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SWR2 Wissen Aula -
Volker Sommer: Wir alle sind Afrikaner -
Warum der Begriff "Rasse" sinnlos geworden ist.
Sendung am Sonntag, 12.08.2007, 08.30 bis 9.00 Uhr
Autor und Sprecher: Professor Volker Sommer *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 12. August, 8.30 Uhr,
SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten
Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der
ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
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ÜBERBLICK
Gerade in Zeiten der modernen Molekulargenetik sind die zahlreichen
Versuche, Menschen nach bestimmten inneren und äußeren Merkmalen zu
klassifizieren, äußerst umstritten. Es gibt viel zu viele
Paradoxien, die signalisieren, dass alle Konzepte, die mit dem
Begriff "Rasse" operieren, letztlich unsinnig sind. Warum etwa steht
in genetischer Hinsicht ein dunkelhäutiger Aborigine einem
Thailänder näher als einem ebenso dunkelhäutigen Bantu?
Und schließlich: Da Afrika als Wiege der Menschheit gilt, sind wir
sowieso alle Nachbarn. Volker Sommer, Primatologe, Professor für
evolutionäre Anthropologie am University College London, schildert
die Thematik aus seiner Sicht.
ZUM AUTOR*
Volker Sommer
geboren 1954; Studium der Biologie, Chemie und Theologie. 1986-88
Stipendiat der Humboldt-Stiftung; 1991-96 Heisenberg-Stipendiat der
Deutschen Forschungsgemeinschaft und Privatdozent für Anthropologie
und Primatologie an der Universität Göttingen. Hat seither den
Lehrstuhl für evolutionäre Anthropologie am University College in
London inne. Er erforscht speziell das Sozialverhalten von Affen und
Menschenaffen.
Bücher:
Die großen Menschenaffen; BLV.
Von Menschen und anderen Tieren; Hirzel-Verlag.
Die Affen- unsere wilde Verwandtschaft; Gruner&Jahr.
Das Grüne All. Ein Poem aus dem Regenwald; Radius-Verlag.
INHALT
Ansage:
Heute mit dem Thema: „Wir sind doch alle Afrikaner – Warum der
Rassismus aus Sicht der modernen Biologie sinnlos geworden ist“.
Wir leben in einer globalisierten Welt. Das ist mittlerweile eine
Binsenweisheit. In dieser Welt gilt es, nationale Grenzen zu
überschreiten. Das hat nicht nur eine politische, sondern natürlich
auch eine ethnische Dimension. Alle, die immer noch von Leitkultur
reden, die immer noch von einer homogenen Nation mit einem möglichst
homogenen Gen-Pool schwärmen, die sind eigentlich nicht mehr zu
retten. Das zeigt vor allem auch die moderne Biologie.
Das wiederum meint Volker Sommer, Professor für evolutionäre
Anthropologie am University College in London. Für ihn sind die
Kategorie „Rasse“ und die damit verbundenen Versuche, Menschen
einzuteilen, Unsinn. Denn es gibt nun mal keine Rasse, sondern nur
den Rassismus. Warum das so ist, erklärt Volker Sommer in der SWR2
AULA.
Volker Sommer:
Stellen Sie sich vor, Ihnen würde mit Ihrem Einstellungsvertrag oder
dem Mietkontrakt ein Fragebogen vorgelegt, auf dem Sie Ihre Rasse
angeben müssten. Sie würden wohl zusammenzucken. Denn wer deutsch
spricht, ist gegenüber dem Begriff „Rasse“ sensibilisiert. Und das
ist auch richtig so nach all der Vergangenheit speziell der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und all der Gegenwart, die wir immer
wieder erleben müssen.
Das Formular mit der Rassefrage ist hingegen gängige Praxis etwa in
den USA oder in Großbritannien. Noch nicht einmal verweigert werden
darf die Antwort, jedenfalls nicht bei den Volkszählungen des
Vereinigten Königreiches. Und auch nicht, als ich vor einigen Jahren
meinen Arbeitsvertrag mit der Universität London unterschrieb.
Allenfalls bestand die Option, „other“ anzukreuzen. Meine Rasse
also: „Sonstige“. Das klang zwar entschieden nach Heimatlosigkeit,
dünkte mir aber immer noch besser als „white“ (weiß) – zumal ich mir
klammheimlich ja doch mehr Gesichtsbräune wünsche.
Bei den Farben gab es aber sonst keine Auswahl, denn irgendwer hatte
das Bunte aus den Rassen getilgt, also das schwarz, gelb, rot,
braun. Stattdessen wurden Kästchen angeboten für allerlei
Zugehörigkeit rund um den indischen Subkontinent und für fast jeden
Kricket-Platz im Meer der Karibik. Was sich zwanglos erklärt aus der
Kolonialgeschichte Großbritanniens.
Etwas unglücklich meine „Sonstige“-Rasse reflektierend fiel mir ein,
was mir als modernem Anthropologen gleich hätte einfallen können:
Flugs kreuzte ich mich unter „African“ an, als Afrikaner, eine
Wahlrasse, für die ich als eingeborenes Bleichgesicht natürlich noch
Rechenschaft ablegen werde.
Zuvor sei jedoch darauf hingewiesen, dass die Fragebögen des
Vereinigten Königreiches selbstverständlich nicht diskriminieren
wollen gegen irgendwelche Minderheiten. Sie wollen ganz im Gegenteil
diskriminieren gegen die Mehrheit. Was früher einmal Grund zur
Furcht war, denn auch unter angelsächsischer Kulturhoheit konnte man
und frau durchaus zur absolut falschen Rasse gehören, gereicht heute
leicht zur Freude. Weil wer Mitglied einer seltenen Rasse ist, wird
kraft Gesetz oft bevorzugt, etwa bei Jobsuche oder Wohnungsvergabe.
Die Frage nach der individuellen Rasse wird überdies entschärft
durch die versöhnliche Note, die in der englischen Vokabel „human
race“ schlummert. Die klingt nach Humanismus, nach Toleranz und
Offenheit, weil damit einfach die Menschheit gemeint ist.
In den Hirnen von Deutschdenkern erweckt der Begriff Rasse hingegen
weitaus ungute Assoziationen. Ohne Zweifel, deutsche Lande hielten
und halten guten Boden bereit für das Gedeihen einer besonders
handfesten Konsequenz des Begriffes von der Rasse, nämlich dem
Rassismus, der im hölzernen Vokabular einer Enzyklopädie definiert
ist als „Form des Biologismus, bei der für genetisch bedingt
gehaltene, tatsächliche oder nur angenommene Differenzen zwischen
Menschen als Anlass zu sozialer Trennung und Zurücksetzung bzw.
Bevorzugung benutzt werden“.
Biologismus könnte es nicht geben ohne Biologen. Und selbst wenn die
ihn genauso wenig erfunden haben mögen wie die Seismologen die
Erdbeben, so haftet den Lebenswissenschaftlern, wie sie sich heute
gerne nennen, nichts desto trotz noch immer leicht der Geruch
rechtslastiger Ideologie an. Doch genau hier stimmt das Weltbild
längst nicht mehr. Denn wenn es nach den heute maßgeblichen Biologen
ginge, gehört der Begriff der Rasse schlicht abgeschafft, weil er
nämlich jeder Grundlage entbehrt, speziell jeder biologischen.
Für jene also, die ihr Gehirn aus intellektueller Neugier zur
rassefreien Zone erklären möchten, mag eine Rekonstruktion des
Rasse-Begriffs nützlich sein. Ein Denkstück, das von Anfängen in der
biologischen Systematik über Höhepunkte im Sozialdarwinismus und
Faschismus bis zur Kannibalisierung durch eben jene Disziplin
reicht, die den Begriff der Rasse propagierte und hätschelte: die
Biologie.
Es war der Schwede Carolus Linnaeus, durch den die Klassifikation
des Organismenreiches verbindlich wurde und der den Begriff der
Rasse zumindest indirekt die Karriere erleichterte. In dem erstmals
1735 erschienen Werk „Systema Naturae“ benutzte Linné die
übersichtliche zweiteilige Nomenklatur aus Gattungs- und Artname für
die Benennung von Pflanzen und Tieren, weshalb etwa der Schimpanse
heute pan troglodytes heißt.
Als Kategorie unterhalb der Art wurde und wird der Begriff Rasse
verwendet, heute oft ersetzt durch den Terminus „Unterart“ oder
„Subspezies“, und vierfach mit einem eigenen Unterart-Namen belegt.
Dadurch erweitert sich der Bi-Nomen entsprechend zum Tri-Nomen. Bei
Schimpansen etwa werden vier Subspezies unterschieden. Eine ist
Ostafrika - pan troglodytes schweinfurthii; eine in Zentralafrika –
p.t. troglodytes; eine in Nigeria - p.t. vellerosus; und eine in
Westafrika – p.t. verus.
Die Menschheit wurde binär ab der 12. Auflage des Systema Naturae
von 1766. Hier ordnete Carl von Linné den Menschen erstmals in das
Tierreich ein. Die von ihm eingeführte Spezies homo sapiens
vierteilte er entsprechend der Geografie, nicht ohne einige
Charaktereigenschaften hinzuzufügen: Americanus - rot, cholerisch,
aufrecht; europeus – weiß, sanguin, muskulös; asiaticus –
bleichgelb, melancholisch, hartnäckig; afer – schwarz, phlegmatisch,
gleichgültig.
Speziell die den Afrikaner zugeordneten Eigenschaften mögen uns
vorurteilsbeladen vorkommen. Doch spiegelte die Einteilung lediglich
klassisch mittelalterlich die Temperamente wider, denen kaum Wertung
innewohnt. Zudem werden Europäer nicht zuerst genannt, wohl weil dem
bibeltreuen Linnaeus alle Menschen als Kinder der Ureltern Adam und
Eva galten.
Eine Hierarchisierung gewann erst in dem Maße an Dynamik wie die
Weltauffassung säkularisiert wurde, also im Zuge der bibelkritischen
Aufklärung. Theologische Bezüge wurden zunehmend ersetzt durch
Orientierung an der Natur oder dem, was dafür gehalten wurde. Da es
die Europäer waren, die sich im Zuge des aufstrebenden Kolonialismus
des Globus bemächtigten, lag es nahe, das „Weiß“ zum Maß aller Dinge
zu machen. Genügend Vergleiche existierten dank der zunehmenden
Erzählungen über ferne Länder. So wurde im Rahmen der Macht- und
Ausbeutungsverhältnisse selbstherrlich gedeutet, Menschen weißer
Hautfarbe wären die zivilisiertesten und erfolgreichsten und stünden
demnach an der Spitze der natürlichen Ordnung.
Es sollte jene erweiterte Farbpalette sein, die Johann Friedrich
Blumenbach 1775 zusammenstellte, mit der über Jahrhunderte hinweg
die stärksten rassistischen Stereotype illustriert wurden. Dass der
wundersame Terminus Kaukasier für die weiße Variante bis in heutige
Volkszählungen fortlebt, verdanken wir dem Entzücken des Göttinger
Anthropologen an einem weiblichen Schädel aus Georgien, den er für
das ästhetischste Stück seiner Sammlung hielt. Allerdings
diagnostizierte Blumenbach, das kaukasische Schönheitsideal habe
während der Erdbesiedelung mancherlei Degeneration erlitten. So sei
eine Menschenlinie über rote Indianer zu gelben Orientalen
abgestürzt, eine andere über braune Malaien zu schwarzen Afrikanern.
Im Unterschied zu Linné stellte also Blumenbach manche
Menschengruppen wertend über andere. Eine Mischung von
wissenschaftlichen und ideologischen Interessen brach dann jenem
Rassismus Bahn, der das von Charles Darwin ab 1859 vorgestellte
Modell der Evolution und des Überlebens der Tüchtigsten auf
Gesellschaften übertrug. Linke wie rechte Politiker und Propheten
befleißigten sich der Gedanken Darwins. Es war aber die Ideologie
des Sozialdarwinismus, die sich in dem faschistischen Rassenwahn
auswachsen sollte. Ausgehend von dem Kurzschluss, dass Selektion
Fortschritt erzeugt, wurde das Ausbleiben der natürlichen Auslese
mit Degeneration und Rückschritt gleichgesetzt. Und genau das stand
zu befürchten für Gesellschaften, die sich über Verbesserungen in
Hygiene, medizinischer Versorgung und Fürsorge um ihre Kranken und
Unterprivilegierten kümmerten. Denn dies, so die Sozialdarwinisten,
führt zur Vermehrung der Schwachen. Damit wurde das humanistische
Ideal der Fürsorge und Förderung des Individuums abgelöst durch das
Konzept des Volksgemeinschaftswohles.
Es entbehrte somit nicht einer gewissen Logik, wenn die
Nationalsozialisten das Programm der Sozialdarwinisten mit dem von
ihnen gepflegten Rasse-Mythos verbanden. Der Rassismus der
Nationalsozialisten manifestierte sich in dreifacher Variante: Der
Überlegenheits-Rassismus hielt hellhäutige Menschen europäischer
Abstammung für höhergestellt; der Reinhalte-Rassismus postulierte,
dass Rassenmischung die Kultur und Lebensfähigkeit eines Volkes
zerstöre; der Erb-Gesundheits-Rassismus warnte vor
gesellschaftlichem Verfall durch übermäßige Vermehrung von
Minderwertigen.
Die erste Riege der physischen Anthropologie kam den Nazis zu Hilfe,
indem sie Rassen zunehmend als unwandelbare Typen verstand. Dieser
Gedanke, dass Rassen ewig seien und dass bei jeder Durchmischung der
weisen Mutter Natur in die Suppe gespuckt wird, pervertierte den
Darwinischen Aspekt des Wandels selbstverständlich vollkommen.
Hätten übrigens die Faschisten ihr Programm konsequent durchziehen
können, wäre ihr Projekt einer Reinheit der Rasse spektakulär
schiefgegangen. Denn aus der Landwirtschaft ist bekannt, dass die
Praxis, reine Stämme züchten zu wollen, schnell zur Unfruchtbarkeit
führt. Auch die Idee, dass Rassenmischung schädlich sei, ist
empirisch betrachtet Unsinn. Es ist in der Regel nämlich genau
umgekehrt. Kreuzungen zwischen Individuen unterschiedlicher Herkunft
erzeugen eine größere Robustheit. Speziell beim Menschen ist absolut
kein biologischer Nachteil bekannt, der sich aus der Fortpflanzung
verschiedener sogenannter Rassen ergäbe.
Ergo: Wer heute von Mischlingen redet, vor Überfremdung warnt und
Leitkultur beschwört, schreibt im Grunde jene absurden Nazi-Gedanken
fort, wonach Rassenkreuzung zu disharmonischen Kombinationen führt
und ein Volk zum Aussterben bringt. Deutschsprachige Anthropologen
und Humangenetiker lieferten aberwitzige Vorwände, damit Viehwaggons
umso vollgestopfter die Selektionsrampen anliefen. Eben weil
zahlreiche Wissenschaftler, speziell Anthropologen und
Humangenetiker, den Rassismus bedient hatten, muss betont werden,
dass es nicht etwa politische, sondern wissenschaftliche Argumente
waren, die dem Rassekonzept den Boden entziehen. Paradoxerweise
sollte gerade die einst nazifreundliche Populationsgenetik dem
Rassenkonzept den Gnadenstoß versetzen.
Zunächst zerbröselte das Dogma, wonach Rassen ewig seien, weil sich
prominente unwandelbare Merkmale als umweltabhängig erwiesen.
Beispielsweise züchtete Sauerstoffarmut in Hochgebirgen bei
Bergvölkern in Asien und Amerika parallel größere Lungenkapazitäten
heran. Und es bildeten Völker in Äquatornähe unabhängig voneinander
starke Tönungen der Haut aus, zunächst in Afrika, der Wiege der
Menschheit, dann aber auch in Asien und Amerika.
Geographisch korreliert die Pigmentierung der Haut mit der Stärke
ultravioletter Strahlung. Die nimmt beispielsweise von Mitteleuropa
nach Zentralafrika entsprechend zu, und in gleichem Maße wird die
Haut der Menschen dunkler. Die Varianz ist ganz offenbar das
Resultat eines Auslesevorganges, weil das die Haut verdunkelnde
Melaninpigment vor Hautkrebs schützt. Wie richtig diese Theorie ist,
erfahren hellhäutige Texaner oder Australier, die eben nicht zur
Urbevölkerung dieser Landstriche gehören. Denn wenn sie sich nicht
konsequent vor der Sonne schützen, haben sie ein vielfach höheres
Risiko als die ursprünglich Einheimischen.
Ähnliches trifft für die Augenfarbe zu, die in Äquatornähe dunkler
ist. Denn mit dunkler Iris sieht es sich besser unter gleißender
Sonne.
Die Vorfahren heutiger Bleichgesichter hingegen siedelten sich dort
an, wo Winternächte lange währten. Helle Haut erlaubt dem Körper,
das lebenswichtige Vitamin D auch bei wenig Sonne herzustellen.
Rassesystematiker vergötzen Farben und Formen, weil sie im wahrsten
Wortsinn ins Auge fallen. Der Oldenburger Biologie-Didaktiker Ulrich
Kattmann bringt dies so auf den Punkt: „Dass Oberflächenmerkmale von
Menschen verschiedener geographischer Herkunft als wesentliche
Unterschiede wahrgenommen werden, beruht auf sozialpsychologisch
bestimmten Urteilen und nicht auf genetischer Differenz. Wenn wir
nicht auf die Oberfläche blicken würden, sondern gleichsam auf
innere Werte, also physiologische oder genetische Marker, könnten
wir die Menschheit gänzlich anders einteilen.“
Ein gutes Beispiel sind Blutgruppenmerkmale. Denn die Verteilung der
sogenannten Allele A, B und 0 nimmt absolut keine Rücksicht auf die
grobe Dreiteilung Europide, Nigride, Mongolide. Somit ist das bon
mot „race is skin deep“ tatsächlich berechtigt. Oder anders
formuliert: Rasse geht nicht unter die Haut.
Jedenfalls sind Merkmale, die der Selektion, der Auslese
unterliegen, komplett ungeeignet, um genetische Verwandtschaft
anzuzeigen, eben weil sie sich mehrfach unabhängig voneinander
entwickeln können. Um Verwandtschaft zu rekonstruieren, konzentriert
sich die moderne Molekulargenetik deshalb auf selektionsneutrale
Gensequenzen, vorzugsweise aus jener DNA, die keine Eiweiße kodiert,
etwa die variablen Kontrollregionen der Mitochondrien, winziger
Zellorganellen, die nur über die mütterliche Linie vererbt werden.
Ganz kontra-intuitiv kam dabei etwa heraus, dass die behaarten, sich
im Knöchelgang bewegenden Schimpansen nicht am nächsten verwandt
sind mit den behaarten, sich ebenfalls im Knöchelgang bewegenden
Gorillas, sondern mit den recht nackten, aufrecht gehenden Menschen.
Die heutigen Menschen und die heute lebenden Schimpansen hatten
demnach vor fünf bis sieben Millionen Jahren noch einen gemeinsamen
Vorfahren.
Bedeutender für unser Selbstverständnis dürfte sein, dass sich die
vier Unterarten der Schimpansen trotz frappierender äußerer
Ähnlichkeit genetisch sehr unterscheiden. Für Menschen hingegen gilt
umgekehrt, der äußere Eindruck mag Vielfalt suggerieren, doch ist
unsere genetische Varianz extrem gering. Denn im Grunde sind wir
alle Afrikaner, weshalb ich meinen eingangs erwähnten Fragebogen
durchaus wahrheitsgemäß beantwortet hatte.
Dies hat mit der Auswanderung des homo sapiens aus Afrika zu tun.
DNA-Analysen stützen weitgehend das sogenannte „out of
africa“-Modell, wonach der anatomisch moderne Mensch vor etwa
200.000 Jahren in Ostafrika entstanden ist. Erst vor 100.000 Jahren
schwärmten dann erste Weltenbummler aus Afrika aus. Obwohl die
genauen Zahlen mit jedem Fossilfund revidiert werden, gilt als
Faustregel, dass Europa vor etwa 40.000 Jahren besiedelt wurde,
Australien vor vielleicht 50.000 bis 60.000 Jahren, die Gegend des
heutigen China vor etwa 70.000 Jahren, Nordamerika vor etwa 20.000
bis 30.000 Jahren und Südamerika vor vielleicht 13.000 Jahren.
Diese historische Abfolge erklärt, warum wiederum entgegen dem
Augenschein, Schwarzafrika die genetisch diversesten Bevölkerungen
beheimatet. Jüngere Gründerpopulationen, die ja aus weniger
Individuen bestehen als ältere Bevölkerungen, brachten weniger
genetische Varianten mit in ihre neuen Heimaten und hatten zudem
weniger Zeit, sich durch Mutation zu verändern. Für die in Afrika
Verbliebenen gilt umgekehrt, dass sie einen älteren Gen-Pool
repräsentierten. Deshalb unterscheiden sie sich genetisch wesentlich
stärker als Individuen junger Populationen. Eine Logik, die für
Schimpansen in verstärkter Form gilt.
Ganz ähnlich ist das Erbgut durchschnittlich umso ähnlicher, je
kleiner der geographische Abstand, ganz egal, wie jemand ausschaut.
So ist die genetische Distanz der dunklen australischen Aborigines
zu Thailändern geringer als der Abstand der Aborigines zu den
ebenfalls sehr dunkelhäutigen Bantu. Umgekehrt gilt, dass ein
Vergleich zwischen Nord- und Südasiaten, also etwa von Japanern und
Mongolen mit Südchinesen oder Thailändern eine starke Ähnlichkeit
suggeriert. Gleichwohl sind die Nordasiaten genetisch näher verwandt
mit der europäischen Urbevölkerung. Der erste Eindruck mag also in
mancherlei Hinsicht trügen, wie schon das Beispiel des Zuckers
lehrt, der aussieht wie Salz, aber mehr gemeinsam hat mit Sirup.
Wenn sich aber bestimmte Gene in manchen Bevölkerungen häufen, was
sollte uns dann hindern, neue Rassen einzuteilen? Zum ersten besteht
das Problem, dass immer willkürlich ist, wie viel Prozent Differenz
genügen sollen. Wer wollte etwa den Appenzellern das Recht auf
eigenen Rassestatus verweigern? Gelten die Bewohner dieser Schweizer
Halbkantone doch nicht nur als kleinwüchsig, sondern verfügen zudem
über eigene Käse-, Likör- und Hundesorten. Und schließlich ließe
sich auch der eine oder andere genetische Marker auftreiben, der die
ziemliche Holzköpfigkeit in meiner nordhessischen Heimat erklären
könnte. Dass immer wieder Völker oder solche, die sich dafür halten,
ihre Unabhängigkeit ausrufen, ob es sich um Basken, Tschetschen,
Kashmiris oder Yoruba handelt, zeugt davon, dass es nie Einigung
darüber geben wird, ob das Glas an Gemeinsamkeiten mit den lieben
Nachbarn halb voll ist oder halb leer.
Entsprechend gibt es auch keine Einigung unter Biologen, welche
Unterschiede zur Anerkennung einer Unterart genügen sollen. Als
Kompromiss wurde die 75-Prozent-Regel versucht, die verlangt, dass
drei Viertel der Mitglieder einer Population von denen anderer
unterscheidbar sein müssen. Nur – was gilt als Unterschied? Was wir
mit bloßem Auge unterscheiden können? Oder was uns die Genetik
liefert an Informationen? Wären dann die lediglich 0,4 Prozent
Unterschied zwischen Schimpansen und Menschen nicht Grund genug, den
Schimpansen als homo troglodytes zu bezeichnen? Oder Menschen als
pan sapiens?
Da sich eine Trennung auf Gattungsebene damit überhaupt nicht mehr
rechtfertigen lässt, sollten umgekehrt aufgrund ihrer
durchschnittlich beträchtlichen genetischen Unterschiede nicht
Männer und Frauen wenigstens als Subspezies bezeichnet werden? Etwa
als homo sapiens marsiensis und homo sapiens venusiensis?
Zum zweiten überlappen die Erbgutprofile verschiedener Bevölkerungen
ganz enorm, während gleichzeitig sehr verschiedenartige Menschen zum
selben Volk zählen können. Deshalb gab sich auch das Arier-Ideal nur
allzu leicht dem Gespött preis. Blond und blauäugig wie Hitler.
Letzterer Befund wird für gewöhnlich so umschrieben, dass
statistische Unterschiede zwischen zwei Völkern viel kleiner sind
als die zwischen den Menschen innerhalb eines Volkes. Der Journalist
Stefan Klein drückt das so aus: „Mit dem Erbgut des homo sapiens
verhält es sich ungefähr so wie mit Blumen auf zwei benachbarten
Wiesen. Auf der einen mag durchaus etwas mehr Löwenzahn stehen als
auf der anderen. Ein solcher Unterschied lässt sich durch Zählen
erfassen. Trotzdem ähnelt eine Löwenzahnblüte einer Artgenössin auf
der anderen Wiese ungleich mehr als der Dotterblume, die gleich
neben ihr steht.“
Unter den Zürichern mögen bestimmte Gene häufiger auftreten als
unter Buschmännern, die Erbfaktoren für eine Blutgruppe zum
Beispiel. Aber weil in beiden Völkern die Gene so bunt durchgemischt
sind wie die Gewächse auf einer Wiese, findet sich für jeden
Züricher ein Aborigine, der ihm genetisch näher steht als sein
Züricher Nachbar.
Das Konzept biologischer Rassen lässt sich mithin nur um den Preis
wissenschaftlicher Demenz reanimieren. Gleichwohl werden Rassen
stetig neu erfunden, selbst wenn es sich um Sprachgruppen handelt
wie die zunehmend zahlreichen Hispanier den USA. Und dass Rasse
klasse ist, finden keineswegs nur ewig gestrige Rassisten. Ganz im
Gegenteil. Wer meint, zu einer Minderheit zu gehören, dem wird über
positive Diskriminierung oft mehr als nur ein Quotenstückchen vom
sozialen Kuchen zugeschoben, wie an der Universität Michigan, wo es
bei der Bewerbung Pluspunkte für seltene Hautfarbe gibt. Statt
Farbenblindheit zu fördern, erfindet die politische Korrektheit
Rassismus unter umgekehrten Vorzeichen neu, als ausgleichende
Gerechtigkeit für das von Vorfahren erlittene Unrecht.
Warum aber drängt es uns überhaupt, Eigenes von Fremdem
unterscheiden zu wollen? Die evolutionäre Psychologie meint, diese
Neigung, wie unsympathisch, wie bedauerlich sie sich entladen mag,
sei tief in uns verwurzelt. Denn beim Güterstreit mit
Nachbargruppen, der die Menschheitsgeschichte durchzieht, sei
humanitäre Toleranz weniger nützlich gewesen als derbe Faustregeln
über „wir“ und „sie“. Ethnozentrischer Nahkampf ließ eben keine
Feinheiten zu. Dies ist die uralte Grammatik der Xenophobie, der
Fremdenfurcht. Sie erklärt, warum wir die Welt so gerne in schwarz
und weiß einteilen, warum uns ziemlich automatisch unwohl wird bei
der Begegnung mit Andersartigen. Somit ist einem Kernsatz des
Genetikers Hans Seidler unbedingt beizupflichten: „Was uns eint,
sind die Gene. Was uns trennt, sind die Vorurteile.“
Stets darüber nachzudenken, wer vielleicht zur eigenen Gruppe
gehört, war allerdings in unserer Urzeit ein ebenso gefährlicher
Luxus wie das Reflektieren darüber, ob ein Höhlenbär sich vielleicht
doch als Streicheltier eignet. Insofern können oder zumindest
konnten wir ohne Vorurteile gar nicht auskommen, weil durch sie
unser Leben erst ökonomisch vorstrukturiert wird. Vorurteile sind
somit Faustregeln, die in der Regel nützlich sind, aber eben nur in
der Regel. Ändern sich die Regeln, kann einstmals Nützliches zur
Belastung werden. So war es in der Umwelt von Jägern und Sammlern,
die 99,9 Prozent der Menschheitsgeschichte charakterisiert,
sicherlich vorteilhaft, soviel Süßes wie möglich in sich
reinzustopfen. Denn wann es wieder reife Früchte geben würde, war
ziemlich ungewiss. Heute jedoch, wo jeder Supermarkt Schokoriegel
und Brausegetränke im Überfluss feilhält, beschert uns diese Neigung
Dickleibigkeit.
Ich bin in einem kleinen Dorf am Rande eines tiefen Waldes
aufgewachsen, in dem meine Ahnen seit mindestens 1781 zuhause sind.
Dementsprechend bin ich mit der Hälfte aller Einwohner verschwippt
und verschwägert, und die andere Hälfte hatte garantiert die gleiche
bleiche Hautfarbe. Meine Gene bereiteten mich bestimmt nicht vor für
meine spätere Lehrtätigkeit in London, wo ich tagtäglich
unterschiedlichst aussehenden Menschen, verwirrendsten Sprachen und
Gepflogenheiten begegne. Das erzieht ungemein, bereichert mein Leben
immens, und ich würde dieses kreative Durcheinander auf keinen Fall
mehr missen wollen.
Sogar US-Amerikaner scheinen lernfähig zu sein. Jedenfalls gaben 73
Prozent der Amerikaner in einer Umfrage an, dass sie „interracial
marriages“ (gemischtrassige Ehen) für okay halten. Im Jahre 1958
waren es gerade mal 4 Prozent.
Zum Schluss noch eine kleine Denkaufgabe: Wer will schon
entscheiden, ab welchem Punkt ein Becher zur Tasse wird und ab wann
eine flache Tasse als Schale anzusehen ist? Ganz ähnlich: Ab wann
soll schwarze Haut als dunkelbraun gelten und braune als weiß?
Angesichts solch fließender Übergänge sollte uns eigentlich intuitiv
klar sein, dass das Konzept der Rasse nichts taugt. Und dass Rassen
nicht wirklich existieren können, leuchtet auch im Lichte der
Evolutionstheorie unmittelbar ein. Irgendwann waren unsere Vorfahren
Afrikaner. Und noch ein bisschen früher waren wir alle Affen. Denn
die biologische Perspektive ist nicht die von Konstanz und Essenz,
sondern von stetigem Wandel. Ergo: Rassen gibt’s nicht, nur
Rassismus.
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