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Wilhelm Mrazek, Direktor des
Museums für angewandte Kunst, Wien (heute: MAK), Katalog- Einführung
zu Walter Prankl, Galerie Junge Generation Wien 10.-30.
April 1961 Galerie Junge Generation
Im Jahre 1898 gab Ludwig Hevesi den Wiener Sezessionisten jene
Devise, die seither die gesamte europäische Kunstentwicklung
bestimmt hat: "
Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit". Der so gewonnene
Freiheitsbereich ermöglichte es , nicht nur neue Wege der Gestaltung
einzuschlagen, sondern sie auch bis ans Ende gehen. Und so mancher
Künstler der Generation von 1900 hat die vielen Wandlungen der Kunst
innerhalb der letzten Jahrzehnte, dem mythischen Proteus gleichend,
mitgemacht, der ein Zauberer war, der sich in alle Gestalten
verwandeln konnte.
Die Vielgesichtigkeit der modernen Kunst
hat sich jedoch seit Beginn der zweiten Jahrhunderthälfte zum
Doppelanlitz eines Janushauptes verwandelt, dessen zwei Profile im
wesentlichen von polaren, formverhärtenden
und formauflösenden Kräften geprägt und ein Ergebis globaler,
west-östlicher Begegnungen sind.
Esoterische Malpraktiken zenbuddhistischer Mönche beeinflussten die
"freie " Malerei der Informellen im Westen un westliche Abstraktion
verdrängte uralte fernöstliche Maltradition. Der Künstler aber,
welcher "der Zeit ihre Kunst" geben will, steht im Schnittpunkt
west-östlicher Einflüsse und gleicht dem
zweigesichtigen Janus der Alten, dessen Bestimmung als
"Pfortenöffner" auch für ihn gilt.
Walter Prankl, Jahrgang 1935, der zum ersten Male allein ausstellt,
gehört zu jener Generation, die dieser Situation gerecht zu werden
versucht. Seit früher Jugend auf sich
gestellt, verdankt er alles, was er bisher ereicht hat, allein
seiner eigenen Energie, seinen eigenen Antrieben.
Sein Weg führte über die Feinmechanikerlehre und die
Arbeitermittelschule an die Akademie für angewandte Kunst, wo er
gegenwärtig Architektur
studiert. Walter Prankl, der 34 graphische
Blätter ausstellt, kann bei seinem künstleischen Bilden und
Gestalten den "Arbeiter", den homo faber, nicht verleugnen.
Bei seinem Arbeitsvorgang wird das Zeichenblatt zur "Werkstatt", die
alle Spuren manueller Betätigung erkennen lässt. Bevorzugtes Mittel
ist die Tusche, die mitunter von der bunten Wasserfarbe begleitet
wird: die spröde Feder, der weiche Filzstift, der Stofflappen, der
Handballen, die Finger sind seine Werkzeuge. Der Blattgrund wird als
Material in die Gestaltung einbezogen. Er gleicht einem
"Schmelztiegel", in dem Prankl seiner Essenzen schüttet, in dem
errührt, in dem gekocht und gebraut wird, aus dem es dampft und
spritzt. Mitunter genügen ihm die künstlichen Materialien nicht
allein und er nimmt spontan die Mittel der Natur zu Hilfe, so wenn
er an kalten Wintertagen die wässerige Tusche zu den zarten
Strukturen der Eisblumen
erstarren lässt, oder wenn er schwere Regentropfen und das Grün von
auf dem Blattgrund ausgepressten Blättern in seine werkenden
Gestaltungsprozess miteinbezieht.
Was schliesslich am Ende dieser Arbeit als Niederschlag geblieben
ist, sind vorwiegend Städtebilder aus Ost und West. Ihre
Physiognomien sind von Strukturlinien, reduziert, verhärtet, von
wässerigen Tuscheflecken mit allen zufälligen Nuancen und
Differenzierungen, ausfliessend und aufspritzend
gebildet. Sie sind Material-Bilder, die das Naturvorbild entstehen
lassen, jedoch mit jener "offenen Form", die die Phantasie des
Betrachters miteinbezieht und aktiviert, so dass Bekanntes, längst
Versunkenes, aus dem Dunkel auftaucht und wieder erinnert wird.
Walter Prankls "Hände-Werk" ist ein Versprechen. Es verrät, dass er
das Zeug hat, eine Türe zu "neuen Räumen" aufzuschliessen.
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