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SWR2 Wissen Aula - Dr. Peter Spork: Ruhelos in
Deutschland . Plädoyer für eine neue Schlafkultur
(Abschrift eines frei gehaltenen Vortrags)
Autor und Sprecher: Dr. Peter Spork *; Veröffentlichung mit
freundlicher Genehmigung des Autors:
www.peter-spork.de;
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 24. April 2011, 8.30 Uhr,
SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten
Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der
ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
* Zum Autor:
Dr. Peter Spork, geb. 1965, studierte in Marburg und Hamburg
Biologie, Anthropologie und Psychologie und promovierte im Bereich
der Neurobiologie am Zoologischen Institut in Hamburg. Seit 1991
schreibt er populärwissenschaftliche Artikel für viele große
deutschsprachige Zeitungen und Magazine, unter anderem für Die Zeit,
Geo Wissen, Bild der Wissenschaft und die Süddeutsche Zeitung. Sein
besonderes Interesse gilt der Schlaf- und Hirnforschung sowie der
Molekulargenetik.
Bücher (Auswahl):
- Das Schlafbuch. Warum wir schlafen und wie es uns am besten
gelingt. Rowohlt, 2007.
- Das Schnarchbuch – Ursachen, Risiken, Gegenmittel. Überarbeitete
und erweiterte Neuausgabe, rororo 2007.
- Der zweite Code. Epigenetik – oder wie wir unser Erbgut steuern
können. Rowohlt, 2009.
ÜBERBLICK
Wir leben in einer beschleunigten Gesellschaft: Unsere
Bundeskanzlerin macht Politik per SMS und Handy, unsere Kinder gehen
ins achtjährige Gymnasium, die Studenten marschieren mit
Siebenmeilenstiefeln durch die Universitäten. Parallel zu dieser
ständigen Erregung und Beschleunigung hat sich unsere Schlafkultur
dramatisch verändert. Immer mehr Menschen leiden unter
Schlaflosigkeit, unter Nervosität, unter einem Burn-Out-Syndrom.
Gerade deshalb brauchen wir als Gegengewicht eine neue Schlaf- und
Entspannungskultur. Der Wissenschaftsjournalist und Buchautor Peter
Spork beschreibt die Notwendigkeit einer Wende.
***
INHALT
Ansage:
Mit dem Thema: „Ruhelos in Deutschland - Plädoyer für eine neue
Schlafkultur“.
Wir leben in einer beschleunigten Gesellschaft. Unsere
Bundeskanzlerin macht Politik im Minutentakt mit Handy und der
SMS-Funktion, unsere Kinder gehen ins acht-jährige Gymnasium, unsere
Studenten marschieren mit Siebenmeilenstiefeln
durch die reformierte Bologna-Hochschule. Und was bleibt dabei auf
der Strecke: Eine gute Schlafkultur.
Das sagt der Wissenschaftsjournalist und Buchautor Peter Spork. Er
mahnt an, dass immer mehr Menschen zu wenig schlafen. Welche
Gefahren damit verbunden sind, zeigt Spork in der SWR2 AULA:
Peter Spork:
Guten Morgen, meine Damen und Herren, frohe Ostern! Ich freue mich
sehr, dass Sie an einem so besonderen Tag schon früh aufgestanden
sind, das Radio angeschaltet haben und von mir etwas über den Schlaf
hören wollen. Sie können mir glauben, gerade ich als
Schlafbuch-Autor weiß das besonders zu schätzen. Ich wüsste es
natürlich auch zu schätzen, wenn Sie lieber etwas länger im Bett
geblieben wären und ausgeschlafen hätten. Denn wir leben in einer
unausgeschlafenen Gesellschaft. Der Durchschnittsdeutsche schläft
heute etwa eine Stunde weniger als vor 20 Jahren, und er dürfte viel
weniger schlafen als noch vor Einführung des elektrischen Lichts.
Mit der Einführung des elektrischen Lichts begann der Wechsel in die
24-Stunden-Gesellschaft. Wir haben die Nacht zum Tag gemacht. Heute
gibt es Schichtarbeit rund um die Uhr, der Medienkonsum dauert auch
nachts weiter an, Ladenöffnungszeiten dehnen sich immer weiter in
die Nacht aus. Hinzu kommt wachsender beruflicher Druck auf die
Leistungsträger der Gesellschaft; selbst Schulkinder müssen immer
mehr in immer kürzerer Zeit leisten, Stichwort: Gymnasium in acht
Jahren – G8-Gymnasium.
Wissenschaftler in den USA, Mathias Basner von der University of
Pennsylvenia ist hier zu nennen, haben festgestellt, dass wir vor
allem am Schlaf sparen, wenn wir mehr arbeiten müssen. Denn wir sind
nicht bereit, unsere Freizeit zu opfern. Der Durchschnittsbürger der
westlichen industrialisierten Welt geht abends ins Bett, wenn seine
Lieblings-Fernsehsendung zu Ende ist, nicht etwa, wenn er müde wird.
Das ist oft sehr viel später, als er ohne Fernsehen ins Bett
gegangen wäre. Morgens reißt ihn der Wecker aus dem Schlaf. Und
jetzt kommt das Fatale: Je mehr dieser Mensch arbeiten muss oder je
mehr er in der Schule leisten muss, desto früher stellt er sich den
Wecker. Wir sind also bereit, Schlaf zu opfern, aber nicht bereit,
nachmittags oder abends Freizeit zu opfern. Das führt dazu, dass wir
im Durchschnitt immer weniger schlafen. Schlafforscher sagen: Jeder,
der zum Aufwachen einen Wecker braucht, schläft zu wenig. Bei allen
Personengruppen, die beruflich sehr eingespannt sind, finden sie
chronisch unausgeschlafene Menschen.
Das geht an uns nicht spurlos vorbei, denn Schlaf wird gebraucht für
das geistige Wohlbefinden und die geistige Leistungsfähigkeit, aber
auch für die Gesundheit und die körperliche Leistungsfähigkeit.
David Dinges aus den USA hat festgestellt, dass Menschen, die zwei
Wochen lang jede Nacht zu wenig schlafen, schon nach drei Tagen
nicht mehr das Gefühl haben, müde zu sein oder müder zu werden. Sie
sagen nach drei Tagen sogar: „Mensch, ist doch prima, ich schlafe
jetzt immer so wenig“ – nur sechs Stunden oder in einem anderen
Experiment sogar nur vier Stunden pro Nacht. Gleichzeitig, und das
konnten die Forscher messen, haben die Menschen aber tagsüber
schlechtere Leistungen gezeigt, in Reaktionstests, in
Kreativitätstests, in – überspitzt gesagt – Intelligenztests. Das
heißt, wir werden durch zu wenig Schlaf immer dümmer. Fatalerweise
merken wir noch nicht einmal etwas davon.
Da fallen mir natürlich gleich viele Politiker, viele Manager, auch
Talkshow-Moderatoren ein, die sagen, wir sind so wichtig, wir werden
so sehr gebraucht, wir müssen so viel arbeiten und kommen nicht zu
mehr als vier Stunden Schlaf pro Nacht, aber das reicht uns auch.
Man könnte das fast schon eine Modeerscheinung nennen. Vor dem
Hintergrund der Studien von David Dinges kann man sich wirklich
fragen: Wo wäre unsere Politik, wo wäre das Management unserer
Top-Firmen oder vielleicht auch manche Fernseh-Talkshow, wenn ihre
Leistungsträger – Politiker, Manager, Moderatoren – einfach mal auf
ausreichenden Schlaf achten würden?
Warum müssen wir überhaupt schlafen? Das ist wahrscheinlich die
größte offene Frage der Biologie. Das sagt Allan Rechtschaffen aus
Chicago, einer der großen Schlafforscher. Ich möchte sogar
behaupten, das ist eine der ganz großen offenen Fragen der
Wissenschaft überhaupt. Wir verbringen ein Drittel unseres Lebens im
Schlaf, wissen aber gar nicht, warum. Warum hat die Evolution Schlaf
erfunden? Wir wissen nur, dass Schlaf für unseren Körper und unseren
Geist gut ist. Aber warum wir im Schlaf unser Bewusstsein
abschalten, das wissen wir nicht.
Die Griechen dachten noch, der Schlaf ist erfunden worden, um
„dickes Blut“ und „üble Gase“ zu bekämpfen, denn sie glaubten, dass
das Blut des Menschen im Wachzustand immer dicker werden würde und
üble Gase darin auftauchen würden, die ihn vergiften. Und im Schlaf
werden diese Gase abgebaut und das Blut wieder verdünnt. Zumindest
was die üblen Gase betrifft, haben die Griechen recht gehabt. Es
gibt, wie man inzwischen weiß, bis zu 20 Schlafsubstanzen, die sich
als Stoffwechselabfallprodukte im Körper anreichern und uns müde
machen. Im Schlaf werden sie abgebaut. Zum Beispiel das sehr
bekannte Adenosin. Es dockt an einer bestimmten Stelle im Gehirn an
und macht uns müde. Und der Stoff, der diese Andockstellen blockiert
und uns deshalb wach hält, den kennen Sie alle, das ist Koffein, der
Wachmacher-Wirkstoff im Kaffee.
In dieser Hinsicht haben die Griechen nicht ganz falsch gelegen,
aber man weiß inzwischen, all diese Substanzen werden auch im
Wachzustand abgebaut. Das kann also nicht der Grund sein, weshalb
die Evolution den Schlaf erfunden hat.
Eine ganz moderne These sagt, schlafen ist einfach nur eine
Energie-Sparmaßnahme, ein Kampf gegen Langeweile. Lebewesen müssen
zwischendurch ruhen, und da das fürchterlich langweilig ist,
schlafen sie einfach. Das ist eine spannende These, die für manche
Säugetiere auch zutreffen mag. Andererseits passieren im Schlaf
viele aufregende und wichtige Dinge, wir verbrauchen gar nicht viel
weniger Energie im Schlaf als im Wachzustand, und vor allem weiß man
inzwischen, nicht nur Säugetiere schlafen. Alle Tiere, die man
untersuchen konnte, auch Krebse, Fliegen, Würmer schlafen – und für
die kann das Energiesparen gar nicht so wichtig sein.
Aber was all diese Tiere gemeinsam haben: Sie haben ein Nervensystem
und sie haben ein Gehirn. Und hier kommen wir zu der neuesten Idee,
warum wir schlafen müssen: damit unser Gehirn arbeiten kann und
funktionsfähig bleibt. Ich denke, in
ein paar Jahrzehnten wird man klar belegen können, der Schlaf ist in
die Welt gekommen, weil Gehirne in die Welt gekommen sind, weil
Nervensysteme zwei Modi brauchen: einen Modus, bei dem sie
Informationen aufnehmen, bei dem sie alle Sinne anschalten und alle
Eindrücke aufsaugen, und einen anderen Modus, bei dem sie sich
abschalten und sich mit sich selbst beschäftigen und die vielen
Informationen aus der Wachzeit verarbeiten, konsolidieren können.
Damit habe ich schon ganz weit vorgegriffen. Denn unter diesem
Aspekt muss man sich auch anschauen, was wir anrichten, wenn wir
jede Nacht zu wenig schlafen: Wir sorgen dafür, dass unser Gehirn
nicht mehr richtig arbeitet.
Das sind im Grunde die Erkenntnisse aus 80 Jahren moderner
Schlafforschung. Im Jahr 1925 hat Hans Berger, ein Psychiater aus
Jena, das EEG erfunden, das Elektroenzephalogramm. Er hat damit eine
Methode gefunden, Aktivitäten des Gehirns beobachten zu können, mit
Elektroden auf der Kopfhaut die Strompotenziale von Milliarden
darunter liegenden Nervenzellen gleichzeitig belauschen können. 1929
hat Berger das erste EEG eines schlafenden Menschen erstellt. Die
Überraschung war damals riesengroß, er hat nämlich festgestellt,
dass das Gehirn im Schlaf ja gar nicht abgeschaltet ist. Das Gehirn
ist hochaktiv im Schlaf, denn die Nervenzellen zeigen ganz spannende
elektrische Muster, andere Muster als im Wachzustand, aber eben hohe
Aktivität anzeigende Muster. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte man
eigentlich gedacht, der Schlaf sei ein kleiner Tod. Die Griechen
waren noch der Ansicht, Hypnos, der Gott des Schlafs, ist der
Zwillingsbruder von Thanatos, dem Gott des Todes. Die Mutter war
übrigens Nyx, die Göttin der Nacht. Damit lagen die Griechen
vollkommen falsch. Denn der Schlaf gehört genauso zum Leben wie das
Wachsein. Diese beiden zusammen sind unser Leben. Und der Tod ist
das Gegenteil davon.
Während wir schlafen, passieren also viele spannende Sachen: Das
Immunsystem arbeitet auf Hochtouren, Krankheiten werden bekämpft,
Organe regenerieren sich, das heißt nicht nur, dass sie sich
erholen, sondern sie erneuern sich auch. Alte Zellen sterben ab,
neue Zellen bilden sich. Kinder wachsen im Schlaf, im Schlaf wird
nämlich Wachstumshormon ausgeschüttet – und zwar das, mit dem
Sportler sich so gerne dopen. Die machen das natürlich nicht ohne
Grund, denn dieses Wachstumshormon sorgt dafür, dass der Körper
praktisch aktives Anti Ageing betreibt. Vielleicht sollten diese
Sportler einfach mal mehr für einen tiefen, guten, erholsamen Schlaf
tun. Das wäre legales Doping.
Ein EEG zeigt auch, je tiefer wir schlafen, desto mehr scheinen sich
Nervenzellen elektrisch aneinander zu koppeln und in einer
gemeinsamen Erregung zu schwingen. Das sind die sogenannten
Deltawellen. Alle Nerven schwingen ein bis zwei Mal pro Sekunde
synchron auf und nieder, wie ein geheimes Orchester. In den letzten
Jahrzehnten wurde eine Reihe von Experimenten durchgeführt, die
zeigen, was in dieser Phase eigentlich passiert, und vieles spricht
dafür, dass in großem Maßstab Nervenverbindungen abgebaut werden.
Man muss sich das so vorstellen: Es gibt hunderte Milliarden von
Nervenzellen und unbegreifbar viele Verbindungen zwischen den
Nervenzellen. Manche der Verbindungen sind wichtig, andere sind
unwichtig und die werden im Schlaf abgebaut. Übrig bleiben nur die
wirklich wichtigen, so dass wir uns an bedeutsame
Ereignisse besonders gut erinnern. Außerdem scheint es so zu sein,
dass wir Erlebnisse, die uns emotional berührt haben, die mit
Gefühlen wie Angst, Freude, Leid verbunden waren, im Schlaf noch
einmal durchspielen – in anderen Zusammenhängen zwar, aber die
entsprechenden Nervenverbindungen werden so verfestigt,
konsolidiert. Träume sind zum Beispiel ein Abfallprodukt davon. Wir
wissen heute, und auch dazu gibt es haufenweise Studien, dass wir
wichtige Dinge, die wir im Wachzustand gelernt haben, nach einem
Schlaf – das kann ein Mittagsschlaf sein, besser jedoch ein
Nachtschlaf – viel besser beherrschen, dass wir besser gelernt
haben, dass wir kreativer sind. Geistesblitze hängen zum Beispiel
mit der nächtlichen Arbeit des Gehirns zusammen.
Allan Hobson, auch ein sehr berühmter Traum- und Schlafforscher in
den USA, sagt: Schlaf kommt vom Hirn, er findet im Hirn statt und er
nutzt dem Hirn („sleep is of the brain, by the brain and for the
brain“). Das sollten wir uns wirklich immer vor Augen halten, wenn
wir meinen, wir gucken uns abends noch die nächste Fernsehsendung
an, egal wann morgens der Wecker klingelt.
Was die moderne Schlafforschung sehr früh herausgefunden hat – da
ist vor allem Nathaniel Kleitman zu nennen, der Pionier der
Schlafforschung, der das erste Schlaflabor gegründet hat – ist, dass
der Schlaf eine Art Architektur hat. Früher dachte man immer, man
schläft ein, dann gibt es einen monotonen Zustand und mehrere
Stunden später wacht man wieder auf. Falsch. Der Schlaf spielt sich
– das weiß heutzutage fast jeder – in 90-Minuten-Zyklen ab. Alle 70
bis 110 Minuten, das ist individuell verschieden, bei den meisten
Menschen sind es eben 90 Minuten, durchlaufen wir einen Zyklus von
Leichtschlaf, Tiefschlaf, dann wieder Leichtschlaf, da wachen wir
dann oft auf, schlafen aber so schnell wieder ein, dass wir uns
später nicht daran erinnern können, und darauf folgt noch der
REM-Schlaf, der auch als Traumschlaf bezeichnet wird, weil wir in
dieser Phase besonders intensiv träumen oder uns an unsere Träume
besonders gut erinnern können. REM kommt von rapid eye movement. Das
ist also der Schlaf, bei dem sich die Augen schnell hin und her
bewegen. Nach einem solchen 90-Minuten-Zyklus beginnt das gleiche
Spiel von vorne, bei einem gesunden Erwachsenen etwa fünf bis sechs
Mal pro Nacht, so dass eine Schlafzeit von etwa 7 ½ bis 9 Stunden
dabei herauskommt. Am Anfang sind die Tiefschlafphasen besonders
lang, gegen Ende der Nacht werden die Traumschlafphasen länger. Man
weiß inzwischen, beides ist wichtig für unsere Gesundheit und unser
geistiges Wohlbefinden. Im Tiefschlaf werden offensichtlich andere
Aufgaben erledigt als im Traumschlaf, andere Arten von Gedächtnis
werden verfestigt. All das ist inzwischen erforscht.
Wenn man sich das vor Augen hält, dann ist auch völlig klar, was
alles schief gehen kann, wenn wir chronisch zu wenig schlafen, wenn
wir eine Schlafstörung haben usw. Dann steigt das Risiko für eine
Reihe häufiger Krankheiten, sogenannter Volkskrankheiten, die in
letzter Zeit vermehrt auftreten. Einige Forscher sind der Ansicht,
das liegt daran, dass wir weniger schlafen. Zuerst ist Diabetes zu
nennen, außerdem Übergewicht, metabolisches Syndrom – all diese
Stoffwechselkrankheiten werden offensichtlich durch Schlafmangel
massiv begünstigt. Wir werden also immer dicker, wenn wir zu wenig
schlafen.
Und es sind psychische Krankheiten zu nennen, allen voran die
Depression. Dass Depression und Schlafstörung gemeinsam einher
gehen, ist bekannt. Inzwischen weiß man auch, Schlafstörungen können
Depressionen sogar auslösen. Wichtig ist auch zu nennen die
Insomnie, die chronische Schlafstörung, die chronische
Schlaflosigkeit. Denn wer wenig und schlecht schläft und seine
Schlafrhythmen ignoriert, der kann das Schlafen regelrecht
verlernen. Und es geht auch um das in unserer heutigen Zeit immer
wichtiger werdende Burnout-Syndrom und um ADHS bei Kindern. Diese
beiden Leiden werden klar durch Schlafmangel begünstigt. Selbst die
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und
Neurologie, also selbst Psychiater sagen inzwischen, dass für
eigentlich alle psychischen Krankheiten auch Schlafstörungen bekannt
sind und dass oft Schlafstörungen sogar die ersten Symptome einer
Erkrankung sind. In vielen Fällen sind vielleicht sogar die
Schlafstörungen Auslöser einer Krankheit.
Das ist ein echter Paradigmenwechsel. Das zeigt aber auch, dass,
wenn wir uns in unserer Gesellschaft darum kümmern, dass wir
insgesamt ausgeschlafener sind, wir im großen Maßstab
Gesundheitsprävention leisten und vielen Krankheiten vorbeugen. Ich
möchte jedoch keine Panik auslösen. Es gibt umgekehrt natürlich auch
Menschen, die eher zuviel schlafen. Gerade ältere Menschen halten
oft einen langen Mittagsschlaf, schlafen nachts lange und wundern
sich dann, warum sie nicht einschlafen können. Das ist keine
Schlafstörung, diese Menschen sind eher zu ausgeschlafen.
Es gibt auch Eltern, die ihre Kinder abends zu früh ins Bett
stecken, weil sie meinen, die Kinder müssten doch genug Schlaf
bekommen. Sie bewirken jedoch das Gegenteil, weil die Kinder noch
nicht müde sind, zu lange wach im Bett liegen und das Schlafen
womöglich verlernen. Man muss also den richtigen Mittelweg finden,
vor allem muss man seinen Schlaftyp kennen. Man muss wissen, wieviel
Schlaf brauche ich eigentlich, wann schlafe ich am besten. Auch dazu
gibt es inzwischen eine Reihe von Erkenntnissen.
Man weiß, es gibt Lang- und Kurzschläfer. Langschläfer sind nicht
etwa diejenigen, die morgens besonders lange schlafen, sondern sie
brauchen viel Schlaf. Die ganz große Mehrheit der Erwachsenen
benötigt etwa sieben bis neun Stunden Schlaf; alles zwischen fünf
und zehn Stunden gilt als normal, wobei die Fünf-Stunden-Schläfer
und Zehn-Stunden-Schläfer sehr selten sind. Menschen wie Politiker
oder Manager, die behaupten, sie kämen mit nur vier oder fünf
Stunden aus, sind daher nicht dazu zu rechnen. Wenn man sich nun
überlegt, dass der Durchschnittsdeutsche sieben Stunden und acht
Minuten schläft, dann weiß man, dass das zu wenig ist.
Die Richtschnur bei Grundschülern beträgt etwa zehn bis elf Stunden,
Zwölfjährige brauchen etwa 9 ½ Stunden. Forscher haben ermittelt,
dass nur acht Prozent der Jugendlichen soviel schlafen, wie ihnen
empfohlen ist. Das ist eindeutig eine zu geringe Quote. Wenn man
daran etwas ändern würde, auch das zeigen inzwischen Studien, würden
die Schulnoten sofort steigen, ohne dass man sonst etwas dafür tun
muss, und wir würden auch bei PISA besser abschneiden, davon bin ich
überzeugt.
Der Schlafrhythmus ist auch noch relevant, da geht es darum, wie
früh man ins Bett geht. Die Rede ist von Früh-, Später- und
Spätschläfern. Chrono-Biologen, die Erforscher der inneren Uhren,
haben herausgefunden, dass bei manchen Menschen die innere Uhr
tendenziell sehr langsam geht, bei anderen tendenziell sehr schnell.
Die einen nennen sie die (Nacht-)Eulen, die anderen die Lerchen. Die
extremen Eulen gehen nachts erst um zwei oder drei Uhr ins Bett und
schlafen bis zehn oder zwölf Uhr, extreme Lerchen stehen um vier Uhr
morgens schon wieder auf. Irgendwo dazwischen bewegt sich die große
Masse.
Till Roenneberg, Biologe aus München, hat gezeigt, dass der
Durchschnittsdeutsche, wenn er schlafen kann, wann er will, um 0.15
Uhr ins Bett geht und um 8.15 Uhr morgens aufsteht. Es ist völlig
klar, dass das nicht mit den Arbeitszeiten der meisten Menschen
korreliert. Wir müssen fast alle früher aufstehen. Daran müssen wir
etwas ändern.
Die meisten Menschen sind Eulen. Vor allem trifft das auf
Jugendliche zu. Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen
15 und 25 Jahren, auch das hat Till Roenneberg herausgefunden, sind
extreme Eulen. Das kennt jeder aus seiner eigenen Jugendzeit. Und
Lehrer wissen das sofort, wenn sie morgens um 8.00 Uhr in die Klasse
kommen und eine Mathe-Arbeit schreiben wollen. Für Kinder ist das
noch mitten in der Nacht. Deshalb fordern eigentlich alle
Chrono-Biologen und Schlafforscher inzwischen, dass die Schule
zumindest für ältere Jahrgänge später beginnt.
Man kann natürlich etwas tun, um die inneren Rhythmen zu verstellen.
Dabei spielt Licht eine wichtige Rolle. Denn das hellere Tageslicht
beeinflusst unsere innere Uhr. Wenn wir uns tagsüber Licht
aussetzen, ist das ein Nachstellungssignal für die innere Uhr.
Deshalb ist es extrem wichtig, dass wir uns viel öfter im Tageslicht
aufhalten. Auch das ist eine Maßnahme, wie man den Menschen zu mehr
Schlaf verhilft. Wenn man morgens viel ans Licht geht, beschleunigt
das die inneren Uhren, wenn man abends ans Licht geht, verlangsamt
das die inneren Uhren. Menschen mit einer Durchschlafstörung kann
man im Grund empfehlen, tagsüber viel ans Tageslicht zu gehen, keine
Sonnenbrille aufzusetzen, eine Lichtdusche zu nehmen, denn das
verstärkt den Ausschlag nach oben in Richtung Aktivität und nachts
den Ausschlag nach unten in Richtung Schlaf.
Das ist ein Problem bei der Sommerzeit, in der man abends eine
Stunde länger Licht bekommt und die inneren Uhren sich deshalb immer
wieder jeden Abend sieben Monate lang, von März bis Oktober,
verlangsamen. Wir werden abends nicht müde und sind morgens
unausgeschlafen. Deshalb sollte die Sommerzeit unbedingt abgeschafft
werden.
Wenn man all diese Sachen zusammen nimmt, wenn man sieht, wie
wichtig Schlaf für Körper und Geist ist, dann kann man daraus ein
Plädoyer ableiten: Ich möchte Sie alle auffordern, sich in Zukunft
schlau, glücklich, jung und gesund zu schlafen. Wer ausreichend
schläft, wird schlauer, er wird glücklicher, er wird jünger oder
besser gesagt, er altert weniger schnell, er ist insgesamt gesünder,
kann Infekte besser bekämpfen, Entzündungsreaktionen besser
eindämmen usw.
William Dement, ein Schüler Kleitmans und einer der berühmten
lebenden Schlafforscher sagt: 90 Prozent unserer Gesundheit sind vom
Schlaf abhängig. Thomas Tuschl, ein deutscher Biochemiker, hält
Pausen für unendlich wichtig für die Kreativität. Dabei meint er
nicht nur Pausen, in denen man schläft, sondern er meint, dass das
Leben rhythmisiert sein soll, dass die inneren Rhythmen uns sagen,
tagsüber alle 90 Minuten eine Pause zu machen, in der man einfach
die Gedanken schweifen lässt. Oliver Schmidtlein, der ehemalige
Fitness-Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft, meint:
Schlafen ist das wichtigste Thema bei der Regeneration. Also auch
unsere körperliche Leistungsfähigkeit hängt vom Schlaf ab. Ein
anderes Beispiel: Birgit Martin, die Frau eines Anästhesisten aus
Berlin, der die Arbeitszeiten an den deutschen Krankenhäusern nicht
mehr ausgehalten hat und nach England ausgewandert ist, wo die
Arbeitszeiten von Krankenhausärzten mit acht Stunden ganz normal
sind, sagt über ihren Mann: Die ersten drei Monate hat Mickey zehn
Stunden pro Nacht geschlafen, danach ging es ihm wieder viel besser.
Dieser Mann war ein Leistungsträger, er wurde im Grunde genommen
ausgebrannt in unserer Gesellschaft durch zu lange Arbeitszeiten und
zu wenig Schlaf.
Bernd Sprenger, ein bekannter deutscher Burnout-Experte, behandelt
solche Leute, die nicht rechtzeitig die Reißleine gezogen haben.
Bevor er mit den Patienten überhaupt etwas machen kann, muss er sie
erst in einen Zustand versetzen, in dem sie therapiefähig sind – vor
allem müssen sie schlafen. Er sagt: Zuerst lasse ich sie alle
schlafen, und dann fange ich an, mit ihnen zu arbeiten, um ihren
Burnout zu bekämpfen.
Dieter Riemann, Sonologe aus Freiburg, bezieht sich auf Kinder und
das ADHS, das ich vorher schon angesprochen hatte: Einige Kinder mit
ADHS sind vielleicht unerkannte Langschläfer, die nicht genug Zeit
zum Schlafen bekommen. Das muss man sich wirklich mal überlegen:
Erwachsene und Kinder, die besonders viel Schlaf brauchen, bekommen
ihn in unserer Gesellschaft nicht. Und diese Menschen werden,
vielleicht schon als Kinder, verhaltensauffällig. Dafür gibt es
inzwischen auch eine Reihe von Belegen. Ich möchte damit nicht
behaupten, ADHS sei immer durch Schlafmangel bedingt, aber es mag
einige Fälle geben, wo das so ist.
Und wenn man sich überlegt, wie der Schulalltag heute aussieht: Ein
Schultag in G8-Klassen dauert zum Beispiel bis 15.00 oder 16.00 Uhr,
danach müssen die Kinder zum Klavierunterricht oder in den
Sportverein und abends noch ihre Hausaufgaben erledigen. Kein
Wunder, dass sie zu spät ins Bett kommen. Und kein Wunder, das weiß
man inzwischen auch, dass eine Art Schlafmangelgedächtnis greift.
Denn wenn man über Tage und Wochen jede Nacht zu wenig schläft, und
sei es nur eine halbe Stunde, summiert sich das und das Gehirn
erinnert sich an den Schlafmangel. Das zu korrigieren, ist dann gar
nicht so leicht.
Was können wir tun? Ich habe sieben Thesen für eine neue
Schlafkultur entwickelt, die mit einem bisschen politischem Willen
und gar nicht viel Geld leicht umzusetzen sein müssten. Man muss es
nur wollen, und man würde, was das geistige Potential als auch die
Gesundheit betrifft, mit Sicherheit eine Menge erreichen. Davon bin
ich überzeugt.
Die erste These lautet: Schlaf und Entspannung verdienen in der
Gesundheitsvorsorge den gleichen Stellenwert wie gesunde Ernährung
und Bewegung. Der Ratschlag, sich gesund zu ernähren und sich
ausreichend zu bewegen, muss ergänzt werden durch den Satz: Schlafen
Sie genug, entspannen Sie sich häufig, gönnen Sie sich am Tag
Pausen. Der zweite Punkt: Wir müssen die Sommerzeit abschaffen. Das
Hauptproblem der Sommerzeit ist nicht die Zeitumstellung selbst,
sondern das Hauptproblem ist, dass es sieben Monate lang –
von Ende März bis Ende Oktober – jeden Abend eine Stunde länger hell
ist. Das führt dazu, dass unsere inneren Uhren sich verlangsamen und
die Mehrheit der Bevölkerung jede Nacht ein Stück zu wenig Schlaf
bekommt.
Der dritte Punkt: Wir müssen für flexiblere Arbeitszeiten sorgen,
damit wir unseren individuellen Schlafrhythmus und -bedarf anpassen
können. Viertens: Die Schule muss zumindest für die älteren
Jahrgänge später beginnen.G8-Schulen sollten ihre Lehrpläne
entschlacken oder zu G9 zurück kehren, damit auch Schüler wieder
ausgeschlafener und leistungsfähiger sind. Auch Chrono-Biologen
sagen, das würde die PISA-Noten heben.
Fünftens: Wir sollten das Nickerchen am Arbeitsplatz fördern und dem
Beispiel von Japan, USA und zum Teil auch Großbritannien folgen.
Menschen, die am Arbeitsplatz für zehn Minuten ein Päuschen
einlegen, vielleicht ein Schläfchen halten, sollten wir für
besonders fleißig halten, nicht für faul. Diese Menschen tun etwas
im Dienste ihres Unternehmens. Ruheräume sollten eingerichtet
werden, in denen Mitarbeiter ein Nickerchen halten können.
Sechstens. Insgesamt brauchen wir mehr Rhythmus. Sowohl in der
Arbeit als auch im Unterricht brauchen wir Pausen, in denen wir uns
bewegen, in denen wir uns entspannen, ein Nickerchen machen; und –
ganz wichtig – wir sollten abends versuchen früher ins Bett zu
gehen, den Fernseher mal auslassen, lieber das Radio anschalten oder
ein gutes Buch lesen. Da merkt man nämlich, wenn man müde wird, und
dann macht rechtzeitig das Licht aus. Fernsehen dagegen erregt und
hält wach.
Siebtens: Akzeptieren wir den enormen Einfluss, den das Tageslicht
auf unsere inneren Rhythmen hat. Wir wissen, dass helles Licht
unsere innere Uhr immer wieder nachjustiert und vor allem der
Blaulicht-Anteil wichtig dabei ist. Das heißt aber auch, dass wir
aus unseren Nachtbeleuchtungen das Blaulicht heraus dimmen sollten,
dass wir in unsere Tagbeleuchtung, wenn wir nicht das natürliche
Tageslicht nutzen können, wenigstens einen hohen Blaulichtanteil
hereinholen. Das würde dazu führen, dass wir nachts besser und
länger schlafen und tagsüber besonders aktiv sein können.
Ich bin überzeugt, wenn wir diese sieben Punkte berücksichtigen
würden, hätten wir tatsächlich eine andere Schlafkultur, wir wären
eine ausgeschlafenere Gesellschaft. Schließen möchte ich mit einem
Satz aus meinem Schlafbuch: Niemand verlangt, dass wir leben, um zu
schlafen, aber wir sollten uns die Zeit nehmen, ausreichend zu
schlafen, um besser zu leben. Vielen Dank.
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