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<<Prof. Bernhard H. F. Taureck*: Die Ikonologie
des Todes - Aspekte einer neuen Befindlichkeit>>
SWR2
Aula Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch; Sendung: Karfreitag, 25.
März 2005, 8.30 Uhr.
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen,
privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung
bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Übersicht
Das Thema des Todes scheint in der modernen Philosophie keine große Bedeutung mehr
zu haben, obgleich in der Antike und Neuzeit die Philosophie als ein
Lernen des Sterbens begriffen wurde. Diese Vorstellung ist metaphorisch.
Sie lädt uns ein, den Tod nicht zu fürchten
und zu ihm ein Verhältnis intersubjektiver Kommunikation zu finden. Es
gilt, sich dieser traditionellen Auffassung wieder zu nähern, da sie
zugleich den Weg ebnet für einen Todesbezug, der frei ist vom esoterischen
Habitus. Der Braunschweiger Philosoph Bernhard H. F. Taureck erläutert
Aspekte seiner kritischen Ikonologie.
Philosophieren: Sterben lernen, das ist ein gewaltiges Wort. Ein Wort mit
umfassendem Anspruch. Träfe es zu, dann gäbe es nicht nur eine Antwort auf
die Frage, wozu Philosophie überhaupt da ist. Diese Antwort legte nämlich
auch noch eine Antwort auf eine andere Frage nahe, die Frage, wozu, wofür,
zu welchem Zweck wir überhaupt leben. Sterben zu lernen wäre eine Antwort
auf die Frage nach dem Lebenssinn.
Der junge Hugo von Hofmannsthal, einer der
bedeutenden Dichter unseres menschlichen Todesbezuges, gab dieser
Sinnsuche 1892 einmal folgenden Ausdruck:
Und hätte jeder nicht ein heimlich Bangen
Vor irgend etwas und ein still Verlangen
Nach irgend etwas und Erregung viel
Mit innrer Lichter buntem Farbenspiel
Und irgend etwas, das zu kommen säumt,
Wovon die Seele ihm phantastisch träumt,
Und irgend etwas, das zu Ende geht,
Wovon der Schmerz verklärend ihn durchweht -:
So lebten wir in Dämmerung dahin,
Und unser Leben hätte keinen Sinn…
Hier taucht erstmalig im Deutschen eine Verbindung
von „Leben“ und „Sinn“ auf. Wir wissen heute, dass gut zwanzig Jahre
später, während des Ersten Weltkriegs, die uns seither so geläufige Fügung
„Sinn des Lebens“ entstand und bald zu einem Modewort avancierte. Wir
wissen ebenfalls, dass die Fügung „der Sinn des Lebens“ im Kontext einer
bis dahin unbekannten kollektiven Erfahrung des gewaltsamen Todes
entstand. So ist es auch verständlich, was Max Horkheimer zu einer
Studentin bemerkte, die betonte, Heidegger habe mit seinen
todesbezüglichen Existenz-Analysen in „Sein und Zeit“ die Menschen endlich
wieder vor den Tod gestellt: Der deutsche Oberbefehlshaber Ludendorff,
verantwortlich für den Tod hunderttausender Soldaten im Ersten Weltkrieg,
habe dies – den Menschen vor den Tod zu stellen – viel besser besorgt als
Heidegger.
Zurück zu unserer Ausgangsbestimmung: Philosophieren
- sterben lernen. Diese Kennzeichnung sagt uns, wozu wir philosophieren
und sie sagt uns, wofür da sind, sofern, was Philosophie ursprünglich
stets besagte, alle Menschen von Natur aus philosophieren. Der Sinn
unseres Menschenlebens bestünde darin, sterben zu lernen. So groß der
Gewinn auch sein mag mit einer einzigen Formel Philosophie und Lebenssinn
zusammenzubringen, etwas sträubt sich in uns gegen diese Formel. Nicht nur
mag jener Kontext Bedenken erwecken, jener Krieg von 1914 bis 1918, mit
dem die uns heute bedrohende Total-Auslöschung des Menschen durch Menschen
begann. Zuvor stellt sich die Frage: Sterben-Lernen, ist das überhaupt
möglich? Gibt es unter allem, was wir zu lernen vermögen, auch noch das
Sterben? Sophokles, der große griechische Tragödienautor, verneinte diese
Frage offenbar, als er seinen Chor in der Antigone-Tragödie die
Worte sprechen ließ: „Verlegen geht der Mensch an kein Künftiges, er ist
der Niemals-Verlegene. Allein vor dem Tode weiß er sich kein Entrinnen.“
Der Mensch, wird hier konstatiert, weiß stets einen Ausweg aus Situationen
der Not. Hinsichtlich des Todes versagt dieses Wissen jedoch. Der Tod
zeigt sich nicht als Not, sondern als Notwendigkeit. Er ist die
Notwendigkeit, der niemand entrinnt. Die Griechen sagten daher statt „die
Menschen“ einfach auch „die Sterblichen“. Die Römer gaben dieser
Notwendigkeit beredten Ausdruck. So der Komödiendichter Publilius Syrus:
„Es ist ein allgemeines Gesetz, das geboren zu werden und zu sterben
befiehlt.“ Oder der Philosoph Seneca: „Alles fordert der Tod ein. Es ist
Gesetz, nicht Strafe, dass man stirbt.“ Oder der Dichter Horaz: „Der
bleiche Tod tritt mit gleichem Fuß in die Hütten der Armen und in die
Paläste der Reichen ein.“ Auch der Kirchenvater Augustinus urteilt:
„Unsere Lebenszeit ist nichts anderes als ein Lauf zum Tode.“
Trotzdem bleibt die Frage: Lässt sich das Sterben
nicht lernen? Denn das Sterben ist ja nicht bereits der Tod selbst,
sondern das Erleiden des Todes. Die Philosophen werden gewusst haben,
wovon sie redeten, wenn sie behaupteten, zu philosophieren heiße sterben
zu lernen. Wir müssen diese Behauptung genauer betrachten. Sie verbindet
nämlich drei Vorgänge miteinander: das Philosophieren, das Sterben und das
Lernen.
Beginnen wir mit einem wieder aktuell werdenden
heroischen Sinn des Sterbens. Im Irak sterben täglich nicht nur viele
Iraker, sondern auch US-amerikanische Soldaten, die nicht selten infolge
hoher Arbeitslosigkeit den Dienst in der Armee zu wählen genötigt sind.
Diese Soldaten werden vom US-Präsidenten zu Helden erklärt. Der Globus
wird damit Zeuge von Heroismus in einer eigentlich längst post-heroischen
Zeit. Militärischer Heroismus, das Wissen und die Praxis von Kampf,
Tötung, Getötetwerden, ist das ein lernender Umgang mit dem Tod? Ein
römischer Historiker schrieb: „Dem Tod entrinnt, wer ihn verachtet; den
jedoch, der ihn am meisten fürchtet, den holt er ein.“ Der Held also
bekäme eine Chance zu überleben. Wie aber steht es mit dem Helden, der den
eigenen Untergang nicht fürchtet und ihn erleidet? Dafür gibt uns Caesar
bei Shakespeare eine klare Antwort. Als man Caesar drohendes Unheil meldet
und er nicht zur Senatssitzung gehen soll, wo seine Ermordung heimlich
vorbereitet wird, bemerkt er: „Feige sterben viele Male vor ihren Toden.
Der Tapfere schmeckt den Tod nur ein einziges Mal. Von allen Wundern, die
ich jemals hörte, scheint mir am wundersamsten, dass Menschen fürchten
sollen, wo sie doch sehen, dass der Tod, ein notwendiges Ende, kommen
wird, wenn er kommen wird.“ Auf engstem Raum findet sich hier eine
Bewertung und eine Definition des Todes. Die Bewertung ist ganz und gar
heroisch. Der Feige, der den Tod fürchtet, stirbt in seiner Fantasie
bereits viele imaginäre Tode, während der Tapfere nur den einen realen Tod
erlebt. Die Definition des Todes ist das notwendige, einen bestimmten
Zeitpunkt einschließende Lebensende. Für ein „Lernen“ des Sterbens gibt es
demgemäß keinen sinnvollen Platz. Alles, was sich diesbezüglich lernen
ließe, wäre die Einsicht, dass es nichts zu lernen gibt. Lernende
Vorbereitung auf den Tod erscheint gar als Strategie der Feigheit.
Nun ist es sicherlich passend, den Tod nicht so sehr
zu fürchten, dass man bei jedem Gedanken an ihn in Schrecken und Panik
gerät. In diesem Fall nämlich würde man tatsächlich mehr Leid auf sich
laden als nötig und gleichsam sterben ohne zu sterben. Folgt daraus aber,
dass es überflüssig ist an das eigene Sterben zu denken, dass es sich in
keiner Weise lohnt daran einen Gedanken zu verschwenden? Nein, dies folgt
nicht. Das von Shakespeares Caesar propagierte heroische Todesdesinteresse
scheint uns Menschen kaum erreichbar zu sein. Denn so sehr wir uns auch
bemühen nicht an unseren Tod zu denken, es wird uns nicht gelingen. Dass
es sich so verhält, wird aus folgender Überlegung klar: Jeder Mensch hat
die Möglichkeit sich selbst zu töten und macht davon auch reichlich
Gebrauch. Für Deutschland wird eine jährliche Suizidrate von etwa 20.000
Menschen geschätzt, somit die doppelte Menge der jährlichen Summe aus
Verkehrs- und Drogentoten. Jeder hat die Möglichkeit sich selbst zu töten
und weiß zugleich, dass er diese Möglichkeit besitzt. Nun wird niemand
glauben, dass er im Falle, dass er sich nicht selbst aus dem Leben
befördert, er dann ein Leben ohne Tod und Sterben besäße. Niemand glaubt
vermutlich: Ich bin unsterblich, außer ich bringe mich selbst um. Vielmehr
gilt, dass jeder zu sich sagt: Meine Lebenszeit ist nicht unbegrenzt.
Eines Tages muss ich es verlassen, eines Tages werde ich sterben. Wie aber
kommt es, dass ich lebe und zu leben fortfahre? Das kann ich nur dadurch
erklären, dass ich alles Lebensbedrohliche meide. Ich springe nicht aus
dem Fenster, sondern benutze die Treppe oder den Fahrstuhl. Um einen Fluss
mit dem Auto zu überqueren, steuere ich nicht in das Wasser, sondern
benutze eine Brücke. Ich versuche nicht, aus dem fliegenden Flugzeug zu
springen, um schneller an meinem Zielort zu sein, sondern ich warte die
Landung ab. Wenn mir kalt ist, bade ich nicht in kochendem, sondern in
wohltemperiertem Wasser. Warum aber meide ich alles Lebensbedrohliche? Die
Antwort lautet: Weil ich leben will. Der Wunsch leben zu wollen, schließt
jedoch noch etwas anderes ein. Er schließt den Wunsch ein, dass ich mich
nicht töten will. Daher können wir sagen, dass der scheinbar
selbstverständliche Lebenswunsch enthält, dass wir uns selbst nicht
umbringen wollen. Diesen Wunsch, dass wir nicht Hand an uns selbst legen,
praktizieren wir zu jeder Zeit unseres Lebensvollzuges. Selbstverständlich
sagen wir nicht ständig zu uns selbst: Heute, morgen und übermorgen will
ich mir nichts antun und erneuern dieses Gelübde zweimal wöchentlich. Doch
wenn wir uns ernsthaft fragen, weshalb wir leben, müssten wir antworten:
Weil wir uns nicht töten wollen. Und es gibt genügend Situationen, die uns
einen Freitod als das geringere Übel erscheinen lassen. Krankheit, schwere
Niedergeschlagenheit, Vereinsamung, Misserfolge lassen den eigenen Tod
gern wünschenswerter erscheinen als eine Lebensfortsetzung. Aus all diesem
folgt vor allem eines: Jeder Lebensbejahung ist ein Todesbezug
eingeschrieben, der ihr vorausgeht. Leben wollen heißt nicht nur nicht
sterben wollen, sondern heißt nicht durch Selbsttötung sterben wollen. Der
alltägliche Lebensvollzug beruht auf einer Verneinung der Selbsttötung.
Verneinte Selbsttötung setzt jedoch voraus, dass man sich bereits in ein
Verhältnis zur Möglichkeit des eigenen Todes gebracht hat. Es lässt sich
nur dasjenige verneinen, was zuvor unverneint als Wirkliches oder
Mögliches präsent ist. Also muss die Möglichkeit des eigenen Todes zuvor
präsent sein, um verneint zu werden.
Was haben wir mit dieser Überlegung erreicht? Sind
wir dem Sterbenlernen näher gekommen? Offenbar nicht, denn wir haben
entdeckt, inwiefern wir alle das Leben lernen, eben durch Verneinung der
Selbsttötung. Auf der Suche nach dem Sinn der Formel „Philosophieren heißt
sterben lernen“ stoßen wir darauf, wie wir das Leben lernen. Offenbar
haben wir unbemerkt das Thema gewechselt. Wir suchen nach dem Sterben und
finden das Leben. Dieser Verdacht trifft indes nicht ganz zu. Die Formel
„Philosophieren heißt sterben lernen“ verbindet, wie zuvor bemerkt, das
Philosophieren mit Sterben und Lernen. Unsere Überlegung mit dem Ergebnis,
die stetige Verneinung der eigenen Tötung sei Bedingung unseres Lebens,
ist bereits Teil des Philosophierens. Wenn wir so argumentieren, wie wir
es soeben taten, dann philosophieren wir bereits, und wir philosophieren
nicht unter Ausschluss des Todes, sondern wir beziehen den Tod ein. Das
Thema des Sterbenlernens wurde nicht verfehlt, sondern wir haben uns
philosophierend ihm genähert. Dieses Philosophieren ist kein Tun einer
speziellen Wissenschaft. Es stellt nicht mehr und nicht weniger dar als
diejenige Art von ausdrücklicher Überlegung, die wir alle halbausdrücklich
alltäglich vollziehen und vollziehen müssen, um als Menschen leben zu
können, das heißt eine Zukunft der Lebensfortsetzung haben zu können.
Philosophieren gehört insofern zu jedem Menschen. Der Mensch ist ein nach
Klärung seiner selbst und seiner Lebensbezüge strebendes Lebewesen, somit
ein philosophierendes Lebewesen, ein animal philosophicum.
Jeder Mensch vermag daher die begonnene Überlegung
über Sterben und Leben fortzusetzen. Er wird dann auf folgendes stoßen:
Gut, die stetige Verneinung der eigenen Tötung ist Bedingung unseres
stetigen Lebensvollzuges. Mit der Möglichkeit unseres Todes konfrontiert,
antworten wir mit: Nein, er soll nicht durch uns erfolgen. Liegt darin
unser gesamter Todesbezug? Dass darin ein großer Teil unseres Todesbezuges
besteht, steht außer Zweifel. Nicht zutreffend wäre es jedoch, unseren
Bezug zu unserem Tod ausschließlich in der Verneinung unserer Selbsttötung
zu erblicken. Weshalb nicht? Der Grund ist allgemein bekannt: Wir sind
sterblich. Wie zuvor schon bemerkt, können wir uns nicht dadurch von
unserer Sterblichkeit freikaufen, dass wir darauf verzichten, gegen uns
selbst den Tod zu spielen. Auch wenn wir leben, weil wir uns nicht töten
wollen, hat unser Leben einmal ein Ende, das sich um unseren
Selbsttötungsverzicht nicht kümmert. Das Sterben wartet auf uns, wie sehr
wir auch unser Leben pflegen, hegen und bejahen. Jeder wird seinen Tod
erleiden. Tod ist keine Not, er ist Notwendigkeit. Die Notwendigkeit des
Todes hat für uns eine in jedem Fall unangenehme Eigenschaft. Er raubt uns
entweder die Fortsetzung unseres vorhandenen Glücks oder er raubt uns die
Chance, künftig noch Glück zu finden, wenn wir bisher unglücklich waren.
Tod ist stets Glücks- oder Chancenraub
Nun sagen wir jedoch auch: Der Glückliche wurde durch
den Tod vor dem Erleben von Unglück bewahrt. Oder: Der Unglückliche wurde
durch den Tod vor der Hoffnungslosigkeit gerettet. Doch hier lügen wir.
Denn wir wissen nicht, dass dem Glücklichen Unglück erspart und dass dem
Unglücklichen Glück vorenthalten wird. Weil beide verstorben sind, kennen
wir ihre Lebensfortsetzungen nicht. Wir könnten allenfalls bemerken: Wenn
der Glückliche künftig ein unglückliches Leben zu erwarten hätte, dann
würde ihn der Tod davor bewahren. Oder: Wenn der Unglückliche auch künftig
hoffnungslos unglücklich bliebe, dann würde ihn der Tod davor bewahren. So
folgt, dass der Tod offenbar als definitiver Sinnentzug zu bewerten ist,
im Hinblick auf den wir offenbar leicht, gern und im Einklang mit den
verfügbaren Konventionen der Rede Unwahres äußern.
Zwei Äußerungen nachdenklicher und Neues wagender
Künstler des 19. Jahrhunderts zeigen extreme intuitive Folgerungen aus dem
Bewertungsdilemma des Todes. So schreibt im Dezember 1875 Gustave Flaubert
an die Schriftstellerin George Sand, nichts erhalte ihn mehr am Leben als
die Hoffnung es bald zu verlassen. „Würde ich nicht bald sterben wollen,
so wollte ich nicht leben“, lässt sich die paradoxe Lehre zusammenfassen.
Um dem Schlimmen, das das Sterben ist – Raub des Glücks oder Raub der
Chancen es zu finden – zu entgehen, wird hier eine Position eingenommen,
in der man bereits gestorben ist. Dies drückt Richard Wagner in Venedig am
9. Oktober 1882, drei Monate vor seinem Tod noch deutlicher aus, wenn er
bemerkt: „Um es im Leben auszuhalten, müsste man darin tot sein.“
Was Flaubert und Richard Wagner hier auszusprechen
wagen, zeigt jenes wenig erfreuliche Gesicht des Sterbenmüssens. Was beide
aussprechen, wird von der Mehrheit und wird von der kulturellen
Bewusstseinsindustrie jedoch verschwiegen. Wir haben in der Regel keine
Probleme damit uns gegen Selbsttötung zu entscheiden. Wir konfrontieren
uns mit der Möglichkeit unseres Todes und sagen nein zu dessen von uns
bewirkter Herbeiführung. Das war’s. Nun gibt es aber eine zweite
Konfrontation mit unserem Tod, das heißt mit der Unausweichlichkeit
unseres Sterbens. Hier lässt sich durch ein Nein nichts entscheiden.
Unsere Sterblichkeit steht nicht zur Disposition. Das und genau das
scheint der Ort zu sein, wo es darauf ankäme, sterben zu lernen. Das ist
die Situation, für die jene Formel zu gelten scheint: Philosophieren ist
sterben lernen.
Der zweiten Konfrontation mit der Möglichkeit unseres
Todes weichen wir alle gern aus. Dieses Ausweichen, dieses Aussparen des
Todesbezuges, diese Flucht vor dem Gedanken der Sterblichkeit bildet keine
Spezialität unserer Zeit. „Menschen, die vor dem Tode fliehen, laufen ihm
nach“, bemerkte bereits vor 2300 Jahren Demokrit. Im 16. Jahrhundert
kritisiert Montaigne die allgemeine Todesvergessenheit des Volkes und im
17. Jahrhundert stellen Pascal oder Bossuet mit Erstaunen fest, dass die
Menschen sich bei jedem Begräbnis darüber wundern, dass dieser Sterbliche
nicht mehr lebe. Daran hat sich seither nicht nur nichts geändert, sondern
unsere westliche Zivilisation ist zu einer Zivilisation der Todesamnesie
geworden. Heideggers beißende Kritik – zu sagen, „man sterbe“ sei
unrichtig, denn das „Man“ selbst sterbe nicht – hat daran ebenso wenig
geändert wie die kaum vorstellbare Tatsache, dass es zugelassen wird, dass
die globale Todesziffer infolge Unterernährung, Seuchen und Krieg in nur
einem Jahr die 60 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs übertrifft. Die
öffentliche Todesamnesie scheint stärker zu sein als die global
zugelassene Todesrealität, die selbst die Zahlen von Genoziden und
Naturkatastrophen bei weitem überschreitet.
Die Todesamnesie ist verständlich. Die zweite
Konfrontation mit unserem Tode ist nicht nur schmerzlich, sie scheint
hoffnungslos. Sie scheint hoffnungslos insbesondere im Hinblick auf ein
„Lernen“ des Sterbens. Wir sehen bereits jetzt ab, dass ein Lernen des
Sterbens insofern gar nicht möglich ist, als für jeden Lernvorgang
zumindest zwei Bedingungen gehören: Es muss erstens eine (äußere oder
innere) Erfahrung eines gegenwärtigen Gegenstandes oder Vorganges
stattfinden. Und es muss zweitens in einer nachfolgenden Zeit eine
Auswertung dieser Erfahrung mit dem Ziel der Aneignung stattfinden. Wer
lernt, muss an etwas Gegenwärtigem etwas erfahren und er muss im Anschluss
diese Erfahrung auswerten und sich zueigen machen. Lernen heißt Wahrnehmen
und Folgerungen ziehen aus den Wahrnehmungen.
Im Hinblick auf das Sterben, sofern es Erleiden des
Todes bedeutet, kann die erste Bedingung nicht erfüllt werden, weil die
Gegenwart des Todes den Erfahrenden selbst zerstört. Das eigene Sterben
lässt sich nicht wahrnehmen. Und selbst wenn es wahrnehmbar wäre, so
besteht keine Zeit mehr Folgerungen zu ziehen, denn auf das Sterben folgt
der nicht mehr zögernde Tod. Eine vermeintliche Rückkehr aus dem Tod
bildet dagegen keinen Einwand, weil jeder Rückkehrende nicht wirklich
gestorben ist, sondern sich dem Tode nur angenähert hat. Montaigne hat
infolge eines Reitunfalls einmal eine solche Todesannäherung erlebt,
ausgewertet und nicht etwa als Rückkehr aus dem Tode verkauft. Wenn die
Bedingung des Wahrnehmens jedoch nicht erfüllbar ist, dann entfällt
zugleich die Möglichkeit des Folgerns aus den Wahrnehmungen. Erzählungen
über Philosophen wie die folgende bestätigen diesen Zusammenhang auf
amüsante Weise: „Es wird erzählt, der Philosoph Ficino und sein Freund
Michele Mercati hätten einst vereinbart, dass derjenige, der zuerst
stürbe, dem anderen aus dem Jenseits berichten solle. Tatsächlich sei
Ficino dem Freund Mercati gleich nach Ficinos Tod erschienen mit den
Worten: ‚Michele, Michele, es ist alles wirklich wahr!’“ Ficino hat sich
im Übrigen nicht exakt an die Verabredung gehalten. Er hat mit seinem
Ausruf nicht berichtet, wie es im Jenseits aussieht und wie es ihm ergeht,
er sondern hat es nur bis zu einem tautologischen Ausruf aus dem Jenseits
gebracht. Unsere Unwissenheit über das Jenseits hat er nicht verringert.
Lernen bedeutet Folgern aus Wahrnehmungen. Wir können
das Sterben nicht wahrnehmen, also können wir auch keine Folgerungen
ziehen und somit das Sterben nicht lernen. Es ist auch nicht möglich, das
Sterben eines anderen Menschen wahrzunehmen. Was wir wahrzunehmen
vermögen, können Schreie, Seufzer, Zustände der Apathie, des Schlafes
sein. Was wir feststellen, ist lediglich das Resultat des Sterbens, das
Erkalten und das Ende der Hirntätigkeit. Wir vermögen fremdes Sterben
ebenso wenig wahrzunehmen wie fremden Schmerz. Und wenn wir uns das
Sterbensverhalten anderer zum Vorbild nähmen und auf gleiche Weise sterben
wollten wie sie, so wäre dies nicht möglich, weil Sterben kein Handeln,
sondern ein Erleiden ist.
Ist es daher überhaupt zulässig von einem Lernen des
Sterbens zu sprechen? Es ist zulässig, jedoch in ganz anderer Weise,
nämlich als Metapher. Das Sterbenlernen sagt unseren Todesbezug in
metaphorischer Weise aus. Liegt darin nicht jedoch eine Abschwächung? Wird
der Todesbezug zum bloßen Bild? Das mag zunächst so scheinen. Wir haben
seit der Antike gelernt, dass Metaphern im Grunde nur für die Fiktionen
der Dichter taugen, nicht aber unseren Welt- und Wirklichkeitsbezug
mitbestimmen. Metaphorische Aussagen galten als angenehm wirkende Lügen,
die als Lügen kenntlich sind. Diese Einschätzung der Metapher ist zu
korrigieren. Es ist ein gewichtiger Zusatz nötig: Metaphorische Aussagen
sind inkorrekte Aussagen, die einen oft erheblichen Wahrheitsgehalt
besitzen.
Metaphern sind Falschaussagen mit einem oft
erheblichen Wahrheitsgehalt.
Was dies im Hinblick auf das Sterbenlernen bedeutet,
können wir bei Platon lernen. Platon lässt Sokrates, bevor er zum Tode
durch Trinken des Giftbechers verurteilt wird, eine lange
Rechtfertigungsrede halten, die Apologie des Sokrates, die mit
einer Betrachtung über das Sterben endet. Ausgang bildet das Werturteil,
dass die Annahme unrichtig ist, gestorben zu sein sei ein Übel. Im
Folgenden versucht Platon zu zeigen, dass das Sterben etwas Gutes ist. Die
Antwort ist leicht gegeben: Im Fall, dass das Sterben Nichtsein bedeutet,
treten wir in einen traumlosen Schlaf ein, der bekanntermaßen der
angenehmste Schlaf ist. In dem Fall, dass wir unseren Tod überleben,
reisen wir in die Unterwelt und treffen dort gerechte Richter und können
mit verstorbenen Helden Gespräche führen. Da es nur diese beiden
Möglichkeiten gibt – Tod als traumloser Schlaf, Tod als Reise in eine
andere Welt -, folgt: Das Sterben fügt uns keinen Schaden zu, sondern
verschafft uns, was wir uns gern wünschen.
Was Sokrates hier äußert, ist ein aus verschiedenen
Elementen zusammengefügtes Argument. Es besteht aus einer Wertung, aus
Metaphern und einer Annahme. Die Wertung lautet: Tot zu sein ist kein
Übel. Die Metaphern stellen den Tod als Schlaf oder als Reise dar. Die
Annahme besagt: Der Tod verschafft uns, was wir gerne wünschen. Sokrates
hat damit ein Muster einer Argumentation aufgestellt, von dem wir sagen
dürfen, dass es vielleicht eine Art Muster unserer intersubjektiven
Kommunikation über Tod und Sterben bildet. Immer wieder taucht bei
verschiedenen Autoren eine Verbindung aus Wertung, Bildern und Annahme
auf, wenn es darum geht, über unseren Todesbezug zu reden.
Es geht nicht darum die Wertung des Sokrates zu
übernehmen, dass der Tod kein Übel ist. Denn er raubt uns ja die Chance
unser Glück fortzusetzen oder die Chance es doch noch zu finden. Wir
vermögen den Tod nicht abzubilden in gültigen Aussagen. Wir vermögen ihn
auch nicht zu konstruieren und ihm vorzuschreiben, wie er zu sein hat. Was
wir vermögen, ist eine intersubjektive Kommunikation über den Tod, in der
Metaphern sinnvollerweise nicht fehlen können. Der Tod fordert unsere
metaphorische Kreativität und er fordert sie heraus. Sie ist es, was wir
lernen können. Dann mag uns der Tod nicht nur erscheinen als Schlaf oder
als Reise, sondern auch: „wegen des Todes jedoch bewohnen wir Menschen
alle eine Stadt ohne Mauern“, schrieb Epikur. Auch kann unser gesamtes
Leben bildlich als ein beständiges Sterben erscheinen, wie wir von Seneca
erfahren: „Wir sterben täglich; täglich verlieren wir einen Teil des
Lebens und solange wir wachsen, verfällt das Leben. Wir haben die Kindheit
verloren, dann die Jugend, dann das Erwachsenwerden. Bis gestern verging
die laufende Zeit; diesen Tag selbst, den wir leben, teilen wir mit dem Tod.“
Der Tod mag uns ferner erscheinen als Ort, wohin sich
der gesättigte Gast nach einem Gastmahl begibt (so Lukrez), er mag uns
erscheinen als das, was wir mit unserem eigenen Leben bauen (so Michel de
Montaigne).
„Zu leben und zu sterben wissen/In demselben
Sturm/Mit derselben unmerklichen Bewegung/Und auf derselben Linie“
schreibt zu Beginn des 20. Jahrhunderts der französische Lyriker Pierre
Reverdy.
Zu erinnern ist an dieser Stelle auch an jenen
berühmten Monolog To be or not to be Hamlets bei Shakespeare. Hier
wird ein durch und durch metaphorischer Todesbezug aufgebaut. Zugleich
mischt sich Shakespeare ein in den Todesdiskurs der Philosophen. Der
Anfang des Monologs lautet in der Übersetzung von Schlegel und Tieck:
Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage:
Ob’s edler im Gemüt, die Pfeil’ und Schleudern
Des wütenden Geschicks erdulden, oder,
Sich waffnend gegen eine See von Plagen,
Im Widerstand zu enden. Sterben – schlafen –
Nichts weiter! – und zu wissen, dass ein Schlaf
Das Herzweh und die tausend Stöße endet,
Die unsers Fleisches Erbteil – ´s ist ein Ziel,
Aufs innigste zu wünschen. Sterben - schlafen –
Schlafen! Vielleicht auch träumen! – Ja, da liegt’s:
Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen,
Wenn wir den Drang des Ird’schen abgeschüttelt,
Das zwingt uns stillzustehn.
Dieser Monolog ist ein Dokument des Widerspruchs
gegen das philosophische Angebot der Befreiung von Todesfurcht und er
dokumentiert, dass sich auf den Tod auch außerhalb der Philosophie Bezug
nehmen lässt und zwar genau dort, wo die Reichweite des philosophischen
Trostes endet. Hamlet beruhigt sich nämlich nicht mit der Möglichkeit,
dass wir mit dem Eintritt des Todes verlöschen und gleichsam in einen
ewigen Schlaf eingehen. Diesen Trost, den Platons Sokrates uns gab,
genießt er für einen Augenblick der Reflexion als „ein Ziel, /Aufs
innigste zu wünschen.“ Doch die Metapher des Todesschlafes führt auf die
Metapher der Träume: „Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen.“ Der Tod
ist, so verstanden, nur scheinbar nichts. Ein Nichts braucht nicht
gefürchtet zu werden. Was jedoch nur scheinbar nichts ist, das wird rasch
ein Gegenstand der Furcht:
Nur dass die Furcht vor etwas nach dem Tod –
Das unentdeckte Land, von des Bezirk
Kein Wandrer wiederkehrt – den Willen irrt,
Dass wir die Übel, die wir haben, lieber
Ertragen, als zu unbekannten fliehn.
Dieser Monolog Hamlets bildet wohl den bekanntesten
Monolog aller Dramen überhaupt. Er beendet das Vertrauen in die
Versicherung der Philosophen, Todesfurcht sei gegenstandslos. Shakespeare
folgert daraus jedoch nicht, dass es sich nicht lohne über den Tod zu
reden. Vielmehr praktiziert er etwas, was die antiken Philosophen auch
bereits kannten und wohin das philosophische Denken heute erst wieder
unterwegs ist: metaphorisch-intersubjektive Bezugnahme auf den Tod. Der
Tod erscheint jetzt nicht mehr nur in der Metapher des Schlafes oder auch
des Traumes. Er erscheint in der Metapher des unentdeckten Landes, das
sich als unentdeckbares Land entpuppt, weil, wer dorthin ging, nicht
zurückkehrt und nicht berichtet.
Unser metaphorischer Todesbezug beschränkt sich indes
nicht auf stets wiederkehrende Bilder. Charles Baudelaire beendet seine
Lyriksammlung Les fleurs du mal mit einer durchaus ungewöhnlichen
Anrede an den Tod: „O Tod, alter Kapitän, es ist Zeit! heben wir den
Anker!/Dieses Land langweilt uns, o Tod! Stechen wir in See!/ Wenn der
Himmel und das Meer schwarz sind wie Tinte, /Unsere Herzen, die du kennst,
sind erfüllt mit Strahlen!
Flöße uns dein Gift ein, damit es uns stärke! / Wir
wollen, solange dieses Feuer unser Hirn verbrennt, / In die Tiefe des
Abgrunds tauchen, Hölle oder Himmel, was macht es? / In die Tiefe des
Unbekannten um Neues zu finden!“ Der Tod erscheint hier als Aufbruch aus
der Langeweile des Lebens in den Abgrund eines Unbekannten, das Neues
verheißt. Der Tod, bei Shakespeare noch als Bedrohung durch den Tod als
unentdecktes und unentdeckbares Land empfunden, wird nunmehr metaphorisch
zum Gegenstand des Erlebenwollens.
Der eingangs bereits zitierte Dichter Hofmannsthal
lässt den Tod selbst einmal über unseren menschlichen Umgang mit dem Tode
die Worte sprechen:
Wie wundervoll sind diese Wesen,
Die, was nicht deutbar, dennoch deuten,
Was nie geschrieben wurde, lesen,
Verworrenes beherrschend binden
Und Wege noch im Ewig-Dunklen finden.
Das trifft Wesentliches. Drei Metaphern sagen, wie
wir kraft unserer Metaphernfähigkeit zu unserem Tode ein Verhältnis
finden: Wir lesen das Ungeschriebene, wir binden das Verworrene und wir
finden Wege in der unaufklärbaren Dunkelheit. Metaphern des Todesbezuges
bildend lernen wir, dass sterben zu lernen eine metaphorische
Angelegenheit ist.
* Zum Autor:
Bernhard H.F. Taureck lehrt Philosophie an der
Technischen Universität Braunschweig. Zuletzt erschienen von ihm:
"Philosophieren: Sterben lernen?", Suhrkamp 2004.
Weitere Bücher:
- "Metaphern und Gleichnisse in der Philosophie-
Versuch einer kritischen Ikonologie der Philosophie" (2004).
- "Machiavelli-ABC" (2002).
- "Lévinas zur Einführung" (2002).
- "Michel Foucault" (2001).
- "Nietzsche und der Faschismus"(2000). |