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Anton Stankowski: Eine musterbildende Retrospektive
zur konstruktiv-funktionalen Gestaltung
Staatsgalerie Stuttgart: 08. April – 02. Juli 2006; Haus Konstruktiv,
Zürich; 23. August – Ende Oktober 2006;
Museum Folkwang, Essen, Anfang 2007.
Der Katalog
wird von Ulrike Gauß, Graphische Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart und
der Stankowski-Stiftung herausgegeben
mailto:info(@)stankowski-stiftung.de /
www.stankowski-duschek.de
Hatje Cantz Verlag
www.hatjecantz.de : Meike Gatermann
mailto:mg@kulturagentur.net
Zur inhaltlichen Gliederung der Retrospektive:
Überblick; Fotografie; Gemälde der 50er bis 90er Jahre; Marken und Grafik
Design der; Nachkriegszeit; Arbeiten auf Papier 1927 bis 1939; Die
Skizzenbücher; Gebrauchsgrafik der Vorkriegszeit; Die Plakate; Züricher
Zeit; Frühe Tafelbilder 1929 bis 1939; Die Funktionsgrafik;
Die Gestaltungslehre; Serielle Plastiken und die Gestaltung im
öffentlichen Raum; Fazit.
Überblick
Zum 100. Geburtstag von Anton Stankowski (1906 -1998) zeigt diese groß
angelegte und zugleich musterbildende Retrospektive dank
über 10 KuratorInnen
einen umfassenden Überblick über das freie und angewandte Schaffen des
Künstlers.
Das Gesamtwerk beeindruckt durch seine mediale Vielfalt, von der Fotografie
über die Malerei bis hin zu seinem gebrauchsgrafischen Werk, das das
visuelle Erscheinungsbild der deutschsprachigen Länder Mitteleuropas
mitgeprägt hat.
Es ist ein überaus gelungener Versuch, sowohl den Pluralismus seines Werkes
aufzuzeichnen als auch die Gemeinsamkeit, die Visualisierung von Inhalten,
hervorzuheben. Für Anton Stankowski hat stufenlos zwischen freier und
angewandter Kunst gearbeitet. Beide Bereiche haben sich in seinem Werk
ständig durchdrungen.
Die Inhalte orientieren sich an der Ausstellungskonzeption und dem
begleitenden , wie immer hervorragend gestalteten Katalogbuch, dank Meike
Gatermann
mg@kulturagentur.net , das im Hatje Cantz Verlag erscheint..
Einblick
in den generationsübergreifenden Gestaltungsvorgang am Beispiel der
Thematik Frau als geometrische Wesenheit
bei Malewitsch und Stankowski:
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http://www.kultur-punkt.ch/praesetation/ereignisse/malewitsch02.htm
Die originär russisch-konstruktive, vom Gefühl geleitete und von der Revolte
durchtobten, innerlich gereinigte Empfindung und ihre
geometrisch-geomantische Gestaltungsaussage steht hier der
deutsch-schweizerisch-konstruktiven, vom Verstand und mathematischen
Überlegungen von aussen gesteuerten Aussagekraft in einer
strategisch-demokratischen Situation gegenüber. Auch die Mitstreiter Albers..., Lhose und Bill sind hintergründig mitkalkuliert....
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| Malewitsch:
Bäuerin, um 1920 |
Stankowski: Systematisches Planen, 1964 |
Fotografie
Kuratoren: Ulrike Gauss, Kassandra Nakas
Über 40.000 Negative umfasst das Fotoarchiv von Anton Stankowski. Von
Momentaufnahmen, experimentellen Fotos, Dokumentarbildern bis hin zu
Fotomontagen reicht das Spektrum. Dabei gibt es keine Wertung, das
Essbesteck war ihm genauso wichtig wie die Straßenszene vor seiner Wohnung
oder eines seiner Selbstporträts. Viele Motive sind zur Verwendung in der
Werbung entstanden, zeugen jedoch mit ihrer eigenen Formsprache vom
experimentellen Umgang Stankowskis mit der Fotografie und von seiner
unstillbaren optischen Neugierde, die ihn getrieben hat, eine Art Inventar
der Gegenstände dieser Welt aufzubauen. Schon früh begann Anton Stankowski
seine Umwelt auf Fotofilm festzuhalten. Als Schüler von Max Burchartz an der
Essener Folkwangschule nahm er bereits 1929 an der internationalen
Ausstellung des Deutschen Werkbunds zum Thema „Film und Foto" in Stuttgart
teil, im gleichen Jahr ging er nach Zürich und richtete in der dortigen
Werbeagentur Max Dalang ein Fotostudio ein. Mit der Typografie verband sich
dabei die Fotografie zur „Foto-Grafik“, Anton Stankowski wurde einer ihrer
Pioniere. Heute sind seine Fotografien in internationalen Museen vertreten.
Gemälde der 50er bis 90er Jahre
Kuratorin: Ursula Zeller
Anton Stankowskis bildnerisches Werk wird der Konkreten Kunst zugeordnet,
doch es geht weit darüber hinaus. Zwar geht auch er von der reinen Form wie
Quadrat, Kreis und Rechteck aus, doch setzt er sie nicht dogmatisch ein. Ihm
geht es vielmehr um ein Ordnungsprinzip, das Aufgaben visualisiert. Er
spielt mit Perspektive und Dynamik, mit Farbe und Serie. Dabei setzt er
keines der Elemente willkürlich ein, sondern gliedert die Fläche und gibt
den Formen einen Rhythmus. Für Anton Stankowski war die freie Malerei eine
wesentliche Inspirationsquelle. Sie bekommt zunehmend Gewicht in seinem
Werk. Teilen, Rotation, Zeit – Inhalte, die er mittels Malerei umsetzt, sie
in seine angewandten Arbeiten einbringt. Stankowski geht es dabei um die
vereinfachte Darstellung komplexer Themen. In den 50er Jahren experimentiert
er noch viel mit der Symmetrie und Asymmetrie, Anfang der 60er Jahre kommt
erstmals die Schräge in das Werk, ein neues Element in der konstruktiven
Kunst. Die 70er Jahre zeigen dann eine zunehmende Auseinandersetzung mit
Farbabläufen und in den 80ern verlässt er das Tafelbild und kommt zu den
freien Formen. Doch die Form ist und bleibt ein Mittel zum Zweck, um „zu
vereinfachen, zu versachlichen und zu vermenschlichen – das Letzte ist das
Schwerste“, so das Credo von Anton
Stankowski.
Marken und Grafik Design der Nachkriegszeit
Kurator: Karl Duschek
Wer kennt sie nicht: das Zeichen der Deutschen Bank, die Wortmarke von
Viessmann, die Marke von REWE, oder die ehemaligen Strahlen von SEL. Als
Grafikdesigner hat Stankowski zwar alle Facetten der visuellen Kommunikation
bearbeitet, aber die Gestaltung von Marken und von komplexen visuellen
Informationssystemen wurden seine Schwerpunkte. Hier ist die Durchdringung
von Kunst und Design am stärksten spürbar. Er lehnte eine Trennung von
beiden Bereichen ab. Stankowskis grafische Problemlösungen haben dadurch
eine ganz eigene und bis dahin noch unbekannte Ikonografie entwickelt. Seine
Kunstvorstellung überlagerte sich mit dem Anspruch an Information, es
entstanden zum Teil Marken mit einem ästhetischen Reiz eines Kunstwerks.
Anton Stankowski gestaltete zahlreiche Markenbilder, viele davon haben noch
heute ihre Gültigkeit. Dabei arbeitete er nicht nur mit Unternehmen
zusammen, sondern auch mit Institutionen oder Städten, wie zum Beispiel der
Stadt Berlin, für das er 1969 das Erscheinungsbild gestaltete. Für ihn war
immer der direkte Kontakt mit seinem Auftraggeber wichtig. Viele seiner
„Firmengesichter“ sind so entwickelt worden und auf lange Jahre lebendig
geblieben.
Arbeiten auf Papier 1927 bis 1939
Kuratoren: Ulrike Gauss, Kassandra Nakas
Das frühe bildnerische Werk von Anton Stankowski entstand in den frühen
zwanziger Jahren, die geprägt waren von Suprematismus*, Konstruktivismus, De
Stijl und Bauhaus. Doch unterwarf sich Stankowski nicht diesen Dogmen,
sondern unterlief die rein formalen Tendenzen, da bei ihm die funktionale
Gestaltung im Vordergrund stand. Er entwickelte sein Werk zielgerichtet auf
den übergreifenden thematischen Komplex hin. Seine frühen Arbeiten
vermitteln Information. Er benutzt dazu die gesamte Bandbreite der
geometrischen Abstraktion unter ständiger Bereitschaft zur Innovation und
zum Übertreten des geläufigen Formenkanons. Schon damals bevorzugte er die
Diagonale als Bildelement. Früh strebte er nach einem deutlichen räumlichen
Aufbau und nahm damit eine Sonderrolle innerhalb der abstrakten Tendenzen
ein. In den Jahren 1928 bis 1930 entwickelte Stankowski seine
Gestaltungsfibel, 60 Arbeiten auf Papier, die von einer neuartigen
Bildsprache und einer undogmatischen Verwendung von Formen zeugt. Er spielt
mit Positiv/Negativ, Reihe und Serie, Perspektive, aber auch mit Collagen –
alles Stilmittel, die ihm zur Visualisierung von Begriffen dienten.
Die Skizzenbücher
Kuratoren: Werner Meyer, Annett Reckert
Für Anton Stankowski war visuelle Ideenfindung ein Prozess und weniger der
Kuss der Muse. Und dafür bedurfte es des Trainings. Wie groß dabei sein
Ideenreichtum und wie vielfältig sein Querdenken war, davon zeugen seine
Skizzenbücher. Sie sind der wichtigste künstlerische Nachlass von Anton
Stankowski. Er hat die ihm vom Freund Walter Cantz geschenkten „Leeren
Bücher“ seit den fünfziger Jahren mit Stift, Feder und Pinsel gefüllt.
Seitdem er sich in den achtziger Jahren von der Leitung seines Ateliers
zurückgezogen hatte, wurden sie ihm zu visuellen Tagebüchern. 116
Skizzenbücher hüten seinen künstlerischen Schatz, jedes mit etwa vierzig
Blättern. Schon in seinen Studienjahren begann er mit losen Skizzenblättern
und der Praxis, Gedanken visuell zu entwickeln. Er war der Überzeugung, dass
man über das Bild, über das bildhafte Denken in unbekannte Bereiche
vordringen kann. In den experimentellen Übungen auf dem Gebiet der Formen
tritt die themengebundene Information zurück, das Systematische gewinnt an
Bedeutung. „Systematik“, ist ein Lieblingswort Anton Stankowskis –
allerdings weiß er, dass man seine Ideen mit Logik und Phantasie
gleichermaßen angehen muss. „Alles Lebendige strebt danach, weiter zu
wachsen und sich dabei selbst zu vervollkommnen.“ Hinter dieser Formulierung
steckt ein Selbstporträt von Stankowski und die Antriebsfeder seiner Arbeit.
Doch nicht die Perfektion steht für ihn im Mittelpunkt, sondern die Suche
nach weiteren künstlerischen Ausdrucksmitteln von Inhalten, Formen und
Variationen.
Gebrauchsgrafik der Vorkriegszeit
Kurator: Jörg Stürzebecher
Es geht Stankowski um Ordnung der Inhalte, um deren informative Gewichtung
und in der Gesamtkonzeption um die Balance zwischen Spannung und Harmonie.
Diese Grundsätze ziehen sich von Anbeginn an durch seine grafischen
Arbeiten. Bereits während der Studienzeit an der Folkwangschule enstanden
erste gebrauchsgrafische Gruppen. Nach zwei Jahren freier Mitarbeit in der »werbe-bau«-Agentur
Canis in Bochum wurde Stankowski 1929 von Max Dalang nach Zürich geholt, das
spätere Zentrum „Neuer Gestaltung“ und „Konkreter Kunst“. Hier konnte
Stankowski seine Vorstellungen frei ausleben: er bezog die Fotografie in die
grafische Gestaltung mit ein, stellte ihr eine neue Typografie zur Seite und
fügte ein dynamisches Element hinzu, indem er Schriftzeilen schräg stellte
oder geometrische Formen, oftmals im Anschnitt, hinzuzog. Ziel war immer die
Information. So spricht Stankowski auch die klare Akzidenz-Grotesk-Schrift
„heilig“, die er seitdem benutzt. Kein Beiwerk, kein Umfeld soll vom Objekt
ablenken, seine eigenen eingesetzten Fotos sind entsprechend klar und
„objektiv“. Zeichnung und freie Malerei sind in der Vorkriegszeit „geistiges
Laboratorium“ für ihn und stehen noch nicht so gleichbedeutend mit dem
Grafikdesign, wie es später der Fall ist. Doch schon damals wird deutlich,
dass die Beschäftigung mit der Fläche und dem Raum sich durch alle
Schaffensbereiche von Stankowski zieht und alles sich gegenseitig
durchdringt.
Die Plakate
Kurator: René Grohnert
Bei Anton Stankowski verlockt das Plakat durch kein vorgetäuschtes
Wunschbild, sondern besticht allein durch Informationen, die dynamisch in
Bewegung gesetzt waren. Es spiegelte die Wunschvorstellung wider, Werbung zu
machen, die zugleich künstlerische Gestaltung war.
In den Züricher Zeiten von 1929 bis 1937 zeigt sich in den Plakaten die
damalige Aufbruchstimmung unter den jungen Gestaltern. Es war ein oft
verwandtes Werbemedium, und es gibt heute noch zahlreiche Plakatbeispiele
Stankowskis aus dieser Zeit. Nach dem Krieg, zurück in Deutschland,
arbeitete er anfangs als Fotoreporter und später als Schriftleiter für die
„Stuttgarter Illustrierte“. „Außer für ein paar Plakate blieb nicht viel
Zeit“, so entstand beispielsweise 1949 das
Foto-Montage-Plakat „Wann kommen sie wieder“ für den Verband der Heimkehrer.
Viele Plakate aus den 50er Jahre zeugen vom Interesse Stankowskis an
Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Die Gestaltung der Ausstellungsplakate
setzt sich bis in die sechziger und siebziger Jahre fort. Während das Plakat
als überregionales Werbemedium für Unternehmen an Bedeutung verlor, nahm die
Ankündigung von Kulturereignissen zu. Unabhängig für was er ein Plakat
gestaltete, es galt immer die Maxime „Konzentration durch Weglassen“.
Die Schräge“ – vom Prospekt 1931 bis zum Bildobjekt der 80er Jahre
Kurator: Stephan von Wiese
Mit der Diagonalen hat Stankowski sein eigenes Element ins konstruktive Werk
eingebracht, das ihn beispielsweise von den Zürcher Konkreten abhebt. Zum
ersten Mal setzt er sie 1960 in der Malerei ein. Doch schon vorher stand die
Schräge im Grafikdesign für Aufbruch und Dynamik – oder für den Fall. Je
nach farblicher Abstimmung erzeugt die Diagonale Harmonie oder Aggressivität
der Bewegung, je nach Stellung eine räumliche Wirkung im Sinne von hoch,
tief und weit. Anton Stankowski entwickelt die Schräge aus dem Quadrat, ein
weiteres wichtiges Element in seinem Werk. Die Schräge findet man in allen
Arbeitsbereichen von Anton Stankowski: anfangs durch die bewusst gewählte
schräge Perspektive in der Fotografie, über die Diagonale in Markenzeichen,
hier denke man nur an das Zeichen der Deutschen Bank, bis hin zu seinen
variationsreichen Diagonalen in der Malerei. Trotzdem ließ er sich nie dazu
verleiten, die Schräge als bloßes Formelement einzusetzen. Sie musste eine
Funktion übernehmen, und tat sie dies nicht, konnte er auch die Weichheit
und Fröhlichkeit einer Kurve wählen.
Züricher Zeit
Kuratorin: Dorothea Strauss
Im Alter von 24 Jahren kam Anton Stankowski Ende 1929 nach Zürich, um dort
in der renommierten Werbeagentur Max Dalang anfangs als Fotograf später als
Werbegestalter zu arbeiten. Schnell fand er Gleichgesinnte, mit denen er
sich traf und austauschte, unter ihnen Max Bill, Richard Paul Lohse, Hans
Neuburg, Herbert Matter, Verena Loewensberg und Heiri Steiner, um nur einige
zu nennen. Es war eine Reihe von Schweizer Künstlern und Gestaltern, die
zwischen darstellender und abstrakter, freier und angewandter Kunst suchend
miteinander verkehrten. Stankowskis ständige Innovations-
und Diskussionsbereitschaft muß auf alle ansteckend begeisternd
gewirkt haben. Sie trafen sich oft in seiner „Bude“, Oberdorfstraße 1 – bis
1934 als er aus der Schweiz ausgewiesen wurde. Aus der Zürcher Zeit sind
viele Freundschaften entstanden und die „Konkrete Kunst“ geboren.
Frühe Tafelbilder 1929 bis 1939
Kurator: Stephan von Wiese
Die Verbindung von Grafikdesign, freier Grafik und Malerei waren für Anton
Stankowski fließend: „Die Dinge liefen ineinander für mich. Gemalt und
gezeichnet habe ich immer, aber es war nicht so, dass ich gesagt habe: Ich
bin ein Künstler, ich bin ein Maler.“ Die frühen Gemälde entstanden in der
Mittagspause im Atelier Dalang in Zürich, oder am Abend in der Wohnung.
Ähnlich wie bei seinen Arbeiten auf Papier handelt es sich um strukturale
Bildkompositionen mit Linien und Flächen, Relation von Flächen und
Perspektiven, Form, Symbol. Einer Anfangs noch intuitiven Formfindung folgt
eine immer strengere Formensprache. Dabei gibt es durchaus parallel Versuche
mit amorphen Figuren, die jedoch später immer weniger werden. Die ersten
autonomen Gemälde entstehen 1929 für eine geplante Ausstellung der Zürcher
Gruppe „Die Augen“. Das Motiv „Mutter und Kind“ ist eins von fünf Werken,
die Stankowski dafür anfertigte. Die räumliche Vision ist schon klar
erkennbar. Die Konsequenz seiner Arbeiten liegt nicht in einer bestimmten
Bildformel, sondern gerade im Aufbrechen der Formelhaftigkeit durch immer
neue Bildvorstellungen. Und doch hat er schon früh seine eigene
„Handschrift“ entwickelt. Was wie ein Widerspruch erscheint, wird durch sein
reiches Werk widerlegt.
Die Funktionsgrafik
Kurator: Werner Meyer
Vorstellungen, Einsichten und Begriffe zu verdeutlichen, das Verstehen,
Begreifen oder Erkennen zu erleichtern und Gegenstände ebenso wie Vorgänge
zu veranschaulichen, diese Aufgabe rückt immer mehr ins Zentrum der
visuellen Vermittlung. Vor allem die Fähigkeit, Begriffe und Funktionen, die
nicht unmittelbar abzubilden sind, und dennoch auf visuellem Wege zugänglich
zu machen, das war Anton Stankowskis Stärke. Hier fühlte er sich
herausgefordert, wandte sein systematisches Denkschema an, um auch
gelegentlich daraus auszubrechen. Für ihn war die unvorhersehbare Abweichung
der Weg zu einer reizvollen irrationalen Wirkung. In dem Standardwerk
„Visuelle Kommunikation“ für Grafiker, das Anton Stankowski zusammen mit
seinem Partner Karl Duschek erstmals 1994 herausgegeben hat und das
inzwischen in der 3. Auflage bearbeitet wird, findet man zahlreiche
Beispiele visueller Gestaltung für Begriffe, die nicht unmittelbar
abzubilden sind. Die Funktionsgrafiken spiegeln ein Ideenreichtum wider,
dass es eine reine Freude ist, darin zu blättern. Gratulation, Zeit,
Ordnung, Begegnung sind nur einige Begriffe, die dort visualisiert sind.
Anton Stankowski hat viele dieser Funktionsgrafiken für seine Kunden
angewandt, technische Probleme in dieser Form dargestellt. So entstanden
zahlreiche Bilder zum Thema Wärme für die Firma Viessmann, viele Variationen
zur Nachrichtentechnik für SEL aber auch viele zu frei gestellten Themen.
Anton Stankowski hat seine eigene Ikonografie geschaffen, die ihren eigenen
ästhetischen Reiz hat und die international verständlich ist.
Die Gestaltungslehre
Kurator: Peter von Kornatzki
Auch wenn Anton Stankowski sich immer wieder Lehrangeboten entzog, ausser
einer Gastdozentur an der HfG Ulm, so hat er mehr Schüler als mancher
Hochschulprofessor. Schon in jungen Jahren, er war noch keine 25,
konzipierte er mit seiner „Gestaltungsfibel“ die Basis seines Lebenswerks.
Dabei wird deutlich, dass es ihm immer um klare Information innerhalb der
Grafik ging, um Visualisierung von Inhalten, die man mit herkömmlichen
Mitteln nicht darstellen kann. Anton Stankowski ist hier einer der großen
richtungsweisenden Beweger, die in der ersten Jahrhunderthälfte begannen,
Gestaltung nicht mehr ausschließlich unter künstlerischen, sondern vor allem
funktionalen Kriterien zu sehen. Was heute selbstverständlich erscheint, war
damals noch kaum denkbar. Jedes gestaltete Produkt wirkte wie ein Unikat und
nicht als Teil einer Produktfamilie. Erst systematische Gestalter wie
Stankowski begannen Mitte der zwanziger Jahre sich mit der Problematik
serieller und programmatischer Gestaltung zu befassen, erste einheitlich
gestaltete Werbemittel entstanden bereits während seiner Studienzeit. Anton
Stankowski fühlte sich nicht als Pionier, sondern als Praktiker. Für ihn war
Gestaltung ein Prozess und am Beginn jedes Gestaltungsprozesses stand nicht
das Erfinden sondern die kritische Auseinandersetzung mit realen
Gegebenheiten. Die Qualität zeigt sich dann in der Fähigkeit, für die
Vielheit der Elemente und ihre Verschiedenartigkeit einen gemeinsamen Nenner
zu finden. Dieses ganzheitliche Denken machte ihn zu einem der Väter des
Corporate Design.
Serielle Plastiken und die Gestaltung im öffentlichen Raum
Kurator: Karl Duschek
Um Raum und Fläche ging es Anton Stankowski immer, er war einer der ersten,
der in der Gebrauchsgrafik die räumliche und perspektivische Gestaltung
nutzte. Daher wundert es auch nicht, dass er sofort den Auftrag annahm, 1961
eine Wand in der Schwimmhalle des Mineralbads Leuze zu gestalten. Diese Wand
wurde vor kurzem erst renoviert und strahlt heute wieder in zeitlosem Glanz.
Eines seiner ersten großen Projekte im öffentlichen Raum war die grafische
und künstlerische Gestaltung des Stadthauses Bonn. Hier entstand eine
Gesamtgestaltung mit wegbegleitenden Stelen (Stankogramme),
Hinweisschildern, Etagenziffern und weiteren Informationselementen. Diese
Entwicklungen von Leitsystemen realisierte er mit seinem Grafischen Atelier
Stankowski + Duschek in einer Vielzahl von Architekturprojekten und
öffentlichen Räumen, hier ist besonders die Gesamtgestaltung für den 11.
Olympischen Kongress 1981 in Baden-Baden zu erwähnen, innerhalb dessen er
auch eine großformatige Plastik für den Kongressvorplatz entwarf. Viele
dreidimensionale Ideen und Entwürfe findet man in seinen Tagebüchern. Einige
davon hat er als Karton- oder Holzmodell gestaltet, von denen leider nur
noch wenige erhalten sind. Eine wichtige Werkgruppe serieller Kleinplastiken
wollte er in Edelstahl bei der Firma Viessmann fertigen lassen. Gesehen hat
er sie nie, sie wurden erst nach seinem Tod fertig.
Fazit
Die Retrospektive zu Anton Stankowski, dank dem Verbund von Ausstellung und
Buchkatalog/Gestaltungs-Handbuch, mit mehreren Standorten ist einerseits
eine Bestandsaufnahme und andererseits eine Anleitung für Jung ( als
Grundlagenwerk zur Gestaltungslehre) und Alt ( als Erinnerungs- und
Nachschlagwerk zur ästhetischen Zeitgeschichte.
Insbesondere seine anwendungsorientierten gestalterischen Lösungen besitzen
eine dauerhafte Gültigkeit, da sie die grundsätzlichen Gestaltungselemente
und -strukturen prägnant reflektieren helfen.
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