Online-Publikation: Mai 2009 im Internet-Journal <<kultur-punkt.ch>>
Ereignis-, Ausstellungs-, AV- und Buchbesprechung
<< Kunsthalle Würth, Schwäbisch Hall, Ausstellung: David Hockney
. 70 Werke . Katalogbeiträge von Christoph Becker, Richard Cork und
Marco Livingstone . 27. April – 27. September 2009 >>
Der Katalog: Swiridoff Verlag, D-74653 Künzelsau,
www.swiridoff.de
32 x 24 cm Querformat, Leineneinband mit Schutzumschlag, über 70
großformatige Abb.; ISBN 978-3-89929-154-4; EURO 39,80 / SFr 67,00
Kunsthalle Würth:
www.kunst.wuerth.com; http://kunst.wuerth.com/de/kunsthalle-wuerth/kunsthalle-wuerth.php
  
Zur Ausstellung
Der Brite David Hockney (*1937), viele Jahrzehnte als der „painter
laureate of southern California“ gefeiert, zählt zweifelsohne zu den
interessantesten und bedeutendsten Malern der Gegenwart. Doch wer
glaubt Hockneys Kunst zu kennen, wird von seinem jüngsten Werk eines
besseren belehrt. Entgegen früherer Beteuerungen ist er nach
Yorkshire zurückgekehrt. Die landschaftliche Schönheit seiner
englischen Heimat, die ihn einst als jungen Künstler wenig
inspirierte, hat er nun als Motiv für sich entdeckt. Seitdem
entstehen minutiös beobachtete magisch glühende Naturszenen, in
denen sich die frische Verzauberung mit den vielfältigen
künstlerischen Erfahrungen eines experimentellen Malerlebens
mischen. Seine weit gefassten Interessen und Kenntnisse
künstlerischer Techniken, verleihen den Werken jenen besonderen
Charakter, der nur vorgibt naturalistisch zu sein, in Wahrheit
jedoch beständig Fragen an die Möglichkeit von Malerei bereithält.
Und es scheint gerade jene souveräne Mixtur aus vermeintlicher
Einfachheit und höchster Konzeptualität zu sein, die Hockneys Werke
so populär macht und seinen hohen künstlerischen Anspruch
gleichzeitig unmissverständlich manifestiert.
Hockneys immer etwas unwirklich anmutende Spielart von „Realismus“
ist dem Wissen um die Gleichzeitigkeit von Gefühl und Perspektive in
der Malerei geschuldet. Um das jeweilige Sujet in seiner Ganzheit zu
erfassen, ist ihm nicht nur ein permanentes Wechseln zwischen Nah-
und Fernsicht wichtig, sondern auch ein langsames Abtasten der
oftmals aus mehreren gleichgroßen Bildtafeln zusammengesetzten
Bildfläche. Auf diese Weise entwickelt er bisweilen subtil angelegte
Breitwandformate, die es dem Betrachter ermöglichen, durch das
jeweilige Bild zu wandern. Der Blick wird dann so nahe an das
Bildgeschehen gezoomt, dass der Betrachter selbst in den rahmenlosen
Ansichten zu stehen glaubt. Ferner gibt es ganze Werkserien, in
denen Hockney die von ihm zum „Motiv“ erwählten landschaftlichen
Attraktionen zu jeder Tageszeit, aber auch im Wechsel der
Jahreszeiten beobachtet und seine Eindrücke mit großer Präzision
festhält. Die Veränderungen der Farben, je nach Intensität des
Sonnenlichts, überträgt er in farbenreiche, energiegeladene Werke,
die die Augenblicklichkeit des natürlichen Lichts widerspiegeln.
Doch auch dabei steht nicht die wirklichkeitsgetreue Dokumentation
im Vordergrund, sondern stets das subjektiv-menschliche Sehen, die
künstlerische Transformation, die stets auch Unsagbares,
Zauberhaftes enthält.
Die über 70 großformatigen gemalten, gezeichneten und am Computer
erstellten Landschaftsszenen, die von Hockney eigens für die
Kunsthalle Würth ausgewählt wurden, sind erstmals in dieser Fülle zu
sehen.
Zum Katalog
David Hockney • Nur Natur • Just Nature
Der Katalog zeigt rund 70 neue Arbeiten des Künstlers, darunter
zahlreiche, überwiegend großformatige Gemälde, die in den letzten
drei Jahren entstanden sind. Hockney thematisiert hier die wieder
gefundene Liebe zu seiner Heimat Yorkshire sowie sein Interesse an
Natur und Perspektive. Zu sehen sind Landschaften der Woldgate
Woods, die er durchwandert, um das Erlebte entweder gleich en
plein-air oder im Atelier zu bannen. Die unterschiedlichen Jahres-
und Tageszeiten und der damit verbundenen Wechsel der Farben
spiegeln sich in den energiegeladenen Arbeiten wieder; akribisch
dokumentiert und doch auf Hockneys magische Art die Realität zu
empfinden. Diese Schau wird die erste Museumsausstellung sein, die
in dieser Fülle die Yorkshire-Landschaften der Öffentlichkeit
zugänglich macht.
Fazit
Die Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall stellt zeitbewusst David
Hockney mit seinen Bildern aus - vor der Natur gemalt. Frische mit
transdisziplinärer Wirkkraft bittet dieses wundervolle Projekt samt
vorzüglich gestalteten Katalog vom Swiridoff Verlag eine Augenweide
der besonderen Art:
1 Zur Farb-Palette Hockney's (Basis: Windsor-Newton) nach Häufung:
***Windsor Green; ***Cobalt Green; Windsor Emerald (grün); **Gold
Ochre; Cobalt Violet+Permanent Rose; ***Cerulan Blue; ***Antwerp
Blue; ** Windor Red; Davys Grey; Ivory Black...
Seine Palette zeigt deutlich durchwegs einen kühlen Charakter, der
sich durch Busch, Baum, Wiese, Acker wie Himmel hinzieht, wobei sich
eine parodische Wahlverwandtschaft zu Van Gogh ergibt (weit ab von
Braque) wie zu Permeke und Egger Lienz den beiden letzteren fast
vergessenen Erdig-Pathetischen Malern des 20.Jhdts...
2 Die Bildkonstruktion scheint im ersten Durchblick durchaus
konventionell, wäre da nicht das Pseudo-Naive und der bewusste
grossteilige Raster, der die Betrachtung irritiert, gleichfalls
parodisch verschmitzt inszeniert, an den Messdaumen oder Pinsel der
als kompositorische Gliederung in der Landschaftsmalerei
jahrhundertlang üblich war (und vor der Natur -
dank der Schule von Barbizon um 1850 - sie ist bei Hockney
leichtfüssig wiedergekehrt) verloren gegangen durch die
mechanisch-elektrisch-digitalen Künste (spricht selbst verschmitzt
lächelnd vom Tod der Fotografie - mit iPhone gewappnet ), die dies
ad absurdum führt/e und so als ein augenzwinkernder Wink mit dem
Pinsel (Zaunpfahl) wiederkehrend zu betrachten ist.
Dies insgesamt kennzeichnet David Hockney, 71, als einen
über-den-Dingen und der Zeit stehenden und doch hier und heute
vermittelnden grossartigen poetisch-kühlen und parodierenden
Gestalter. w.p.09-5
PS.:
3 Die Sichtweise zur Landschaft von ist zwiepältig-diskurs,
doch anders als bei Francis Bacon, der das anvisierte Objekt
3-dimensional in einen Laborkäfig voyeurhaft (Gefangenschaft,
Folter...) unerbittlich präsentiert, zeigt David Hockney ein
Fadenkreuz (offenes grossmaschiges Gitternetz)
vor dem Objekt, annähernd
2-dimensional, so dass wir und er selbst gleichermassen auf der
anderen Seite des Objekts (Landschaft, Wald...) stehen
und in unserer thematischen
Vertiefung in dieser Landschaft hineinzuwandern
so gestoppt werden, im Gegensatz zu Shan Shui der
chinesischen Landschaftsmalerei-Sicht, in
der dies gewünscht und sogar das imaginäre
Verschwinden in ihr möglich ist. w.p.05 |
|