- W+B Agentur-Presseaussendung Dezember 03 / Januar 04
<<Vom genialen Stahlrohr-Design, Kleinmetall-Haus
zum entborgenen*Beton-Pathos>>
oder << Die Badgestaltung
als Mass für lebensmindernde Architektur im 20. Jhdt.>>
Katalogbuch- und Ereignisbesprechung
<<Marcel Breuer 1902 - 1981: Design und Architektur >>
Ausstellung: Vitra Design-Museum & - Stiftung, Weil am Rhein, Charles
Eames Str. 2
www.design-museum.de
Konzeption & Organisation: M. Remmele & A.Pioch; Gestaltung: D. Thiel; Grafik:
Th. Romanus; Modellbau: U. Burla, D. Christen, D.v. Kölln, O. Dillier, M.
Gehde, V. HessR. Höglhammer, M. Kummer, H. Steiner; Technische Leitung: Th.
Hodel, St. Fricker; Presse und
Öffentlichkeitsarbeit: G. Gianoli
Katalog-Herausgeber: A. v. Vegesack, M. Remmele; Konzept, Redaktion:
M.Remmele, A. Pioch; Bildrechte: K. Meyer-Ebrecht, A. Pioch,; Grafik: Th.
Romanus; Lektorat: K. Thietz, Übersetzungen: S. Quassdorf, F. Schneider, A.
Schweinberger, A. Vonderstein; Litho & Druck: GZD Ditzingen
Produktionsleitung: Elke Henecka
Autoren: B. Berdoll, D. Cacciola, J. Driller, R.G. Gatje, G.D. Grawe, I. Hyman,
O. Macel,. M. Remmele, L. Schöbe. 448 S.; über 500 Abb.; Leinen mit
Umschlagschleife und Lesefaden.
Design
Was Alvar Aalto im frühen 20. Jhdt. für das Design von Bugholzmöbeln geniales
geleistet hat, gilt gleichermassen für das Design von Stahlrohrmöbel mit Holz
und Leder von Marcel Breuer: Beide Möbelserien residieren bis heute sowohl im
Geschäftsleben als auch im Wohnbereich der Mittelschicht Europas und der neuen
Welt, auch dank der hervorragend produzierten Remakes von weltbekannten
Designern, wie die vorgenannten von Unternehmen wie Vitra Design. Diese Möbel
erscheinen heute zumeist anonym, herkunftsunabhängig, aber angenommen,
angekommen und sorgen für Bequemlichkeit und Repräsentation zugleich
Marcel Breuer, in Südungarn geboren, kurz nur Stipendiat an der Akademie der
bildenden Künst in Wien, dann als Meisterschüler vom Bauhaus 0 treffen wir ihn
in Weimar, wo er bereits mit Stuhlentwürfen hervortritt (1920-23). Ein Jahr
später wird er da bereits Jungmeister und erhält den Auftrag für das neue
Bauhaus I in Dessau, unter der Leitung von Walter Gropius, eine
Standard-Möblierung zu entwickeln.
 
Marcel Breuer im Stahlrohrstuhl Wassily *
Kleinmetallhaus-Entwurf 1925-26 ( Bauhauszeit in Dessau)
Architektur
Dieser frühe Erfolg wirkt auch bis Stuttgart, 1927, wo Musterwohnungen der
inzwischen weltbekannten Weissenhofsiedlung von ihm
eingerichtet werden.
1928 treffen wir Breuer mit Gropius und Mohol Nagy in Berlin und zwischen
1932-36 wirkt er in Zürich und London, wo er Sperrholz in seine Konstruktion
mit einbezieht.
Den Zahn und Zug der Zeit effizient erspürend treffen wir Breuer 1937 in den
USA wieder mit Gropius an der Uni-Havard.
Ab da ist auch die Bauhaus II - Architektur, die Breuer mit Gropius im Büro
zusammen entwirft, Bauhaus-geprägt: Totale, puritane, analytische
Geometrie, gepaart mit radikal-rationalistischen Funktionalismus, fern von
jeder Inhärenz ( Innewohnen, nachbarliche Kooperation..) mit den Künsten, wie
Malerei, Skulptur, Kunsthandwerk..wie es Josef Hoffmann mit der Wiener
Werkstätte noch um 1928 letztmals zelebriert hat.
1941 beginnen auch in den USA die Kriegsjahre. Ihr gemeinsames Büro wird
geschlossen.
Nach dem Weltkrieg errichtet Breuer ein Büro in New York, plant Häuser für
sich und andere, bis er 1952 mit Nervi die UNESCO Zentral in Paris zusammen
planen darf.
Spästestens ab hier erfährt er seine Erfolge mit
seinen transatlantischen Aufträgen: Minnesota, Rotterdam, Zürich, North
Dakota, New York, La Gaude und Flane (F), Moscia (CH), Michigan, Baldegg
(CH), und sein letzter Architekurentwurf in Atlanta. Er stirbt in New
York.
Neun Jahre vor seinem Tod ehrt ihn das Metropolitan Museum of Art mit einer
Retrospektive.
Fazit
Breuers Wertschöpfung im ergonomisch-repräsentativen Design ist von
bleibender Aktualität.
Zwei Tendenzen der Gestaltung spiegeln sich zwiespältig und gleichzeitig im
20. Jhdt. geradezu musterhaft im Breuers Architekturentwurf:
1 Privates Wohnen, innen wie aussen.
Das wohl eindringlichste Beispiel dieser
unmittelbaren Reflexion von Breuer zu –real time- Stilvorgängen im
Bauhaus Dessau, im holländischen De Stijl, voran Riedtfeld (im Lattenstuhl
1924 sichtbar) und in der skandinavischen Bewegung durch Aalto ( in der
Isokonliege 1935), und vor allem in seinem Kleinmetallhaus 1925-26.
Besonders an diesem Beispiel kann die Badgestaltung als Mass für
lebensgemässe Architektur im 20. Jhdt. exemplarisch deutlich gemacht
werden. Ausnahmsweise bildet hier das Bad, mit seinen 3 m Breite den
gleichberechtigt zugänglichen Zwischenraum zu den beidseitig angeordneten
Schlafkojen. In den sonst übrigen Entwürfen seiner Zeitgefährten mit Ausnahmen
wie Mies van der Rohe oder Neutra, bildet die Länge der Badewanne max. 2 m
gleich die Breite des Raumes! Und das ein Jahrhundert lang, bis heute in den
sogenannten Massen-Menschenhaltungsstätten. 1927 dazu gehören die
Künstler-TraumAhäuser Bambos.
Dies nennen wir im kultur-punkt im Heideggerschen Sprachjargon entborgene*
Raumverkrüppelung.
Hinzu gesellt sich da das leitfähiges Metall als Baumaterial, das so dass
das Haus als Faraday-Käfig in der wahren Bedeutung, feldfrei und abgeschirmt
nach aussen, für ein permanentes Unbehagen im Inneren sorgt.
Wenn I.M.Pei, weltbekannter
Architekt, ein Freund Breuers zu dessen späteren Entwürfen von einer
kultivierten Art rustikal auszusehen
spricht, und dieser das Wort bäuerisch
meidet, weil es ihm ungebildet erscheint, so hört man die Arroganz des
urban-elitär verbildeten Herrenhausmenschen heraus, die die meisten Designer
und Architekten, sowohl durch ihre Aus- und Miss- wie Weiterverbildung
kennzeichnet, voran Hollein u.v.a. Jeder Bauer hat meist mehr Herzensbildung
als alle die Vorgenannten mit Ausnahme von Neutra und Aalto, mit denen ich die
Ehre und das zeitüberdauernde erinnernde Vergnügen hatte
und noch immer habe, Gespräche darüber zu führen.
2. Öffentliche Räume, innen wie aussen.
Zwar litten Breuer, Neutra und Mies van der Rohe und die anderen
Emigranten, Besucher nicht unter dem Le Corbusier Syndrom, in USA, wie es
ein gewisser Hitchcock klug formulierte. Sie nutzten
das gleiche Material und den entbergenden* Beton-Pathos, der die
Massen-Mensch- wie –Tierhaltungs-Bauten offerierte mit diesem gussfreundlichen
Material. Nicht von ungefähr bezeichnete der scharfzüngige, aber stets wache
Mumford von Museum für Antiquitäten. Alle öffentlichen Bereiche der
zweiten Hälfte des 20 Jhdts., bis hin zu jenen restbäuerlichen Höhenlagen, die
wir heute Alpine Freizeitzonen nennen, haben so ein
verstörtes Anlitz erhalten. Breuer spricht von der Wiedergeburt massiver
Baukörper, gleich neben Glaswänden..praktisch , modulierend..
Dieser augenscheinliche Missverständnis kommt aus der nunmehr ein Jahrhundert
währenden Trübung im Entwurfsprozess zustande ( Breuer ist ein Weggefährte bei
dieser Verschleierung, die beliebige materialtechnische Formung für repräsentative
Zwecke mit abwesender Inhärenz / dem Innewohnen von geistig-sozialer Energie
verwechselt. Hinzu kommt die Ausgrenzung der anderen Künste, wie es oben zum
Bauhaus bereits formuliert wurde.
Marcel Breuer ist somit ein stil- und zugleich musterbildender
Zeitgefährte des 20. Jahrhundert, mit allen seinen herausragenden
Vorzügen und zugleich seiner abgrundtiefen Distanz in
bezug zu einer notwendigerweise, wiederkehrenden Inhärenz der Künste,
so wir zu einer neuen demokratisch-ästhetischen und transdisziplinären
Überlebensform gelangen wollen. W.Prankl
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