|
 
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden 08-11: Malewitsch - Von der Fläche
zum Raum
Online-Publikation: November 2008 im Internet-Journal <<kultur-punkt.ch>>
Ereignis-, Ausstellungs-, AV- und Buchbesprechung
<< Kasimir Malewitsch (1879–1935) "Von der Fläche zum Raum" oder
"Von Ikonen zu Architektonen" - Malewitsch und die frühe Moderne :
Große Landesausstellung zum 100-jährigen Jubiläum der Staatlichen
Kunsthalle Baden-Baden, 25.10.2008 – 25.01.2009 >>
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Lichtentaler Allee 8A, 76530
Baden-Baden
Telefon +49-(0)7221-30076-401, Fax +49-(0)7221-30076-500
www.kunsthalle-baden-baden.de; info@kunsthalle-baden-baden.de
Ausstellungs-Veranstalter: Karola Kraus, Leiterin der Staatlichen
Kunsthalle Baden-Baden und Ministerium für Wissenschaft, Forschung
und Kunst Baden-Württemberg, Postfach 103453, 70029 Stuttgart
Katalog: Malewitsch und die Frühe Moderne, 28 €; Anfrage per e-Mail:
walther@kunsthalle-baden-baden.de
Fazit, vorangestellt
Malewitsch's aktuell nutzer- und fachweltbekanntes Schwarzes Quadrat
- ab 1915 erstmals auf Papier und 1929 in Öl auf Leinwand
entstanden, zu sehen in der Staatlichen Tretjakow Galerie in Moskau
- hat dort ein halbes Jahrtausend junge Geistesverwandte beheimatet
- die russischen Ikonen*). Die ästhetisch-historische Ader lässt
sich bis zur griechischen Geometrie zurückverfolgen - zeigt sich
hintergründig und kompositorisch in der Ikonenmalerei verbirgt sich
in der neuzeitlichen Figurativen Kunst und bricht revoltierend an
der Wende des 19.-20.Jahrhunderts hervor ( Hölzel, Mondrian, Bauhaus
und hier bei Malewitsch mit der einfachsten Empfindung, dem
Suprematismus.
"Schwarzes Quadrat" 1915-1930, Öl auf Leinwand, 79,5 x 79,5 cm,
heute im Besitz der Tretjakow-Galerie, Moskau, ist das Schlüsselbild
Malewitsch’s auf seinem Weg zur anvisierten Vollkommentheit mithilfe
des Suprematismus. Wir sehen da ein schwarzes Quadrat in weisser
Umgebung, ein Fünftel-Rand. Der Zahn der Zeit hat im Schwarz
gewütet. Es zeigen vernetzte Risse, gleich aufgerissenem Erdboden,
bedingt durch lange Trockenheit. Die Natur schlägt der Kunst ein
Schnippchen.
Dieses paradigmatische Werk hat Malewitsch genial, wegbereitend für
das 20. Jahrhundert selbst mit der puren suprematischen und damit
elementaren und einfachsten Empfindung definiert: Farbe/Nichtfarbe
5:1, wobei die Zahl 5 auf den Menschen weist und seiner physischen
Ausdehnung entspricht, vom Ich und der Welt optimal abstrahiert,
kündend.
Mit dem Begriff Vollkommenheit gepaart mit Suche nach ihr, weist er
zugleich auf die situativ bedingte Unvollkommenheit hin. Darüber
hinaus verwendet Malewitsch neben dem Ich - Begriff den des Wir. Das
weist in zwei Richtungen: auf das Diesseitige des Weges sowie das
Jenseitige seiner Suche. Masse als Sichtbares (Schwarz, Rot...)
Gesellschaft und Zeitgeschehen: Politik und das Unsichtbare (Weiss
oder Zwischenraum zur jeweiligen geometrischen Formation): Geistige
Manifestation, Philosophie, Religion als Ikon bis zu Richters's
Domfenster in Köln...
Klar ist damit, dass er nach der Oktoberrevolution und der
Stalinisierung der Künste, hier als ein Quertreiber der parteiischen
und rein diesseits gerichteten Utopie gesehen und (v)erkannt wurde.
Majakowski und Jessenin haben das, sehr früh begriffen und den
Suizid vorgezogen. Nicht so Malewitsch, Schostakowitsch ähnelnd, hat
er sich auf den Wegrand der Zeit begeben, dort hat er sich immerhin
überlebend noch 1934, als Stalin mit Gorki, diesen unheilvollen,
erweiterten Angriff auf die Vollkommenheits - These von Malewitsch,
den Soz-Realismus definiert und dies auch noch in den sowjetischen
Satellitenstaaten bis in die 80-iger Jahre umgesetzt haben, konnte
dieser in der Ausstellung: 15 Jahre Künstler... neben figurativen
Bildern wie Mädchen mit roter Stange, Arbeiterin, einem
Frauenporträt noch sein Schwarzes Quadrat zeigen, klarerweise ausser
Katalog.
Auch seine hintergründige Parodie wird im Bild "Malerischer
Realismus einer Bäuerin in zwei Dimensionen" deutlich: Es zeigt ein
rotes Quadrat, nur 3 Grad nach rechts geneigt (Anspielung auf die
politische Geradheit der Bäurin) in einem gelblichen,
hoch-rechteckigem Weiss (Weizenfeld assoziierend) Das ehrt
Malewitsch als einer dem Schreckensdiktat Entkommenen im ganz
besonderen Masse als pragmatischen und überlebensstarken Menschen,
neben seiner genialen Leistung seines Dynamischen Suprematismus.
Lassen Sie uns zu den bestehenden ästhetischen Blickweisen, Filter,
Ver-, Zerstörungen - die zwischen Architektur und Kunst aufgetreten
sind - ausführen:
Die Filter-Schichten der Macht-Vertreter der letzten 100 Jahre und
ihre Eigentümlichkeiten sind
- historisierend-nationalistisch (eklektizistisch, Stil-Mix von
Antike-Gründerzeit...) VERKLEIDUNG
- national-sozialistisch ( prekär historisierend figurativ > Brecker,
Speer...) VERHEIMLICHUNG
- sozial-demokratisch ( figurativ > Wiener Werkstätte: Hoffmann,
Härdtl... Alvar Aalto. abstrakt Lhose....
konzeptiv-animistisch:
Beuys ) BEKLEIDUNG
- sozial-realistisch / kommunistisch ( diktiert
figurativ-rembrandtesk < Guttuso .....) UTOPISIERUNG und am Beispiel
des
Glasfensters im Kölner Dom
hervorstechend:
> östlich
theokratisch (russisch-, griechisch-orthodox, chassidisch:
Malewitsch (Schwarzes Quadrat auf weissem Umfeld)*,
Chagall ; MYSTIFIKATION,
VERINNERLICHUNG
> westlich (römisch-katholisch: Rouault,
Dali, Rainer/Stephansgalerie Wien, Nitsch, Schellander...)
OPFERBEREIT-BILDHAFT-
SZENARISCH-
- liberal-demokratisch
(evangelisch-protestantisch, puritan..: abstrakt, konstruktistisch,
konkret > Bauhaus -
PC-Design- Pixelauflösung > Kandinsky,
Gropius...Albers, Bill, Lhose...Richter
ENTPERSÖNLICHTE
TRANSZENDENZ
Schlussfolgerungen - Erlebbare Erkenntnis
Das in der Architektur inhärente Ornament wurde in den vergangenen
hundert Jahren ausgegrenzt , für tot erklärt (Loos...), das Bauhaus
erweiterte die Entfremdung: es enthauste das Ornament..
Die Architektur erscheint in ihrer puritanen Nacktheit, tritt nun
selbst als Unbehausende in und vor die Gesellschaft hier und jetzt.
Das Ornament, auch Design genannt, wohnt nun in der PC-Pixel-Flut
und scheint uns als puritanes spektralfarbenes Quadrat*
virtuell-leuchtend am Bildschirm entgegen...
Richter ist es gelungen dieses Quadrat* an einer dem Süden
zugewandter Position der Mittagssonne vis a vis zu setzen und so
leuchten diese Glasquadrate körperhaft durchscheinend (farbdurchtönend
= per sonare) gleichnishaft zeitgleich (real time) allem
Persönlichen
entkleidet uns entgegen, machen uns - so wir die richtigen Filter
wählen - auf unsere Fremde und zugleich aufmerksam und geben uns auf
unserem (Augen)Weg in das Licht zugleich die Möglichkeit zur
Erhellung, Erleuchtung in der Frage zum Unsichtbaren,
Unbegreiflichen, Unaussprechlichen...schlicht nach Zukunft.
Weitere vertiefende Hinweise:
http://www.kultur-punkt.ch/praesentation/ereignisse/malewitsch02.htm
http://www.kultur-punkt.ch/praesentation/titelbilder/titel-07-9richter-meisner.htm
http://www.kultur-punkt.ch/praesentation/ereignisse/inhaerenz98.htm
http://www.kultur-punkt.ch/praesentation/architektur/ornament3-00.htm
http://www.kultur-punkt.ch/buchtipps-allgemein/triton-insel4-01.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Ikone
*) Die Ikone (von ikóna, „Bild“, „Abbild“; im Gegensatz zu ídolo,
„Trugbild“, „Traumbild“ , ídos, „Urbild“, „Gestalt“, „Art“) ist das
Kultbild der Ostkirchen, besonders der orthodoxen Kirchen des
byzantinischen Ritus. Ikonen sind kirchlich geweihte Bilder und
haben für die Theologie und Spiritualität der Ostkirchen eine sehr
große Bedeutung.
Der Zweck der Ikonen ist, Ehrfurcht zu erwecken und eine
existenzielle Verbindung zwischen dem Betrachter und dem
Dargestellten zu sein, indirekt auch zwischen dem Betrachter und
Gott. Ikonen werden in der Orthodoxen Kirche weder als
Kunstgegenstände noch als Dekoration angesehen....aber umsomehr in
der anwendungsorientierten und freien künstlerischen Gestaltung.
w.p. 08-11
************
Zur Ausstellung:
Anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens beleuchtet die Staatliche
Kunsthalle Baden-Baden das Werk Kasimir Malewitschs im Kontext
seiner Zeit. Malewitsch zählt als Wegbereiter der abstrakten Kunst
und Begründer des „Suprematismus“ (der Kunst der rein geometrischen
Form) zu den Schlüsselfiguren der Kunst des 20. Jahrhunderts. Werke
wie das Schwarze Quadrat auf weißem Grund (1915) waren wegweisend
für die künstlerischen wie auch intellektuellen Kreise seiner Zeit.
Durch sein Werk und seine Lehrtätigkeit beeinflusste er in Russland
wie auch in Europa die Maler ebenso wie Vertreter der angewandten
Kunst, Bildhauer und Architekten.
Die ungegenständlichen Farbflächen in Malewitschs Bildern schweben
vor dem weißen Bildgrund wie vor einem leeren Raum. Der
Faszinationskraft dieser Werke konnte sich kaum einer seiner
Zeitgenossen entziehen – eingeschlossen seine künstlerischen
Widersacher wie Vladimir Tatlin und Alexander Rodtschenko. Dessen
Beschäftigung mit Architektur und Möbelbau mündete 1925 in die
Gestaltung eines Arbeiterclubs, der modellhaft die Ideologie der
Russischen Revolution verkörpert.
Für die von Malewitsch anvisierte Umgestaltung der Welt sollte das
räumliche Potenzial des Suprematismus weiterentwickelt und eine
Architekturkonzeption der Zukunft formuliert werden. Malewitsch
beauftragte damit El Lissitzky, der von 1919 an in der Werkgruppe
der Prounen (Projekte zur Verfechtung des Neuen) dem Chaos und der
Leere des Raumes eine strukturierte Ordnung entgegensetzte. Kurt
Schwitters knüpfte mit seiner Arbeit hier an und schuf mit seinem
MERZbau (1920–1936) als begehbare Raumskulptur ein zentrales Werk
der Moderne.
Die Ausstellung widmet sich dem grundlegenden bildnerischen Denken
des Suprematismus in Fläche und Raum. Gezeigt werden neben zentralen
Arbeiten von Malewitsch Werke u. a. von Wassily Kandinsky, Gustav
Kluzis, El Lissitzky, László Moholy-Nagy, Ljubow Popowa, Olga
Rosanova, Alexander Rodtschenko, Kurt Schwitters, Nikolai Suetin und
Vladimir Tatlin sowie eine Auswahl russischer Keramik der Zeit.
Anhand von drei aufwändigen Raumrekonstruktionen wird ein zentrales
Thema der Avantgarde, die Überführung flächiger Konstruktionen in
den Raum, erfahrbar gemacht.
Einladende Worte von der Leiterin Karola Kraus zum
hundertjährigen Jubiläum:
"Liebe Freunde und Interessenten der Staatlichen Kunsthalle
Baden-Baden,
die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden feiert in diesem Jahr ihr
hundertjähriges Jubiläum. 1908 wurde der viel gerühmte Bau von
Herrmann Billing vollendet und im Frühjahr 1909 mit der ersten
Ausstellung in Anwesenheit des Großherzogs von Baden eröffnet. Die
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden ist seither ein Forum der
Auseinandersetzung mit der Bildenden Kunst von der Avantgarde bis
zur Gegenwart und hat sich als ein Haus mit einer großen
Ausstellungstradition etabliert.
Unsere Große Landesausstellung „Von der Fläche zum Raum. Malewitsch
und die frühe Moderne“, die mit profunder Unterstützung des
Ministeriums für Forschung, Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg
realisiert werden konnte, Ieitet mit exquisiten Leihgaben aus
Russland und Europa, großen Raumrekonstruktionen von El Lissitzky,
Alexander Rodtschenko und Kurt Schwitters, sowie mit
Revolutionsporzellan aus Landesbesitz das Jubiläumsjahr ein.
Die im Frühjahr 2009 folgende Jubiläumsausstellung „7 x 14“ knüpft
an die legendäre Ausstellungsreihe „14 x 14“ unter der Leitung von
Klaus Gallwitz aus den 1960er Jahren an. Hier wird der aktuellen
deutschen Kunstszene mit einer raschen Folge von Ausstellungen im
14-tägigen Wechsel ein lebendiges Forum geboten. Im Sommer des
Jubiläumsjahrs 2009 wird die Aktualität von Design im Dialog mit der
Bildenden Kunst untersucht werden. Im Anschluss daran organisieren
wir in Kooperation mit dem Museum Frieder Burda eine große Werkschau
von Georg Baselitz, wobei der Fokus in der Staatlichen Kunsthalle
Baden-Baden auf das zeichnerische und im Museum Frieder Burda auf
das malerische und skulpturale Werk des Künstlers gelegt wird.
Zu jeder Ausstellung veranstalten wir ein umfangreiches
Rahmenprogramm mit Führungen, Vorträgen, Lesungen und unseren
abwechslungsreichen Filmreihen, die von kulinarischen Besonderheiten
im Café Kunsthalle begleitet werden.
Wir freuen uns auf Ihr zahlreiches Erscheinen!
Karola Kraus und das Team der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden,
Oktober 2008".
****************** |