Fach- und Publikumspresse gleichermaßen) als auch unter den Patienten wird
„Zahn“- Prophylaxe fälschlicherweise zumeist auf Kariesprophylaxe
reduziert.
Dabei gibt es mindestens 6 weitere
Zielkrankheiten(-probleme) im Bereich des Zahnes und des
Zahnhalteapparates, deren Entstehung durch präventive Maßnahmen verhindert
bzw. kontrolliert werden kann: Gingivitis und Parodontitis.
Hinzu kommt die gesamte Palette der
Mundschleimhauterkrankungen, von der nikotinbedingten Leukoplakie
bis hin zum Mundhöhlenkarzinom.
Die gesundheitspolitische Bedeutung der einzelnen
Erkrankungen ist einem erheblichen Wandel begriffen: In den vergangenen
Jahrzehnten stand nahezu ausschließlich die Karies im Mittelpunkt des
Interesses : Die im Rahmen der Gruppen- als auch der Individualprophylaxe
zur Verfügung stehenden Mittel dienten im wesentlichen der Vorbeugung von
Zahnkaries bei Kindern und Jugendlichen .
Angesichts der bekannten Trends in der demografischen
Entwicklung wird zukünftig die Prävention der anderen o.a. Erkrankungen –
insbesondere der Gingivitis und der Parodontitis, sowie der
Mundschleimhauterkrankungen vermehrt in den Vordergrund auch der
gesundheitspolitischen Maßnahmen treten.
Karies wird zwar nicht aussterben, aber im
wesentlichen reduziert sein auf ein kleine Gruppe von Patienten mit
erhöhtem Kariesrisiko (ca 10-20% der jeweiligen Altersgruppe),
ein Trend, der bei den Kindern und Jugendlichen in sämtlichen
bekannten Industrieländern bereits in den letzten Jahrzehnten des
vergangenen Jahrhunderts zu beobachten ist und sich bis heute immer mehr
verstärkt hat.
2. Das aktuelle Vorgehen bei Kindern und
Jugendlichen
Hauptzielkrankheiten bei Kindern und Jugendlichen
sind neben der Zahnkaries die Gingivitis sowie Erosionen und Rezessionen.
Alle diese Krankheiten sind grundsätzlich vermeidbar – sie erfordern neben
der Anwendung allgemeingültiger grundsätzlicher Prinzipien
(„Basisprophylaxe“, wie z.B. tägliche schonende Mundhygiene, gezielter
Einsatz von Fluoriden, Zahngesundheitsbewusste Ernährung, regelmäßige
Betreuung durch das Prophylaxeteam ) in Abhängigkeit vom individuellen
Erkrankungsrisiko ggf. auch den Einsatz zusätzlicher Maßnahmen („selektive
Intensivprophylaxe“).
Voraussetzung für den Erfolg ist die gute Kooperation
zwischen einem kompetenten Prophylaxeteam und dem Patienten bzw. dessen
Eltern/Betreuer oder Bezugspersonen.
Die Aufgabe des Prophylaxeteams besteht dabei zunächst in der
individuellen Risikodiagnostik, der Herstellung der Hygienefähigkeit der
Mundhöhle , der Erstellung eines individuellen Betreuungskonzeptes und
entsprechender Information und Motivation des Patienten. In Abhängigkeit
von dessen Kooperations-Willen bzw. Kooperations-Fähigkeit müssen die
Ziele wie auch die Umsetzung der Strategie im Einzelfall ggf. modifiziert
werden (z.B. seltenere/ häufigere professionelle Betreuung ; Umstellung
der individuellen Mundhygienegewohnheiten; gezielter Einsatz von
Antibiotika…)
Es gehört zu den Selbstverständlichkeiten präventiv
ausgerichteter zahnärztlicher Teams, jeden Patienten entsprechend zu
informieren. Die Entscheidung über die Annahme des Angebotes liegt beim
Patienten selbst. Die Ablehnung der präventiven Betreuung (aus welchen
Gründen auch immer) sollte - nicht zuletzt aus forensischen Gründen -
dokumentiert werden.
3. Die Zukunft
Eine gesunde Mundhöhle ist keine Zauberei. Der
Aufwand, um dieses Ziel zu erreichen, variiert interindividuell
beträchtlich. Ca 80 bis 85% der Kinder und Jugendlichen können – tägliche
Mundhygiene mit den modernen fluoridhaltigen Produkten vorausgesetzt –
kurz und mittelfristig kariesfrei gehalten werden.
15-20% der Kinder und Jugendlichen, die sogenannte
Risikogruppe benötigen hingegen besondere Aufmerksamkeit. Neben einer –
in Bezug auf das normale Risiko - aufwändigeren häuslichen Prophylaxe ist
auch eine (quantitativ und qualitativ) intensivere Betreuung durch das
Prophylaxeteam erforderlich :
Häufigere professionelle Zahnreinigungen, häufigere
Fluoridapplikationen, häufigere Anwendung antibakteriell wirksamer
Produkte (vom Chlorhexidingel bis zur Antibiotikagabe), von intensiverer
Ernährungsberatung bis hin zur Fissurenversiegelung bereits im Milchgebiss
stehen eine große Anzahl wirksamer präventiver Strategien zur
Verfügung.
Die Anzahl kariesfreier bleibender Zähne steigt stetig – mit ihr
allerdings auch der Anteil der Schäden, die durch „fehlerhafte“
Mundhygiene verursacht werden.
Hier ist eine Neuorientierung der präventiven
Strategien angesagt: Nutzen spenden, ohne Schaden zu setzen –
das ist die Herausforderung der Zukunft ! |