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swr2-Oelkers-Reformpaedagogik10-6
Professor Jürgen Oelkers : Utopie adé . Ist die
Reformpädagogik am Ende?
Autor und Sprecher: Professor Jürgen Oelkers *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 13. Juni 2010, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum
persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der
ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
ÜBERBLICK
Auch einige reformpädagogische Einrichtungen sind wegen sexuellen
Missbrauchs in die Schlagzeilen gekommen.
Kritiker sprechen von systemischen Mängeln, vom Ende der
Reformpädagogik. Doch stimmen die Vorwürfe?
Hat die Reformpädagogik in Deutschland eine Chance? Jürgen Oelkers,
Professor für Pädagogik, gibt Antworten.
* Zum Autor:
Jürgen Oelkers, geboren 1947, Studium der Erziehungswissenschaft,
Germanistik,
Geschichte an der Universität Hamburg, 1979 - 1987 Professor (C4)
für Allgemeine
Pädagogik an der damaligen Hochschule (jetzt: Universität) Lüneburg,
ordentlicher
Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Bern von
1987-1999,
Ordentlicher Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität
Zürich seit 1.
März 1999. Visiting Professor an der University of Hiroshima (2006).
Forschungsschwerpunkte: Historische Bildungsforschung, vor allem des
18. und 19.
Jahrhunderts, Reformpädagogik im internationalen Vergleich,
Analytische
Erziehungsphilosophie, Inhaltsanalysen öffentlicher Bildung,
Bildungspolitik.
Bücher von Jürgen Oelkers (Auswahl):
- Historisches Wörterbuch der Pädagogik (zus. mit Dietrich Brenner).
Verlag Beltz.
2010
- John Dewey und die Pädagogik. Verlag Beltz. 2009.
- Reformpädagogik. Eine kritische Dogmengeschichte. Verlag Juventa.
2005.
Literaturquellen:
(Die Textteile in eckigen Klammern konnten aus Zeitgründen nicht
gesendet werden).
Andreesen, A.: Gutachten in der Strafsache gegen von Lützow. Berlin:
Verlag Hensel&Co. 1926. (=
Die neue Erziehung Beihefte 1)
Der Pestalozzi der Deutschen. Hermann Lietz in Anekdoten,
Briefstellen, Kernworten dem deutschen
Volke ein Führer aus der Erniedrigung. Denk- und Dankschrift zum 28.
April 1924. Veckenstedt am
Harz: Verlag des Land-Waisenheims 1924.
Dr. K.M.: Der Eros und die Landerziehungsheime. In: Der Eigene. Ein
Blatt für männliche Kultur. Jg.
10, Heft 7/8 (1924), S. 318-323.
Ebermayer, E.: Gustav Wyneken. Chronik einer grossen Freundschaft.
2. Aufl. Frankfurt am Main:
Dipa-Verlag 1982.
Ehrentreich, A.: Pädagogische Odyssee. Im Wandel der
Erziehungsformen. Weinheim/Ratingen:
Verlag Julius Geltz, A. Henn Verlag 1967.
Erdmann, O.: Die Arbeitsorganisation der Odenwaldschule. In: Die Tat
Band 5, Heft 12 (März 1914),
S. 1284-1288.
Geheeb, P.: Koedukation als Lebensanschauung. In: Die Tat V.
Jahrgang, Heft 12 (März 1914), S.
1238-1249.
Geheeb, P.: Briefe. Mensch und Idee in Selbstzeugnissen. Stuttgart:
Ernst Klett Verlag 1970.
Grunder, F.: Land-Erziehungsheime und Freie Schulgemeinden. Aus
vieljähriger Praxis in
Deutschland, England, Frankreich und der Schweiz. Leipzig: Verlag
von Julius Klinkhardt 1916. (=
Pädagogium. Eine Methoden-Sammlung für Erziehung und Unterricht,
hrsg. v. O. Messmer/A.
Fischer, Band VII)
Hildebrandt, E.: Hermann Lietz. In: Die Tat XIII. Jahrgang, Heft 3
(1921), S. 186-193.
Hoffmann, H.: Gemeinsame Erziehung von Knaben und Mädchen. Programm
des
Landerziehungsheims Laubegast. Berlin: Pädagogische
Verlagsbuchhandlung Gerdes&Hödel 1903.
Hoppe, O.F. (Hrsg.): Neuzeitliches Schulwesen. Unter Mitarbeit von
Professor Dr. Gastpar und
Direktor E. Henschen herausgegeben. Stuttgart: Verlag von Felix
Krais 1913.
Lietz, H.: Lebenserinnerungen. Neu hrsg. u. erg. durch Briefe und
Berichte v. A. Andreesen. 4./5. Aufl.
Weimar: Hermann Lietz Veruag 1935.
Reddie, C.: Modern Miseducation. In: Today (October 1888), S.
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Samuel, R.: Theatres of Memory, Vol. II: Island Stodies: Unravelling
Britain. Ed. by S. Alexander/G.
Stedman Jones/A.Light. London/New York: Verso 1999.
Wyneken, G.: Soziale Erziehung in der Freien Schulgemeinde. In:
Wickersdorfer Jahrbuch 1909-1910.
Abhandlungen zum Programm der Freien Schulgemeinde, herausgegeben
von G. Wyneken und A.
Halm. Jena: Eugen Diederichs 1910, S. 1-73.
Wyneken, G.: Schule und Jugendkultur. Zweite Auflage. Jena: Eugen
Diederichs Verlag 1914.
Darstellungen:
Arnold-Brown, A.: Unfolding Character: The Impact of Gordonstoun.
London: Routledge&Kegan Paul
1962.
Crossley, R.: William Olaf Stapledon: Speaking for the Future.
Syracuse, N.Y.: Syracuse University
Press 1994.
Holroyd, M.: Lytton Strachey: A Biography. Harmondsworth, Middlesex:
Penguin Books.
100 Jahre Reformschule Heidehof 1908-2008. Festschrift. Stuttgart:
Evangelisches Heidehof-
Gymnasium 2008.
Kerchner, B.: „Sexualdiktatur“. Macht und Gewalt in den
Gerichtsverfahren der Weimarer Republik In:
Chr. Künzel (Hrsg.): Unzucht - Notzucht – Vergewaltigung.
Definitionen und Deutungen sexueller
Gewalt von der Aufklärung bis heute. Frankfurt am Main/New York:
Campus-Verlag 2003, S.137-163.
Näf, M.: Paul Geheeb. Seine Entwicklung bis zur Gründung der
Odenwaldschule. Weinheim:
Deutscher Studien Verlag 1998. (= Internationale Pädagogik -
Reformpädagogik. Schriftenreihe des
Weltbundes zur Erneuerung der Erziehung, hrsg. v. Horst
Hörner/Hans-Christoph Berg, Band 4)
Priebe, A.: Vom Schulturnen zum Schulsport: Die Reform der
körperlichen Ausbildung in den
Deutschen Landerziehungsheimen und der Freien Schulgemeinde
Wickersdorf von 1898 bis 1933.
Bad Heilbrunn/Obb.: Klinkhardt 2007.
Stark, Chr.: Idee und Gestalt einer Schule im Urteil des
Elternhauses. Eine Dokumentation über die
Odenwaldschule zur Zeit ihres Gründers und Leiters Pauk Geheeb
(1910-1934). Diss. Paed.
Pädagogische Hochschule Heidelberg. Ungedr. Ms. Heidelberg 1998.
Ward, B.M. Reddie of Abbotsholme. Intr. by J.J. Findlay. London:
George Allen&Unwin 1934.
INHALT__________________________________________________________________
Ansage:
Mit dem Thema: „Utopie ade – Ist die Reformpädagogik am Ende?“
Natürlich: Es geht um die Odenwaldschule, um die Fälle sexuellen
Missbrauchs, die
in den letzten Monaten öffentlich gemacht wurden. Und es geht um die
Kardinalfrage: Sind diese Fälle Ausdruck und Folgen eines bestimmten
pädagogischen Systems, des Systems der Landerziehungsheime, die für
eine
Richtung der Reformpädagogik stehen?
Jürgen Oelkers ist Professor für Pädagogik an der ETH Zürich und er
bejaht diese
Frage. Für ihn steht fest: Von Anfang an wurde die Pädagogik der
Landerziehungsheime geprägt von einer kruden Mischung aus
erotischen,
autoritären und sogar militärisch-nationalen Elementen. Hören Sie
dazu die SWR2
Aula von Jürgen Oelkers.
Jürgen Oelkers:
[Es gibt nicht „die“ Reformpädagogik. Zur Reform von Erziehung und
Schule haben
seit Beginn des 19. Jahrhunderts sehr verschiedene Ansätze und
Erfahrungen
beigetragen, die keine einheitliche Größe darstellen. Mit der
Entwicklung der
Industriegesellschaft veränderte sich auch das Bildungswesen, das
geschah
zunächst langsam und unmerklich, dann aber mit steigendem Tempo und
etwa
zeitgleich in allen modernen Gesellschaften. In diesem breiten
Verständnis ist
„Reformpädagogik“ ein internationales Phänomen, das von der
zunehmenden
Intervention des Staates geprägt wurde.
In Deutschland ist die Reformpädagogik sehr stark von kleinen
Alternativschulen her
wahrgenommen worden, den so genannten „Landerziehungsheimen“, die zu
Beginn
des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Gemeint sind damit private
Internatsschulen,
die einen besonderen pädagogischen Anspruch vertreten haben. Die
Idee stammte
aus England, genauer: aus der englischen Lebensreform im letzten
Drittel des 19.
Jahrhunderts und betonte den großen Vorteil einer zurückgezogenen
ländlichen
Umgebung für den Erziehungsprozess. Damit sollte vermieden werden,
dass Kinder
und Jugendliche den Gefahren des Großstadtlebens ausgesetzt werden.
Dass diese
Schulen selbst Risiken darstellen könnten, ist nie erwogen worden.
Das „Land“ nahm auch eine symbolische Bedeutung ein. Führende
Vertreter der
deutschen Reformpädagogik haben die ländliche Abgeschiedenheit
geradezu
verklärt und als Erziehungsidylle beschrieben, mit dem Effekt, dass
ihre Schulen
immer wieder als „Musteranstalten“ einer neuen Pädagogik hingestellt
und
hervorgehoben wurden.]
In Landerziehungsheimen sollte „ganzheitlich“ gelernt werden, die
Heime sollten
durch eine besondere Beziehungskultur zwischen den Lehrern und den
Schülern
ausgezeichnet sein und sie sollten „Lebensschulen“ sein – im
Gegensatz zu den
Staatsschulen, die verächtlich als „Lern-“ oder „Buchschulen“
bezeichnet wurden.
Ein bekannter Name dieser alternativen Pädagogik ist der von Paul
Geheeb. Er und
seine Frau Edith Cassirer waren die Gründer der heute so
umstrittenen
Odenwaldschule, die wegen zahlreicher Missbrauchsfälle in der
deutschen
Öffentlichkeit großes Aufsehen erregt hat und offenbar nachhaltig
diskreditiert
worden ist. Dieser Skandal führte in den letzten Monaten zu einer
grundsätzlichen
Diskussion über die deutsche Reformpädagogik.
Die Odenwaldschule ist am 14. April 1910 eröffnet worden, sie ist
also genau
einhundert Jahre alt. Sie zählt sich selbst zu den
„Landerziehungsheimen“ und galt
bis vor kurzem als untadelige Vorzeigeschule der deutschen
Reformpädagogik. Vor
dem Ersten Weltkrieg war die Schule allerdings nur eine von vielen.
Im Deutschen
Reich gab es Hunderte von Privatschulen, deren Zweck es war, auf
Prüfungen
vorzubereiten oder andere Marktnischen zu bedienen. Das geschah im
Wesentlichen
nicht auf dem Lande, sondern durch städtische Angebote nahe bei den
Kunden.
Auch Schulen mit einem anspruchsvollen Programm wie die Reformschule
Heidehof
in Stuttgart oder das Landerziehungsheim Laubegast bei Dresden
wurden wegen der
Nähe zur Stadtkultur gegründet (Hoffmann 1903, S. 24). [Die
Heidehofschule sollte
eine „moderne Großstadtschule“ sein und gerade keine Idylle auf dem
Lande (Hoppe
1913, S. 1-16).]
Die meisten dieser Schulen wurden vergessen. Die Odenwaldschule
dagegen ist in
der deutschen Lehrerbildung immer als pädagogisch-didaktisches
Vorbild verstanden
und mit der Aura einer großen Tradition verbunden worden. Erzählt
wurde eine
heroische Geschichte, die keinen Vorbehalt erlaubte und Distanz
nicht zuließ.
[Vorbilder in der Erziehung müssen makellos sein. Jeder Verdacht
würde sie
belasten, also durfte erst gar keiner aufkommen. Doch hundert Jahre
Geschichte
können nicht makellos gewesen sein, und dann gibt es auch keine
„Tradition“ der
Reformpädagogik ohne dunkle Seiten. Die Frage ist nur, ob und wie
sie
wahrgenommen werden.
Keine einzige Schule der Reformpädagogik hat je den eigenen
Ansprüchen genügen
können, aber genau dieser Eindruck sollte entstehen und wird bis
heute kolportiert.]
Es ist immer wieder von „pädagogischen Laboratorien“ die Rede, aus
denen die
„moderne Schule“ hervorgegangen sein soll, während es sich
tatsächlich um wenige,
hoch konflikthafte, innerlich zerstrittene und ganz kleine Schulen
handelte, die nie die
staatliche Schulentwicklung beeinflusst haben und das oft auch gar
nicht wollten.
Wer sich auf sie beruft und gar noch eine besondere pädagogische
Tradition
konstruiert, die bis heute unverändert Gültigkeit haben soll, muss
wissen, was er tut.
Bei den Landerziehungsheimen handelt es sich um abgeschlossene,
teure Internate,
die von den Eltern bezahlt wurden, oft aus Notlagen heraus und
zugänglich nur für
Begüterte. Das kann in einem demokratischen Staatswesen nicht die
Zukunft der
Schule sein.
Aber gab es nicht doch eine vorbildliche Pädagogik, auf die man sich
heute noch mit
gutem Grund beziehen kann? Die Ideen verbinden sich mit Namen und
Namen
werden im Zusammenhang mit den Landerziehungsheimen immer wieder
besonders
hervorgehoben und stilisiert, neben Paul und Edith Geheeb der Leiter
der Freien
Schulgemeinde Wickersdorf, Gustav Wyneken, sein Nachfolger Martin
Luserke, dann
Hermann Lietz, der eigentliche Begründer der „Deutschen
Landerziehungsheime“,
und schließlich auch Cecil Reddie, an dessen Schule in England 1889
alles
begonnen haben soll.
Namen wie diese werden in der vorliegenden Literatur fast immer als
untadelig
hingestellt und als vorbildlich für die Gegenwart verstanden. Doch
die Geschichten,
die sich mit den Namen verbinden, sehen anders aus; sie sind wenig
heroisch und
geben keinen Anlass für Idealisierung. [Eine Haltung der kritiklosen
Verehrung liegt
nur dann nahe, wenn nicht genauer untersucht wird, wie die Praxis
der Schulen
tatsächlich ausgesehen hat und sich die Wahrnehmung immer nur auf
die
Selbstbeschreibungen bezieht.]
Das Problem lässt sich bereits sehr deutlich am Grundmodell der
Landerziehungsheime zeigen, der „New School of Abbotsholme“ von
Cecil Reddie,
einem winzigen Internat in den englischen Midlands, das nie mehr als
neunzig
Schüler hatte und gleichwohl zum Ursprung einer pädagogischen
„Bewegung“
stilisiert werden konnte. Doch diese angebliche Bewegung der
Landerziehungsheime
bestand aus gut gerechnet nicht viel mehr als fünfzig Schulen, die
weder einem
gemeinsamen Konzept folgten noch über eine eigene Organisation
verfügten. Sie
waren nicht einmal alle auf dem Lande.
Die Schulen waren wie gesagt teure Privatschulen, sie nannten sich
„neu“ oder
„modern“ und machten mit Konzepten der Erziehung auf sich
aufmerksam, die gut
klangen, aber noch gar nicht ausprobiert waren, weil sie einen Markt
bedienen
mussten und dafür ein gut klingendes Label brauchten. Dieses Label
orientierte sich
sehr stark auch an der zeitgenössischen Medizin und deren
Vorstellungen von
Gesundheit. Landerziehungsheime wären nie plausibel gewesen ohne die
medizinischen Postulate der Lebensreform, also Körperkultur,
Abstinenz, Rohkost,
naturgerechte Kleidung, Luftbäder oder eben Landleben.
Am 1. Oktober 1889 eröffnete Cecil Reddie seine Schule, die der
Ausbildung der
männlichen Eliten dienen sollte. Jungen zwischen zehn und neunzehn
Jahren
besuchten die Schule, die eine lebensreformerische Ausrichtung hatte
und damit ein
besonderes Publikum ansprechen wollte, ohne zu sagen, was die
Schulen den
Jungen tatsächlich zumutete. [Die Stichworte waren tatsächlich wohl
klingend,
gesunde Ernährung, tägliche Bewegung, einfache Kleidung oder auch
das
erzieherische Zusammenleben in einer Gemeinschaft.]
Konkret hieß das: Das Essen in der New School of Abbhotsholme war
strikt
vegetarisch, Fleisch galt als sexuell stimulierend und war ebenso
verboten wie
Alkohol. Die täglichen Portionen waren schmal bemessen, [Hunger war
eine Art
Selbstzucht;] als besonders gesund galt Porridge, aber nur mit
Wasser und ohne
Zusatz. Als Bekleidung war nur „gesunde“ Wollkleidung zugelassen.
Generell sollten
die Jungen nur so viel anziehen, wie gesundheitlich geboten war;
Unterwäsche zu
tragen, war ebenfalls verboten (Samuel 1999, S. 304). Nur in ganz
kalten Wintern
durften die Fenster geschlossen werden, und dies auch nur auf
Anweisung der
Schulleitung.
Nach kurzer Zeit hatte Reddie seine Mitbegründer vertrieben und
konnte die Schule
in autokratischer Form allein leiten. ]Der Gründung der Schule war
eine Artikelserie
vorausgegangen, die Reddie im Oktober 1888 in der englischen
Zeitschrift „Today“
veröffentlichte und die den Titel trug: „Modern mis-education“ (Reddie
1888). Das
lässt sich auf ihn übertragen: Reddies eigener Unterrichtsstil wird
beschrieben als
eine Art Verhörmethode, auf den Kopf zu direkt, kleinlich und keinen
Widerspruch
duldend.
Eine andere Quelle beschreibt Reddie als Pedanten und Exzentriker,
der in
Abbotsholme wie ein „absoluter Monarch“ geherrscht habe. Nur er gab
die Gesetze,
aber nicht nur das, er legte auch in detaillierten Instruktionen
genauestens fest, wie
das richtige Verhalten der Jungen auszusehen hat, und diese
Herrschaftstechnik
reichte von der Heuernte über das Verhalten in den Schlafsälen bis
zu den Regeln
der richtigen Kleidung und sogar den nächtlichen Schlafstellungen im
Bett (Arnold-
Brown 1962, S. 4/5).]
Reddie wäre in keiner öffentlichen Schule tragbar gewesen. Er konnte
nicht zuhören
und monopolisierte jede Konversation, ohne es zu merken (Ward 1934,
S. 30). Er
war komplett unfähig, andere Meinungen zu akzeptieren, auch solche,
die die Eltern
seiner Schüler äußerten, die immerhin die Kunden seiner Schule
darstellten. Er wies
rundheraus jegliche Intervention von außen zurück, wenn erst einmal
ein Junge
seiner Herrschaft unterstellt war. Die Haltung war dann
kompromisslos: „Take it or
leave it”.
Unter den Schülern gab es eine strikte Hierarchie[, die nach Graden
eingeteilt war].
Den untersten Rang bildeten die „fags“, darüber standen die „mids“
und ganz oben
waren die „Präfekten“, die die Strafgewalt über ihre Mitschüler
innehatten. Sie durften
körperlich züchtigen und mussten sich darüber nur einig werden.[
Gelegentlich strafte
der Schulleiter auch persönlich und dies in demütigender Form vor
der versammelten
Schule, also den Schülern und den Lehrern gleichermaßen (Holroyd
1971, S. 88).]
Abbotsholme hieß wegen der aristokratischen Herrschaft von Reddie
auch das
„kleine Königreich“ (miniature kingdom), aber es war ein
ausschließlich männliches
Reich; wenn Lehrer heiraten wollten, wurden sie entlassen (Crossley
1994, S. 58).
Die einzig zugelassene Sozialform war „Kameradschaft“ (camaraderie)
unter Jungen,
begründet als platonische Gemeinschaft (ebd., S. 58/59). Die
Schulhymne hieß frei
nach Walt Whitman „The Love of Comrades“ und beschwor die
lebenslange
Freundschaft unter Männern. [In der Kapelle der Schule und an den
Wegen auf dem
Gelände standen nackte Statuen, auch das War Memorial zeigte einen
nackten
Knaben, die Schüler badeten im Sommer nackt und Reddie ließ
griechische
Theaterstücke aufführen, in denen Jungen Frauenrollen übernahmen.]
In der deutschen Literatur wurde die Existenz der Schule in den
ersten Jahren kaum
beachtet. Das änderte sich, als Hermann Lietz, der ein Jahr lang in
Abbotsholme als
Lehrer tätig gewesen war, eine eigene Schule gründete, die er
programmatisch
„Deutsches Land-Erziehungs-Heim“ nannte. Der englische
Erziehungsstaat von
Abbotsholme sollte mit ähnlichen Herrschaftsformen wie dem
Präfektensystem ein
deutsches Äquivalent finden. Das erste Landerziehungsheim
ausschließlich für
Jungen wurde am 28. April 1898 in Ilsenburg am Harz eröffnet, mit
sieben Schülern,
zwei Lehrern neben Lietz sowie Fräulein Dieser, der „Hausdame“ (Andreesen
1934,
S. 89).
Lietz heiratete erst 1911. Bis dahin war die Hausdame die einzige
Frau in den
Heimen; beschäftigt wurden wie in Abbotsholme ausschließlich
männliche und
unverheiratete Lehrkräfte. Seine Frau hieß Jutta von Petersenn, mit
ihr hatte er drei
Kinder. Die Kinder wurden 1924 in einer Denkschrift erwähnt, die
„Hermann Lietz,
dem Pestalozzi der Deutschen“ gewidmet war. Hier wird eine
aufschlussreiche
Episode mitgeteilt, die dem Brief eines Schülers aus dem Jahre 1917
entnommen ist.
Der Brief schildert ein Zusammensein im Haus der Familie mit Jutta
und Hermann
Lietz. Dabei kommt es zu einem Vorfall: Die kleinere Schwester stößt
ihren
vierjährigen Bruder im Streit plötzlich die Steintreppe hinunter.
Der Junge stürzt mit
dem Kopf voran in die Tiefe, überschlägt sich zum Schrecken der
Beteiligten, steht
unten aber wieder auf, reibt sich den Schädel und sagt kein Wort.
Der Vater nimmt
ihn auf und lobt seine Tapferkeit, „wie es sich für einen deutschen
Jungen geziemt“.
Der Schüler kommentiert den Vorfall so: „Sieh, das ist deutsche
Erziehung. Wir
brauchen keine Waschlappen“ (Der Pestalozzi der Deutschen 1924, S.
50).
Der Zuschnitt des Männlichen in den Landerziehungsheimen zeigte sich
auch im
paramilitärischen Unterricht. In allen drei Landerziehungsheimen,
die Lietz bis 1904
gründete, gab es eine geregelte Schießausbildung und in Haubinda
existierte sogar
ein eigenes Regiment, in dem exerziert wurde und auch
Angriffsübungen einstudiert
werden konnten (Priebe 2007, S. 62f.). Daher fanden die
Landerziehungsheime auch
bei deutschen Militärs Beachtung. [Rückblickend berichteten
Ehemalige, die am
Ersten Weltkrieg teilgenommen hatten, wie gut die Vorbereitung auf
den Krieg
gewesen war (ebd., S. 48). Tatsächlich war ein hoher Blutzoll zu
zahlen, denn viele
ehemalige Schüler kehrten aus dem Krieg nicht zurück.]
Hermann Lietz war ein deutscher Nationalist und im Weltkrieg auch
Chauvinist, der
sich nicht scheute, in den Aufnahmebedingungen seiner Heime eine
Arier-Regel zu
führen. Lietz hatte sich im Oktober 1914 mit 46 Jahren aus
Solidarität zu seinen
Schülern freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. In seinen
Kriegsbriefen schreibt er,
der „schönste Tod“ sei der für „die große, hehre Sache unseres
Volkes im gerechten
Krieg“ (Lietz 1935, S. 202). Und seiner Frau schreibt er im Oktober
1917, am Tag der
Völkerschlacht bei Leipzig, es sei „ehrlos“, daheim zu bleiben und
kränkend, nicht an
die Front zu kommen (ebd., S. 205).
Seine Schulen zogen oft die Verlierer des Bildungssystems an, die
hier eine zweite
Chance erhielten, doch noch das Abitur zu machen. [Die Eltern
schickten die Kinder
nicht einfach „der Idee willen“ in die Landerziehungsheime
(Hildebrandt 1921, S.
188). Was den Heimen die Geschäftsgrundlage sicherte, war nicht die
Pädagogik
von Hermann Lietz, sondern das hoch selektive deutsche Gymnasium.]
Die Heime
selbst stellten eine bestimmte Herrschaftspraxis dar, die in der
pädagogischen
Rhetorik nicht sichtbar wurde.
Die Abgeschiedenheit des Ortes erlaubte die totale Kontrolle des
sozialen Lebens,
jeder Tag war genauestens geplant, die Kinder und Jugendlichen
hatten so gut wie
keine Freizeit und mussten ständig nicht nur lernen, sondern auch
arbeiten, in einer
Gemeinschaft, die sie nicht verlassen konnten. Schon Hermann Lietz
führte das „Du“
ein, nannte seine Schüler „Kameraden“ und organisierte das
Zusammenleben in
kleinen „Familien“, in denen eine hohe emotionale Abhängigkeit
entstand, auch weil
kein Rückzug möglich war. Für den Besuch dieser Heime musste ein
hohes
Schulgeld bezahlt werden.
Auch die Odenwaldschule war ein privater Wirtschaftsbetrieb, der
hohe Kosten
verursachte und daher sehr teuer war. Vor dem Ersten Weltkrieg lag
der Satz
zwischen 1.500 und 1.700 Mark pro Schüler und Jahr. Das
durchschnittliche
Jahreseinkommen betrug 1913 in Deutschland 726 Mark. Niemand mit
einem
solchen Einkommen konnte seine Kinder an die Odenwaldschule
schicken. 1.700
Mark wären heute umgerechnet 8.684 Euro. In der Reformschule
Heidehof in
Stuttgart zahlten die Eltern zwischen 400 und 500 Mark, und bereits
dieser Satz
erschien der Schulaufsicht als zu hoch (100 Jahre Reformschule 2008,
S. 41f.).
Die Nachfrage musste immer neu erzeugt werden und war nach
Überwindung der
schwierigen Anfangsphase nie wirklich stabil. Zudem verlangten das
pädagogische
Konzept und der Unterhalt von insgesamt 12 Häusern einen hohen
Personalaufwand. Zeitweise waren für 175 Schülerinnen und Schüler 70
Angestellte
tätig, die auf der Lohnliste standen (Stark 1998, S. 14). Für sie
musste ein jährliches
Budget gesichert sein. [Aus dem Briefwechsel mit den Eltern lässt
sich entnehmen,
dass jede Preiserhöhung dieser „Luxusschule“ (ebd., S. 17), wie sie
genannt wurde,
von scharfen Protesten begleitet war. Seitens der Kunden der Schule
wurde immer
wieder energisch auf eine Kostenreduktion und mehr Effizienz im
Einsatz der Mittel
gedrängt. Die tatsächliche Reduktion fand bei den Lehrkräften statt,
die weit unter
Tarif bezahlt wurden und von denen trotzdem Idealismus erwartet
wurde.
Sie sollten die Vertreter einer sehr ambitionierten Pädagogik sein,
die von einer
Mission kaum zu unterscheiden war. Das Sendungsbewusstsein, eine
„neue“ und
„ganz andere“ Pädagogik der Nähe begründet zu haben, führte zu einer
maßlosen
Selbstüberschätzung. Die Landerziehungsheime wähnten sich an der
Spitze des
pädagogischen Fortschritts, obwohl ihre Zahl klein, ihre Mischung
bunt, die Konflikte
heftig und die Leistungsbilanz durchaus bescheiden war. Nähe macht
abhängig und
Familien sind selten harmonisch, weil sie keine Distanz zulassen.]
Die Landerziehungsheime pflegten [wie Reddie] einen elitären
Griechenkult und
beriefen sich auf den „pädagogischen Eros“, der in einer
abgeschiedenen
Gemeinschaft gelebt werden sollte, mit Folgen, die erst heute klar
werden. Zwar
wurde von Anfang an eine „positive Sexualpädagogik“ ins Auge
gefasst, die
zwischen „Freundschaft und sexueller Leidenschaft“ scharf zu
unterscheiden weiß
(Geheeb 1914, S. 1242), aber das war offenbar ein sehr heikles
Unterfangen, das
mit der bewusst angestrebten „Nähe“ der Beziehung zwischen den
Schülern und den
Erwachsenen (ebd., S. 1241) nicht leichter wurde. [Das gilt gerade
dann, wenn
„keine Heimlichkeiten“ gepflegt werden sollen (ebd.). Nähe macht
zugleich
abhängig.]
Paul Geheeb hatte unter den Mitarbeiterinnen und älteren
Schülerinnen immer
Lieblinge. Der Umgang mit den Schülerinnen und Mitarbeiterinnen wird
als
„übergriffig“ bezeichnet (Näf 2006, S. 182), wobei auch in der
neueren Literatur
unklar bleibt, wie weit diese Übergriffe gingen. [Geheebs „allzu
große
Aufdringlichkeit“ hat bei den Betroffenen offenbar durchaus Abwehr
ausgelöst, aber
was genau darunter vorgestellt werden muss, wird bis heute
ausgeklammert.
Bestritten wird, dass es sich um „direkte sexuelle Belästigung“
gehandelt hat, ohne
dass die Grenzen im Umgang mit den Lieblingen genannt werden.]
1914 beschrieb Paul Geheeb das Prinzip der „Familien“ in der
Odenwaldschule. Sie
müssen so organisiert sein, dass jedes Kind mindestens einen
„erwachsenen
Freund“ hat, „zu dem es Vertrauen“ findet. Zu ihm kommt es mit allen
seinen
Problemen, zumal jenen, die während der Pubertät auftreten. Ein
solches
Vertrauensverhältnis „unbedingter Offenheit zu einem
verständnisvollen älteren
Freude“ wird verstanden als „die einzige wirklich sichere
Prophylaxis gegen
schlimme Gewohnheiten auf sexuellem Gebiete“ wie auch gegen die
Neigung, „sich
unsauberen Empfindungen und Gedanken über geschlechtliche Dinge
hinzugeben“
(Geheeb 1914, S. 1241).
Der erfahrene und taktvolle Erzieher, so Geheeb, wird nicht nur in
dieser Hinsicht „im
rechten Augenblick den rechten Ton finden“ (ebd.). Das lässt sich
auf ihn selbst
anwenden. Die Quelle sind Briefe, die an Eltern und Schüler
adressiert waren. Am 4.
September 1930 schrieb Paul Geheeb einer Schülerin, die an eine
staatliche Schule
wechseln wollte, weil ihr das erste Jahr an der Odenwaldschule nicht
viel gebracht
hatte, dass dies die „kapitalste Dummheit“ wäre, die sie begehen
könnte. Sie, die
Schülerin, sei von ihrem Charakter her „ganz und gar egozentrisch
und sozusagen
von Natur aus asozial“; nur in der Odenwaldschule könne sie das „ABC
ihrer
Menschwerdung“ lernen (Geheeb 1970, S. 68/69).
Der Mutter eines dreizehnjährigen Schülers, den er als „ungewöhnlich
träge und
phlegmatisch“ einschätzt, empfiehlt Geheeb „etwas mehr von der alten
Dressurmethode“ (ebd., S. 92). [Ein anderer Schüler wurde fristlos
entlassen, weil er
seinen Eltern von Scharlacherkrankungen berichtet hatte und
vorzeitig in die Ferien
abreisen wollte (ebd., S. 93). In den Augen Geheebs hatte er damit
die Schule in ein
schlechtes Licht gerückt und war für die Gemeinschaft nicht mehr
tragbar.]
In einem weiteren Brief wurde einer Mutter geschildert, dass ihre
dreizehnjährige
Tochter auf einer Bahnfahrt mit Geheeb fremden Jünglingen Blicke
zugeworfen und
sich ihnen gegenüber „in ekelhaftem Grade herausfordernd“ benommen
habe (ebd.,
S. 94/95). Eine verwitwete Mutter muss in einem Brief lesen, es sei
eine „nicht zu
erschütternde Tatsache“, dass „ein einzelnes Kind in den Händen
seiner verwitweten
Mutter nicht gedeihen kann“ (ebd., S. 105). Wer das tue, könne
nichts weniger als
„ein Verbrechen begehen“ (ebd., S. 106). Ihr Kind, schrieb Geheeb
der Mutter,
brauche Gemeinschaft, am besten die der Odenwaldschule.
Paul Geheebs Persönlichkeit wird so beschrieben: Er war „gegen jede
Art von Kritik
immun“, ignorierte „skeptische Rückfragen und Einwände“ oder
reagierte darauf „mit
einer unendlichen Reihe von Rechtfertigungen“, unter der „jede Art
von Diskussion
erstirbt“. Dabei war es egal, ob es um sachliche Fragen ging oder um
Beziehungen.
Ein persönlicher Dialog war nicht möglich, das musste sogar seine
Frau erkennen.
Wenn er nicht als der über den Dingen stehende „Weise“ gesehen
wurde, war das
für ihn wie ein Zusammenbruch. „So sanft und leicht beeinflussbar
Geheeb äußerlich
erscheinen mochte, so hart und kalt konnte reagieren, wenn jemand
diese Grenze
nicht anerkannte“ (Näf 1998, S. 379). Also, er war ein Guru, den die
heutige
Erziehung sicher nicht benötigt.
Begründungen, warum ausgerechnet „Eros“ das Leben in den
Landerziehungsheimen prägen sollte, konnten in den zwanziger Jahren
an
verschiedenen Stellen gelesen werden (etwa: Dr. K.M. 1924). Meistens
geschah das
unter Rückgriff auf das griechische Konzept der platonischen
„Knabenliebe“, die
theoretisch von manifesten sexuellen Handlungen abgegrenzt wurde
(ebd., S. 318).
Nur so konnte von einem „pädagogischen Eros“ die Rede sein, der sich
nicht gleich
vom Begriff her verdächtig macht und als „notwendige Forderung einer
wirklich
modernen Erziehungsanstalt“ hingestellt werden kann, deren Ort
einzig die
Landerziehungsheime sein können (ebd., S. 319).
Aber Missbrauchsfälle kamen in der verzweigten Szene der
Landerziehungsheime in
Deutschland immer wieder vor. Es waren nicht nur Gerüchte und auch
nicht nur
Begebenheiten, die vertuscht werden konnten. Manche Fälle wurden
gerichtsnotorisch und von denen spielten einige in der Freien
Schulgemeinde
Wickersdorf, die von dem promovierten Philosophen und Schriftsteller
Gustav
Wyneken als Stätte der „geistigen Kultur“ und „sozialen Erziehung“ (Wyneken
1910,
S. 31/32) konzipiert worden ist. Es sollte eine Art Ordensburg für
die geistige Elite
sein. Der pädagogische Eros und der Kult der Nacktheit spielten
dabei eine
entlarvende Rolle.
Die offizielle Begründung war Prävention. In der medizinischen
Fachliteratur wurden
die Landerziehungsheime als besonders probates Mittel gegen sexuelle
Lust und für
eine Erziehung zur „Selbstbeherrschung“ betrachtet, zu der Nacktheit
beitragen
sollte. Einer der Besucher der Heime schrieb 1916: Nur Verhüllung
erregt und
deshalb bieten die Landerziehungsheime „den Schülern häufige
Gelegenheit, sich
bei Bad und Dusche nackt zu sehen, was die berechtigte natürliche
Neugierde in
solchen Dingen befriedigt und die Sinne beruhigt“ (Grunder 1916, S.
150). Ob die
Kinder das wollten oder nicht, spielte keine Rolle.
Die verzweigte Debatte über die „sexuelle Frage“ vor und nach dem
Ersten Weltkrieg
wird von den Gefährdungen her gedacht, allerdings nur im Blick auf
die Kinder, nicht
auf die Lehrer. Es gibt in den zahllosen Beiträgen zur neu
erfundenen
„Sexualpädagogik“ nicht einen Hinweis, was gegen Verfehlungen und
Übergriffe
seitens der Lehrkräfte getan werden kann. „Sexuelle Perversitäten“
sind ein Thema
allein für die Schüler, denen drastisch nahe gelegt wird, dass und
wie sie dagegen
ankämpfen müssen.
1919 wurde Gustav Wyneken zum zweiten Male Leiter der Freien
Schulgemeinde
Wickersdorf. In diesem Jahr hatte die Schule 120 Schüler und
beschäftigte 12
Lehrkräfte. Wyneken ist im Laufe des Jahres von dem zwanzigjährigen
Studenten
und Hilfslehrer Kurt Hoffmann wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt
worden.
Wyneken stellte sich der Polizei, nachdem er zuerst [ins Ausland]
geflohen war. Die
Opfer waren der zwölfjährige Heinz Herrmann und der siebzehnjährige
Viktor
Behrens, beide Mitglieder von Wynekens „Kameradschaft“, also der
Gruppe von
Schülern, mit denen er zusammen lebte. Der Vorfall ist in den
Gerichtsakten genau
beschrieben und basiert auf den Aussagen der beiden Opfer. Wyneken
ist dann auch
verurteilt worden, wenngleich gefolgt von einer Amnestie, die
offenbar politisch
gemeint war.
Von „erotischer Hörigkeit“ zweier anderer Schüler war schon vorher
die Rede
(Ebermayer 1982, S.112 ). Auffällig ist auch Wynekens ständige
Agitation gegen die
Institution der Familie, die er als pädagogisch überholt hinstellen
konnte. „Eine
gewissenhafte Erziehung“, schrieb er 1914, ist den Eltern „direkt
ein Dorn im Auge“,
weil sie die Kinder moralisch machen würde, während die Eltern das
Gegenteil
bewirken. Familienerziehung sei nur „Noterziehung“ (ebd.); wohl dem
Jugendlichen,
dem „ein gütiges Geschick“ einen „Freund und Lehrer“ verleiht, der
ihn in die „höhere
Welt“ des Geistes einführt und ihn dadurch verwandelt (ebd., S. 20).
Auch wer das
als große pädagogische Tradition versteht, muss wissen, was er tut.
Die soziale Konstruktion der Landerziehungsheime läuft auf eine
Isolation der Familie
hinaus und so auf das Regime einer bestimmten Pädagogik, die sich
der öffentlichen
Kontrolle entzieht und der sich die Kinder unterwerfen müssen. Sie
wurden nicht
gefragt, ob sie mit dem Regime der „neuen Erziehung“ einverstanden
waren oder
nicht, sondern sie mussten ihm folgen, im Namen einer „höheren“ Idee
von
Erziehung, die alles, was Eltern bieten können, weit in den Schatten
stellen sollte. Zu
dieser Idee gehörte auch die Nacktheit, die verordnet wurde und auf
Scham keine
Rücksicht nahm.
Nacktheit war das Synonym für eine gesunde Erziehung, die
„Körperkultur“ diente
der Abhärtung und sie wurde männlich gedacht. In einer „tüchtigen
Gemeinschaft“,
so Wyneken, werden sich die Mädchen nicht dem „Magnetismus ihrer
männlichen
Kameradschaft“ entziehen können. „Männlichkeit, Geradheit und Kraft“
werden sie
lieb gewinnen, vielleicht noch ehe sie „einen Mann“ lieb gewinnen.
Dem Knaben geht
es im Blick auf den „Magnetismus der Männlichkeit“ ähnlich, nur ist
er „im Vergleich
zum Mädchen der weniger Abhängige“ (Wyneken 1914, S. 55). Die Lehrer
konnten
dabei den „pädagogischen Eros“ im Kopf haben. Zumindest einige von
ihnen haben
die zulässige Trennungslinie überschritten.
Früh am Morgen war in Wickersdorf ein Dauerlauf angesetzt, der mit
gymnastischen
Übungen auf einer Waldlichtung verbunden war. Die Jungen waren nur
mit einer
Turnhose bekleidet und mussten den Lauf je nach Jahreszeit noch vor
der
Dämmerung antreten. Im Winter ließ die „Intensität der Gymnastik“
auch bei Frost
„kein Kältegefühl“ aufkommen, schreibt einer der Lehrkräfte (Ehrentreich
1967, S.
93). Erreicht werden sollte damit eine „gute Haltung,“ die Abhärtung
voraussetzte,
gegen die sich die Schüler kaum wehren konnten. Anders wären sie
Schwächlinge
gewesen, was in einer männerbündischen Organisation einem
Selbstausschluss
gleichkommt.
Für die morgendliche Gymnastik gab es eine Probezeit, der sich die
neu
eingetretenen Schüler unterziehen mussten. Die Übungen der Jungen
leitete der
Schulleiter Martin Luserke. Nach einem Vierteljahr ließ er sie „nach
alter
Germanenweise“, wie es heißt, ein Gelübde für einen gymnastischen
Männerbund
ablegen. Die Jungen mussten von einer Waldhütte aus einen Stein ins
Tal werfen
und dabei eine Eidesformel sprechen. Nur wer seinen Stein wiederfand,
konnte in
den Bund aufgenommen werden. „Wer also entschlossen ist, mit uns zu
gehn“, sagte
Luserke seinen Schülern, „der trete nackt vor die Berge dort drüben
und werfe seinen
Stein hinab“. Einer der kleinen Jungen fragte: „Ganz ausziehen?“.
Luserke
antwortete: „Natürlich, wir wollen uns doch kennen!“ (ebd., S. 94)
Das Motiv von Abwehr und Selbstschutz der Landerziehungsheime zeigte
sich früh.
Am 25. November 1924 wurde beim Berliner Landgericht der Prozess
gegen den
Leiter eines Landerziehungsheims eröffnet, der Jahre lang
Mitarbeiter von Hermann
Lietz in Haubinda gewesen war. Diesem Mann wurde Gewalt gegen
Schüler und
sexueller Missbrauch in 75 Fällen vorgeworfen. 117 Zeugen sagten vor
Gericht aus,
zum Teil mehrfach, am Ende jedoch wurde der Angeklagte
freigesprochen, trotz
erdrückender Beweislast. Das Gericht hatte verschiedene Gutachter
beauftragt,
darunter auch Alfred Andreesen, den Oberleiter der Deutschen
Landerziehungsheime (Kerchner 2003).
Sein Gutachten (Andreesen 1926) grenzte die Praxis des Angeklagten
einerseits
scharf von der „modernen Erziehungskunst“ der Deutschen
Landerziehungsheime ab
und erklärte andererseits die Aussagen von 75 Kindern und
Jugendlichen für
unhaltbar und wertlos, auch weil es sich bei ihnen um „ausgesprochen
schlechtes
Schülermaterial“ gehandelt habe (ebd., S. 9). Die Praxis des
ständigen Prügelns wird
damit erklärt; man könne, so Andreesen, dem Angeklagten nicht
nachweisen, „dass
seine Prügelstrafen pädagogisch nicht motiviert waren“ (ebd.). Die
Schuld wird
verschoben: „Wenn Eltern verlangen, dass für ihr gutes Geld ihr
missratener Sohn
eine ‚höhere Bildung‘ erhält, sich aber über Prügel beklagen, so
liegt hierin wohl eine
unlösbare Antinomie“ (ebd.).
Die Beispiele zeigen, dass die große Tradition der
Landerziehungsheime in sich
zusammen fällt, sobald man genauer hinschaut. Gilt das nun auch für
die gesamte
Reformpädagogik? Der deutsche Ausdruck „Reformpädagogik“ ist geprägt
worden,
um besondere „Bewegungen“ zu beschreiben, von denen behauptet wurde,
sie
hätten für entscheidende Modernisierungen gesorgt und müssten daher
als
herausgehobene Experimente verstanden und gewürdigt werden. Aber zum
einen
sah die Praxis immer anders als die Rhetorik der Heime und zum
anderen lässt sich
die Stilisierung der „Reformpädagogik“ als besondere Epoche nicht
halten.
Es gibt einfach eine permanente Reformpädagogik in der Schule
selbst, die nicht von
der Polemik lebt, sondern von der Problemlösung bestimmt wird. Zudem
entstehen
wirksame Reformen aus der Mitte des Systems und nicht am Rande. Der
historische
Grundprozess der Schulreform ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts die
Verstaatlichung. Die „verwaltete Schule“ ist wohl der Lieblingsfeind
der deutschen
Reformpädagogik, die schon gegen die Bürokratie anschrieb, als es
fast noch gar
keine gab. Aber von der „neuen“ und „ganz anderen“ Erziehung konnte
erst die Rede
sein, nachdem die staatliche Entwicklungspolitik bestimmte Probleme
gelöst hatte.
Es ist wenig bekannt, dass die Verstaatlichung der Marktorganisation
nachfolgte.
Noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es in den meisten
deutschen
Städten mehr private als öffentliche Schulen. Erst danach setzte
eine
flächendeckende Entwicklung des staatlichen Sektors ein, die
innerhalb weniger
Jahrzehnte das moderne Schulsystem aufbaute. Erst unter staatlicher
Aufsicht war
zunehmend Spielraum gegeben, das System weiterzuentwickeln. Gute
Ideen und
brauchbare neue Lösungen wurden im europäischen Umfeld überall
adaptiert und
dies nahezu zur gleichen Zeit, ohne sich auf das zu beschränken, was
„Reformpädagogik“ genannt wird.
Schulgärten, Unterricht im Freien, Erlebnisaufsätze, Waldschulen,
Sitzkreise,
Schullandheime, kindgerechte Lesefibeln oder versenkbare Wandtafeln
sind
Errungenschaften einer anhaltenden Schulentwicklung, die aus der
Mitte des
Systems vorangetrieben wurde und die zahllose Namen kennt, ohne dass
diese
heute noch hervorgehoben werden. Das gilt auch für die Schulhygiene,
die
medizinische Betreuung durch eigene Schulärzte, die Einrichtung von
Schulbibliotheken und Lesehallen, die naturkundlichen Sammlungen,
den Unterricht
in Realien und die allmähliche Ablösung des geometrischen Zeichnens
durch
neuartigen Kunstunterricht.
Die Einführung von Jahrgangsklassen war ebenso ein Reformdatum wie
die
Abschaffung des erhöhten Lehrerpultes und die Gruppierung der
Schüler in
Hufeisenform statt in militärischen Zweierreihen. Wandkarten sorgten
für eine
Erweiterung des Unterrichts über das Lehrbuch hinaus[, die
Unterscheidung
zwischen Lehrmitteln für die Schüler und Handbüchern für die
Lehrkräfte gibt es seit
Mitte des 19. Jahrhunderts]. Die Abschaffung der mechanischen
Rezitation und die
Loslösung von der Katechese waren vermutlich die zentralen
Ereignisse einer
langgestreckten inneren Schulreform, die das Lernen der Schülerinnen
und Schüler
grundlegend verändert hat.
Der lange Kampf gegen das Schulgeld gehört zur Reformpädagogik der
Schule
ebenso wie die Durchsetzung der Ganzjahresbeschulung, die Aufhebung
der
Einklassenschulen oder die professionelle Gleichstellung der
Lehrerinnen und Lehrer
und so die Beseitigung des pädagogischen Zölibats. Koedukation ließ
sich auf breiter
Basis nur mit staatlichen Schulen durchsetzen und die egalitäre
Mädchenbildung trug
wesentlich zur Schrumpfung des Privatschulmarktes bei. Schließlich
entfielen auch
die konfessionelle Schulaufsicht und die christlichen
Bekenntnisschulen, die
Gymnasien verloren ihre Vorschulen, die Präparandenanstalten für die
Lehrerbildung
verschwanden und seit 1945 gibt es in Deutschland kein eigenes
Militärschulwesen
mehr.
So gesehen lag – und liegt – die „Reformpädagogik“ in der Mitte des
Systems und ist
nicht die große und am Ende gar die einzige Alternative, die bis
heute immer wieder
behauptet wird. Aber es geht bei der Schulentwicklung einfach um die
Suche nach
besseren Problemlösungen und nicht um eine pädagogische Mission. Und
damit
sollte man es bewenden lassen.
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