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Online-Publikation: Juni 2008 im Internet-Journal <<kultur-punkt.ch>>
Ereignis-, Ausstellungs-, AV- und Buchbesprechung
<< Thomas Hauschild : Ritual und Gewalt >>
258 Seiten, Gebunden. Mit Abbildungen (ISBN 978-3-518-58491-0) ;
Euro 24,80 [D] / Euro 25,50 [A] / sFr 42.50
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008;
www.suhrkamp.de;
Inhalt
Noch in den 1980er Jahren galten religiös motivierte Rituale
hierzulande als vom Aussterben bedrohte Spezies, als archaische
Reste von bestenfalls folkloristischem oder
unterhaltungsindustriellem Interesse, die in einer globalisierten,
hochtechnisierten und zunehmend säkularisierten Welt keine Bedeutung
mehr haben würden. Zwanzig Jahre später hat sich diese Situation
gründlich geändert. Alte Rituale leben weiter, neue werden erfunden,
importiert oder drängen aus anderen Weltgegenden nach Europa hinein.
Gewaltexzesse, die scheinbar von außen in die westlichen
Gesellschaften einbrechen, erweisen sich häufig als rituell
grundiert und haben ihre europäischen Resonanzen und Gegenstücke.
Angesichts dessen entwickelt Thomas Hauschild eine neue Sicht auf
Rituale und deren Zusammenhang mit Ressentiment und Gewalt. Jenseits
von Idealisierung und Dämonisierung, von »aufgeklärtem Westen« und
»rückständigem Orient«, von postkolonialem Denken und
Wissenschaftsgläubigkeit versteht er Rituale als im Kern politisch
neutrale Grenzphänomene an den Rändern textlich überlieferten
Wissens, die weniger mit abstrakten politisch-religiösen
Überzeugungen zu tun haben als mit den konkreten Lebensbedingungen
der Menschen. Hauschild setzt daher auf die Mikroanalyse lokaler
ritueller Praktiken und präsentiert höchst anschauliche
ethnologische Studien europäischer Gesellschaften und des
Mittelmeerraums. Die »Kultur« von Al Qaida wird ebenso untersucht
wie die der sizilianischen Mafia, der »Ehrenmord«, der »böse Blick«
sowie andere magische und religiöse Riten und Fetischismen. Rituale
erweisen sich dabei als wertvolle Kulturgüter, die nicht per se
Nährboden für Fundamentalismen und Sektierertum sind, sondern aus
denen sich wie aus anderen Kulturformen auch gleichermaßen
gewalttätige wie friedfertige Konsequenzen ziehen lassen.
Autor
Thomas Hauschild ist Professor für Ethnologie an der
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenburg sowie Mitherausgeber der
Zeitschrift für Kulturwissenschaft. Gegenwärtig ist er Fellow am
Wissenschaftskolleg zu Berlin. Gastprofessuren führten ihn nach Rom,
Neapel, New York und Aix-en-Provence.
Fazit
Thomas Hauschild nimmt in seiner Schrift "Ritual und Gewalt" an der
aktuellen wissenschafts-politischen Debatte aktiv und profund teil
und findet im kulturellen Feldmaterial, die Fragestellung in einer
tragfähigen Kalibrierung mikro- wie makroskopischer Prozesse (
Fluchtbewegungen hin zu Europa) als zentrale kulturwissenschaftliche
wie existenz-praktische Aufgabe der nächsten Jahre, ja Jahrzehnte.
w.p.
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