Ralf Caspary: “Das Ich und sein Gehirn - Revolutioniert die Hirnforschung
das Menschenbild?”
SWR2 Wissen. Redaktion:
Sonja Striegl; Sendung: Mittwoch, 05. Mai 2004, 8.30 Uhr, SWR2 (Archiv-Nr.:
0092831) Wiederholung: Mittwoch, 24. August 2005, 8.30 Uhr, SWR2. Bitte
beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich
zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung
und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Überblick
Freiheit, Identität, Bewusstsein, Verantwortung - für jeden Philosophen sind
das zentrale Kategorien, ohne sie ist der Mensch nicht Mensch. Viel
nüchterner sehen das moderne Hirnforscher. Für sie sind diese metaphysischen
Begriffe geisteswissenschaftlicher Ballast, der über Bord geworfen werden
muss.
Denn Experimente und Erkenntnisse der Neurowissenschaften zeichnen ein
anderes Menschenbild. Der Hirnforscher Wolf Dieter Singer etwa meint, es sei
falsch, zwischen freien oder unfreien Handlungen zu unterscheiden, alle
Handlungen seien Ergebnisse neuronaler Verschaltungen. Dieser Ansatz hat
Konsequenzen für den Freiheitsbegriff und für das Toleranzkonzept: Wenn
diese Unterscheidung hinfällig wird, dürfte man Menschen, die durch
abweichendes Verhalten auffallen, nicht diskriminieren.
------------------------------
O-Ton 1a (ZDF - Philosophisches Quartett):
(Musik und Klatschen) „Guten Abend, meine Damen und Herren. Ich begrüße Sie
zu einer neuen Folge unserer Sendung ‚das Philosophische Quartett’. Unsere
Gäste diskutieren heute über die Frage: Wie frei ist das Gehirn?“
Sprecher:
Wer hätte das gedacht: Eine wissenschaftliche Disziplin, die dem Laien Angst
macht, weil sie kühl und sachlich unser edelstes Organ, das Gehirn, mit
großem technischem Raffinement durchleuchtet, scheint in den letzten Monaten
eine gesellschaftliche Relevanz erhalten zu haben, die sie sogar tauglich
macht für den Diskurs in Fernsehtalkshows. Im „Philosophischen Quartett“ des
ZDF zerbrachen sich die Fernsehphilosophen Peter Sloterdijk und Rüdiger
Safranski zusammen mit geladenen Gästen die gelehrten Köpfe über einige
Ergebnisse der Hirnforschung.
O-Ton 1b (ZDF - Philosophisches Quartett):
„Es scheint ja, dass in Europa immer irgendein unheimlicher Gast vor der Tür
steht, im 18. Jahrhundert war es der Wilde, der an unsere Türen klopfte, und
an der Wende vom 20. zum 21. stellt sich ein neuer Gast vor, das Gehirn.“
Sprecher:
„Das Ich und sein Gehirn - Revolutioniert die Hirnforschung unser
Menschenbild?“ Eine Sendung von Ralf Caspary.
Sloterdijk sprach im Philosophischen Fernseh-Quartett nicht nur von einem
neuen unheimlichen Gast, sondern auch von einer neuen Kränkung. Seine These
lautet: Die moderne Hirnforschung verunsichere uns zutiefst, weil sie
liebgewordene Sicherheiten und vielfach eingeübte Denkmuster und Denkbilder
rigoros in Frage stelle, vielleicht sogar ein für allemal auf den
Schutthaufen der Geschichte verbanne.
Fern von jeglichem medialen Geplauder arbeitet Thomas Metzinger als
Philosoph an der Universität Mainz und verfolgt die Fortschritte innerhalb
der Neurowissenschaften aufmerksam und kritisch. Den Begriff Kränkung hält
er zwar für überzogen, dennoch sagt auch er, dass die Hirnforschung unser
traditionelles Selbstverständnis in entscheidenden Punkten korrigiert:
O-Ton 2 - Thomas Metzinger:
Die Hirnforschung verändert unser Menschenbild gegenwärtig so stark wie
keine andere wissenschaftliche Theorie, vor allem auch in einem Tempo, wie
es in der Geschichte der Menschheit noch nie stattgefunden hat.
Bisher hatten wir immer die Idee, dass es doch zumindest einen Rest, einen
Kern gibt, ein transzendentales Subjekt, das nicht natürlich ist im
Menschen. Und jetzt gerät das erste Mal ein Bild in Umlauf, das auch sehr
überzeugend ist, das zeigt, wie wir auch in unseren geistigen Eigenschaften,
in unserem Selbstgefühl ganz von unten uns entwickelt haben und nur
natürliche Wurzeln haben in unserem Kern. Diese Erkenntnisse berühren uns
auf verschiedene Weise in unserer geistigen Intimsphäre. Und vielen Menschen
widerstrebt es intuitiv, dass auch unser Geist etwas sein soll, was
letztlich einfach aus der Selbstorganisation heraus aus biologischen
Zufallsprozessen entstanden sein soll.
Sprecher:
Metzinger spricht den Kern der Debatte an, die in Deutschland seit Monaten
geführt wird und die zugleich auf das vermeintliche Innovationspotenzial der
Hirnforschung verweist. Ihre Exponenten lehnen sich weit aus ihren
Laborfenstern und verkünden selbstbewusst und manchmal auch mit ein wenig
Revolutions-Pathos ein neues Menschenbild, das man mit wenigen starken
Strichen folgendermaßen skizzieren kann: Wir Menschen sind nichts weiter als
ein Haufen Neuronen, unser Geist ist nichts anderes als unser Gehirn, wir
sind Bioautomaten, die sich lediglich einbilden, eine metaphysische
Dimension zu haben.
Nicht alle Hirnforscher proklamieren unisono diese Hypothese, es ist nur ein
kleiner, dafür aber wichtiger Teil. Zu nennen sind Gerhard Roth, Leiter des
Hanse Wissenschaftskollegs in Delmenhorst, und Wolf Singer vom
Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main. Diese beiden
Hirnforscher stehen im Mittelpunkt der Debatte über das neue Menschenbild.
Ihre Thesen klingen radikal und revolutionär, aber sie sind in der
Forschergemeinschaft auch umstritten.
Wenn alle geistigen Prozesse und Akte quasi bessere Abfallprodukte
neuronaler Prozesse sind, wenn sich hinter dem menschlichen Geist nur
Naturgesetze verbergen und keine rätselhafte unbekannte Metaphysik, dann
steht gleichzeitig ein fundamentales Beschreibungsmuster unseres
Selbstbildes zur Disposition: Es geht um die Willensfreiheit, um die von der
idealistischen philosophischen Tradition postulierte Möglichkeit des
Menschen, sich qua rationaler Handlung von der Welt der Naturgesetze zu
befreien und ins Reich der Vernunftordnung vorzudringen.
Der Hirnforscher Gerhard Roth macht unmissverständlich deutlich, was er von
diesem traditionellen Handlungs-Konzept hält:
O-Ton 3 - Gerhard Roth:
Jeder normale Mensch, wenn er gefragt wird, wer hat da deinen Arm bewegt,
sagt: ich war das. Und wenn man fragt, ja wer ist denn das ich, dann sagen
sie, der der gerade denkt und fühlt, dieses bewusste Ich. Das ist der
Akteur, der Verursacher, der mentale geistige Verursacher meiner Handlungen,
so wie Kant das auch geschrieben hat und Descartes und alle Philosophen. Und
die moderne Forschung zeigt, dass das eine Illusion ist. Und zwar aufgrund
ganz einfacher Experimente. Man kann jemanden im Labor die Wahl geben, mit
der linken oder rechten Hand einen linken oder rechten Knopf zu drücken.
Entweder ich muss links einen Knopf drücken oder rechts den Knopf drücken.
Und ich muss das so schnell wie möglich tun. Aber ich habe die Wahl. Da
kommen bestimmte Stimuli, und ich muss darauf reagieren, und die sind
uneindeutig. Und dann wird kurz vorher, bevor ich reagieren kann, wird mir
für 30 Millisekunden, d. h. unbewusst ein großer Pfeil nach links oder nach
rechts gezeigt. Und jetzt kann man zeigen, wenn die Wahl vorher Fifty-Fifty
war, dann reagieren die Leute bevorzugt in die Richtung, in der der
unbewusst wahrgenommene Pfeil führt.
Sprecher:
Roths These lautet: Unser Handeln folgt primär unbewussten Impulsen, und er
beruft sich vor allem auf ein klassisches Experiment des US-amerikanischen
Neuropsychologen Benjamin Libet. Libet wollte herausfinden, wie menschliches
Handeln strukturiert ist, welche zeitliche Chronologie dabei eine Rolle
spielt. Er entwickelte eine Versuchsanordnung, bei der die Probanden
aufgefordert wurden, irgendeinen Körperteil zu bewegen. Libet erwartete
folgenden Ablauf: An erster Stelle steht der Willensentschluss, der sich in
Aussagen wie „Ich werde jetzt meine rechte Hand heben“ artikuliert. Dann
baut sich im Gehirn ein Bereitschaftspotenzial auf, das ist der messbare
neuronale Prozess der Vorbereitung einer Körperbewegung, und dann kommt es
schließlich zur Ausführung der Körperbewegung.
Als Libet das Experiment durchführte, zeigte sich überraschenderweise, dass
die angenommene Chronologie falsch war: Das Bereitschaftspotenzial ging
nämlich der bewussten Willentscheidung um rund ein Fünftel Sekunde voraus,
das heißt: Das Gehirn hatte die Handlung bereits eingeleitet und geplant,
bevor sich die Person auf bewusste Weise zu ihr entschließen konnte.
Manche Hirnforscher ziehen aus Libets Experiment den Schluss: Wir tun nicht
was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun. Sie negieren damit das
herkömmliche Konzept des freien Willens, weil das handelnde Subjekt im
Grunde von einer neuronalen Maschine gesteuert wird, die im vorhinein die
Handlung festlegt. Der US-amerikanische Psychologe und Neurowissenschaftler
Michael Gazzaniga geht sogar so weit zu behaupten: Wir sind die letzten, die
erfahren, was unser Gehirn vorhat.
Gerhard Roth argumentiert ähnlich:
O-Ton 4 - Gerhard Roth:
Wenn ich nach einer Kaffeetasse greifen will und fest entschlossen bin, das
zu tun, wird zwei Sekunden vorher noch einmal abgeprüft, ob mein unbewusstes
Handlungsgedächtnis, das in den Basal-Ganglien sitzt, einverstanden ist
damit, das auch jetzt zu tun und zusätzlich auch genau in der Weise zu tun.
Da sitzt nämlich sozusagen die Anweisung, wie man das zu tun hat aus der
Erfahrung. Und wenn die Basal-Ganglien aus irgendwelchen Gründen „Nein“
sagen, dann findet das nicht statt, weil mein bewusster Wille alleine das
nicht in Gang setzen kann.
Insofern ist es von philosophischer Seite nur verständlich, wenn man sagt,
mit Kant zu sprechen, es ist absurd in der Welt des Naturgeschehens die
Willensfreiheit suchen und finden zu wollen. Das ist absurd. Absurd
erscheint es aber, dann zu sagen, es gibt sie doch. Obwohl es keinen Beweis
dafür gibt. Ich fühle es eben. Das ist lächerlich.
Sprecher:
Gerhard Roth ist davon überzeugt, dass man aus neurobiologischer Perspektive
nicht mehr vom freien Willen sprechen kann, weil das bewusste rationale Ich
nicht die Instanz ist, die das Handeln steuert, sondern das limbische
System, also unser „unbewusstes Handlungsgedächtnis“, das, wie Roth eben
ausgeführt hat, in den Basal-Ganglien sitzt und tief im Innern des Gehirns
zu lokalisieren ist. Dieses System kann man als neurobiologisches Korrelat
zu Freuds Konzept des Unbewussten verstehen. Es agiert jenseits des
Bewusstseins und hat einen direkten Zugriff auf diejenigen Systeme in
unserem Gehirn, die letztendlich unser Handeln bestimmen. Das rationale
Subjekt ist aufgrund dieser Theorie nicht mehr Herr im eigenen Haus, nicht
mehr der Steuermann, der das Ruder fest in der Hand hält. Es ist höchstens
noch ein geduldeter Hausknecht, der seine Befehle vom limbischen System
erhält. Roth geht sogar so weit zu behaupten, dass selbst bei Handlungen,
die aus einem langen Prozess des rationalen Abwägens resultieren, ebenfalls
das limbische System darüber entscheide, ob diese Handlungen letztlich
ausgeführt werden.
Gewiss: Roths Ansatz ist nicht neu. Schon Sigmund Freud entmachtete das
rationale Ich, schon Nietzsche versuchte das rationalistische Menschenbild
zu attackieren, indem er provokant anmerkte: Man solle nicht sagen: „Ich“
denke, sondern „Es“ denkt. Dennoch beunruhigt die Vorstellung, wir seien
alle fremdgesteuert, und das autonome Ich, das wir gemeinhin als
metaphysisches Prinzip definieren, sei eine pure Illusion.
Der Philosoph Thomas Metzinger macht darauf aufmerksam, dass dieses
Menschenbild der Neurobiologie unvereinbar ist mit unserem subjektiven
Erleben:
O-Ton 5 - Thomas Metzinger:
Wenn wir versuchen wollten, uns auch so zu erleben wie die Hirnforscher uns
in der Zukunft vielleicht mal beschreiben, wenn wir die objektive Sicht
sozusagen integrieren sollten in die subjektive Sicht, dann könnte es
tatsächlich sein, dass wir uns in einem viel größeren Ausmaß als
fremdgesteuert erleben müssten, als wir das jetzt tun. Und Menschen, die
sich plötzlich wie Maschinen, wie Automaten oder als fremdgesteuert
empfinden, die gehen sehr häufig zum Psychiater. Jeden Tag tauchen solche
Leute bei Psychiatern auf, und es gibt auch Fachbegriffe dafür, wie z. B.
den der Depersonalisation. Also wenn man nicht mehr in der Lage ist, sich
als frei entscheidende Person, die Ursachen setzt aus vernünftigen
Einsichten heraus, zu erleben in der Lage ist, dann kriegt man normalerweise
Angst. Und ich denke, das ist auch ein Kern, den viele nicht deutlich
formuliert haben, des Unbehagens, dass Leute das Gefühl haben, also wenn das
stimmt, so wie die das da verkünden und ich soll mich so erleben, das ist ja
ein bisschen wie verrückt sein.
Sprecher:
Das Unbehagen an den Neurowissenschaften hat auch damit zu tun, dass mit den
neuen Konzepten weitreichende soziale und kulturelle Konsequenzen verbunden
sind, die nicht nur unser Menschenbild verändern könnten, sondern
möglicherweise auch unseren sozialen Wertekanon. Das limbische System ist
für den Hirnforscher Roth auch der Bereich der emotionalen Prägung. In
diesem Areal wird festgelegt, ob ein Mensch in bestimmten Situationen
aggressiv reagiert, ob er gerne lernt; ob er Lust empfindet, wenn er Gewalt
konsumiert, ob er Glücksgefühle hat, wenn er andere schlecht behandelt. Im
limbischen System bildet sich die emotionale Grundstruktur des Charakters
heraus, hier fällt sehr früh, schon im Kindesalter, die Entscheidung: Wird
man ein ganz normaler Erwachsener oder einer, der permanent durch
abweichendes Verhalten auffällt.
O-Ton 6 - Gerhard Roth:
Man kann sagen, dass im Alter bis zu 6/7 Jahren, oder wenn man sehr
optimistisch ist, bis 10 Jahren das limbische System sehr plastisch ist.
Dann zieht sich das zu, und die Chancen, an solchen Menschen oder auch uns
völlig normalen irgendwas noch ändern zu wollen, was Persönlichkeit und
Charakter betrifft, ist gering. Also eine Zahl wäre 20 Prozent, die so
gehandelt wird. Ist gering. Aber nicht Null. Also das wichtigste wäre, sehr
früh, im Kindergarten schon, die Kinder zu beobachten, was ja auch zum Teil
gemacht wird, und zu sehen, ob sie ein abnormes Verhalten an den Tag legen
und therapeutisch einzugreifen. Ein Drittel der verhaltensauffälligen
Jugendlichen, Jungens werden schwere Gewalttäter. Da findet man eben immer
etwas. Man findet physiologische Störungen, man findet insbesondere
frühkindlich traumatisierende Ereignisse. Man findet immer was.
Sprecher:
Dieses Konzept der frühkindlichen Prägung auf Grundlage des limbischen
Systems beinhaltet konkrete sozialpsychologische und auch strafrechtliche
Aspekte. Roth fordert nicht nur dazu auf, schon im Kindergarten präventiv
auf verhaltensauffällige Kinder zu achten, er macht auch Vorschläge zum
Umgang mit Straftätern:
O-Ton 7 - Gerhard Roth:
Das ist ja ein so kompliziertes System, das ist ja nicht so ein Uhrwerk,
sondern da sind Milliarden von Nervenzellen, die jede Sekunde arbeiten, und
das kann häufig schief gehen. Also 10 Prozent unserer Bevölkerung haben eine
schwere Macke, sage ich mal so. Und deshalb gibt es eben Gewalttäter oder
Pädophile oder sonst was, und die können natürlich im metaphysischen Sinne
nichts dafür, im ethischen Sinne, aber die Gesellschaft hat das Recht, sich
das zu verbitten. D. h. sie zu therapieren versuchen, sie umzuerziehen
versuchen, oder wenn das nicht geht, sie weg zu schließen. Das wird ja auch
gemacht. D. h. das Strafrecht müsste viel ernster genommen werden. Nicht als
Strafrecht, sondern als Therapierecht. Oder als Wegschlussrecht.
Sprecher:
Auch dieser Ansatz von Roth ist umstritten. Psychiater, Juristen und Ethiker
befürchten, dass irgendwann einmal die ersten Verteidiger im Rahmen eines
Prozesses damit beginnen, die Schuldfähigkeit ihrer Mandanten mit Verweis
auf die Hirnforschung in Frage zu stellen. Wer ist schon für seine Taten
verantwortlich, wenn er vom limbischen System gesteuert wurde? Und welche
Rolle spielen in Zukunft Willensbekundungen, die Menschen in
Patientenverfügungen hinterlegt haben, wenn der freie Wille eine Illusion
ist.
Der Wissenschaftshistoriker Olaf Breidbach von der Universität Jena, der
sich schwerpunktmäßig mit der Geschichte der Hirnforschung beschäftigt, hält
den Zusammenhang von Neurowissenschaft und Moral prinzipiell für
problematisch; sein Vorwurf lautet: Die Hirnforscher arbeiten manchmal mit
zu einfachen Methoden und Freiheitskonzepten und erwecken dadurch den
Eindruck, sie könnten schwierige moralische Probleme in den Griff bekommen:
O- Ton 8 - Olaf Breidbach:
Es ist ein falscher Freiheitsbegriff, es ist ein Personenbegriff, der die
Person auf das reduziert, was abbildbar ist, und zu sehr kuriosen
Entwicklungen kommt, die einem Medizinhistoriker bekannt sind und die
zurückgehen auf etwas, was einmal Schädellehre hieß, und das in ganz
ähnlicher Weise funktionierte. Und zwar wird in der Psychologie, die
Aussagen über Schuldfähigkeit von Tätern machen muss, zunehmend auf die
Hirnforschung rekurriert. Man kann nun folgendes machen. Man nimmt das Hirn
von einem Mörder, macht dann Fotos, macht von einem anderen Mörder-Gehirn
ebenfalls Fotos und nimmt sich vier normale Leute und macht von deren Hirnen
Fotos. Dann macht man Statistik. Und dann gibt es bestimmt irgendetwas, was
diese beiden Mörder von den Normalen unterscheidet, na ja, dann sagt man,
jetzt habe ich einen Filter, alle die dem Typus Mörder entsprechen sind
unschuldig, weil die eine neurophysiologische Störung haben, und die anderen
sind der Normwert. Das ist genau das, was die Schädellehre auch gemacht hat,
es wurde versucht, mit einem kruden Freiheitsbegriff den Charakter zu
beschreiben und dann hat man behauptet, man habe einen Knochen des Bösen
gefunden oder einen Bereich im Gehirn für Liebe oder für die Fähigkeit Kant
zu lesen.
Sprecher:
Auch Manfred Spitzer rät im Umgang mit den Thesen einiger
Neurowissenschaftler zu mehr Besonnenheit und kritischer Distanz. Er ist
Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm und arbeitet an der
Schnittstelle zwischen Neurobiologie und Psychologie:
O-Ton 9 - Manfred Spitzer:
Ich denke mir, die Neurobiologie zeigt uns einfach Funktionsweisen des
Gehirns auf, die uns einen Anstoß geben, noch einmal darüber nachzudenken,
ob das, was wir bislang so als Grundfesten angenommen haben, ob das stimmt.
Ich glaub nicht, dass die Neurobiologie jetzt so ganz schnell alles umwirft
oder das man philosophische Probleme eben mal schnell im Scanner lösen
könnte, ich glaube auch nicht, dass damit die Willensfreiheit gleich ad
absurdum geführt wird, ich denke mir, da wird vieles auch ein bisschen zu
schnell und zu wenig bedacht. Dass man jetzt Leute in den Scanner legt und
sie mit oder ohne Inbrunst beten lässt, um etwas über Gott zu erfahren, das
wiederum halte ich für fast nen bisschen naiv, muss man sagen.
Sprecher:
Die Neurobiologen suchen, wie Spitzer andeutet, in ihren Labors nicht nur
nach dem Sitz religiöser Gefühle im Gehirn; ein US-amerikanischer
Neuropsychiater schiebt neuerdings Probanden in einen Kernspintomografen und
zeigt ihnen währenddessen Werbespots von Präsident Bush und seinem
Herausforderer, um herauszufinden auf welche Themen die Gehirne positiv oder
negativ reagieren. Beide Beispiele zeigen, wie prekär es ist, wenn eine
naturwissenschaftliche Disziplin ihre Grenzen übersteigt und sich in
moralisch-metaphysische Höhen hinaufschwingen möchte, als könne man aus der
Neurobiologie eine neue Neuropolitik hervorzaubern, oder demnächst sogar
eine Neuroreligion.
In diesem Zusammenhang warnt auch der Philosoph Thomas Metzinger vor
voreiligen Schlussfolgerungen und zu simplen Thesen.
O-Ton 10 - Thomas Metzinger:
Also die zwei wichtigsten Fehler, die in dieser öffentlichen Diskussion
dieser zwei Jahren über die Willensfreiheit tobt, immer gemacht werden, sind
dass die Leute entweder denken, die Antwort muss ja oder nein sein: wir
haben Willensfreiheit oder wir haben sie nicht. Das ist falsch. Die meisten
Philosophen würden sagen, es gibt eine dritte Lösung. Die sagt, ja, die
Gesetze der Physik gelten auch im Gehirn. Das Gehirn ist ein physikalisch
determiniertes System, und wir können vernünftig und moralisch sensitiv, wie
Philosophen sagen, empfindsam für normative ethische Probleme sein. Das ist
kein Widerspruch. Der zweite Hauptfehler, der immer von allen Leuten gemacht
wird ist, anzunehmen, jeder wüsste, was eigentlich ein Wille ist. Ich habe
noch nie einen gesehen. Man weiß auch nicht, wie viel er wiegt oder was für
eine Farbe er hat. D. h. Willen sind erst mal keine objektiv beobachtbaren
Ereignisse in der Welt.
Sprecher:
Mit anderen Worten: Es ist wenig fruchtbar einen neuen Reduktionismus
verkünden zu wollen, der behauptet, Geist, Bewusstsein und Wille seien den
Naturgesetzen unterworfen, und irgendwann in der Zukunft werde die blumige
Rede von diesen Kategorien überflüssig, wenn nämlich empirische
Wissenschaften alle geistigen Phänomene umfassend beschreiben könnten. Dann
könnte das Zeitalter der Illusionen und der metaphysischen Windbeuteleien
endlich zu Grabe getragen werden. Das ist schon deshalb eine gefährliche
Vereinfachung, weil das Verhältnis von Geist und Materie, an dem sich
Generationen von Philosophen bis heute abarbeiten, längst nicht geklärt ist.
Das weiß wiederum auch der Hirnforscher Gerhard Roth:
O-Ton 11 - Gerhard Roth:
Geistige Anstrengung ist eine physiologische Anstrengung. Und kein Dualist
kann mir erklären, weshalb Gedanken haben und Konzentration besonders viel
Sauerstoff und Glukose verbrauchen. Und die Neuronen besonders stark feuern
müssen. Warum? Das kann ein Dualist, der an die völlige Autonomie des
Geistes glaubt, mir nicht erklären. Das alles heißt aber nicht, dass wir
erklären könnten, was Geist ist als Neurobiologen. Das einzige, was wir nur
sagen können, das ist aber auch schon mehr als man jemals glaubte erreichen
zu können, unter bestimmten physikalisch-chemisch-physiologischen
Bedingungen tritt Geist und Bewusstsein notwendig auf. Geist und Bewusstsein
sind aber nur introspektiv erfahrbar. D. h. ich werde neurobiologisch nicht
erklären können, was es ist, bewusst zu sein. Das kann ich nur introspektiv.
Ich kann erklären, welche Funktion Bewusstsein hat. Wie sich Menschen
verhalten, wenn sie Bewusstsein haben, wenn sie nicht Bewusstsein haben. Das
Gefühl, bewusst zu sein, kann ich nicht erklären. Ich kann auch nicht
erklären, wie es ist, grün oder blau oder gelb oder rot zu sehen.
Sprecher:
Hier liegen also die Grenzen der Neurowissenschaften, die eben nicht zu
erklären vermögen, was es für ein Subjekt heißt, seinen freien Willen zu
erleben. Diese radikal subjektive Perspektive bleibt der Neurowissenschaft
verborgen; sie kann immer nur das Gehirn aus der, wie es im
Wissenschaftsjargon heißt, Dritten-Person-Perspektive beschreiben; und auf
dieser Ebene spielen Kategorien wie Seele, Freiheit, Bewusstsein, Geist als
metaphysische Prinzipien keine Rolle. Das heißt aber nicht, dass diese
Kategorien, nur weil man sie mittels empirischer Experimente nicht
nachweisen kann, auch keine Bedeutung hätten. Der Medizinhistoriker Olaf
Breidbach verweist auf eine Anekdote, die er dem australischen Physiologen
und Medizin-Nobelpreisträger Sir John Eccles verdankt:
O-Ton 12 - Olaf Breidbach:
Die Geschichte mit der Seele, die ich nicht sehen kann, da erinnere ich mich
an eine Geschichte mit Eccles, den musste ich bei einer Diskussion einführen
und der zeigte zum Schluss ein Dia mit einem Hirnschnitt, ein normales
elektronenmikroskopisches Abbild, und er zeigte auf eine Stelle: „Und da ist
jetzt die Seele“. Ich sagte: „Sir John, das ist ne normale Färbung“. Ja, das
wüsste er auch, aber er könnte doch nicht alles verraten. Also so kann man
mit dem Zeug nicht umgehen, man muss sich auch mal beschränken und sagen, es
gibt bestimmte Sachen, die kann ich in dieser Wissenschaft nicht abbilden,
die sind aber deswegen nicht da, weil ich sie nicht abbilden kann.
Sprecher:
Bis zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich in keiner Weise ein abschließendes
Urteil fällen für oder gegen die neuen Konzepte der Hirnforschung, für oder
gegen den metaphysischen Kern im Menschen, für oder gegen Willensfreiheit.
Die Zukunft ist offen. Aber die Hirnforschung hat einen Weg eingeschlagen,
auf dem Gefahren lauern. Thomas Metzinger:
O-Ton 13 - Thomas Metzinger:
Es gibt diese psychosozialen Folgekosten. Also wir wissen alle nicht, was
würde denn mit unserer Gesellschaft werden, wenn sich neue Einsichten, mal
angenommen, die ließen sich halten und stabilisieren, über uns selbst
durchsetzen würden, könnte das nicht - ich karikiere jetzt mal - die Folge
haben, dass niemand mehr zuhört, was die Philosophen und die Hirnforscher
wirklich im Einzelnen sagen, sondern dass sich wie so ein Lauffeuer, wie ein
Gerücht ein Vulgärmaterialismus verbreitet, der sagt: Also hört mal zu
Kinder, es gibt keinen Gott, es gibt keine Seele, das ist ein kaltes leeres
Universum, und wir sind ’ne bessere Art von Bioautomaten, wir sind nie
gefragt worden, ob wir leben wollen, wir werden nie gefragt werden, ob wir
sterben wollen, und es gibt wirklich nur eins: Jeder gegen Jeden und
versuchen, so viel wie möglich für sich selbst raus zu holen in den
verbleibenden Jahren noch. D. h. das Stichwort heißt hier:
Ent-Solidarisierung.
Sprecher:
Dieser Vulgärmaterialismus könnte sich quasi hinter unserem Rücken dann
etablieren, wenn die Ergebnisse der Hirnforschung simplifiziert werden, sei
es durch die Medien oder durch die Forscher selbst, die unter Druck schnell
mal plakative, radikale Thesen und Revolutionen verkünden, um letztlich mehr
Forschungsgelder zu bekommen.
Und noch etwas ist wichtig: Die Hirnforschung versucht das Rätsel und die
Mechanik des menschlichen Bewusstseins zu ergründen. Sie könnte damit den
Weg frei machen für die Entwicklung und Anwendung neuer
Bewusstseinstechnologien, mit denen eine geschickt operierende
Bewusstseinsindustrie subjektives Erleben manipulieren könnte.
O-Ton 14 - Thomas Metzinger:
Wenn es ein neuronales Korrelat von Bewusstsein gibt, d. h. eine minimale
Menge von Eigenschaften im Gehirn, nicht das ganze Gehirn, die hinreichend
ist, um Bewusstsein zu erzeugen, nach dieser Menge suchen im Moment alle
Bewusstseinsforscher, dann gibt es auch für einzelne Bewusstseinsinhalte,
sagen wir, für ein rotes Farberlebnis oder für ein Glücksgefühl,
hinreichende neuronale Korrelate. Wenn man die kennt, braucht man nur das
Korrelat zu aktivieren, das ist natürlich nichts Anatomisches, sondern ein
ganz kompliziertes Muster, das sich da bewegt. Wenn man dieses Muster im
Gehirn herstellen kann, dann kann man den Bewusstseinsinhalt herstellen.
Daran sieht man gleich, wie weit das gehen kann. Die erste Frage ist die,
wenn das Subjekt jetzt durch neue Arten von Manipulation auch aus den
Medien, neue Art und Weise, sein Gehirn zu beeinflussen, bedroht ist, wie
erhöhen wir die Autonomie des Subjekts, d. h. wie geben wir dem Menschen, z.
B. in der Schule frühzeitig schon Mittel an die Hand, um sich zu verteidigen
gegen solche Manipulationsmöglichkeiten. Ich finde aber, wir sollten noch
einen Schritt weiter gehen. Wir sollten auch fragen, wie können wir das denn
nutzen in seinen positiven Effekten. Es gibt im Grunde ein neues
Diskussionsthema. Und ganz vereinfacht gesagt, heißt dieses Thema, was ist
denn ein guter Bewusstseinszustand, und was ist ein schlechter
Bewusstseinszustand? Welche Bewusstseinszustände wollen wir unseren Kindern
zeigen, welche wollen wir ihnen beibringen, welche sollen in unserer
Gesellschaft verboten sein?
Sprecher:
Thomas Metzinger plädiert also für eine neue Bewusstseinsethik und damit
auch für eine Verzahnung von Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft, die
dringend geboten ist. Wenn man seine These weiterdenkt, könnte man sagen:
Die Geisteswissenschaften haben in Zukunft die wichtige Aufgabe, die
Ergebnisse der Hirnforschung kritisch zu kommentieren und zu korrigieren,
auf mögliche gesellschaftliche, soziale und kulturelle Gefahren aufmerksam
zu machen. Dies könnte dazu führen, dass die Hirnforschung den Nimbus der
revolutionären Disziplin, die alles auf den Kopf stellen will, verliert.
******************** |
|