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Ein Kultur-Brief an
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----- Original Message -----
Sent: Monday, October 08, 2007 7:02 PM
Subject: Fw: Artikel
Liebe
Freunde,
unser "Kommunisten-Nachbar" Dieter
Braeg, der Stadtrat Matejka kennt und schätzt, hat mich zu
einem Artikel über Baukunst animiert. Anlass war meine Kritik
am Abbruch des Ostberliner Volkspalastes ("Honeckers
Lampenladen"). Ich will ihn Euch nicht vorenthalten.....
Liebe und herbstliche Grüße
Gerhard und Gisela
INHALT
"Das erinnert mich stark an den
Löwenrivalen... " Wallner zu Braeg
Es liegt ein archaischer Trieb im Menschen, der
sich in der Baukunst oft fatal auswirkt: die Tendenz nämlich,
alles abzureißen und zu ersetzen, was die jüngst vergangene
Epoche an Bauten vollbracht hat. Das erinnert mich stark an den
Löwenrivalen, der den älteren oder schwächeren überwältigt hat
und nun die Jungen des Besiegten tötet während die Mutter der
Jungen zusehen muss.
Der Autor Gerhard Wallner, Foto: © Dieter Braeg
Ähnliches spielt sich oft in der Baukunst ab und so gingen
in der Vergangenheit unzählige unwiederbringliche
Kunstschätze verloren. Bereits in der Antike wurden früher verlassene Städte als
Materiallager benutzt. Zahlreiche frühchristliche Kirchen
wurden demoliert, mit Ausnahme der Hagia Sophia in
Konstantinopel, die 532 – 537 unter Kaiser Konstantin erbaut
wurde und dann, nach der Eroberung durch die Mauren 1453,
nicht abgerissen, sondern mit vier Minaretten ergänzt und
umgewandelt als Moschee verwendet wurde.
Sie war das Vorbild für alle weiteren Moscheen. Auch in
Sevilla ließen dann die Christen, nach der Rückeroberung der
Stadt 1568, das Minarett bestehen und gestalteten dieses zum
Glockenturm um. Ein schönes nahe liegendes Beispiel aus der
Gotik ist die Franziskanerkirche in Salzburg. Hier wurde in
der Gotik dem dunklen romanischen Bauteil ein heller
gotischer angefügt und in der Barockzeit sogar mit einem
prächtigen Portal ergänzt.
Flakturm im Augarten Wien, Foto: © Dieter Braeg
Eine andere Besonderheit sind die noch vorhandenen Flaktürme im
Wiener Stadtgebiet. Sie wurden vom Düsseldorfer Bauingenieur
Friedrich Tamms im 2. Weltkrieg 1943/44 zur Verteidigung Wiens
gegen die alliierten Bomber errichtet. Sie hatten auf ihren auskragenden Plattformen die Fliegerabwehrkanonen etabliert.
Objektiv gesehen sind sie klar und funktionell konzipiert, sie
ragen aber mächtig und grau aus dem Stadtkörper. Eine Entfernung
der drei bis fünf Meter dicken Betonmauern ist mitten im
Stadtgebiet kaum möglich und deswegen sind sie noch erhalten.
Sie sollten auch als eine Art Mahnmal erhalten bleiben.
Aber auch Bauten, die nur die Geisteshaltung der Nazis zeigen,
sollten erhalten bleiben, weil sie auch einen Teil unserer
Geschichte dokumentieren. Bauten mit breiten Außentreppen,
hohen, überdimensionalen Türen und Fenstern, starken
Symetrieachsen und teuersten Materialien. Sie sollten die Macht
der Machthaber demonstrieren und den Normalbürger einschüchtern.
Auch in der Demokratie merkt man solche Ansätze!
In Italien würde man noch viele Beispiele finden, wo Altes
mit Neuem ergänzt wurde. Eines, ein ganz besonderes, sei
hier erwähnt: die Basilika in Vicenza von A. Palladio, 1546
– 49 erbaut, beziehungsweise von einer gotischen Halle in
eine vorbildliche Renaissance-Halle umgebaut. Vorbildliche
deshalb, weil hier das Motiv der Säulenarkaden mit den
Rundöffnungen (Palladiomotiv)das erste Mal angewendet wurde.
In der Barockzeit, nach der Belagerung Wiens durch die
Türken, 1683, begann in Wien eine intensive Bautätigkeit.
Unzählige Häuser der früheren Epochen wurden abgerissen und
durch prächtige Palais, Kirchen und Schlösser ersetzt. Die
Qualität dieser Bauten ist so groß, dass kaum jemand nach
dem Wert der früheren Bauten fragt.
Die Demolierung der Wiener Stadtbefestigungsanlagen auf
Wunsch und Beschluss des jungen Kaiser Franz Josef I. ab
1858, wird von Kunsthistorikern gelegentlich bedauert. Man
darf dabei aber nicht vergessen, dass Kaiser Franz Josef
zugleich einen großzügigen Wettbewerb ausschreiben ließ, der
die Grundlage für das weltweit bewunderte städtebauliche
Konzept der Wiener Ringstraße bildete. Eher zu bedauern ist
die Art wie die viel verzweigte Donau 1868 bis 1875
reguliert wurde. Die interessante Donaulandschaft wurde aus
Gründen des Hochwasserschutzes auf ein breites fast
geradliniges Band mit Überschwemmungsgebiet reduziert.
Erhalten blieb aber doch ein breiter Seitenarm, die Alte
Donau und der sogenannte Donaukanal, der einst auch ein
Hauptarm der Donau war. Mit der Schaffung der Donauinsel in
der Zeit von 1973 bis 1980 hat man Vieles wieder gutgemacht:
der Erholungswert gegenüber dem früheren
Überschwemmungsgebiet ist stark gestiegen, insbesondere
durch die Gliederung der ca. 20 km langen Insel und die
vielen Möglichkeiten der Erholung vom Radfahren, Spazieren,
Baden bis zum Wassersport.
Aber zurück zur Zeit um 1900 als die Gründerzeit durch den
Jugendstil abgelöst wurde. Wien, das 1910 auf fast 2,1
Millionen Einwohner angewachsen war, benötigte auch ein
neues Verkehrssystem, das bereits ab 1894 von Otto Wagner
konzipiert wurde. Die Stadtbahn wurde zugleich mit der
Regulierung der Wien (Fluß) und entlang des Donaukanalufers
und in der Mitte des Gürtels gebaut. Es war ein kräftiger
Eingriff in das Stadtbild, aber ohne viel Bausubstanz zu
beseitigen. 70 Jahre später hat man aus diesem großartigen
Gesamtkonzept unnötigerweise wichtige Teile herausgerissen
(Station Meidlinger Hautstraße, Station Karlsplatz) und
damit entwertet.

Franziskanerkirche Salzburg Portal, Foto: © Dieter Braeg
Im Falle der Nazibauten ist die Beurteilung
nicht einfach. Sicherlich wird niemand die Autobahnen, die
Brücken, die Sportbauten, die Nutzbauten demolieren wollen. Zu
akzeptieren ist aber sicherlich die Sprengung des Nazisymbols
(Adlerflügel mit Hakenkreuz) auf der Tribüne des Nürnberger
Parteitaggeländes durch die Sieger von 1945. Die Sprengung der Katharinenkirche in
Moskau unter Stalin 1950 war dagegen ein
barbarischer Akt. Die Moskauer haben diese Kirche in liebevoller
Kleinarbeit wieder aufgebaut.

Franziskanerkirche Salzburg Turm, Foto: © Dieter Braeg
Nach dem 2. Weltkrieg wurden in Wien bedeutende Bauten
wiederhergestellt oder behutsam erneuert, wie zum Beispiel das
Burgtheater oder die Staatsoper, aber kaum zeitgemäße
Architektur geschaffen. Später, in den 60er und frühen 70er
Jahren wurden eher aus Missachtung als aus Notwendigkeit
zahlreiche Palais und Jugendstilbauten (Stadtbahnstationen z.Bsp.)
und selbst eine Barockkirche (1965 die Rauchfangkehrerkirche)
demoliert. Ein Ausdruck kunstloser Zeit mit Betonung auf
Funktion und Wirtschaftlichkeit.
Zur selben Zeit wurden in Deutschland einige hervorragende
Beispiele von Erneuerung mit Rücksicht auf die Geschichte
geschaffen – z. Bsp. Die Gedächtniskirche in Berlin. Sie wurde
im Krieg teilweise zerstört und 1958 vom Arch. Egon Eiermann als
Ruine belassen und mit zwei neuen modernen Baukörpern von hoher
Qualität ergänzt.
Das andere Beispiel existiert in München. Die Alte Pinakothek
wurde durch eine Bombe im Krieg zum Teil zerstört. Beim
Wiederaufbau ergänzte der Architekt Hans Döllgast die zerstörten
Mauern, jedoch so, dass genau abzulesen ist, welcher Teil alt
und welcher neu ist.

Alte Pinakothek München, Foto: © Dieter Braeg
Beide Beispiele zeigen, wie Funktion, Ästhetik
und Geschichte in einem Gebäude in Übereinstimmung gebracht
werden können.
Zur Zeit begeht die sonst so vorbildliche Stadt Berlin einen
riesigen Fehler mit der Demolierung des „Palastes der Republik“,
dem ehemaligen Vorzeigebau der Deutschen Demokratischen
Republik. Der Asbest wurde entfernt und es gab danach keine
Notwendigkeit das Gebäude abzureißen. Selbst der Rohbau ließ
sich für Tanz und Theater nutzen.
Hier kommt meiner Meinung nach das noch immer vorhandene
Ressentiment des Westens gegenüber dem Osten zu Tage, ähnlich
der tierischen Rivalität der Löwenmänner.
Absurd ist der Gedanke an Stelle des „Palastes der Republik“ das
Schloß der Hohenzollern wieder aufzubauen. Die Hohenzollernzeit
ist lange vorbei, ihre Feudalherrschaft auch. Es gibt genug
Bauwerke die diese Zeit der Geschichte dokumentieren.. Warum
muss dann noch ein „Bauwerk“ wieder entstehen, das einer
Vergangenheit huldigt, die nichts in unserer freiheitlich
modernen Zeit etwas zu tun hat ?
Alte Pinakothek, München, Foto: © Dieter Braeg
Im Gegensatz dazu ist der Wiederaufbau der Frauenkirche in
Dresden eine eindeutige Sache, wie auch der Wiederaufbau
des Warschauer Königsschlosses. Beide Gebäude waren
vollkommen zerstört und mussten von Grund auf neu errichtet
werden. In Warschau war es ein nationales Symbol für ein
Volk, dass immer wieder von Ost und West, von Nord und Süd
überfallen und bekriegt wurde. Die Frauenkirche zeigt, dass
selbst die unbarmherzigste Kriegsführung Geschichte nicht
auslöschen kann. Und die Geste der britischen Königin ein
goldenes Kreuz aus ihrer eigenen Tasche zu spenden, finde
ich großartig.
Quelle: Gerhard Wallner
Foto: © Dieter Braeg
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