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SWR2 Aula
Prof.
Manfred Spitzer:„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“
Die Hirnforschung
und die Frage, was uns zum Handeln antreibt.
Redaktion: Ralf Caspary
Sendung:
Sonntag, 13. Juni 2004, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte
beachten Sie: Das
Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch
bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der
ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Ein Stein
rollt das Bachbett entlang, vom Wasser angestoßen. Er hat keine
Möglichkeit, sich zu entscheiden, nicht zu rollen oder irgendetwas anderes
zu machen. Er rollt einfach. Eine Zecke lässt sich fallen, wenn sie Wärme
und Buttersäure spürt. Sie kann sich auch nicht groß entscheiden, denn
Wärme und Buttersäure zeigen an, hier ist ein Säugetier. Und das bietet
Nahrung für die Zecke.
Ein Fisch
wiederum, der im Bach schwimmt, sieht ganz lustig aus und schwimmt mal da
hin und mal da hin. Es sieht aus, als würde er gerade machen, was er
wollte, aber die Neuronen in seinem Gehirn feuern doch relativ klar und
deutlich und sagen jetzt gerade, wo es hin geht, so dass der
Neurowissenschaftler keine Zweifel hat, dass es sich hier irgendwie kausal
verhält.
Auch beim
Affen ist das so und beim Menschen natürlich auch. Keine Frage, wir
Menschen fühlen, dass wir frei sind, aber es scheint so, dass wir es gar
nicht sind. Denn es gibt irgendwie, so scheint es zumindest, einen
lückenlosen Kausalzusammenhang in der Welt und zwischen „einfachen“
Gehirnen und „komplizierten“ Gehirnen. Die Gehirnforschung, die uns immer
besser zeigt, wie Gehirne funktionieren, die also die Mechanismen, wie das
geht, wie wir auch beim Handeln im Gehirn irgendwelche Steuerungsprozesse
produzieren, diese Gehirnforschung zeigt doch eigentlich, dass wir, je
besser sie voran schreitet, immer weniger frei sind.
Umgekehrt
scheint es so zu sein, wenn wir noch mal den Stein, die Zecke, den Fisch,
den Menschen betrachten, dass es hier eine Entwicklung gibt. Und zwar eine
Entwicklung zu immer mehr Komplexität, dann eine Gehirnentwicklung und zu
immer mehr Freiheit. Wir sagen, ja klar, der Stein ist halt leblos und
irgendwie hängt das Ganze am Leben. Da muss man sich fragen, ob das
stimmt. Wir können ja sagen, ein ganz komplizierter Silizium-Chip, der
besteht aus nicht viel anderen Dingen als aus dem Stein, lebt auch nicht,
aber vielleicht ist er ja auch zu sehr viel Komplexität fähig. Insofern
ist die Frage, ob man da einfach nur auf den Kohlenstoff des Lebens
verweist und damit sich nicht den berühmten Kohlenstoff-Chauvinismus
„hinter die Ohren schreibt“, der besagt, dass nur Kohlenstoff so etwas
hervor bringen kann wie menschliche Gedanken, wie Freiheit oder wie
Selbstbestimmung.
Ich möchte
im Folgenden versuchen zu argumentieren, dass diese beiden Sichtweisen,
also vom Stein zum Menschen einerseits immer mehr Freiheit, und
andererseits – und das scheint sehr klar zu sein – immer weniger. Denn es
ist so, dass wir es immer besser wissen, und deswegen die Hirnforschung
immer mehr zeigt, dass immer weniger Freiheit da ist, dass dieses Problem
einerseits wichtig ist zu behandeln, aber andererseits auch viele
Scheinlösungen hervor gebracht hat, die insgesamt plausibel sind, aber
nicht weiter führen.
Man könnte
sagen, hier ist doch eigentlich gar kein Problem, denn was ich eben gerade
gesagt habe, spricht eigentlich nur dafür, dass wir natürlich unfrei sind.
Gehirne funktionieren kausal – wer wollte das bezweifeln? – und da kommt
natürlich raus, dass Gehirne nur unfrei sein können. Wie soll das anders
gehen?
Mit einer
solchen scheinbaren Lösung des Problems, das muss man auch ganz klar mal
sagen, können wir praktisch ganz wenig anfangen. Denn wie sollte eine
Gesellschaft funktionieren, wie sollte ein Zusammenleben funktionieren,
wenn es so etwas wie Freiheit, und daran hängt ja ganz viel, nämlich eben
auch Verantwortlichkeit, Einstehen für seine Handlungen usw., wenn es das
nicht geben kann oder wenn es das gar nicht geben darf oder wenn wir es
naturwissenschaftlich einfach abschaffen. Es gab deswegen auch immer schon
Bemühungen zu sagen, nein, wir sind vielleicht doch frei, auch wenn man es
ganz naturwissenschaftlich sieht, aber diese Freiheit, die machen wir
irgendwo an etwas fest, was wir einfach nicht mehr unter Kontrolle haben.
Dazu gab es dann im letzten Jahrhundert aus der Physik heraus Bemühungen,
die übrigens heute noch ganz heftig diskutiert werden, nämlich dass man
sagt, es gibt doch Vorgänge, die sind prinzipiell kausal nicht mehr
bestimmt, also aus der Mikrophysik solche Quantenzusammenhänge. Und kurz
nachdem die Quantenphysik versucht hat klar zu machen, dass es über die
Kausalität hinaus Dinge gibt, die wir eben nicht mehr kausal im Griff
haben, sehr bald schon wurde überlegt, dass das vielleicht die Wurzel von
freien Lebewesen einschließlich unseres Selbst sein könnte.
Diese
Hypothese hat kein anderer als der Physiker Jordan aufgestellt, aber es
gab dann auch bald schon Überlegungen, dass das Ganze eigentlich nicht
viel weiter führt. Das Netteste, was man dazu finden kann, ist ein kleines
Gedicht, das möchte ich mal vorlesen, das entnehme ich einem Buch des
Freiburger Biologen Hassenstein, der sozusagen das Argument, aber auch
gleichzeitig dann die Tatsache, dass es vielleicht doch nicht so ganz
ernst zu nehmen ist, sehr deutlich vor Augen führt:
„Ein
Wirkungsquant fliegt durch das Dorf,
er sucht
das Hirn des Herrn von Korf.
Es findet
dort in dem Gewühl
ein ganz
bestimmtes Molekül.
Von Korf
ist grad in schwerer Not:
„Ess’
Wurst ich oder Käsebrot?“
Das Quant,
das wirf sich in die Brust:
„Du
glaubst du willst, allein, du musst.
Nie kannst
die Freiheit du erringen,
doch ich
bin frei und kann dich zwingen.“
Elektron 9
sprach: „Spring mich doch“,
das Quant:
„Ich überleg’s mir noch.“
Dann hat
durch es Elektron 8
‚nen
akausalen Sprung gemacht.
Von Korf
nahm daraufhin spontan
die Wurst
und fing zu essen an.
Und nahm
die Sache ganz im Stillen
dann als
Beweis für freien Willen.
Dem Quant
hat das den Rest gegeben,
freiwillig
schied es aus dem Leben.“
Nun, liegt
es also wirklich an Quanten, die in unserem Gehirn herum spuken und uns
mal festlegen, ob wir dies und jenes machen, völlig akausal und damit auch
unvorherbestimmbar. Wenn es so wäre, hätten wir vielleicht
Unvorhersehbarkeit gewonnen, aber ganz sicher keine Freiheit, die wir im
Zusammenleben brauchen. Denn wir hätten ja genauso wenig
Verantwortlichkeit mit einer solchen Unvorherbestimmtheit, wie wir sie mit
einer völlig unfreien Gehirnmaschinerie haben. Wer kann denn schon
verurteilt werden für eine Straftat, weil ein Wirkungsquant in seinem Kopf
so oder so herumgeflogen ist.
Schon Max
Planck hat gegenüber seinem Kollegen Jordan gesagt, dass diese Art der
Argumentation nicht weiter führt. Es gibt mittlerweile empirische
Untersuchungen, die zeigen, dass Gehirne nicht als Quantenverstärker
operieren können, die das ganze Argument also empirisch ausgehebelt haben.
Man kann aber auch sagen, dass schon Kant im Grunde genommen hier weiter
war, der gesagt hat, natürlich ist die Natur ein bestimmter Zusammenhang,
der naturwissenschaftlich exploriert wird, aber es gibt eben auch noch
eine andere Perspektive auf die Dinge, nämlich meine eigene. Also für mich
sind die Dinge noch mal ganz anders als für Jemanden, der sozusagen von
außen auf mich drauf schaut. Für mich ist der Himmel blau. Wer auch immer
in meinem Kopf herum stochert, mit welchen Methoden auch immer, er wird
nichts Blaues finden. Und so wie ich für mich mich auch immer jetzt und
hier entscheiden kann, so kann es durchaus sein, dass jemand, der in
meinem Kopf herum stochert, nie diese Freiheit findet. Dennoch für mich
bin ich immer frei, genauso wie für mich der Himmel immer blau ist. Und
das Ganze ist völlig, wie der Philosoph gerne sagt, „unhintergehbar“, weil
noch einmal: was soll denn der Himmel sonst sein, wenn wir nicht mehr
sinnvoll sagen sollen, der Himmel ist blau. Dieses Argument wurde dann
weiter ausgeführt von Karl Popper, von Donald McKay und ist mittlerweile
auch logisch sehr klar eingeholt. Man kann nämlich zeigen, ich möchte das
jetzt nicht im Einzelnen vormachen, weil das Argument dann einfach längere
Zeit dauert, aber man kann zeigen, dass man ohne jeden logischen
Widerspruch, wenn jemand sagt, du musst jetzt das und das machen, weil
dein Gehirn so und so aussieht, kann ich immer noch sagen, nein, ich tue
das nicht. Damit sieht nämlich mein Gehirn anders aus und damit befinde
zumindest ich selber mich nicht im Widerspruch, wenn ich dieser
Beschreibung meines Gehirns, die beinhaltet, dass ich das und das tue,
widerspreche. Denn dann stimmt sie ja auch nicht gerade dann, wenn ich ihr
widerspreche.
Ist das
nun alles? Läuft das auf dieses einfache „aha, hier gibt es zwei
Perspektiven – innen und außen“ und von außen ist natürlich alles
naturwissenschaftlich kausal erklärbar und von innen kommt dann noch eine
Perspektive hinzu und die bereichert unser Leben sowieso dauernd. Und aus
dieser Sicht mindestens bin ich frei.
Nun, ich
glaube, dass es durchaus noch mehr gibt und auch noch mehr zu sagen gibt.
Betrachten wir das Handeln daher mal genauer, denn handeln, das heißt eben
nicht, logisch schließen. Da ist ja klar, was passiert. Das heißt auch
nicht kausal Ursache/Wirkung. Da ist ja auch klar, was passiert. Handeln
ist ja sozusagen komplizierter. Es wird jetzt entschieden. Damit wurde
auch nicht vor fünf Minuten entschieden und nicht in fünf Minuten, sondern
eben jetzt. Das heißt, handeln hat einen Zeitpunkt und handeln heißt auch
immer, dass ich eben nicht gerade alles weiß, sondern dass ich abwägen
muss und hier ist ein Brennpunkt, und da passiert was und etwas Neues
fängt an.
Wie geht
das? Wie macht unser Gehirn Handlungen? Dass es Handlungen vollbringt,
ist, glaube ich, unbestritten, aber wie macht unser Gehirn Handlungen?
Nun, zum Handeln gehört auch, dass man bewertet. Also dass man sagt, das
ist besser, das ist schlechter, eine Abwägung macht und dann sagt, okay,
machen wir das.
Wie kommen
die Werte in unser Gehirn? Nun, sie kommen nicht in unser Gehirn dadurch,
dass es Werteerziehung gibt oder mir jemand Werte predigt. Werte kommen in
unser Gehirn so wie alles andere in unser Gehirn hinein kommt, nämlich
dadurch dass wir Beispiele verarbeiten, einzelne Erlebnisse haben, um
unser Gehirn aus den einzelnen Erlebnissen das hinter ihnen Steckende,
Allgemeine heraus dröselt. Ich habe ein Buch geschrieben darüber, wie das
funktioniert. Und ich glaube, man kann heute sehr klar sagen, dass unser
Gehirn tatsächlich zum großen Teil dafür da ist, aus den Regeln, die um
uns herum sind und die uns bestimmen, diese Regeln, die immer nur in Form
von Beispielen an uns „heran prasseln“, selber wiederum heraus zu dröseln,
und diese Regeln sich dann auch wieder abzubilden, denn die Zufälle von
gestern nützen mir nichts. Was mir aber morgen nützt zum effizienteren
Mich-in-der-Welt-bewegen ist die Kenntnis dessen, was die Welt gestern und
vorgestern umgetrieben hat. Also was die Welt regelhaft bestimmt.
Wir haben
zwar kleine Gehirnteile, die für Einzelheiten zuständig sind, denn wir
müssen uns auch Namen und Orte merken, und es gibt keine allgemeinen Namen
und keinen allgemeinen Ort. Das sind Einzelheiten. Aber für diese
Einzelheiten haben wir tatsächlich ein spezielles „Oberstübchen“.
Allgemein gilt, dass unser Gehirn auf Allgemeines aus ist und nicht auf
Einzelheiten, denn die Einzelheiten von gestern nutzen mir, wie gesagt,
morgen wenig oder gar nichts. Die allgemeinen Dinge von gestern, was ich
aus der Welt heraus genommen habe und vorgestern auch noch galt und morgen
immer noch gilt, das nützt mir was.
Wir
wissen, wie das im Prinzip funktioniert, wie also die allgemeinen Regeln
sich in unserem Gehirn abbilden. Die Gehirnrinde ist plastisch, es werden
Verknüpfungen zwischen Neuronen geändert, neu geknüpft, umgeknüpft. Wir
wissen, dass unser Gehirn auf diese Weise Dinge in der Welt in sich
aufnehmen kann, man spricht von „Repräsentationen“. Und was wir auch schon
erahnen können ist, dass wir nicht nur Repräsentationen unserer Außenwelt
in uns drin haben (der Tisch, an dem ich sitze, ist in meinem Kopf auch
repräsentiert, d. h. da gibt es Neuronen, die feuern immer dann, wenn ich
den Tisch sehe). Es gibt aber auch Neuronen, die immer dann feuern, wenn
ich etwas sehe, was gut ist, was also einen positiven Wert für mich
repräsentiert. Und es gibt Repräsentationen, d. h. Neuronen, die aufgrund
ihrer Verbindungen immer dann feuern, wenn irgend etwas um mich herum
passiert, was für mich schlecht ist. D. h. es gibt Werte, die aufgrund
vieler Bewertungen, die ich früher schon vorgenommen habe, in mir
abgespeichert sind, in meiner Gehirnrinde, wahrscheinlich in der
Gehirnrinde, die über den Augen sitzt. Augenhöhle heißt „Orbita“ und die
weit vorne sitzt „Frontal“; man spricht vom „Orbito-frontalen Cortex“,
also von einem Stückchen Gehirn, das so vorne und über den Augen sitzt,
und da sind wahrscheinlich Werte deswegen abgespeichert, weil wir immer
wieder Bewertungen vorgenommen haben und diese Bewertungen abgelegt wurden
oder genauer gesagt Spuren hinterlassen haben im Gehirn. Denn man kann
auch zeigen, dass unser Gehirn Spuren dessen abbildet, was es die ganze
Zeit macht, womit es sich die ganze Zeit beschäftigt.
Diese
Maschinerie, soweit wir sie verstanden haben, wird immer besser
aufgeklärt, und man kann immer besser verstehen, wie Handeln und
Entscheiden funktioniert. Handeln und entscheiden macht jeder, der sich
überlegt, esse ich jetzt Vanilleeis oder Erdbeereis. Das macht jeder, der
ein Auto kauft. D. h. handeln und entscheiden findet dauernd in der
Wirtschaft statt. Da haben die Dinge einen Nutzen, und was uns Nutzen hat,
das tun wir eher und was uns weniger nützt, tun wir weniger. Handeln und
entscheiden finden einerseits in der Wirtschaft statt, werden im Gehirn
verursacht, so dass es jetzt – das scheint ein neuer Gedanke, ist aber
keiner – einer Verbindung bedarf, die das Gehirn als Handeln und
Entscheiden zusammen bringt.
Eines der
interessantesten neuen Wissenschaftsgebiete, das gerade am Entstehen ist,
ist das der – und ich glaube, das kann man mit Fug und Recht ganz wichtig
nennen - „Neuroökonomie“. Hier geht es also darum, was Gehirne machen, und
es geht darum, was in der Wirtschaft geschieht, und das Interessante an
der Neuroökonomie ist, dass einerseits man Neuronen versteht, also was die
machen, wenn man mit einem Begriff aus der Wirtschaft heran kommt an sie
und sie versucht zu begreifen, und dass umgekehrt man nur Entscheidungen
versteht, die in der Wirtschaft gefällt werden, wenn man das Gehirn
betrachtet und dem Gehirn beim Entscheiden zuschaut.
Lassen Sie
mich zwei Beispiele nennen, damit klarer wird, worum es geht, und eben
auch klarer wird, dass mit dem Begriff Neuroökonomie wirklich beides
gemeint ist, nämlich dass man das Gehirn besser versteht, salopp
gesprochen, wenn man was von Wirtschaft weiß, und umgekehrt die Wirtschaft
besser versteht, wenn man was vom Gehirn weiß. Es geht wirklich in beide
Richtungen:
Neuronen,
habe ich gesagt, repräsentieren etwas. Wenn ich mich bewege, dann
repräsentiert ein Neuron die Bewegung. Wenn ich etwas sehe, dann
repräsentiert ein Neuron das Gesehene. Nun gibt es aber nicht nur die
Wahrnehmung von etwas und dann den Output, der zu einer Bewegung führt,
sondern es gibt eben auch das dazwischen, nämlich: wenn ich jetzt fünf
Dinge sehe, auf was soll ich mich zubewegen? Dies, jenes oder das?, so
dass es zwischen der Wahrnehmung einerseits und dem etwas tun andererseits
auch Nervenzellen gibt, von denen man lange nicht genau wusste, was die
machen. Wenn man sich das genau anschaut, und dann auch von den
Nervenzellen, die z. B. im Parietalhirn sitzen, also einem Gehirn, was
etwa da ist, wo unser Scheitel ist, wenn man fragt, was machen diese
Neuronen, hat man lange Zeit gemerkt, die stehen nicht für das
Wahrgenommene. Die haben mit dem Wahrgenommenen wenig zu tun. Die stehen
aber auch nicht dafür, was wir gerade tun, sondern irgendwie dazwischen.
Man wollte wissen, ja was machen die denn genau? Es hat eine ganze Weile
gedauert, bis man drauf kam, aber es gibt mittlerweile schöne
Untersuchungen, die zeigen, diese Nervenzellen stehen für den Nutzen von
etwas, also nicht für das Ding selber. Denn das Ding bringt uns mal was,
mal nicht. Und deswegen feuern diese Zellen auch mal und mal nicht. Diese
Zellen stehen auch nicht dafür, dass ich den rechten Arm nach vorne tue
und irgendetwas mache, sondern diese Zellen stehen für ein ganz abstraktes
Konzept aus dem Begriff der Ökonomie: nämlich es geht um die Bewertung und
die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses, also was ist ein Produkt wert,
ganz grob gesprochen. Und genau das wird von dem Neuron kodiert, wie man
durch ganz geschicktes Experimentieren herausfinden konnte. Also nochmal:
ein Begriff aus der Wirtschaft hilft verstehen, was ein Neuron macht.
Es gibt
auch genau das Umgekehrte. Wenn Sie z. B. folgendes Spiel machen: Sie
nehmen zwei Leute und sagen, ‚ich gebe euch zehn Euro. Der eine sagt, wie
er es verteilt, und wenn der andere mit der Verteilung einverstanden ist,
dann kriegt ihr diese zehn Euro genauso wie wir das hier aufgeteilt
haben’. Dann müssten Sie erwarten, dass das meistens so abläuft: Der Erste
sagt, ‚okay, 9,99 Euro für mich, 1 Cent für dich’, und der Zweite sagt,
‚okay ich nehme diese Aufteilung, ich kriege zwar nur 1 Cent, aber 1 Cent
ist besser als gar nichts’. So geschieht es aber nicht. Kölner
Wirtschaftswissenschaftler haben 1982 dieses Spiel in der Mensa immer mit
zwei Studenten wirklich gespielt, noch mit DM natürlich. Was kam raus? Die
meisten sagten: ‚halbe-halbe’, sagt Spieler 1, und der Zweite sagt, ‚okay
bin ich mit einverstanden’. Und jeder geht mit fünf Euro nach Hause.
Interessanterweise gibt es natürlich auch manche, die sind egoistischer,
die sagen ‚9 Euro für mich und 1 Euro für dich’. Und wenn er das so macht,
hat er ein hohes Risiko, dass Spieler 2 sagt, ‚nein, das mache ich nicht.
Das finde ich unfair. Das lehne ich ganz ab’. Und obwohl Nummer 2 damit
auf den Euro verzichtet, denn wenn er das ablehnt, kriegt keiner Geld,
findet man trotzdem, dass es tatsächlich so passiert. Nun kann man sich
fragen, warum macht Spieler 2 so etwas? Denn an sich ist es ein ganz
irrationales Verhalten, auf einen Euro, den man geschenkt bekommt, zu
verzichten.
Um heraus
zu kriegen, was da passiert, haben Wissenschaftler von der Princeton
University Spieler 2 in den Scanner gelegt, also in ein Gerät, was
Gehirnaktivierung anzeigt. Dann haben andere Spieler Offerten gemacht und
Spieler 2 hat sich überlegt, nimmt er die Offerte an oder nicht. Wenn nun
eine faire Offerte kommt, dann ist das für Spieler 2 kein Problem. Er
akzeptiert die und hat ein bisschen Geld verdient. Wenn jetzt eine unfaire
Offerte kommt, dann einerseits möchte er das Geld einstecken, denn er
liegt nun im Scanner und wenn er sagt ‚nehme ich an’, dann läuft er
nachher mit umso mehr Geld aus dem Labor heraus. Andererseits ärgert ihn
aber auch die Unfairness und deswegen sagt er eben auch oft ‚nein’.
Nun konnte
man herausfinden, was die Wirtschaftler überhaupt nicht verstehen, nämlich
warum das so ist. Es gibt mehrere Bereiche in unserem Gehirn, die bei
unfairen Angeboten anspringen. Drei sind besonders wichtig. Zwei davon
sind für negative Erlebnisse körperlicher Art zuständig, nach dem Motto:
wenn Sie ein unfaires Angebot bekommen, so hat die Neurowissenschaft
gezeigt, dreht sich Ihnen halb der Magen um oder fährt Ihnen ein Krampf in
den Magen. Sie ärgern sich. Dieser magen-körper-betonte Ärger, den Sie in
Ihrem Gehirn produzieren und der im Gehirn erlebt und auch gemacht wird,
dieser Magengrubenkrampf, der kommt bei unfairen Angeboten. Wenn Ihr
rationaler Verstand, und da hat man auch ein Gehirnareal, der
dorsolaterale prefrontale Cortex, der identifiziert also ‚Mensch, ich will
hier Geld verdienen’. Wenn der aktiver ist als das körperliche Areal (die
rechte Insel war das, für Fachleute), wenn also das Verstandesareal
aktiver ist als der Magengrubenschmerzareal, dann akzeptiert der im
Scanner liegende Proband eben auch das unfaire Angebot. Umgekehrt: wenn
die Magengrube stärker ist als der Verstand, dann lehnt er das Angebot ab.
Die Tatsache, dass ein unfaires Angebot uns praktisch in die Magengrube
schlägt wie ein unfairer Boxhieb, was ganz klar durch
neurowissenschaftliche Untersuchungen dieser Art gezeigt werden konnte,
macht klar, warum wir Menschen eben nicht unfaire Angebote akzeptieren
„auf Teufel komm raus“, weil es ja besser ist (also weil 1 Cent besser ist
als gar nichts), sondern dass wir auf unfaire Angebote eben fast so
reagieren, wie wenn wir Schmerzen haben. Und dass nur deswegen, weil wir
eine Prädisposition haben, auf Unfairness mit ganz großem körperlichen
Unwohlsein zu reagieren, uns so entscheiden, wie wir das tun. Nochmal: die
Ökonomie konnte nicht klar machen, warum sich die Menschen tatsächlich
entscheiden, wie sie dies tun. Die Neurowissenschaft aber durchaus.
Wenn man
Handeln jetzt auf diese Weise genauer versteht, wenn man also versteht,
Neuronen kodieren den Nutzen einerseits, und andererseits: Gehirne
bewerten, indem sie die Dinge zum Teil sogar richtig körperlich sehen.
Auch wenn sie eigentlich Geld kriegen, aber gleichzeitig eben Unfairness
herrscht, dass sie das doch nicht machen, das körperlich schlecht erleben,
und sich dann für etwas Faires entscheiden oder zumindest etwas Unfaires
ablehnen, damit sind wir doch Entscheidungsprozessen wirklich viel genauer
auf der Spur, und das kann man heute ganz klar sagen, als noch vor fünf
Jahren.
Was folgt?
Heißt das jetzt, dass je besser wir die Maschinerie kennen, desto eher
läuft das Ganze natürlich darauf hinaus, dass wir unfrei sind. Also dass
es eben so ist, wie viele behaupten, dass wir letztlich gar nicht Herr im
Haus sind, sondern unser Gehirn einfach alles macht und wir deswegen nicht
mehr frei zu nennen sind. Oder heißt das genau das Umgekehrte? Je besser
wir die Maschinerie kennen, die in uns die Entscheidungen bewirkt, desto
besser, könnte man ja sagen, können wir mit ihr umgehen, desto besser
verstehen wir, wenn sie mal nicht funktioniert und desto freier werden wir
eigentlich, eben weil wir die Maschinerie besser kennen. Desto eher können
wir auch mal sagen, weil das Ganze so funktioniert, deswegen macht es
Sinn, sich so zu verhalten, oder deswegen macht es Sinn, in dem Fall sich
auch mal anders zu entscheiden, eben weil ich die Maschinerie kenne.
Lassen Sie mich ein Beispiel geben, denn ich bin hier optimistisch: Ich
meine also, je besser wir unsere Handlungs- oder Entscheidungsmaschinerie
kennen lernen werden auf neurowissenschaftliche Art, desto freier werden
wir. Das hört sich eigenartig an, aber lassen Sie es mich erläutern: vor
mittlerweile fünf Jahren hat eine englische Arbeitsgruppe herausgefunden,
warum es gerade hier in Ulm beim Ulmer Nebel im Herbst so viele
Auffahrunfälle gibt. Man denkt, hier fahren die Leute wahnwitzig, ganz
schnell und ohne jede Moral im Nebel und man hält immer wieder die Leute,
die Auffahrunfälle verursachen für rücksichtslose, verantwortungslose
Menschen. Es hat sich aber herausgestellt, dass diese Menschen
wahrscheinlich einem Fehler unseres Sehsystems aufsitzen, der darin
besteht, dass unser Sehsystem nicht dafür entwickelt wurde, dass wir Auto
fahren. Denn er hat sich zu einer Zeit entwickelt, da gab es noch keine
Autos.
Was will
ich sagen? Man konnte herausfinden, dass die Abschätzung der eigenen
Geschwindigkeit ganz wesentlich davon abhängt, wie kontrastreich das Bild
ist. Sie bewegen sich also durch eine Landschaft, wenn die Sonne scheint,
und Ihr Bild im Augenhintergrund ist kontrastreich und Sie schätzen Ihre
Geschwindigkeit richtig ein. Wenn Sie sich mit der gleichen
Geschwindigkeit durch Nebel bewegen, ist Ihr eigener
Geschwindigkeitseindruck, dass Sie viel langsamer sind. Mit anderen
Worten: genau dann, wenn es gefährlich wird, schnell zu sein, gaukelt
Ihnen Ihr Gehirn vor, weil es da eine Schwachstelle hat, dass Sie
langsamer sind als Sie sind. Das wiederum heißt, dass wenn Sie im Nebel
fahren, denken Sie, Sie sind langsam, Sie sind aber schnell. Und nochmal:
das liegt einfach daran, dass Ihr Sehsystem nicht richtig funktioniert,
weil es im Nebel Bewegung nicht so gut wahrnehmen kann.
Was folgt
daraus? Würde jetzt jemand, der das weiß, sagen, ‚na ja so ist das halt,
ich kann nichts daran ändern, rase ich halt weiter’? Ich glaube, niemand
würde so reagieren. Die Leute werden sagen, ‚wenn ich das weiß, dann werde
ich nächstes Mal, wenn ich in den Nebel fahre, mal genauer auf den Tacho
schauen. Denn offensichtlich kann ich nicht sagen, wie schnell ich bin.
Und wenn ich auf den Tacho schaue, dann weiß ich es aber und dann kann ich
entsprechend langsam fahren’. Ich glaube, dass es sich mit Fähigkeit, die
Entscheidungsmaschinerie besser zu kennen, nicht anders verhält. Wenn wir
erst mal wissen, wie das genau funktioniert und durch welche Mechanismen
das auch beeinträchtigt ist, mal nicht so gut geht, dann werden wir sagen,
‚Moment, da müssen wir aufpassen. In diesem oder jenem Moment müssen wir
besser hingucken’. Der Manager, der weiß, dass er sich unter Stress sehr
viel schlechter entscheiden kann und wesentlich weniger kreativ ist als
wenn er keinen Stress hat, der wird vielleicht unter Stress weniger
wichtige Entscheidungen fällen, weil er weiß, dass er dann Fehler macht.
Aber er muss es eben erst mal wissen. Und das kennen zu lernen, dafür ist
die Hirnforschung sicher wichtig und sehr gut.
Ich möchte
schließen mit einem kleinen Zitat aus meinem letzten Buch, einfach
deswegen, weil während ich es geschrieben habe, mir plötzlich klar wurde,
dass meine älteste Tochter ja gerade volljährig wird. Wer volljährig wird,
der kann nun plötzlich sagen, wo es lang geht, selbst bestimmen, obwohl er
vielleicht noch gar nicht so genau weiß, wo es hingeht:
„Und gib
nicht so viel auf das Gerede,
du siehst
ja selbst, wie es gerade in der Welt zugeht.
Es ist im
Grunde kaum zu glauben:
während
das Schiff für alle ganz offensichtlich sinkt,
weil die
See gerade rau ist und sich daher so manche Alterserscheinung des Schiffs
bemerkbar macht,
sitzen auf
der Kommandobrücke nicht etwa Ingenieure und Wissenschaftler mit Analysen
der Probleme und mit Ideen für deren Lösungen.
In einer
solchen Situation kannst du, musst du vor allem dir selbst vertrauen,
dich
selbst gut kennen, dein Leben selbst in die Hand nehmen,
selbst
bestimmen.
Das ist
nicht leicht.
Wenn du
ehrlich bist, wird es dir so gehen wie mir.
Man weiß
doch eigentlich gar nichts,
verglichen
mit dem, was es zu wissen gibt.
Und wie
soll man also entscheiden,
angesichts
des schier abgrundtief scheinenden Unwissens?“
Jetzt sind
wir bei einem Grundproblem angekommen, dass vor allem diejenigen, die ein
bisschen was wissen, stark umtreibt: Das Wissen darum, dass man eigentlich
gar nichts weiß. Und dennoch muss man sich dauernd entscheiden. Als Arzt
z. B. Da wird es besonders deutlich. Man kann es sich eben nicht so bequem
machen wie Wissenschaftler, die einfach gar nicht handeln. Kommen Sie in
fünfzig Jahren mit Ihren Beschwerden wieder, bis dahin sollte die
Forschung so weit sein. Das kann ein Arzt zu seinen Patienten nicht sagen.
Obwohl er es manchmal vielleicht gerne täte, weil er ja noch so wenig
weiß.
„Wie dein
Weg aussieht, kannst du nur selbst entscheiden.
Du bist
jetzt 18, schlau, gesund und leider auch endlich.
Mach was
draus, was immer du willst.“
Zum
Autor:
Manfred
Spitzer, geb. 1958, Studium der Medizin, Psychologie und Philosophie,
Weiterbildung zum Psychiater, 1989 Habilitation im Fach Psychiatrie; 1990
- 97 Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg,
seit 1997 hat Spitzer den neu eingerichteten Lehrstuhl für Psychiatrie an
der Universität Ulm inne, seit 1998 leitet er die dortige Psychiatrische
Universitätsklinik; ab 2004 ist Spitzer Leiter des von ihm gegründeten
Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm.
Bücher:
Selbstbestimmen.
Gehirnforschung und die Frage: Was sollen wir tun. Spektrum Verlag (siehe
Zitat).
Musik im Kopf. F.
K. Verlag.
Lernen.
Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Spektrum.
Schokolade im
Gehirn. F. K. Verlag.
Ketchup und das
kollektive Unbewußte. F. K. Verlag.
Geist im Netz.
Spektrum.
Nervensachen.
Schattauer. |