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Online-Publikation: Januar 2009 im Internet-Journal
<<kultur-punkt.ch>>
Ereignis-, Ausstellungs-, AV- und Buchbesprechung
<< Rühmkorf, Peter: Selbst III/88. Aus der Fassung >>
736 Seiten. Format 18x25 cm. Haffmans Verlag.
Statt als bibliophile Luxusausgabe früher 245,00 € jetzt als schöne
Klappenbroschur 24,50 €. GP. Nr. 240119.
www.zweitausendeins.de; 2008;
Angela.Tieger@geonet.de
Inhalt
Wie ein Gedicht zur Sprache kommt: "Selbst III/88. Aus der Fassung"
gestattet uns einen spannenden Blick in die Arbeit Peter Rühmkorfs.
Peter Rühmkorf, feuriger Wortkünstler und freimütiger Bekenner
verborgenster Privatissima, offenbart in diesem außergewöhnlichen
Buchprojekt die Genese eines Gedichts in sämtlichen Details:
"Wie arbeitet ein Gedicht sich voran, und zwar in aller
Bescheidenheit vom ersten Einfall bis zum allerletzten Schlusspunkt?
Wie gliedert sich ein lyrischer Organismus in die Länge und Breite
und nach welchen Gesetzen verketten sich die Assoziationen überhaupt
zu einem gesammelten Ganzen? Das ist als Fragestellung zwar nicht
unbedingt neu, und wie wir den kritischen Werkausgaben von Friedrich
Hölderlin bis zu Georg Heym und Georg Trakl entnehmen können, hat
sich den Dichtern öfter schon aus vielen verlorenen Augenblicken ein
Universum gebildet, und aus zahlreichen vorgreifenden und
nachfassenden Federzügen am Ende das Gedicht. Trotzdem weisen die
Rekonstruktionen der Vergleichswissenschaften zwangsläufig die
hässlichsten Baulücken auf.
Was sich erhalten hat und was man dann mit Geduld und Spucke
übereinanderkopieren oder nebeneinander herlesen kann, sind
sogenannte Entwürfe, Probierläufe, Phasen und Fassungen, aber wie
ein Gedicht sich wortwörtlich, um nicht zu sagen, buchstäblich
entwickelt, bleibt aus Mangel an Bauabfällen der bloßen Vermutung
überlassen ... Wo immer ich gehe, stehe, sitze, liege oder fliege,
rast, flattert, flimmert, wedelt, taumelt, fegt und schwebt so viel
poetischer Leuchtstoff auf meinem inneren Wahrnehmungsschirm vorbei,
dass ich ihn in der Eile weder verbinden noch zur Ordnung rufen kann
...
Es war ein Herzenswunsch von Peter Rühmkorf zu dokumentieren, wie
sich aus der Ursuppe der lyrischen Leuchtstofffragmente über
zahllose Zwischen- und Überarbeitungsstufen die Fassung letzter Hand
herauskristallisiert. Daraus entstand ein großformatiger Band mit
über 700 faksimilierten Manuskriptseiten in einer limitierten und
längst vergriffenen Luxusversion.
Fazit
Lassen wir Peter Rühmkorf selbst zu seinem markanten Skizzen-Werk
"Selbst III/88. Aus der Fassung" Position einnehmen: "Der Einfall
ist die kleinste belebte Einheit des Gedichtes, fraglos seiner
selbst sicher und doch zugleich der Ausdruck universaler
Fassungslosigkeit ... Was sie auszeichnet vor einer Welt
geschlossener Systeme (auch dem formalen Ordnungssinn von
regelrechten Strophen), ist ja gerade ihre unüberlegte
Sprunghaftigkeit, Leichtfertigkeit und Treffsicherheit - sie
schlenkern so hin und sitzen".
Tatsächlich ist die Faksimile-Technik in Schreibmaschinenschrift,
mit Korrekturen, Ergänzungen, Varianten und Strichzeichnungen, die
das Schriftbild kreuz und quer durchziehn, eine vibrierende
Begegnung mit dem kreativen Prozess, die sofort einnimmt und zum
Nähern einlädt: Einfach und grossartig, dieses unmittelbar
Eintreten- und Verweilen-Können in den Kontext des
Bild-Poeten Peter Rühmkorf. w.p.09-1
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