W+B Agentur-Presseaussendung Oktober 2002
257<<Hörsame Literatur als Apokalypse>>
Hör-Besprechung
<<Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit>>
Produktion: Hessischer Rundfunk 1947; Hörspielbearbeitung: Stephan
Hermlin; Regie: Rudolf Wolfgang; Sprecher: Ellen Langrock, Wolfgang
Büttner, Stephan Hermlin
Klassiker.Welten
3 CD in bibliophiler Kassette Laufzeit ca. 205 Min.; EUR 32,00;
SFR 56,00
der hörverlag, München; 2002 /
www.derhoerverlag.de
In fünf Akten, 220 Szenen mit über 500 auftretenden Figuren
komponierte Karl Kraus, 1894-1936, Herausgeber der Fackel, sein
Hauptwerk Die letzten Tage der Menschheit. In diesen zeigte
er die, besonders für Wien auch heute noch typischen, Nörgler,
Optimisten, Spekulanten und Bettler, sowie das damalige Militär und
den Kaiser. Er montierte aus Zeitungsauschnitten, militärischen
Tagesbefehlen, Gerichtsurteilen und kommerziellen Anzeigen – al la
Switters – text-bildhaft eine monströse und zugleich sarkastische
Weise eine apokalyptische Kollage seiner Zeit. Dabei blickt Kraus in
Kanzlein, Kasernen und Lazarette, grossbürgerliche Wohnungen und in
die Hinterhöfigkeit der Wiener Vorstädte.
"Er war meine Gesinnung. Er war meine Kraft...." sagte Elias Canetti
zu Karl Kraus, und das galt auch noch für die 50 Jahre danach der
Jugendzeit des Rezensenten. Masse und Macht kam gleichfalls
aus dieser geistigen Ecke der Welt, und es wunderte Canetti, als ich
zu ihm in seinem Zürcher Cafe sagte, dass mich gerade dieses Werk
sehr berührte, denn "das gerade gefiele doch den meisten nicht",
antwortete darauf.
Schliesslich mündet das Werk hellsichtig – bis in unsere aktuelle
Situation hinein leuchtend – im Monolog des Nörglers (Karl Kraus
vertretend), nibelungenhaft im Duktus: ... Und lasst der
Welt...mich sagen... von Taten, fleischlich, blutig, unnatürlich /
Zufälligen Gerichten, blindem Mord / Von Toten, durch Gewalt und
Lust bewirkt / Und Planen, die verfehlt, zurückgefallen / Auf der
Erfinder Haupt: dies alles kann ich / Mit Wahrheit melden. |
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