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Europäische Urbanität im Diskurs - exemplarisch in Salzburg : Architektur und Umraum 2007/8 - 2 aktuelle Beispiele: „Kraftwerk stört Weltkulturerbe nicht" und „St.Virgil: Vom Früh- zum Spätwerk"

----- Original Message -----
From: Norbert Mayr
To: Walter Prankl, kultur-punkt.ch
Sent: Monday, July 23, 2007 11:10 AM
Subject: Re: ein paar Texte
http://www.salzburger-fenster.at/rubrik/lokales/0607/architektur-kritiker-norbert-mayr_5028.html
http://www.drehpunktkultur.at/txt07-5/0375.html
Dr. Norbert Mayr
Augustinerg. 21
A-5020 Salzburg
Mobil +43-699-12708526
Tel/Fax +43-662-848480
office@norbertmayr.com;  www.norbertmayr.com

ÜBERBLICK
1

Architektur-Kritiker Norbert Mayr: „Kraftwerk stört Weltkulturerbe nicht"
Zwei von einer hochkarätigen Jury ausgewählte Projekte werden überarbeitet
Kein Problem mit dem unter Salzburgern heftig umstrittenen Salzach-Kraftwerk Lehen, quasi mitten in der Weltkulturerbestadt, hat Architektur-Kritiker Norbert Mayr.

Die zwei Siegerprojekte
A
Das Projekt Wagner/Rieder/Freiland: Die geschleppten Dachkörper unterstreichen die Strömung, die Jury regte eine „Zähmung“ an. Nach Ansicht von Norbert Mayr ist das Projekt „äußerst skulptural, aber überkandidelt“.
B
Das Projekt Feichtinger/HYL: Architektonisch eine klare Lösung, nach dem Motto: Ein Kraftwerk ist ein Kraftwerk, wie die Jury befindet. Ein Vorschlag mit einem „massiven, betonierten Teil, aber nicht banal“, urteilt Norbert Mayr.

Inhalt

„Ein Kraftwerk stört das von der Unesco zum Kulturerbe ausgezeichente Salzburger Altstadt-Bild nicht.“ Das sagt der bekannt skeptische Architektur-Kritiker Norbert Mayr. Man könnte sogar sagen, ein Weltkulturerbeauftrag sei auch eine Herausforderung an technische Bauten: „Versteht man Weltkulturerbe als Qualität, entspricht Qualität bei technischen Bauten einer anspruchsvollen Gestaltung.“
Prinzipiell sei es zu begrüßen, dass ein Architektur-Wettbewerb ausgelobt wurde (vom Betreiber, der Salzburg AG), verweist Norbert Mayr darauf, dass das sonst bei Kraftwerken lange Zeit überhaupt kein Thema gewesen sei.
Eingereicht wurden sechs Projekte. Begutachtet wurden sie von einer hochkarätigen Jury unter dem Vorsitz von Gestaltungsbeiratsvorsitzendem Rüdiger Leiner. Zwei wurden in die engere Wahl gezogen: Das Projekt Wagner/Rieder/Freiland und das Projekt Feichtinger/HYL. Bei Ersterem, nach Meinung von Norbert Mayr, einem eleganten aber etwas überkandidelten Projekt, handelt es sich um die Salzburger Architekten Erich Wagner und Max Rieder – Landschaftsplaner ist das Wiener Büro Freiland, ein Büro für ökologische Landschaftsplanung.
Beim anderen, dem massiver wirkenden Projekt, war Dietmar Feichtinger federführend – gemeinsam mit dem Landschaftsplaner HYL (Paris). Feichtinger, ein Wiener Architekt, ist Mitglied des Gestaltungsbeirats, arbeitet auch in Paris, wo er eine Seine-Brücke konzipitiert hat.
Vorgabe für die Architekten war, gemeinsam mit Landschaftsgestaltern ein Projekt zu entwickeln, die Landschaftsplaner konnten sie selbst auswählen. Die zwei genannten Projekte werden nun überarbeitet, führt der bei der Salzburg-AG für Sonderprojekte zuständige Bernd Stögner dazu aus. „Das Wagner/Rieder-Projekt ist etwas übertrieben, zu überdimensioniert. Das Feichtinger-Projekt ist zu klobig“, sagt Stögner, der auch Mitglied der Jury war.
Was die Bedenken der Anrainer betrifft, wurde von der Salzburg AG zugesagt, auch ein Alternativ-Projekt zur Sanierung der Sohlstufe und der Eintiefung der Salzach zu erwägen: Vorstandsdirektor Arno Gasteiger will die Bundeswasserbauverwaltung auffordern, ein solches vorzulegen.
B. Gappmair

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St.Virgil: Vom Früh- zum Spätwerk
Vor dreißig Jahren baute Wilhelm Holzbauer St. Virgil. - Vom katholischen Volksbildungsheim zum Bildungs- und Konferenzzentrum mit Seminarhotel.

09/05/07 Die Parscher Kirche (1953/56) und das Kolleg St. Josef in Aigen (1961/64) - beide für die Kongregation der Missionare vom kostbaren Blut - markieren Anfang und Ende der Zusammenarbeit der Architekten Johannes Spalt, Friedrich Kurrent und Wilhelm Holzbauer in der legendären "arbeitsgruppe 4". Die Bauwerke zählen mit Holzbauers Bildungshaus St. Virgil (1968/76) zu den Hauptwerken der Architektur des 20. Jahrhunderts in Österreich. Sie signalisieren den Anschluss an die internationale Architekturdebatte nach dem Zweiten Weltkrieg und erinnern an eine engagierte Auftraggeberkultur in der Kirche. Das kommunikative Raumgefüge in St. Virgil spiegelt die nachkonziliare Um- und Aufbruchstimmung.

Das heutige Bildungs- und Konferenzzentrum St. Virgil (von der Bezeichnung "Bildungshaus" hat man sich vor einigen Jahren verabschiedet) bietet ein breites Spektrum zur religiösen, gesellschaftlichen, kulturellen und persönlichen Bildung an. Im Eingangsbereich hängt noch die Marmorplatte mit dem Motto von 1976 zum christlich orientierten Weiterbildungsprogramm: "Allen die hier eintreten, werde es zum Ort der Besinnung, der Bildung und der Begegnung mit Gott und den Menschen." Zwischen 1966 und 1968 entwickelte Holzbauer in einem intensiven Diskussionsprozess mit dem Bauherrn für die junge Bauaufgabe Bildungshaus einen Prototyp. Im gemeinsamen Arbeiten, Leben und Wohnen in "familienhafter Atmosphäre" und mit persönlichem Kontakt zwischen "Bildnern und Teilnehmern" sollte sich die Bildungsbeziehung voll auswirken, so Holzbauer.

Eine Konzentration auf zwei Gruppen prägte das Raumprogramm, zum einen 80 Personen, die übernachten, zum anderen 120 Tagungsgäste: "Es ist alles zusammen und doch nichts wirklich von einem: Forum und Kolleg, Hotel, Erholungsheim, Schule und Seminar. Es ist eine Gemeinschaft und doch zu bestimmten Zeiten zwei unabhängige Gruppen, mit so wenig Kontakt untereinander wie möglich." Dieses im dritten Entwurf ausdifferenzierte duale Funktionsschema wurde realisiert.

Wilhelm Holzbauer konzipierte einen in sich geschlossenen und schlüssigen Baukörper als kraftvolle Komposition aus den geometrischen Grundfiguren Kreis, Rechteck, Prisma und Zylinder mit großen Glas- und prägnanten Sichtbetonflächen. Den bauplastischen Auftakt der Eingangssituation markierten angeschnittene Zylinder, die eine stimmungsvolle Kapelle und den Meditationsraum beherbergen, während die zweite Stirnseite durch einen hohen refektoriumsgleichen Speisesaal geprägt wurde. Zimmertrakte begleiteten die beiden Längsfronten. Den Mittelbereich mit den beiden Gruppenräumen und der Bibliothek spiegelte Holzbauer im einstigen zentralen Freilufttheater der Dachlandschaft.

Den entsprechenden Kommunikationsbereich darunter bildet die großzügige Foyerzone. Ein Wald von Rundstützen bietet Anhalts- und Anlehnpunkte im Gespräch, eine Facette des baulichen Milieus für geistig angeregtes Beisammensein. Niedrige dunkle Bereiche wechseln mit steilen, hellen Raumschlitzen als Erschließungen des Obergeschoßes. Die Durchdringung von Innen und Außen durch Blickverbindungen und die begehbare Dachlandschaft treten mit dem Naturraum in Dialog.

Das ursprüngliche Raumprogramm wurde hauptsächlich von Bildungsangeboten in kleinen Gruppen geprägt. Erst der 1984 eingeweihte Konferenzsaal der Architekten Rudolf Schreiber und Peter Schuh bot 180 Personen Platz. Mit der Dachssanierung wurde der Saal durch Schließung des ursprünglichen Freilufttheaters gewonnen, gleichzeitig aber das Zentrum der begehbaren, einst großzügigen Dachlandschaft zerstört. Holzbauer würde ihn heute gerne rückbauen lassen.

Die Einschätzung der Gründerväter, dass das großzügige Raumangebot
keine Erweiterung notwendig machen werde, war bald überholt. Für das Angebot des Mehrfachen des ursprünglichen Kursprogramms fehlten Gruppenräume, Veranstaltungssaal und Speisesaal waren zu klein. Die Entlastung durch weitgehende Reduktion auf eigene und diözesane wie kirchliche Veranstaltungen wurde nicht als praktikable Alternative gesehen. Möglichst viele Menschen sollten sich wertorientierte Erwachsenenbildung "leisten" können. Zu diesem laut Rektor Hans Walter Vavrovsky subventionierten Non-Profit-Bereich sollte die Vermietung der Infrastruktur an sogenannte "Gastkurse", private Hotelgäste und Kulturwochengruppen Einnahmen bringen.

Um sich vom verstärkten Seminarbetrieb in Hotels abzusetzen, betrieb St. Virgil eine Ausweitung mit einem Konferenzsaal samt 400 Sitzplätzen für größere Symposien, Konferenzen und Kongresse und eine Vier-Sternaufrüstung des Hotels. Ein erstes, aber gestalterisch dürftiges Erweiterungsprojekt im Grünland lehnte der Gestaltungsbeirat der Stadt ab und riet, Wilhelm Holzbauer - nach Jahren mit zahlreichen Veränderungen ohne sein Zutun - wieder einzubinden. Dies wurde akzeptiert.

Holzbauers "sanftes" Ausbaukonzept von 1992 beruhte auf der Maxime, "dass man nichts merken dürfe": Holzbauer nahm den Duktus diagonal andockender Bauelemente auf und wollte den quadratischen, unterirdisch erschlossenen Konferenzsaal unweit der Kapelle in die Geländekante im Park eingraben, sodass die Wiese in das Gründach übergehen konnte. Die südwestseitige Glasfront und Dachfenster dienten der Belichtung. Die Breite des Speisesaals im Bestand sollte verdoppelt werden. Dieser bedauerlicherweise von Teilen der Kirche abgelehnte Entwurfsansatz beeinträchtigte die städtebauliche Grundkonzeption - drei Riegel ähnlicher Tiefe prägten die Gebäudefigur - ungleich weniger als die 1995/1996 realisierte, großvolumig-einseitige Erweiterung.

Holzbauer hatte 1985 das Bildungshaus zu Recht als "eine in sich geschlossene Komposition von Volumen, welche einander gegenseitig bedingen" bezeichnet und 1992 ein entsprechend differenziertes Erweiterungskonzept entwickelt. Der realisierte Anbau mit Restauranterweiterung und Parkcafé sowie abteilbarem großem Konferenzsaal darüber fällt nicht allein architektonisch ab, er bringt die Stimmigkeit der städtebaulichen Gesamtfigur aus dem Lot: "Besonders stolz waren wir, dass die Endabrechnung um einige Millionen niedriger ausfiel als die ursprüngliche Kostenschätzung", so Vavrovsky.

Ende der 1990er Jahre wurden die Längsfassaden des Altbaues isoliert und generalsaniert, dessen Fassaden dem Neubau angeglichen. Wilhelm Holzbauer gestaltete auch den Eingangsbereich mit den beiden Zylindern und den Vorplatz neu. Er zerstörte den ursprünglich archaischen Charakter seines bemerkenswerten Frühwerks, eine Selbstverstümmelung ohne halbwegs gleichwertigen Ersatz. Der Architekt ließ beispielsweise das leichte, weit auskragende Vordach plump in Styropor einpacken, die "zarte Klinge" wich einem klobigen Prügel. Die ebenso gedämmten, jetzt "neapelgelb" erstrahlenden Betonzylinder wurden überflüssigerweise durch Nutungsringe behübscht. "Und die Nut im Putz hat einfach eine Tradition", so der Erklärungsversuch von Holzbauer. Vom beeindruckenden Kontrast zwischen rohem Beton und Naturraum ist nichts mehr zu spüren. Ein "Planschbecken" mit drei Fontänchen verstellt den Aufgang zur begehbaren Dachlandschaft.

Nur selten verlieren Architekten die Beziehung zu den Qualitäten ihrer besten Bauten. Sanierungs- und Umbauüberlegungen sollten daher grundsätzlich mit deren Schöpfern entwickelt werden. Nach Jahrzehnten des Betriebes sind meist Sanierungen oder die Umnutzung der oft vor dem Ölschock realisierten Gebäude notwendig. Entscheidend sind dabei eine intensive und sensible Auseinandersetzung mit den baulichen Besonderheiten, da auch kleine Maßnahmen wie Fenstertausch, Dämmung und Bemalung große zerstörerische Wirkung auf die Ausgewogenheit von Proportionen und Materialien haben können.

Als "Anwalt" für das Baudenkmal spielt das Denkmalamt eine zentrale Rolle. Der Salzburger Landeskonservator Ronald Gobiet nannte das 2004/2005 restaurierte Wandgemälde von Peter Pongratz im ehemaligen Meditationsraum - heute "Lernatelier" und Computerraum - den "Benjamin" des Denkmalschutzes. Der 30 Jahre junge bauliche Benjamin erhielt - obwohl ebenfalls denkmalgeschützt - keine adäquate Betreuung.

"Das katholische Volksbildungsheim ist also nicht nur vom Programm, sondern auch von der Interpretation der Aufgabe ein Bildungsbau", schrieb Friedrich Achleitner 1979. Heute erzählt es vom verbreiterten Bildungsspektrum, vom Spannungsfeld zwischen Holzbauers Früh- und Spätwerk und dem Stand der Denkmalschutzdiskussion in Österreich.
Norbert Mayr
 


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   Stand: FEBRUAR 2012

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