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W+B Agentur-Presseaussendung September 2004
<<Lesepremieren mit O-Ton der PoetInnen – ein Kulturdokument der
Spitzenklasse>>
Hörbuchbesprechung
<<Hajo Steinert, Hrsg.: Dichter Stimmen I – II 60er Jahre>>
Produktion: Deutschlandfunk 1967-68
CD1: Heimito von Doderer, Thomas Bernhard; CD 2: Wolfgang Koeppen, Alfred
Andersch, Siegfried Lenz; CD3: Marie Luise Kaschnitz; Gisela Elsner,
Jürgen Becker.
3 CD / Laufzeit ca. 66/ 69 / 70 Min.; EUR 24,95
der hörverlag, München; 2004/
www.derhoerverlag.de
Seit 1962 bilden Autorenlesungen einen festen Bestand im Deutschlandfunk.
Diese boten sogar eine existentielle Grundlage in dieser Aufwindzeit. Neu
ist auch die Gegenwartsliteraten selbst hören zu können. So kann das
Radio - das Hörbuch von Gestern bezeichnet werden, wie es das
Editorial sinngemäss beschreibt. Darüber hinaus wurde so der Rundfunk
Partner der AutorInnen.
In dieser Klangbibliothek handelt es sich um Originallesungen noch
unveröffentlichter Manuskripte.
Wir hören dabei nicht nur ein Tondokument sondern die aktuelle
Gestimmtheit der Lesenden und damit ein Kulturdokument der Spitzenklasse.
Unwiderruflich und –holbar: Heimito von Doderer, Weidlingauer Wiener, z.B. starb wenige Wochen nach der Aufnahme. Neben
seiner Schrulligkeit und österreichischen Sprach-Einsprengsel hat er
Wachsamkeit und stetige deutschsprachige Präsenz erzielt.
Thomas Bernhard, Anti-Österreicher, beschreibt mit stillem Schrei
die Einsamshölle, in die der Einzelne immer wieder von der
äusseren, miesen Umwelt hinab gezogen wird, dennoch bietet die Stimme von
Bernhard eine reiche Klaviatur beim Zuhören.
Wolfgang Koeppen, zuletzt Münchener, auf einem Phantasieross
reitend, wie sein Nachlass vom Suhrkamp 2000 betitelt wurde, erzählt über
das restaurative, schuldverdrängende Wirtschaftsklima, das immer wieder
aktuell und gerade zur Zeit von Brisanz ist.
Alfred Andersch, 1933 KZ-Dachau-Insasse und politisch zeitlebens
Überzeugter, vermittelt uns die spezifische Atmosphäre von Bedrohung, ohne
dass dabei neben der Originalstimme Raunen oder Untertöne genutzt werden
müssen.
Siegfried Lenz, Oberpreusse, spricht über die Mitschuld der
Vätergeneration, und wir erleben durch seine Stimme die knisternde
Spannung zwischen einem offiziell berufenen Täter (Polizist) und seinem
Freund dem Opfer (Maler mit Malverbot), den er zu überwachen hat.
Marie Luise Kaschnitz, Karlsruherin, spricht in ihrer Erzählung
Zu irgendeiner Zeit von Schmerz, Trauer und Tragik. Das alles aber
bringt sie mit Gelassenheit und An- und Abstand vor.
Gisela Elsner, die in München sich 1992 selbst tötet, erzählt uns
im Nachwuchs von einem negativen Helden, der eine bösartige Mixtur
von Verfressenheit, Faulheit, Ichverliebtheit und somit Dekadenz
darstellt. Hans Magnus Enzensberger nannte sie treffend Humoristin des
Monströsen.
Jürgen Becker, Kölner, zeigt in seinem Text wie im schnell
gesprochenen Vortrag Musikalität und Rhythmus. Dennoch vermag er es mit
gehobener Stimme plötzlich abzubrechen, betont dabei das Ungefähre,
Ungewisse in seiner Erzählung.
Fazit: Das Hörbuch von Hajo Steinert verführt
uns zu einer narrativen Reise, zu Lesepremieren mit O-Ton der PoetInnen –
einem Kulturdokument der Spitzenklasse. |