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Online-Publikation: 18.August 2008 im Internet-Journal <<kultur-punkt.ch>>
Ereignis-, Ausstellungs-, AV- und Buchbesprechung
<< Ingeborg Bachmann und Paul Celan: Herzzeit . Der Briefwechsel
>>
Herausgegeben und kommentiert von Bertrand Badiou, Hans Höller,
Andrea Stoll und Barbara Wiedemann
401 Seiten, Gebunden, (ISBN 978-3-518-42033-1) Euro 24,80 [D] / Euro
25,50 [A] / sFr 42.50
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008;
www.suhrkamp.de;
Inhaltsgliederung
Briefwechsel . Kommentare. Editorische Berichte. Stellenkommentar.
Zeittafel. Siglen . Abkürzungen . Bibliografie . Register .
Personenregister . Abbildungen. Rechtevermerk.
Fazit
Zwei ausdrucksstarke deutschsprachige Lyriker werden ein Liebespaar
nach dem fürchterlichen 2. Weltkrieg des Jahrhunderts durchzogen von
Verzweiflung, Verliebtheit, Kränkungen...sicht- und lesbar geworden
durch ihren unvernichteten Briefwechsel als unverzichtbares
Vermächtnis von deutsch-hebräischem und österreichischem Sprach- und
Denkhintergrund. Beide finden in ihren sich immer wiederkehrenden
Abstürzen (Brandfolgen bei Bachmann, Selbstmord von Celan) sterben
beide unvergessen und zu früh für uns.
Autorenteam
Ingeborg Bachmann
wurde am 25. Juni 1926 als erstes von drei Kindern des
Volksschullehrers Matthias Bachmann (1895-1973) und seiner Frau Olga
(geb. Haas, 1901-1998) in Klagenfurt (Österreich) geboren. Ihre
Mutter stammt aus dem an ›Böhmen‹ und Ungarn grenzenden
Niederösterreich, ihr Vater aus Obervellach bei Hermagor im Kärntner
Gailtal, wo die Familie in Ingeborg Bachmanns Kindheit oft Ferien
verbrachte. Dieser Kärntner Grenzraum im Dreiländereck
Österreich-Italien-Slowenien repräsentiert für die Autorin später
»ein Stück wenig realisiertes Österreich (...), eine Welt, in der
viele Sprachen gesprochen werden und viele Grenzen verlaufen» (WIV,
302), und damit die Utopie eines gewaltfreien Miteinanders der
Völker, die bereits der ebenfalls in Klagenfurt geborene Autor
Robert Musil (1880-1942), Bachmanns wohl wichtigster Bezugspunkt in
der literarischen Moderne Österreichs, mythisierend auf das
Kaiserreich Österreich-Ungarn als Vielvölkerstaat projiziert hatte.
Noch in dem Roman Malina steht dieses »Haus Österreich« als
literarische Utopie für eine »geistige Formation«, die kritisch
gegen die Verkrustungen der österreichischen Nachkriegsgesellschaft
und gegen die Verdrängung des österreichischen Anteils an der
Katastrophe des Nationalsozialismus gewendet wird, um zugleich gegen
die wachsende kulturelle Dominanz Westdeutschlands einen spezifisch
österreichischen »Erfahrungsfundus, Empfindungsfundus» zu behaupten.
Rückblickend nach dem Erscheinen des Romans Malina (1971) hat die
Autorin den »Einmarsch von Hitlers Truppen in Klagenfurt« (im Rahmen
des ›Anschlusses‹ Österreichs an das Deutsche Reich am 12. März
1938) symbolisch zum biographischen Ausgangspunkt ihres Schreibens
erklärt und als »einen zu frühen Schmerz« bezeichnet, mit dem ihre
»Erinnerung« anfange. Mit dieser Pointierung unterstreicht sie die
moralische Verpflichtung und zeitkritische Ausrichtung ihres
literarischen Werks als ein »Schreiben gegen den Krieg« (Höller
2004), das seine »Problemkonstanten« in der Auseinandersetzung mit
den Verflechtungen von ›kleiner‹ und »großer GESCHICHTE« (TKA 1,
53), Individual- und Zeitgeschichte im Zeichen gesellschaftlicher
Gewalt findet.
Bachmann beginnt schon als Schülerin in Klagenfurt zu schreiben, bis
ihr nach ihrem ersten, in Innsbruck und Graz verbrachten Studienjahr
(1945/46) mit der Erzählung Die Fähre schließlich die erste
Veröffentlichung gelingt. Im September 1946 vollzieht sie den
eigentlichen Aufbruch aus der Provinz, indem sie ihr Studium der
Philosophie (mit den Nebenfächern Germanistik und Psychologie) in
Wien fortsetzt, wo sie zugleich den Kontakt zur Wiener
Literaturszene sucht. Aufgrund der offiziellen Anerkennung
Österreichs durch die Alliierten als das ›erste Opfer
Hitler-Deutschlands‹ konnte das literarische Leben in Wien nach 1945
unmittelbarer als in Deutschland an die Vorkriegszeit anknüpfen, und
so haben Repräsentanten der älteren Autorengeneration wie Heimito
von Doderer (1896-1966) und jüdische Remigranten wie Hermann Hakel
(1911-1987) und Hans Weigel (1908-1991) an Bachmanns literarischem
Debüt in den Publikationsorganen der Wiener Nachkriegsliteratur
wesentlichen Anteil. Das Jahr 1949 markiert mit Bachmanns
Dissertation über Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie
Martin Heideggers nicht nur den Abschluss des Studiums, sondern auch
die Professionalisierung ihrer schriftstellerischen Arbeit durch die
Veröffentlichung erster Gedichte in der Zeitschrift Lynkeus und
einer Reihe von Erzählungen in der Wiener Tageszeitung. Zugleich
arbeitet die Autorin an einem ersten, unveröffentlichten und
verschollenen Roman (Stadt ohne Namen), dessen überlieferte
Fragmente (TKA 1‚ 3-25) in ähnlicher Weise wie die Gedichte und
Erzählungen dieser frühen Wiener Jahre durch die zeittypische,
existentiale Metaphorisierung zeitgeschichtlicher
Generationserfahrung und durch kafkaeske Parabolik gekennzeichnet
sind. Nach ihrer Promotion findet Bachmann im Herbst 1951 eine
Stelle im Script-Department des amerikanischen Senders Rot-Weiß-Rot,
die zum Ausgangspunkt ihrer Rundfunkarbeit wird, aus der in den
1950er Jahren Rundfunkbearbeitungen zeitgenössischer
angloamerikanischer und französischer Dramen, Rundfunkessays (u. a.
zu Musil, Wittgenstein und Proust) und Hörspiele (Ein Geschäft mit
Träumen, 1952; Die Zikaden, 1955; Der gute Gott von Manhattan, 1958)
hervorgehen.
Aus der Perspektive der Wiener Schule, der neopositivistischen
Wissenschaftstheorie ihres Doktorvaters Viktor Kraft (1880-1975) und
der Sprachkritik Ludwig Wittgensteins (1889-1951) hatte die Kritik
am »deutschen Irrationaldenken«, das Bachmann in Heidegger (auch
wegen seiner Verstrickung in den Nationalsozialismus) verkörpert sah
(GuI, 137), am Schluss ihrer Dissertation zu der Überzeugung
geführt, dass nur Literatur und Kunst in der Lage seien, den
existentialen Grunderlebnissen des »modernen Menschen« und
insbesondere seinen Erfahrungen »mit der ›Angst‹ und dem ›Nichts‹«
Ausdruck zu verleihen (Diss., 130). Die Bekanntschaft mit den frühen
psychotherapeutischen Forschungen Viktor E. Frankls (1905-1997) zu
den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten, vor allem aber die
Begegnung (1948) und Freundschaft mit dem deutsch-jüdischen Dichter
Paul Celan (1920-1970) aus der Bukowina, dessen Familie zu den
Opfern des Holocaust gehörte, bewirkt in der Weiterentwicklung
dieses existentialistischen Ausgangspunkts eine »tiefgreifende
Verwandlung ihres Denkens und Schreibens« (Höller 1999, S.59) im
Sinne jenes kritischen Ethos, das sie in ihrer Rede zur Verleihung
des Hörspielpreises der Kriegsblinden (1959) in die Formel »Die
Wahrheit ist dem Menschen zumutbar« (W IV, 275) fasst. So sind z. B.
die Gedichte ihres ersten Lyrikbandes Die gestundete Zeit für die
sie 1953 den renommierten Preis der Gruppe 47 erhält, von expliziter
Zeitkritik durchzogen und appellieren angesichts von Kaltem Krieg
und gesellschaftlicher Restauration an das kritische Gewissen der
Zeitgenossen. Auch wenn der zweite Gedichtband Anrufung des Großen
Bären (1956) das Pathos dieser Zeitkritik wieder einschränkt und
auch traditionellere lyrische Formen wiederentdeckt, war Bachmanns
Synthese von Zeitkritik, literarischer Moderne und lyrischer
Tradition doch die Grundlage ihres raschen Aufstiegs zur wichtigsten
deutschsprachigen Dichterin der Nachkriegszeit. Ermutigt durch ihren
Erfolg in Deutschland, bricht Bachmann im Sommer 1953 auf Einladung
des gleichaltrigen deutschen Komponisten Hans Werner Henze (* 1926)
aus Wien nach Italien auf, um dort eine Existenz als freie
Schriftstellerin zu begründen. Die Freundschaft und Zusammenarbeit
mit Henze, der sie in ganz neuer Qualität in die Welt der
europäischen Musik und insbesondere der Oper einführt, schlägt sich
u.a. in den Opernlibretti Der Prinz von Homburg (1958) und Der junge
Lord (1965) sowie in theoretischen Überlegungen zum Verhältnis von
Musik und Dichtung (W IV, nieder, wirkt jedoch bis in die späten
Gedichte der 1960er Jahre und den Roman Malina hinein auch auf ihr
literarisches Schreiben zurück. In den zehn Jahren nach dem Aufbruch
aus Wien, in denen Bachmann in Rom (1953-57), München und Neapel
(1957/58) sowie (zusammen mit Max Frisch) abwechselnd in Zürich und
Rom wohnt (1958-63), entstehen neben Gedichten, Hörspielen und
Essays auch die Frankfurter Vorlesungen, mit denen die Autorin im
Wintersemester 1959/60 die gleichnamige Reihe der Poetik-Vorlesungen
zu »Problemen zeitgenössischer Dichtung« eröffnet, indem sie ihre
poetologischen Überlegungen erstmals systematisch zusammenfasst und
im Prozess der Moderne literarhistorisch verortet. Mit Hilfe des an
Musil entwickelten Begriffs der »Literatur als Utopie« und im
Glauben an ihre »verändernde Wirkung« verpflichtet die Autorin die
Literatur nach dem Nationalsozialismus auf die kritische
Dekonstruktion der »schlechten Sprache« der öffentlichen Diskurse (W
IV, 270 f.). In der Auseinandersetzung mit den >sozialen,
mitmenschlichen und politische Konflikten< der Zeit geht es ihr
nicht zuletzt um die Erkundung von »neuer Wahrnehmung, neuem Gefühl,
neuem Bewußtsein« (W IV, I90 f., 195). Dieses selbstbewusste
Vertrauen auf die Fähigkeit der Literatur, angesichts der
verzweiflungsvolle »Dunkelhaft der Welt« «im Widerspiel des
Unmöglichen mit dem Möglichen [...] unsere Möglichkeiten [zu
erweitern]« (W IV, 276 f.), spiegelt sich in den gleichzeitig
entstandenen Erzählungen des Bandes Das dreißigste Jahr (1961) in
der Thematik der Grenze und Grenzüberschreitung, der Dekonstruktion
der bestehenden gesellschaftlichen, moralischen und diskursiven
Ordnung der Nachkriegszeit auf der prekären Suche nach einer
anderen, gewaltfreien Ordnung, die die Literatur jedoch nicht
vorzuführen, sondern nur anzumahnen in der Lage ist.
Trotz des kritischen Echos, auf das Bachmanns erster Erzählband vor
dem Hintergrund ihres Ruhmes als Lyrikerin stieß, hat sich die
Autorin in ihren Berliner Jahren (1963-65) und dann wieder in Rom
(1965-73) schwerpunktmäßig auf die Prosa konzentriert. Die Trennung
von Max Frisch (1962) fällt mit einer Lebenskrise zusammen, die
zugleich den Ausgangspunkt für einen literarischen Neuansatz bildet,
die literarische Darstellung der verborgenen ›Verbrechen‹ auf dem
»Mordschauplatz« Gesellschaft und insbesondere im Verhältnis der
Geschlechter (S. 276,6), die unter dem Titel Todesarten von nun an
im Mittelpunkt ihres Schreibens steht. Neben dem Roman Malina und
einer Fülle zu Lebzeiten unveröffentlichter und fragmentarischer
Texte wie der Erzählung Requiem für Fanny Goldmann, dem Buch Franza
und dem Goldmann/Rottwitz-Roman gehört auch Bachmanns zweiter
Erzählband Simultan (1972) mit seinen Porträts ganz
unterschiedlicher Wienerinnen und ihrem (teils ironisch erzählten)
»Abstürzen« aus der »Banalität ihrer Existenz« »in die letzten
Dinge« (TKA 4, 3) kontrapunktisch in den weiteren Zusammenhang
dieses Projekts einer literarischen Sittengeschichte der
(österreichischen) Nachkriegsjahrzehnte, das nicht mehr zum
Abschluss gelangen konnte, da die Autorin am 17. Oktober 1973 in
einem römischen Krankenhaus den (durch Medikamentenentzug noch
erschwerten) Folgen eines Brandunfalls erlag.
Paul Celan
1920
23. November: Geburt von Paul Antschel, einziger Sohn von Friederike
und Leo Antschel (Baumeister im Holzhandel) im damals rumänischen
Czernowitz.
Schulausbildung an deutsch- und hebräischsprachigen Grundschulen und
rumänischsprachigen Gymnasien.
1938
Abitur. Medizinisches Vorstudium in Tours (Frankreich).
Nach Kriegsbeginn Studium in Czernowitz: Romanistik, 1940/41 unter
sowjetischer Besatzung mit Russisch als Pflichtfach, 1944/45
Anglistik.
1942
Juni: Deportation der Eltern. Tod des Vaters an Typhus (Herbst) und
Erschießung der Mutter (Winter) in einem deutschen KZ jenseits des
Dnestr (Transnistrien).
Juli 1942 - Februar 1944
Zwangsarbeit in rumänischen Lagern in der Moldau und Oltenien.
Danach Arbeitseinsatz in Czernowitz.
April 1945 - November 1947
In Bukarest: Lektor und Übersetzer, Publikation erster Gedichte als
Paul Celan.
Flucht über Ungarn nach Wien.
Dezember 1947 – Juli 1948
In Wien: erste Publikationen in deutschsprachigen Zeitschriften,
erste öffentliche Lesung.
1948
Juli: Ankunft in Paris, lebt dort bis an sein Lebensende, zunächst
mit Flüchtlingsstatus, ab 1955 als französischer Staatsbürger.
September: Publikation von »Der Sand aus den Urnen« (Wien). Studium
mit dem Abschluß Licence ès lettres (1950)
1951
Etwa am 7. November erste Begegnung mit seiner künftigen Frau, der
Malerin und Graphikerin Gisèle de Lestrange.
1952
Mai: auf der Tagung der Gruppe 47 in Niendorf erste öffentliche
Lesung in Deutschland.
23. Dezember: Heirat.
Ende Dezember: erster Gedichtband in Deutschland, »Mohn und
Gedächtnis«. Fünf weitere folgen zu Lebzeiten.
1953
August: erste private Plagiat-Anschuldigungen durch Claire Goll.
7. Oktober: Geburt des ersten Kindes, François, das 30 Stunden nach
der Geburt stirbt.
1955
Am 6. Juni Geburt des zweiten Kindes, Eric.
Publikation von »Von Schwelle zu Schwelle«.
1956
Januar-April: Zeitvertrag als Übersetzer beim Bureau International
du Travail, Genf; erneut im Herbst 1962.
Studienjahr 1956/57
Vertretungsstelle an der École Normale Supérieure Saint Cloud.
1957
Literaturpreis des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen
Industrie für 1956.
1958
Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen.
Publikation der ersten Gedicht-Übertragungen in Buchform: Arthur
Rimbaud, »Das trunkene Schiff«, und Alexander Block, »Die Zwölf«. Es
folgen: Ossip Mandelstamm, »Gedichte» (1959), Paul Valéry, »Die
junge Parze« (1960), Sergej Jessenin, »Gedichte« (1961), William
Shakespeare, »Einundzwanzig Sonette« (1967), Giuseppe Ungaretti,
»Das verheißene Land – Das Merkbuch des Alten« (1968) und André Du
Bouchet, »Vakante Glut« (1968).
1959
Publikation von »Sprachgitter«.
Oktober 1959 – April 1970: Deutschlektor an der École Normale
Supérieure in Paris (Rue d’Ulm).
1960
April: Publikation der ersten öffentlichen Plagiat-Anschuldigung
durch Claire Goll.
Oktober: Verleihung des Georg-Büchner-Preises. Die Preisrede »Der
Meridian« erscheint 1961.
1963
Publikation von »Die Niemandsrose«.
1964
Lesungen in Rom und Mailand. Großer Kunstpreis des Landes
Nordrhein-Westfalen.
1965
September: Publikation der bibliophilen Edition »Atemkristall« (mit
acht Radierungen von Gisèle Celan-Lestrange).
1967
Publikation von »Atemwende«.
April: Entscheidung der Eheleute, in Zukunft getrennt zu leben.
1968
Publikation von »Fadensonnen«.
Sommer: Eintritt in das Redaktionskollegium der französischen
Literaturzeitschrift 'L’Éphémère'.
1969
Publikation der bibliophilen Edition von »Schwarzmaut« (mit fünfzehn
Radierungen von Gisèle Celan-Lestrange). Oktober: Aufenthalt in
Israel, Rede vor dem Hebräischen Schriftstellerverband.
1970
März: letzter Aufenthalt in Deutschland.
Nacht vom 19. zum 20. April: Selbstmord in der Seine.
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