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10 Zum Thema Überleben
W+B Agentur-Presseaussendung vom 30. März 1999
<<Flucht in Kosovo - nein - in Frankreich - Ein Meisterbuch>>.
Soma Morgenstern: Flucht in Frankreich
Romanbericht, herausgegeben und wis-senschaftlich bearbeitet von Ingolf Schulte. Verlag zu Klampen, Lüneburg, 1998; 430 S., 78,- DM
www.zuklampen.de
Soma Morgenstern flüchtet sich kon-genial in den Ich-erzähler und Schrift-steller Petrykowsky, um sozusagen aus seiner Haut fahren zu können und seiner tristen Lage, zumindest literarisch, unbe-schadet entkommen zu können. Soweit Roman, aber mit Witz und gepfefferten Menschenkenner-tum. Der darin verbor-gene Tatsachenbericht, aus dem Nach-lasskoffer, vom Herausgeber I. Schulte und vom Verlag zu Klampen ist hervor-ragend wie behutsam bearbeitet. Der Romanbericht ist vom Autor in den Schreckensjahren der 40-iger Jahre, Stück für Stück aufgefangen, aufge-zeichnet ( und gleich wie sein Papier-geld eingenäht?), schliesslich durch Ge-spräche hautnah aktualisiert dargestellt. Er hat das Glück, im Gegensatz zu den sechs Millionen anderen Ausgegrenzten und Verfolgten sowie zu den über zwan-zig Mio Kriegstoten im Hitler-Deutsch-land und der Sowjetunion Stalins, nach beängstigenden wie schrill-kuriosen Gefangennahmen und poetischen Natur-erlebnissen auf der Flucht durch Frank-reich über die damals bestehende De-markartionslinie im Süden, nach.. (das, bitten wir den Leser selbst zu eruieren) zu entkommen.
Das Aktuellste an diesem Romanbericht ist jedoch die sich offenbarende Weis-heit, angesichts des ständig möglichen, ja anwesenden Todes, wenn er auf Seite 158 sagt, dass man in Konzentrations-lagern klarer denken, gescheiter reden, reeller sehen und richtiger Prognosen für die Welt der Zukunft macht als in allen Parlamenten, Senaten und Ministerbera-tungen Europas. Das ist eine merkwürdige Aufforderung die Lage unserer Ausgegrenzten, Arbeitslosen und Ausländern neu, im Blickwin-kel Soma Morgensterns, zu überdenken. Ungenützte und vertane Denkquellen sprudeln unbemerkt und bilden ein Reservoir für unsere Zukunft. Er geht aber auch in die Tiefe der regionalen Sprachkulturen Europas (er kannte bis zu elf Sprachen): Inbesondere zeichnet er mit spitzer Zunge und Feder die unverkennbaren Gegensätze im Sprachunverstand,–gefühl und Verhalten auf, zwischen Berliner und Wiener Ju-den, den Slawen, Preussen und Österrei-chern, Parisern, Bretonen und Proven-calen (Seiten 162, 262, u.a.). Blitzartig leuchtet es auf wie bei Beckett und Mrozek: Ein preussischer Soldat zu polnischen Gefangenen: An der Mauer stehen verboten. Antwort: Wir wollen ein bisschen sitzen. Soldat: Sitzen, ja! Hier leuchtet geradezu die Verschmitztheit eines Grenzgängers auf, dem bereits eine Streitschlichtkultur unter rigider Herr-schaft innewohnt und sich so eine mögli-che Zeitspanne zum Weiterleben schafft.
Facit: Ist dieses Denken eine Chance für unsere Handlungskultur heute? Ja, klar.


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   Stand: FEBRUAR 2012

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